10. Juli 2007 von Klartext

Nähe macht blind

Marianne Rychner über die verkehrte Wahrnehmung von Realität und Inszenierung

Medien, die etwas auf sich halten, behaupten heute, besonders nah an die Wirklichkeit heranzugehen. Mal ist ein richtiger Krieg an der Tagesordnung, mal ein Ehekrieg öffentlicher Personen. Aber Nähe macht blind, bekanntlich. Oder zumindest kurzsichtig. Überdimensionierte Bilder von PolitikerInnen zeigen zwar Poren und Pickel auf deren Nasen. Ob die Köpfe dahinter aber die richtige Nase für Politik haben, erfährt man in der Regel nicht – bestenfalls, dass sie die Nase im Wind haben.
Das sei “lesernah” beziehungsweise “zuschauernah”, heisst es auf die Frage, ob dies denn sein müsse. Also auch in Richtung Publikum: “Nähe” ohne Ende.
Doch aus Distanz – sagen wir von circa 356,73 Metern – besehen, stellt sich die Frage: Wollen LeserInnen “Lesernahes” lesen, ZuschauerInnen “Zuschauernahem” zuschauen?
Zum Beispiel die Intellektuellen: Sie neigen zur Ansicht, sie selber läsen “Schweizer Illustrierte”, “Cosmopolitan” und “Glückspost” – einige der Vorreiterorgane in Sachen “Lesernähe” – im Wartsaal der Zahnärztin nur darum, um herauszufinden, was das tumbe Volk so konsumiere und was es vom richtigen Bewusstsein abhalte. Ohne dabei zu merken, dass alle anderen – wie sie selbst – diese Lektüre gerade deswegen unterhaltsam finden, weil sie im Grunde ein ebenso distanziertes Verhältnis zum Inhalt haben.
Diese innere Distanz zur konsumierten Nähe baut sich gegenüber weltbewegenden wie banalen Themen in den Medien auf. Zur Kriegsberichterstattung aus Mogadiscio ist sie vermutlich noch grösser als zu den medial vermittelten Turbulenzen um Léon Hubers Pudel, Ehefrau und Amphibium. Der reale Krieg erscheint inszeniert wie ein schlechter Brutalo, und das für die Öffentlichkeit inszenierte Privatdebakel wirklich wie das eigene Ehedrama.
Wie kommt nun aber diese seltsame Verwirrung zwischen Öffentlichem und Privatem, Wichtigem und Unwichtigem, Realem und Inszeniertem zustande?
Zunächst sorgt das Missverhältnis von Nachrichtenfülle und Hintergrundinformation dafür, dass schon gar niemand mehr medial Vermitteltes für Wirklichkeit – geschweige denn für Wahrheit – hält: So viele widersprüchliche, ebenso unzusammenhängend wie detailliert präsentierte Botschaften nimmt man besser nicht allzu ernst – sie brächten sonst nur ins Wanken, was an Weltbild seit dem Ende des Kalten Kriegs noch vorhanden ist. Der Konsum von Information wird so zum Gegenstand täglicher Verdrängung. Wenn Blutende, Hungernde und Sterbende die Bildschirme und die Zeitungsseiten bevölkern, löst dies zwar noch einen Betroffenheitsreflex aus, doch tragen die Bilder nichts mehr zur Orientierung über die Zusammenhänge bei. Zuviele Detailansichten verstellen den Blick aufs Ganze.
Zudem hat es sich mittlerweile herumgesprochen, dass “Wirklichkeit” zwecks Manipulation vor der Kamera inszeniert werden kann. Dieses Wissen lässt eine unbewusste Umkehrung der Wahrnehmung zu – zum Selbstschutz: Man schaut zu, als würde der Krieg live vor laufenden CNN-Kameras für die “lieben Zuschauerinnen und Zuschauer zu Hause” uraufgeführt. Die innere Distanz bleibt dieselbe wie beim tatsächlich für sie erfundenen und gespielten Dienstagabend-Krimi.
Einen Beleg dafür liefert indirekt eine Untersuchung über die Wirkung von inszenierten Gewaltdarstellungen auf die BetrachterInnen, die kürzlich in der “Neuen Zürcher Zeitung” zitiert wurde: “Gerade ängstliche Jugendliche” könnten “ihre Angstgefühle abbauen”, indem sie Horrorfilme konsumierten. Das weist nämlich gleichzeitig auch darauf hin, dass das Wissen um die Inszeniertheit des Horrors im Medium auch die – berechtigte – Angst in der Wirklichkeit nimmt, indem das Reale wahrgenommen wird, als sei es inszeniert.
Fehlt noch die Erklärung dafür, wieso die Medien nun mit noch mehr “Nähe” – beispielsweise zu PolitikerInnen mitsamt ihren Nasen – ums Publikum buhlen. Im selben Mass, in dem die Distanz zur Unmenge von Informationen aus der Wirklichkeit wächst, steigt offenbar das Bedürfnis nach Klatsch und Bildern, die trotz aller Vorbehalte als “Wirklichkeit” empfunden werden können. Paradoxerweise braucht es aber gerade für die Herstellung dieser scheinbaren Authentizität ein Ausmass an Inszenierung, welches dasjenige der als inszeniert wahrgenommenen Bilder bei weitem übertrifft.
Das Beispiel Léon Huber ist dabei in doppelter Weise symptomatisch: Sein Privatleben – ganz besonders im Zusammenhang mit den näheren Lebens- und Todesumständen seiner Haustiere – scheint inzwischen wahrer als die Nachrichten, die er jahrelang verlesen hat. Jedenfalls ist es “lesernaher”.
Denn des Pudels Kern liegt in der Wirkung der Inszenierung der Wirklichkeit. Oder etwa in der wirklichen Inszenierung?

10. Juli 2007 von Klartext

“Drapierte Realitäten”

1. Was ist Infotainment?
2. Kennen Sie Beispiele?
3. Was halten Sie davon?
Diese Fragen zu einem Medien-Modewort stellte KLARTEXT Frauen und Männern in Journalismus, Werbung und Public Relations.

9075ff8f35bd53f5067c38568ff43afaVoyeurismus-Aspekt
1. News hatten immer auch unterhaltenden Charakter, sonst wären sie nie konsumiert worden. In den letzten Jahren sind aber die Medien unter dem TV-, Lokalradio- und Boulevard-Druck immer mehr zur seichten Info-Vermittlung übergegangen und suchten, um diesen Sachverhalt zu kaschieren, nach einem neuen Wort.
2. Jede News hat informativen und unterhaltenden Charakter, anteilmässig je zwischen 1 und 99 Prozent. Davon leben Zeitungen (einst: “Unglück und Verbrechen”), Radios und das TV. Mit Infotainment meinen die Protagonisten wahrscheinlich den Voyeurismus-Aspekt der Informations-Vermittlung.
3. Nichts. Wir bei “GrafikPress” setzen Sachverhalte in Informations-Grafiken um und bieten so den Redaktionen ein neues Informationselement an. Wir fühlen uns aber als Informations-Grafiker und nicht als Infotainer. Sonst würden wir Gefahr laufen, plötzlich mit Containern verwechselt zu werden.
Walo von Büren (“GrafikPress”)

Origineller Einstieg
1. Infotainment auf einen einzelnen Beitrag bezogen ist eine Art der Darstellung, die von den Medienschaffenden neben der Kenntnis der Sachlage und Umsetzung journalistischer Regeln auch noch Phantasie und Einfühlungsvermögen verlangt.
2. “grell-pastell”, “time out”, “10 vor 10”.
3. Wir nehmen mit unserer Sendung die Zuschauerinnen und Zuschauer sowie die Fakten ernst, indem wir nicht davon ausgehen, dass jeder und jede einzelne sich quasi automatisch für die Fakten und Themen interessiert. Daher versuchen wir bei jedem Thema, neu das Interesse zu wecken: mit originellem Einstieg, Gradlinigkeit der Geschichte, Zuspitzung auf die wichtigste Aussage, Nähe anhand von Beispielen …
Jana Caniga (SF DRS, “10 vor 10”)

Boulevard und Igitt
1. Anpassung an die Seh- und Lesegewohnheiten der Zapping-Generation. Früher war’s hierzulande “Boulevard” und “Igitt”, also musste eine neue Bezeichnung her.
2. Die NZZ macht’s selten, KLARTEXT oft.
3. Ich höre gern, meine Texte seien informativ und unterhaltend.
Benita Cantieni, Journalistin

Weiss nicht
1. Ich rede nicht von Infotainment, auch wenn es angeblich alle tun. Vielleicht, weil ich nicht weiss, was das ist.
2. Demzufolge kenne ich keine Beispiele …
3. … und halte nichts davon. Was letztlich wertfrei zu verstehen ist.
Urs Eberhardt (Cash, Werbeagentur AG)

Allseitig anwendbar
1. Blick durchs Schlüsselloch auf effektvoll drapierte Realitäten, auf die sonst keine(r) blicken würde.
2. Die Verwandlung einer Gesprächsrunde in eine Arena.
3. Infotainment kann gescheit und stimulierend sein, aber auch billig und unbedarft. Ist allseitig anwendbar – auch seitens der Politik. Braucht Kompetenz, Verantwortungssinn und Augenmass.
Daniel Eckmann, Informationschef EMD

Eine Stilfrage
1. Im besten Sinn: Information, deren Konsum auch unterhaltend ist. Im schlechtesten Sinn: Selbstzweck-Unterhaltung, die vorgibt, auch Informationen zu beinhalten. Wenn also dem Mittel (Unterhaltung) mehr Gewicht zukommt als dem Zweck (Information), wird Infotainment zum Schimpfwort.
2. Auch wir Printleute haben’s wohl beim Fernsehen gelernt: den (teilweise unseligen) Magazinjournalismus, wo die Dramaturgie des Mixes oft wichtiger ist als der Inhalt. Dennoch: “10 vor 10”, “Format NZZ” als gute Beispiele, aber auch (bei den Prints) “NZZ Folio” ist Infotainment und sogar Zeitungen, denn Infos konsumieren heisst lesen, und lesen muss Lust machen.
3. Infotainment – positiv verstanden – gehört zum Handwerk der JournalistInnen: LeserInnen sollen unsere Infos lesen wollen. Gutes Infotainment ist auch eine Stilfrage: Es muss zum Stil des Mediums passen (schlimm heute, dass alle gleich und gleicher werden!).
Hans Uli von Erlach, Präsident des SVJ

Fragwürdigste Instinkte
1. Wahllos herausgegriffene, boulevardesk und gottschalkig zum polarisierenden Knüller hochgepeitschte Teilaspekte eines Ereignisses, welche die Gesamtaussage der Nachricht zweitrangig werden lassen. Meldungen auch, in denen ein optischer oder verbaler Gag vor jede journalistische Genauigkeit gesetzt und jedem auch noch so bedenklichen Fakt ein Viele-viele-bunte-Smarties-Effekt abgetrotzt wird.
2. Die ganzen Brüllorgien wie “Einspruch!” oder “Der heisse Stuhl” der Privatsender, in denen man halbwegs seriöse Fachleute als Feigenblätter missbraucht: Man gaukelt moderne Aufklärung vor, zielt aber auf fragwürdigste Instinkte und Emotionen.
3. Nichts, weil es einem bereits weitverbreiteten Differenzierungs-Unvermögen entgegenkommt statt -wirkt.
Roland Falk (“TV plus”)

Informations-Befeuchtung
1. Der Versuch, trockene Information durch Stilmittel der Unterhaltung zu befeuchten: Personalisierung von Sachfragen, Inszenierung von Realität etc.
2. Ein cleverer Bursche knackt den Code der Bancomaten. Im Fernsehen wird die Szene nachgestellt: Füsse täppeln übers Trottoir – Stopp vor dem Bancomat – eine Hand zieht viele Banknötli heraus. Zur Steigerung der Spannung ins Unermessliche die beliebte Melodie aus “Pink Panther”, die garantiert jedesmal gespielt wird, wenn der Zuschauer merken soll: Hoppla, eine kriminelle Tat!
3. Wenn sich der Autor, die Autorin nicht der gängigsten Klischees bedient, gelingt’s manchmal. Meistens nicht.
Marianne Fehr (“WoZ”)

Gefragt sind Kapriolen
1. In letzter Zeit genügt auf vielen Redaktionen die solide Berichterstattung nicht mehr. Gefragt sind Kapriolen, mit denen die Leute bei der Stange gehalten werden sollen. Da in unserer Welt leider vieles ganz und gar nicht lustig ist, wird aus einem flotten Spruch allerdings schnell ein müder Witz. Infotainment wählt Ereignisse einzig nach ihrem Unterhaltungswert aus, und die Verpackung wird wichtiger als der Inhalt.
2. Negatives Infotainment sind für mich Talk-Sendungen wie der “Heisse Stuhl” von RTL, in denen die Themen beliebig werden und nur noch das Spektakel zählt. Die vermeintliche Diskussion ist ein verbales Catching, bei dem die Gegner k.o. geschlagen werden sollen. Gutes Infotainment zeigt hingegen mit ironischem Spürsinn die Lächerlichkeit des wirtschaftlichen und politischen Geschehens. “10 vor 10” gelingen manchmal solche Reportagen.
3. Etwas Augenzwinkern schadet auch dem Journalismus nicht. Kritisch wird es, wenn der gute Geschmack und das Augenmass kein Thema mehr sind, sondern ausschliesslich der Knalleffekt und die Einschaltquoten im Zentrum stehen.
Josefa Haas (“Tages-Anzeiger”)

Chilbi-Stimmung
1. Seit dieses Wort Mode ist, sehe und höre ich überall und irgendwie Infotainment. Viel heile Welt und Ländler-Musik, dazwischen Werbung und Sponsoring, ein wenig Hunger-, Kriegs- und Katastrophenbilder, Sport und Jupeidi. Der mündige Bürger lässt sich berieseln.
2. Eigentlich sind die Medien selber auf dem besten Weg, zu Infotainment-Medien zu werden. Sie sind nun gesteuert von Damen und Herren, die eifrig dafür sorgen, dass die Sache mit den Marktanteilen stimmt. Und die kann nur stimmen, wenn sich eine allgemeine Chilbi-Stimmung durchsetzt.
3. Infotainment gehört wohl zur postmodernen Wohlstandsgesellschaft. Alles und nichts ist wichtig. Kriegsbilder, Hungerbilder, Katastrophenbilder produzieren ab und zu für Momente Erschütterung, sie erhöhen aber zugleich die Dramatik der “Tagesschau”, und man kann sie zudem für Reklamezwecke einsetzen. Es scheint, dass Infotainment übermächtig geworden ist. Jedenfalls erkenne ich keine angemessenen Gegenkräfte. Die Frage ist: Wie wollen wir die Gleichgültigkeit überwinden, die wir selbst verursacht haben?
Otmar Hersche (“Schweizer Radio DRS”)

Süffig infiltriert
1. Information, die ich so süffig infiltriert bekomme, dass ich gar nicht merke, dass ich etwas gelernt habe.
2. Am Fernsehen: die Sendungen “10 vor 10” und “Zebra” und praktisch alles, was ich vor zwei Jahren an Berichten über den Golfkrieg gesehen habe. In der Presse: gutes Beispiel find’ ich “Cash” und irgendwie auch “Blick”. Weniger toll finde ich die Regenbogenpresse, die aber für viele totales Infotainment ist. Und schön wär’s, aber ist es nicht: der ganze Schulbetrieb.
3. Find’ ich herrlich, weil es Information ist, die ich so süffig infiltriert bekomme, dass ich gar nicht merke, dass ich etwas gelernt habe.
Yvonne Hodel (W, H, S, Werbeagentur AG)

Kapitulation
1. Infotainment ist die neueste Art, die Aufgabe der Information nicht ernst zu nehmen. Infotainment ist im speziellen die Kapitulation des Journalisten vor dem Zusammenhang.
2. Wenn “10 vor 10” die Gewichtsprobleme eidgenössischer Parlamentarier an der Genfer Session thematisiert.
3. Infotainment ist nicht die erste und wird nicht die letzte Mode sein, mit der sich publizistische Orientierungslosigkeit drapiert.
Gottlieb F. Höpli (“Neue Zürcher Zeitung”)

Flockiger Fastfood
1. Wer infotaint, liefert nicht nur in erster Linie Fakten und Zusammenhänge, sondern zielt bewusst auf starke Reaktionen beim Publikum. Das bedeutet in der Regel zuspitzen statt differenzieren, weglassen statt einbetten, Amüsement oder schockieren statt Auseinandersetzung. Information verkommt zum flockigen Fastfood – beliebig und leicht zu konsumieren, aber letztlich wenig sättigend.
2. Schrei-Sendungen zu aktuellen Themen nach dem Motto: “Wer explodiert auf dem heissen Stuhl?”
3. Grundsätzlich skeptisch, da Infotainment häufig Belangloses zum Topthema umfunktioniert und somit einer allgemeinen Desinformation Vorschub leistet. Ins Blatt, ins Bild, ins Radio kommt nicht das eigentlich Wichtige, sondern das, was Gefühle mobilisiert. Aber: Manchmal kann Infotainment den entscheidenden Anstoss dafür geben, dass ein Tabu wirklich diskutiert wird. Allerdings nur dann, wenn in einer zweiten Phase wieder klare Fakten und Zusammenhänge aufgezeigt werden. Und: Manchmal macht so ein bisschen Infotainment auch Spass.
Ursula Hürzeler (“Schweizer Radio DRS”)

Locker vom Hocker
1. Infotainment ist ein neumodisches Wortkonstrukt für längst bekannte Formen der TV-Berichterstattung. Ob es unterhaltende Information und/oder informative Unterhaltung bedeutet, hängt wohl vom prozentualen Anteil des einen oder des andern ab. Ob es gut oder schlecht ist, kommt auf den Gehalt von beidem an.
2. Beispiele von Infotainment kann man täglich in “Schweiz aktuell” sehen, wobei der Anteil der Information in der Gesamtmischung sicher immer überwiegt. Die Leute erwarten vom Fernsehen seit jeher auch Unterhaltendes, immerhin ist Fernsehen ja Teil ihrer Rekreation. Ein oft gehörtes Kompliment an “Schweiz aktuell”: In eurer Sendung gibt es immer auch Augenzwinkern, Aufsteller, Humorvolles.
3. Viel oder wenig, je nach Qualität. Die Frage bleibt, auf wessen Kosten und in welchem Umfang unterhaltend berichtet wird. Wenn allerdings alle Themen und Ereignisse nur noch “locker vom Hocker” daherkommen, wird Infotainment zur Plage und zur Beleidigung der Beteiligten und des Publikums.
Helen Issler (SF DRS, “Schweiz aktuell”)

Religiöse Bücher
1. Infotainment ist, wenn die 10 Gebote aus einem brennenden Dornbusch gereicht werden, die unterhaltsame oder zumindest interessenweckende Inszenierung von Information. Die dramaturgischen Mittel sind die gleichen wie im modernen Theater, von der Überzeichnung bis zur Verfremdung, von der Schaffung von Dissonanzen bis zur Stilisierung.
2. Alte religiöse Bücher sind Paradebeispiele für Infotainment, von der Bibel bis zum Koran. Die modernen Medien, insbesondere die Television, eröffnen neue Möglichkeiten, bis zur Inszenierung von Fernsehdebatten als Duell.
3. Schwierig ist, die Botschaft ob aller Dramaturgie noch durchzubringen, Kongruenz zwischen Botschaft und “mise en scène” herzustellen. Viele Fernsehinszenierungen schaffen es noch nicht, sind wie klavierbegleitete Stummfilme.
Dieter Jäggi (Dr. Dieter Jäggi AG,
Werbe- und Public-Relations-Agentur)

Böser Kern der Sache
1. Infotainment – vermutlich wieder eine sogenannte lässige Begriffsbildung ohne präzisen Inhalt. Jede Nachricht ist im Kern eine Geschichte zum Weitererzählen, und wo einer erzählt, sind immer auch Teilnahme, Faszination, Selbstdarstellung und Geltungswunsch im Spiel.
2. Der Journalist, der über das von der Maggia bedrohte Dorf schreibt, der CNN-Kameramann, der vom Studiodach das Weisse Haus in Moskau beobachtet.
3. Für uns Leser und Zuschauer kann das sehr spannend und zugleich, unserer Unversehrtheit wegen, quälend sein. Haben wir uns etwa sogar gut unterhalten? Die Begriffsteile “Information” und “Unterhaltung”, so viel ist klar, lassen sich weder vollständig trennen noch gar neumodisch verheiraten, weil sie im bösen Kern der Sache wahrscheinlich schon dasselbe sind.
Markus Kutter (Alphaville AG)

Aneinander vorbeireden
1. Ein Begriff, der mit zunehmender Beliebtheit an Schärfe (hatte er die mal?) verliert und sich bloss eignet, um auf medienpolitischen Tagungen sendungsbewusste Fernsehmacher und Hüter des Guten, Wahren und Schönen aneinander vorbeireden zu lassen.
2. Die Hüter des Guten, Wahren und Schönen werden auch “Cash-TV” dazu zählen.
3. Alles, was mich nicht langweilt, mag ich schon mal.
Ruedi Matter (“Cash-TV”)

Bankrotterklärung
1. Die Information als häppchenweise verabreichte bittere Medizin, verpackt in sehr viel süsses Entertainment, wobei sich das tainment meist selbständig macht.
2. Talkshows, weil es mehr um die Balgerei als um den Inhalt geht.
3. Die journalistische Bankrotterklärung. Offenbar hat man den Glauben daran verloren, dass man ein Thema auch aus sich heraus spannend machen kann.
Margrit Sprecher (“Die Weltwoche”)

Unter den Teppich
1. Ich verstehe unter Infotainment Information, die unterhaltend verpackt daherkommt.
2. Negative Beispiele von Infotainment sind für mich die unsägliche Sendung “Aktenzeichen XY” von E. Zimmermann. Oder der “Blick”. Oder die “Schweizer Illustrierte”. Ein – zwar nicht immer – positives Beispiel ist “10 vor 10”.
3. Mühe mit Infotainment habe ich, wenn der Anspruch erhoben wird zu informieren, aber nur reine Unterhaltung geboten wird. Wenn vor lauter Einzelschicksal, Betroffenheitsschreibe und Voyeurismus die eigentliche Problematik ausgeblendet wird, das heisst die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen unter den Teppich gekehrt werden. Die Tendenz heute geht immer mehr in diese Richtung.
Judith Stofer, Präsidentin der SJU

Im Prinzip giftig
1. Infotainment ist der Rest an Information, der vermittelt wird, wenn politisches Versagen, journalistisches Unvermögen und geistige Trägheit des Volkes zusammenfallen.
2. Das Schweizer Fernsehen bietet fast ausschliesslich Infotainment und ist daher auch kein Medium für Anspruchsvolle.
3. Von Infotainment halte ich so viel wie von Truffes: sehr verführerisch, wenn gut gemacht und frisch, im Prinzip aber giftig.
Klaus Stöhlker (Klaus J. Stöhlker AG, Unter- nehmensberatung für Öffentlichkeitsarbeit)

Seit Aristoteles
1. Infotainment – das neuenglische Wortgebilde umschreibt eigentlich nur eines der ältesten kulturellen Wirkungsgesetze: Bericht und Drama sollen nicht bloss unterrichten, sondern auch unterhalten. Eine Banalität, zu der seit Aristoteles unzählige Zitate vorliegen. Streitig war und ist bloss, wie die beiden Elemente zusammenpassen. Jede Zeit, jedes Medium müssen darauf – relative – Antworten finden.
2. Beispiel: Die “Tagesschau” wird heute mit Moderatorin/Moderator in einer zentralen, persönlich profilierten Rolle präsentiert – weg von der aseptischen “Sprechersendung” der ARD, weg vom “Sauglattismus” der deutschen Privatsender, den diese nach kurzlebigen Experimenten auch wieder aufgegeben haben. “Tagesschau”-Berichte sollen, soweit es möglich ist, als Story rund um Persönlichkeiten und Kontroversen gebaut werden.
3. Infotainment? Suche nach einer Vermittlung, die bei unsern Zuschauerinnen und Zuschauern ankommt.
Peter Studer (“Schweizer Fernsehen DRS”)

Effekt und Affekt
1. Die Bewertung von Nachrichten nicht nach ihrer Wichtigkeit, sondern nach dem Effekt und Affekt. Die Verpackung wird dann oft wichtiger als der Inhalt.
2. Nur ein Beispiel: die Berichterstattung von CNN über den Moskauer Aufruhr. Am Anfang war es hochklassige Information. Am Schluss war es nur noch Informationsware.
3. Gegen Unterhaltung habe ich nichts, im Gegenteil, aber bitte nicht an jedem Objekt.
Roger de Weck (“Tages-Anzeiger”)

Reichlich akademisch
1. Ursprünglich bezeichnet Infotainment jene TV-Commercials, die sich im Auftritt an die News-Präsentation anlehnen. In der Schweiz steht der Begriff für die Aufbereitung von Nachrichten durch Unterhaltungselemente.
2. Das “Coop-Studio”.
3. Ich halte die Diskussion für reichlich akademisch: Jeder gute News-Journalist und jede gute News-Journalistin mühen sich – mit den Stilmitteln ihres jeweiligen Mediums – um eine möglichst eingängige Präsentation ihrer Inhalte. Und sie kennen die Grenze zu Sauglattismus und Formalquark.
Kurt W. Zimmermann (“SonntagsZeitung”)

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Ausgabe: 5 | 2018

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