10. Juli 2007 von Klartext

Bildernot und Bildersucht

Fritz Wolf über Infotainment und Reality TV

Erfurt, nachts, irgendwann im Herbst. Neonazis planen einen Überfall auf ein autonomes Jugendzentrum. Sie machen sich mit ihren Autos auf den Weg. Autotüren schlagen, der Starter kreischt, der Motor heult auf. Die Fahrt beginnt. Die Kamera sitzt mit im Wagen. Sie streift die Häuser entlang, richtet ihr Auge auf die Strasse. Sie hängt tief, knapp über dem Asphalt, aus ihrem Blickwinkel rast die Strasse unter ihr weg. Es regnet, die Strassenlampen und einige Neonlichter spiegeln sich in den Pfützen. Noch eine Kurve. Jetzt ist der Wagen am Ziel, vor dem Autonomen-Zentrum. Dann bricht die Szene ab. Schnitt. Es folgt ein Interview. Schade. Aber immerhin, bis dahin sind wir, die Zuschauer und Zuschauerinnen, dabei gewesen. Wir haben es selbst gesehen.
Wir haben aber nichts als eine Inszenierung gesehen. Die Filmszene von nicht einmal einer halben Minute Länge stammt aus einem Beitrag des “Sat 1”-Magazins “Akut”. Nichts ist besonders auffällig daran – ausser eben der Tatsache, dass sie nachgestellt ist. Die Autoren haben sich in ihrer Bildernot selbst beholfen. Eine Täuschung? Schon. Aber genau genommen ist es ziemlich unwichtig, ob die gefilmte Strasse die tatsächliche Strasse, das gefilmte Haus das tatsächliche Haus ist. Es kommt nicht auf den dokumentarischen Wert der Bilder an, sondern auf ihren atmosphärischen. Es könnte sich auch um einen “Tatort” gehandelt haben.
Szenen wie diese finden sich im Fernsehjournalismus immer häufiger. Infotainment heisst der Bastard aus Information und Entertainment. Das Kunstwort bezeichnet den Trend, Information und Unterhaltung miteinander zu verschmelzen. Wo Information draufsteht, ist Unterhaltung drin. Den Anstoss haben vor allem kommerzielle Fernsehsender gegeben, die nach immer neuen Tricks suchen, Zuschauerinnen und Zuschauer an die Bildschirme zu fesseln. In den USA, dem Mutterland des Fernsehens, sind Spielszenen in den News Shows seit langem üblich. Die Ware Nachrichtenshow konkurriert dort nicht mit andern Nachrichtensendungen, sondern mit Showprogrammen. Und die Spirale dreht sich schon ein Stück weiter, von der News Show zu den Show News.
Soweit ist es im europäischen Fernsehen noch nicht. Aber der Trend ist da. Das Techtelmechtel mit den dramaturgischen und stilistischen Methoden der Showbranche ist dabei keineswegs ein Privileg des Kommerzes. Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen überzieht der Glamour das Nachrichtengeschäft. Das ZDF startete am Jahresanfang ein neues Magazin, “Frontal”, und liess es von zwei Journalisten aus verschiedenen politischen Lagern moderieren. Bodo H. Hauser und Ulrich Kienzle spielen vor der Kamera Diskussion und Dialog. Sie tun, als ob sie verschiedener Meinung wären, beehren sich ab und zu mit verbalen Grobheiten, ohne dass einer gekränkt wäre. Sie simulieren politische Auseinandersetzung. Diese Form der Doppelmoderation hat nichts mit Politik und Journalismus zu tun, sie ist ein Arrangement der Unterhaltung. Das Konzept ist erfolgreich. “Frontal” hat von Beginn an hohe Einschaltquoten.
Kehren wir noch einmal zu “Akut” zurück. Die kleine Szene erzählt noch mehr. Man kann sicher sein, die Autoren wären beim Showdown der Neonazis selbst gern mit der Kamera dabei gewesen. Vielleicht hätten sie sogar mit ein paar Regieanweisungen dafür gesorgt, dass die Aktion auch fernsehgerecht ins Bild kommt. Die Gewalt wäre dann nackt und pur über den Bildschirm gelaufen und hätte nicht wenigen im Publikum Schauer über den Rücken gejagt. Die öffentliche Diskussion wäre um ein weiteres Beispiel von “Reality TV” bereichert worden, bei dem die Einschaltquoten ebenfalls hoch sind.
Infotainment und Reality TV, Show und rohe Wirklichkeit, Inszenierung und Live – beide Entwicklungen sind aufeinander bezogen und zeigen das Massenmedium Fernsehen in einem problematischen Stadium des Übergangs. Sein publizistischer Charakter beginnt sich aufzulösen. Neue Genres entstehen. Unterhaltung findet nicht mehr nur in einer klar definierten Unterhaltungswelt statt, sondern erobert die Informationswelt: nicht mit Fiktion, sondern mit fingierter Realität. Nicht die Trennlinie zwischen Realität und Fiktion hat sich verschoben, sondern die zwischen Information und Unterhaltung.
Die Entgrenzungen des Mediums sind ein Resultat seines durchschlagenden Erfolgs. Im Zeitalter globaler Kommunikation, die prinzipiell alles über alle erfahrbar macht, verschwimmen die Grenzen, geographische wie kulturelle. Die Metapher, Fernsehen sei ein Fenster zur Welt, das man nach Bedarf öffnen kann, um hinauszuschauen, und durch das immer wieder die reitenden Boten die neuesten Nachrichten hereinrufen, trifft die mediale Wirklichkeit nicht mehr. Während wir noch denken, Fernsehen bilde Wirklichkeit ab, müssen wir ein ums andere Mal feststellen, dass es sie zurichtet.
Als in Moskau der politische Machtkampf losbrach, konnte die Welt über unzählige Kameras diesem Ereignis zusehen. Die Berichterstattung durchlief drei sehr verschiedene Stadien.
Solange um die Macht noch in politischen Formen gekämpft wurde, litt das Medium unter akuter Bildernot. Korrespondenten plazierten sich auf strategisch günstigen Balkonen und hatten eine unglückliche Rolle zu spielen. Sie wurden von den Moderatoren vergeblich nach dem Augenschein befragt. Es rollten noch keine Panzer. Der Machtkampf war einfach nicht abbildbar. In seiner Sucht nach dem Sichtbaren musste das Medium kläglich versagen. Auf den Bildschirmen breitete sich der Horror vacui aus.
Dann kam die Phase der militärischen Kämpfe. Plötzlich waren die Kameras da. Jetzt war die Stunde des Fernsehens da, die Stunde der Live-Übertragung, die Stunde von Reality TV. Wir erlebten auf dem Bildschirm die Erstürmung des Weissen Hauses, die dunklen Korridore, sahen Soldaten vorbeilaufen, hörten Schüsse, Keuchen, das Trampeln der Stiefel. Es ging um Leben und Tod. Auch sechs Journalisten kamen ums Leben, unter ihnen ARD-Kameramann Rory Peck.
In der dritten Phase schliesslich stürzten die Ereignisse wie bei einer Implosion in ein einziges Bild zusammen. Ausgebrannte Fensterhöhlen und die russgeschwärzte Fassade des Weissen Hauses: eine Chiffre, die um die Welt geht und in ihrem visuellen Gedächtnis verankert bleiben wird.
Bildernot und Bildersucht sowie das Faszinosum des unmittelbaren Dabeiseins: Das sind die beiden Extreme, in denen Fernsehen sich bewegt. Dazwischen liegt das weite Feld der Inszenierung. In den sich überstürzenden Ereignissen vom Oktober war dafür kein Platz. Aber können wir ganz sicher sein, dass einige der dramatischen Szenen aus Moskau nicht doch nachgestellt waren? Erinnern wir uns an den Putsch in Moskau im August 1991. Auch damals gab es eine Phase erregter politischer Bewegung, in der für die Kameras nichts Sichtbares abfiel. Die Lücke füllte Boris Jelzin mit seiner berühmten Rede vom Schützenpanzer herab. Eine geniale Inszenierung, nicht nur fürs weltweite TV, sondern vor allem für das eigene Publikum. Jelzin inszenierte sich selbst als Zitat einer Fotografie aus der Oktoberrevolution, das Lenin auf einem Lastwagen sprechend zeigt – jeder Russe, jede Russin kennt dieses Bild.
Oder erinnern wir uns an die Landung der US-amerikanischen Marines in Somalia. In voller Kampfmontur krochen sie über die Dünen an Land, die Gesichter geschwärzt, um im Dunkeln nicht gesehen zu werden – und standen plötzlich im gleissenden Scheinwerferlicht einer Hundertschaft von Fernsehteams. Der Moment war für alle höchst irritierend. Einen Augenblick lang musste man an seinen Augen und an seinem Verstand zweifeln. War diese Szenerie “wirklich”? Was war real, was inszeniert? Sahen wir eben eine Nachrichtensendung oder einen Kriegsfilm?
Es wäre naheliegend, in so verschwimmenden Zuständen ein grundsätzliches Nachdenken der Macher oder wenigstens Ehrlichkeit zu verlangen. Denkbar wäre ein Fernsehen, das mit offenen Karten spielt. Das den Horror des unbeschäftigten Bildschirms nicht zu überspielen versucht, sondern ihn zugibt. Das nicht unter allen Umständen nach dem Sichtbaren schreit und es notfalls selbst herstellt, sondern mit voller Absicht darauf verzichtet, wenn es nichts zu zeigen hat. Das nicht alles wieder ausspuckt, was bei ihm eingeht. Das sich nicht in jede Katastrophe hineinsetzt. Müssen wir voyeuristisch in jedes Unglück starren? Musste der Kameramann Rory Peck sterben, damit uns im Wohnzimmer der kalte Schauer über den Rücken laufen kann? Sollten wir nicht erwarten dürfen, dass Fernsehmacher und Programmgestalter sich auf aufklärerische Tugenden besinnen und irgendwann einmal Halt sagen?
Wahrscheinlich ist das ein hoffnungslos illusionärer Wunsch. Vom erbarmungslosen Konkurrenzkampf um Einschaltquoten und Werbezeiten einmal abgesehen: Das Fernsehen geht nach seinen eigenen Gesetzen. Und es scheint, als habe es sich den Machern, je mehr sie damit anstellen, selbst schon entwunden. Der Kampf um immer neue, immer extremere Bilder – hier Reality TV, dort Infotainment – wird von innen her, aus der Dynamik von Technik und Ökonomie gespeist.
Fernsehen nähert sich immer mehr dem Ideal der Echtzeit an. Zwischen dem Ereignis und dem Bericht darüber liegt nicht mehr als ein Wimpernschlag. Als Live-Medium ist es bei allen historischen Ereignissen der letzten Jahre dabei gewesen – und nicht bloss passiv abbildend. Sind nicht die Kameras selbst in die Ereignisse verwickelt? Sind sie nicht schon manchmal das Ereignis selber, das ohne sie so gar nicht stattgefunden hätte?
Wo die Grenzen von Zeit und Raum sich im Medium tendenziell auflösen und diese Erfahrung auch unsere Welterfahrung bestimmt, wo Fernsehbilder als wirklicher erscheinen als die Wirklichkeit selbst, da werden die Bilder zweideutig. Man kann ihnen nicht mehr trauen. Die Vervielfachung der Blickwinkel und die Multiplizierung der Kanäle beschleunigen den Realitätsverlust der Fernsehbilder noch. Andererseits erhöht sich ihre Wirkkraft. Fernsehen sei, so der Medienkritiker Klaus Kreimeier, das erste Medium der Kulturgeschichte, das Wirklichkeit nicht mehr abbildet, sondern vielmehr Teil von ihr geworden ist.
Die Ratlosigkeit über die Zukunft des Fernsehens ist gross. Niemand kann sagen, wohin das Medium sich künftig entwickeln wird. Die irritierendste Aussicht bietet ein kleines Szenario, das nicht erfunden wurde, sondern tatsächlich stattgefunden hat. Anfang dieses Jahres wurde in Liverpool der zweijährige James Bulgar aus einem Supermarkt entführt und ermordet. Die Entführung geschah in aller Öffentlichkeit. Videokameras haben das Geschehen aufgezeichnet. Aber niemand hat gesehen, was geschah. Die Aufzeichnungsmaschinen sind da, um den Diebstahl von Waren zu registrieren, nicht von Menschen. Es fällt schwer, diesen Vorgang nicht zugleich als eine Metapher zu interpretieren: Diese Gesellschaft hat ihre Augen überall, aber sie ist blind. Sie macht von allem Bilder, aber sie kann über sie nichts mehr mitteilen. Wir sehen alles, haben aber die Fähigkeit verloren, zu handeln.

10. Juli 2007 von Klartext

Herrschaft der Souffleure

Die Grenzen zwischen Journalismus, Public Relations und Propaganda verschwinden mehr und nehr. Wo aber die Distanz verlorengeht, ist eine Publizistik nicht möglich, die sich an der Aufklärung orientiert.

Man stelle sich vor: die Schweiz nach einem Putsch. Das Land im Ausnahmezustand, eine Junta am Ruder. Die Regierung verjagt, das Parlament aufgelöst, Dissidente interniert. Und die Medien? Zensiert, unterdrückt, verboten? Was denn? Wozu denn?
Ist es nicht beruhigend, dass die Meinungsäusserungsfreiheit hierzulande höchstens von einigen Professoren, Politikern und Wirtschaftsführern strapaziert wird? Journalistinnen und Journalisten fühlen sich als Souffleure wohler denn als Aufrüttler.
Zu belegen ist, Polemik beiseite, dass der Journalismus gerade dort, wo er sich an das grosse Publikum wendet, von – politischen und wirtschaftlichen – Public Relations kaum mehr zu unterscheiden ist. Ganz gleich, ob neue Alpentunnel oder ein privates TV-Programm, der Abbau von Arbeitslosenhilfe oder die Verschärfung des Asylgesetzes zur Debatte stehen: Die Themen werden inszeniert wie eine Wrestling-Vorstellung. In der Hauptrolle agiert jeweils ein landesweit beliebter good guy, der natürlich nur das Beste will – neue schnelle Güterzüge oder besseres Fernsehen, Strafe für arbeitsscheues Gesindel oder Kampf gegen gefährliche ausländische Kriminelle.
Wer es wagt, dagegenzuhalten und die Einflüsterungen zu ignorieren, wird als mieser Spielverderber verhackstückt – mit emotionalen Argumenten. Otto Stich, einst von der Vereinigten Rechten zum Finanzminister gemacht, verdankt seinen Ruf als sturer und streitsüchtiger Finsterling diesem Regiekonzept. Seine Kollegen dürfen sich derweil als die wahren Staatskünstler sonnen.
Beliebtestes Mittel solcher Publizistik, die sich an den klassischen Mustern politischer Propaganda orientiert, sind die Home-Stories – Reportagen aus der häuslichen Intimität, die den politischen Diskurs durch die Beschreibung von Möbelstücken, Grillgewohnheiten und musikalischen Vorlieben ersetzen. Fundamental in diesem Genre ist der vollständige Verlust an journalistischer Distanz. An ihre Stelle tritt die Kumpanei zwischen Beschriebenen und Beschreibenden. Dabei trifft sich das Interesse des Politikers, Volksverbundenheit zu mimen, ohne sich mit realen Menschen abzugeben, mit der Spekulation des Journalisten (oder seines Verlegers) auf Zuwachs an Renommee (und Auflage).
Den höchsten Reifegrad hat dieser PR-Journalismus in der Symbiose zwischen den sich allzeit staatstragend gebärdenden Massenblättern des “Ringier”-Konzerns und einem massgebenden Teil des bürgerlichen Establishments erreicht. Das Unternehmen vermittelt den Eindruck, es halte sich Bundesräte und weitere Prominenz wie andere Leute Zierfische oder wertvolle Papageien. Und die derart Domestizierten fühlen sich offenbar sauwohl bei der Truppe.
Unter den Regierenden scheint sogar ein masochistischer Wettstreit zu toben, wer sich am hemmungslosesten auszuliefern wagt. Die Spitze hält, uneinholbar, der begnadete Selbstdarsteller Adolf Ogi. Stolz berichtete sein Hauptanimateur Peter Rothenbühler, Chefredaktor der “Schweizer Illustrierten” (SI), der “Weltwoche”, wie er den Bundesrat mit einem einzigen Satz zur Freigabe eines Bildes mit nacktem Oberkörper überredete: “Chumm Dölf, du bisch doch so sexy”.
Dass solche Vertraulichkeiten jede politische Kritik an der Amtsführung ein für allemal ausschliessen, weiss nicht bloss Ogi zu schätzen. Der steife Arnold Koller machte an seinem Sechzigsten dafür bereitwillig Liegestütze, der ehrgeizige Flavio Cotti köpfelte gelegentlich in kaltes Wasser. Eine besonders reife Leistung in Selbstentäusserung bot der gutmütige Kaspar Villiger, als er sich hinter SI-Bundeshausredaktor Jürg Zbinden auf den Rücksitz einer chromblitzenden “Harley Davidson” klemmte.
Die Inszenierung auf dem Feuerstuhl zeigt allerdings auch, wie rasach solche Exhibitionen ins Peinliche umschlagen. Kraftvoll, mutig, männlich: Das war offenbar die Botschaft, die der Verteidigungsminister mit seiner Töff-Tour kommunizieren wollte. Statt dessen wirkt der schmächtige Villiger, blöde grinsend und mit erhobenem Daumen grüssend, hinter dem massigen Journalisten Zbinden nur ridikül. Das Bild transportiert gerade nicht Stärke und Zielbewusstsein. Denn nicht der Politiker bestimmt hier Tempo und Fahrziel, sondern allein der Journalist am Lenker. Einschlägig veranlagte Leser bediente die Geschichte zudem mit einem antörnenden Helgen. Bildtext: “Ungewohnt kerniges Outfit: EMD-Chef Kaspar Villiger macht sich gut in schwerem, schwarzem Leder.”
Die Motorrad-Nummer mit dem Ledermann ist als Ausrutscher kein Einzelfall. Bereits wird das seinerzeit verlegen ins Weltall hinausgestammelte “Freude herrscht” des sprachohnmächtigen Bundespräsidenten als Werbegag für Käse rezykliert. Handsigniert von Ogi – im Namen des ganzen Bundesrates.
Für Torheiten dieser Art sind nicht bloss gehemmte Magistraten zu haben, sondern auch zahlreiche Wirtschaftsführer. Professionell beraten, wissen sie, dass sich das Publikum mit Home-Stories und Party-Klatsch von den wirklichen Konflikten noch so gerne ablenken lässt. Das öffentlich inszenierte Liebesglück der Sportschuhfabrikantin Beatrice Werhahn macht ihre Kapriolen als Unternehmenschefin ebenso vergessen, wie die Geistreicheleien des Finanz-Jongleurs Tito Tettamanti die Frage nach der wirklichen Herkunft seines riesigen Vermögens verdrängen.
Kein Zweifel: Diese Leute verfolgen nur ihre legitimen Interessen. Ihre Exhibitionen zielen zwar fraglos auf Schönfärberei, aber sie sind – im Unterschied zu jenen der Politiker – reine Privatsache. Rechtfertigungsbedarf entsteht dagegen auf Seiten jener Journalisten und Verleger, die ihren Job nur noch als einen ideologischen – die bestehenden Verhältnisse rechtfertigenden – betreiben.
Am dümmsten (wenn auch oft wahr) ist die ökonomische Ausrede: PR-Journalismus ist mit billigem Personal zu machen. Er kommt ohne politisches Bewusstsein, ohne historischen Schulsack und ohne Hintergrundwissen aus; gute Manieren und saubere Fingernägel genügen schon. Die Inszenierung von Personen und Firmen belebt zudem das Anzeigengeschäft.
Häufig ist auch der Rekurs auf das Publikumsinteresse: Peter Uebersax, einer der erfolgreichsten “Blick”-Chefredaktoren, pflegte seinen Mix aus Sex, Blut und Tränen als Dienst an seinen Kunden zu rechtfertigen. Der Journalist, behauptete er, habe die eskapistischen Bedürfnisse seiner Leserschaft zu befriedigen: die Leute wollten sich von einer Boulevardzeitung unterhalten lassen; für ihre sachliche Unterrichtung seien, falls überhaupt gewünscht, die sogenannt seriösen Zeitungen zuständig.
Wird diese Ideologie Allgemeingut, wie derzeit zu befürchten, verliert die Publizistik unweigerlich alle Glaubwürdigkeit als meinungsbildende Kraft. Sie negiert jede gesellschaftspolitische Verantwortung im Sinne der Aufklärung. Nicht die Emanzipation der Bürgerinnen und Bürger zur Mündigkeit ist mehr ihr Ziel, sondern blosse Zerstreuung und die Evozierung primitiver Gefühle wie Bewunderung, Neid, Hass, Angst und Stolz.
Zum Repertoire der Massenblätter gehört deshalb nicht bloss die Propagierung von Prominenten als Durchschnitts-Biederleute, sondern auch die ständige Zelebrierung der kleinbürgerlichen Klischee-Welt. Die “Rabenmutter von Spreitenbach”, die Kind und Hunde im Stich liess, war ja nicht bloss als Hassobjekt ideal, sie kitzelte auch allerlei populäre Vorurteile über Drogenkranke, repetierte die einschlägigen Parolen über den unschätzbaren Wert der gesunden Familie und baute schliesslich noch eine Brücke zu der tief im Unbewussten wurzelnden Hexenangst.
Freilich wäre es ein Kurzschluss zu meinen, die Durchseuchung der Branche mit Inszenierungs- und Kampagnen-Journalismus werde von versteckten Drahtziehern gesteuert. Die Abkehr vom aufklärerischen Auftrag geschieht vielmehr freiwillig – in schönster Harmonie mit dem Zeitgeist. Denn die Welt erscheint auch jenen zunehmend unbegreiflich, die sie erklären sollten. Existenzangst und Gefühle der Überforderung, das Bedürfnis nach Sicherheit und einfachen Lösungen bestimmen nicht bloss das Verhalten von Leserinnen und Lesern. Als Teil der Durchschnitts-Bevölkerung sind auch Journalistinnen und Journalisten davon durchdrungen.
Weiter denn je davon entfernt, sich übergeordneten Vorstellungen von Staat und Gesellschaft verpflichtet zu fühlen, hat die Medienbranche nach 1989 vollends die Orientierung verloren. Nun wissen auch die Linken nicht mehr, wohin sie gehören. Als Sieger erscheint weniger ein ökonomisches Konzept als das individualistische Prinzip, nach dem jeder nur für sein eigenes Glück verantwortlich ist. Was früher als Eitelkeit einzelner toleriert wurde, bestimmt nun als krankhafter Narzissmus den Alltag. Zur Inszenierung der Prominenz gehört auch die Selbstdarstellung der Inszenatoren. Die Nähe zu vermeintlich Einflussreichen, das Smalltalken mit Bundesräten bei Käse und Wein etwa, wird zur Entschädigung für den Alltagsfrust und den Konkurrenzdruck auf der Redaktion.
Selbst journalistische Fehlleistungen sind – dank dem Aufsehen, das sie erregen, und der Opferrolle, die sie anbieten – noch als narzisstische Gratifikationen konsumierbar, wie jüngst der missglückte Enthüllungs-Film über die Seveso-Fässer demonstrierte.
Den Gipfel erreicht diese Entwicklung in der reinen Selbstinszenierung, etwa durch die Publikation eines bekennerhaften Skandalbuches. Ein Erkenntniszuwachs für die Allgemeinheit ist dabei nicht erforderlich. Ja, er wäre sogar kontraproduktiv, weil er von der Person der Autorin, des Autors nur ablenken würde. Wer ein Beispiel dieser Art von Selbstbezogenheit sucht, lese die Auslassungen der Marianne Weissberg.
Mit Journalismus, zugegeben, hat dies nichts mehr zu tun. Trotzdem schliesst sich hier ein Kreis: Ohne Distanz sind weder Kritik noch Selbstkritik möglich, und ohne sie keine Publizistik, die sich an der Aufklärung orientiert. Gerät dieser Fluchtpunkt ausser Sichtweite, hätten Putschisten tatsächlich leichtes Spiel.
Wenn in einer Gesellschaft Bewegung fehlt, wo der Diskurs erstickt und die volonté générale verstummt, herrscht nur noch Friedhofsruhe. Wir sind schon weit auf diesem Weg. Ganz ohne Umsturz.

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