10. Juli 2007 von Klartext

Auf und ab im Darmtrakt der Kommunikation

Hermann Strittmatter über vier verwandte Tätigkeiten

Schaue ich als Werber in den Spiegel und frage mich, ob im Umfeld gewisser Kollegen, die sich in der Lobhudelei für HIV-positive Klamottenwerbung gegenseitig überbieten, gewisser Anzeigen von Versicherungsgesellschaften, die abgehackte Schwänze wieder zu aufgerichteten Gliedern der Gesellschaft machen, und gewisser Plakate, auf denen Arbeitslosen Freizeithemden angeboten werden, mein Job moralisch noch zu verdauen ist, muss ich mit “Würg!” antworten. Und mich fragen: Soll ich nicht lieber Journalist werden, also jemand, der für einen Werbetexter zu wenig gut schreiben kann?
Schaute ich als Journalist in den Spiegel und fragte mich, ob ich angesichts tagtäglich massenhaft produzierter Peinlichkeiten wie falsche Datierung der Zeitung (z. B. Donnerstag, 20. Oktober 1993), falsche Bezeichnungen (z. B. Filmfestival Lugano), falsche Politgeographie (z. B. das zürcherische Stammheim im Thurgau ansiedeln), falsche Auffassung von Pressefreiheit (z. B. diese mit Meinungsäusserungsfreiheit verwechseln und dann bei Klagen wehleidig die “Pressefreiheit” als Schutzpatronin anrufen) meinen Job moralisch noch verdauen könnte, müsste ich mit “Puah!” antworten. Und mich fragen: Soll ich nicht lieber PR-Berater werden, also jemand, der für den Journalismus zu wenig gut schreiben kann?
Schaute ich als PR-Berater in den Spiegel und fragte mich, ob vor dem Hintergrund der von den Auftraggebern permanent missbrauchten Bereitschaft, Gutes tun zu lassen und darüber zu berichten, Schlechtes zu tun und so lügnerisch den Mantel der Schönfärberei darüber zu legen, dass selbst das hinterletzte Käseblättchen sich weigert, den Mist in seine Spalten zu heben, mein Job nicht langsam unverdaulich sei, müsste ich mit “Kotz!” antworten. Und mich fragen: Soll ich nicht lieber Politiker werden, also jemand, der sogar für Public Relations zu wenig gut schreiben kann?
Schaute ich als Politiker in den Spiegel und fragte mich, ob in Anbetracht abgekarteter Poker-Regeln der totalen Koalition, bühnenreifer Sommerloch-Schlammschlachten und meiner befleckten Weste und schmutzigen Hände mein Job moralisch noch verdaubar sei, müsste ich mit “Merde!” antworten. Und mich fragen: Soll ich doch nicht lieber Werber sein, also einer, der zu gut schreibt, als dass er Politiker bleiben könnte?
Der Politiker Iwan Rickenbacher, ehedem CVP-Generalsekretär, hat den langen Weg durch den Darmtrakt der Kommunikationsbranche sympathischerweise als Unternehmer in Angriff genommen und nicht, wie andere, hochdotierte Beamtenpfründe zu ergattern versucht; er wählte vorerst den Aufstieg in die PR-Branche als Partner bei Jäggi in Bern. Soll er doch danach ein paar Jährchen irgendwo als Chefredaktor erfolgreich wirken und mich dann anrufen! Eine Schnupperlehre oder gar ein Praktikum als Junior-Texter in meiner Reklame-Bude ist ihm hiermit offiziell zugesichert.
Einer, der auf den verschlungenen Darmpfaden keinen Umweg über den Job eines Journalisten und PR-Beraters machte, ist Nationalrat Ernst Cincera: Er seilte sich in der Direttissima vom Werbegrafiker zum Politiker ab.
Görps!

10. Juli 2007 von Klartext

Sponsor grüsst Sponti

Was das TV-Publikum heute an kommerziellem Firlefanz erlebt, ist erst der Anfang. Zur Disposition steht das Fernsehen als Medium, das auch ernstzunehmende Information und kulturelle Anregung bietet.

Der Ärger hat sich bereits gelegt. Als das “Schweizer Fernsehen DRS” – vom Radio- und Fernsehgesetz dazu ermächtigt – im vergangenen Jahr damit begann, sogar die Sekunden vor und die Wettervorhersage nach der “Tagesschau” dem Sponsoring auszuliefern und also mit allerlei lästigen Zahnpasta-, Kosmetik- und Uhrenmarken-Logos zu verzieren, hagelte es Proteste. Inzwischen haben sich die Zuschauerinnen und Zuschauer brav daran gewöhnt: Was noch vor kurzem als Schleichwerbung verpönt war, hat in den TV-Programmen des “teilkommerzialisierten Senders” (DRS-Programmdirektor Peter Schellenberg) den höchsten Normalitätsgrad erreicht.
Der von öffentlichen wie privaten Veranstaltern in allen Industriestaaten konsequent betriebene Kommerz am Fernsehen – für den das Sponsoring nur ein besonders augenfälliges Beispiel darstellt – ist bloss Mittel zum Zweck.
Denn was damit angeleiert und dem Publikum schmackhaft gemacht werden soll, ist nichts weniger als die fundamentale Umfunktionierung eines Massenmediums: Fernsehen soll nach und nach den Charakter eines Vermittlers auch journalistischer Botschaften verlieren und zum ausschliesslichen Instrument der Konsum-Animation degenieren. Deshalb muss das Publikum seinem Anspruch, am Bildschirm neben Unterhaltung und Werbung auch ernstzunehmende Information und kulturelle Anregung zu erwarten, entwöhnt werden.
Nicht, dass solch düstere Zukunftsvisionen dem erklärten Willen boshafter TV-Direktoren oder wildgewordener Deregulierungspolitiker entsprechen würden. Realistischer: Sie ergeben sich aus den Möglichkeiten zukunftsträchtiger Übermittlungstechniken und den daraus erwarteten Profiten. Das Zauberwort heisst “interaktives Fernsehen”: die angebliche Möglichkeit, die immer wieder kritisierte televisionäre Einweg-Kommunikation zu durchbrechen, welche die Zuschauerinnen und Zuschauer bislang zu weitestgehender Passivität am Bildschirm verurteilt.
Bescheidene Ansätze zum “Mitmachen” hat das Fernsehpublikum zwar schon längst – indem beispielsweise übers Telefon Quiz-Rätsel beantwortet oder Fragen an eine Gesprächsrunde im Studio gestellt werden können. Doch was die Promotoren des interaktiven Fernsehens im Sinn haben, geht bedeutend weiter – weg von der Television als meinungsbildendem Medium.
Angesagt ist beispielsweise, wie in den USA bereits erprobt, die Auswahl diverser Spielfilmangebote zur selben Uhrzeit und beim selben Anbieter – per Knopfdruck. Oder das Angebot, unter mehreren Versionen die gefälligste Fortsetzung einer Krimi-Serie auszulesen. Oder die Möglichkeit, bei Sportübertragungen vom Fauteuil aus Regie zu führen: mittels ferngesteuerter Wahl der am besten zusagenden Kameraposition. Klar, dass derlei Perspektiven einen ungeahnten Bedarf an – möglichst billiger – TV-Software bringen und andererseits die fast grenzenlose Amortisation angejahrter Filmkonserven gestatten.
Dies programmliche Jekami – bei dem echte Dialoge freilich kaum möglich sind – ist indes der weniger wichtige Teil des interaktiven Fernsehens. Entscheidender als die Spontaneität des Publikums bei der Auswahl der gewünschten TV-Unterhaltung ist seine Konsumbereitschaft. Denn als Interaktion stellen sich die Förderer der neuen Technik in allererster Linie den Geschäftsabschluss via Bildschirm vor: Teleshopping, Telebanking, Buchung von Ferienreisen, Kauf von Konsumgütern und Dienstleistungen aller Art. Die mit teuren Spezialgeräten frei gewählten Programme sollen zum Kauf der in den eingestreuten Werbespots angepriesenen Produkte animieren oder zumindest allfällige Kaufhemmungen abbauen.
Dass in einem solchen Fernsehen unabhängiger Journalismus eher störend als stimulierend wirken würde, liegt auf der Hand. Dennoch setzen klassische Medienunternehmen voll auf die interaktive Zukunft. Wer etwa die Verantwortlichen des Polit-Magazins “Format NZZ” auf dessen geringe Einschaltquoten auf dem deutschen Kanal “Vox” und auf dem helvetischen “S plus” anspricht, erfährt: “Die bescheidene Beachtung spielt für uns gar keine Rolle – wir machen die Sendungen nur, um später fürs interaktive Fernsehen gewappnet zu sein.”

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