10. Juli 2007 von Klartext

Die Durchlauferhitzer

Der Einflussnahme der “Public Relations” und der Pressestellen haben die Medien, angeblich “vierte Gewalt” im Lande, wenig entgegenzusetzen. Manche Medienschaffende wechseln lieber gleich die Seite.

Jede Journalistin, jeder Journalist lernt sie kennen: die um Konzilianz bemühten, mal jovialen, mal beleidigten, aber immer auf “Partnerschaft” eingestellten Damen und Herren der Pressestellen von Firmen, Verbänden und Behörden. Die nahe Bekanntschaft eher scheuend, aber nicht weniger präsent, sind deren Berufskolleginnen und -kollegen, die Personen des öffentlichen Lebens darin beraten, was zu sagen und zu tun ratsam ist. Das Ziel beider Berufgruppen ist das gleiche: Schadensminimierung und Nutzenoptimierung durch oder beim Veröffentlichen von Informationen im Dienste der Interessen von Organisationen oder Personen – bekannt als “Public Relations” oder “Öffentlichkeitsarbeit”.
Pressestellen und PR-Beratungsfirmen haben in den letzten 20 Jahren inflationär zugenommen. Erklärungen dafür gehen von einer Selbstüberschätzung entweder der
“Öffentlichkeitsarbeiter”
oder der Medienschaffenden aus. PR-Büros und Pressestellen nehmen für sich in Anspruch, ein wachsendes Verlangen nach Information in einer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft zu befriedigen und als “Zulieferer” die Arbeit der Medienleute zu erleichtern. Dass sie dabei Partikularinteressen verfolgen, rechtfertigen sie mit dem Hinweis, dass dies einen gesunden “Informationswettbewerb” in einer demokratischen Gesellschaft ermögliche.
Journalistinnen und Journalisten neigen ihrerseits dazu, PR-Büros und Pressestellen als Abwehrreaktion auf kritische Medien und damit als Beweis für die Macht der “vierten Gewalt” zu interpretieren. Der oft wenig kritische Umgang der Medienleute mit dem Material der “Presseabwehrstellen”, wie die Branche spottet, zeigt indes, dass diese Einschätzung meist eher dem eigenen Wunschdenken entspringt.
Ganz falsch ist die Erklärung totzdem nicht. Der PR-Boom begann nämlich in den siebziger Jahren, der Zeit des beginnenden “Enthüllungsjournalismus” und der zunehmenden Medienpräsenz sich formierender Oppositionsbewegungen. In dieser Zeit machten Leute, deren Tätigkeit notorisch das Interesse der Öffentlichkeit und damit der Medien weckt, eine einfache Erfahrung: Da die Presse recherchierfreudiger und kritischer geworden war, wirkte sich das Verschweigen von “unerfreulichen” Informationen unvergleichlich schädlicher aus als deren eigenhändige, “offiziöse” Verbreitung. Mit der Erkenntnis, dass es sich lohnt, das Motto “ehrlich währt am längsten” mit Erfolg zu “ein bisschen ehrlich währt noch länger” auszubauen, schlug die Stunde der “Public Relations”.
Doch es gibt auch Gründe für den PR-Boom ausserhalb der Medien. Im gleichen Ausmass, wie Führungs- und Management-Strukturen bei Privatwirtschaft und Behörden komplexer wurden und das mittlere Kader dadurch zunehmend zum Träger geschäftsrelevanter Information aufstieg (“dilution of knowledge” nach Noam Chomsky), drängte sich eine professionelle Kontrolle des Informationsflusses zwischen “innen” und “aussen” auf: Erst durch “offizielle” Verlautbarungen konnten “bad news”, die sonst möglicherweise auf direktem Weg, sprich: über persönliche Kontakte zwischen Presse und Angestellten, an die Öffentlichkeit gelangten, relativiert, verharmlost oder im Mix mit “good news” entschärft werden. Gleichzeitig wurden damit auch allfällige Informanten diszipliniert: Ist einmal eine offizielle Verlautbarung in die Welt gesetzt, hören Beschäftigte eines Betriebes, die jetzt noch abweichende Auskünfte an die Medien geben, sofort den Vorwurf der Lüge an die Geschäftsleitung. Diese Handhabung von “bad news” durch die institutionalisierte Öffentlichkeitsarbeit zeigt deutlich, dass sie komplementär zu jeder Form von Journalismus arbeitet, für den auch heute noch die Regel gilt: “bad news are good news”.
Hatten die Anbieter von Information erst das Potential eines optimalen “Handlings” von “bad news” erkannt, war die Einsicht nicht mehr fern, dass auch “good news” einer Wertsteigerung unterliegen können. Richtig verpackt und präsentiert, bespielsweise mit einem der beliebten Medien-Preisausschreiben, kann Information zum Werbeträger und damit zu einem Geschäftskapital werden. Oder wie es Dieter Jäggi, Inhaber einer PR-Agentur und Doktor der Wirtschaftswissenschaften, formuliert: “PR sind in diesem Sinne eine Rückversicherung: In guten Zeiten soll Vertrauen und Goodwill akkumuliert werden – auch bei den Medien. Der Redaktor soll sehen, dass ein Vorfall ein Ausrutscher war und nicht ein Bestandteil der Unternehmenspolitik.” (KLARTEXT 2/1989)
Ein anschauliches Beispiel aus der Geschichte des “Info-Handlings” erzählte Hans Schurter, langjähriger Leiter des Wirtschaftsressorts beim “Tages-Anzeiger” (TA): Zu Beginn seiner Tätigkeit vor 27 Jahren wurden Journalisten kaum zu Aktionärsversammlungen grosser Konzerne zugelassen. Allenfalls mussten sie sich zu diesem Zweck von einer wohlgesinnten Bank eine Aktie überschreiben lassen, so bei “Hoffmann-La Roche”, “und bei ,Von Roll’ wurde der den Aktionären vertraulich abgegebene Geschäftsbericht am Ende der Versammlung wieder eingezogen.” Die Einführung der heute üblichen “Bilanzpressekonferenzen” wertete TA-Chefredaktor Roger de Weck denn auch als Sieg eines kritisch recherchierenden Wirtschaftsjournalismus, wie ihn Schurter betrieben hatte.
Doch möglicherweise ist es bloss ein Pyrrhussieg. Heute sorgen die Pressestellen an Bilanzpressekonferenzen für einen kontrollierten, oft geschönten und nicht selten irreführenden Informationsfluss und erschweren damit den Zugriff auf Material aus erster Hand. Dank der ständig wachsenden Flut an Wirtschafts-Informationen bleiben die Informationsverhinderer von gestern als Informationsanbieter von heute die Sieger: Die überforderten, nicht selten auch gutgläubigen oder schlicht demotivierten Journalistinnen und Journalisten sind manipulierbarer als je zuvor.
Vermeintliche Siege des kritischen Recherchier-Journalismus feiern sie dennoch enthusiastisch, die Peinlichkeiten der alltäglichen Arbeit legen sie stillschweigend ad acta. Eindrückliches Beispiel: Werner K. Reys “Omni Holding” wurde von der Presse, mit Ausnahme der NZZ, in den wirtschaftsjournalistischen Himmel gelobt – eine Bravourleistung der von Rey angeheuerten “Trimedia Public Relations AG”, die mit gezieltem “Info-Handling” die Puppen tanzen liess – bis sich das “Omni”-Medien-Luftschloss in nichts auflöste. In Redaktionen, die Rey vor dem Crash über den grünen Klee gelobt hatten, wird darüber tunlichst geschwiegen.
Die NZZ dagegen ist stolz auf die langjährige Rey-kritische Berichterstattung ihres Redaktors Hansjörg Abt, die – so wird behauptet – die “Omni” zu Fall gebracht habe. Ein Sieg des Recherchier-Journalismus über die Info-Manipulation? Matthyas Arter, ehemaliger Wirtschaftsjournalist (“Finanz und Wirtschaft”, TA) und heute Geschäftsführer einer Zürcher PR-Agentur, kritisiert diese Sicht in einem kürzlich erschienenen Büchlein über Public Relations* als Verschleierung der wahren Sachlage: Die Leistung der NZZ sei nur aus deshalb möglich geworden, weil Banker aus Abts Informantenkreis “willentlich” das Bankgeheimnis gebrochen und Abt als Werkzeug für ihre Ziele eingesetzt hätten – exakt wie auch Rey Journalisten für seine Ziele einsetzte. Analog interpretiert Arter auch die Rolle der “Mediengewalt” beim Sturz der Bundesrätin Elisabeth Kopp. Arters Schlussfolgerung, die ihn – so darf man vermuten – zum Wechsel in die PR-Branche bewogen hat: “Die Medien sind zwar ein mitunter mächtiges Werkzeug, aber sie stellen in sich selbst keine Macht dar.”
Diese Ansicht müsste Journalistinnen und Journalisten eigentlich zu denken geben, zumal sie von einem professionellen PR-Berater stammt. Doch solch offene Wortmeldungen sind selten, denn sie verstärken den Eindruck, dass es PR-Profis nicht um das Vertrauen der Medienschaffenden geht, sondern in erster Linie um das des Medienpublikums, das schnell und unkritisch konsumiert und nachträgliche Korrekturen oder Richtigstellungen nur in ausserordentlichen Fällen zur Kenntnis nimmt.
Immer häufiger können die Pressestellen-Profis auch davon ausgehen, dass geschickt verharmloste “bad news” oder knallig aufgebauschte “good news” genauso wie verdrehte Sachverhalte oder falsche Behauptungen zumindest dem Sinn nach unverändert Eingang in den redaktionellen Teil der Medien finden. Dafür haben einerseits die PR-Büros und Pressestellen gleich selber gesorgt, indem sie die Redaktionen mit Communiqués regelrecht überfluten und ihre Informationen mit immer kürzeren Sperrfristen versehen. Andererseits dürfen sie auf die den Medien eigene Dynamik hoffen, welche die Tagesaktualität favorisiert und daher die Erstveröffentlichung zum Primat erhoben hat.
So erscheinen in der Presse beispielsweise gekürzte Verlautbarungen, wenn überhaupt, nur mit Kürzeln gekennzeichnet, die der Grossteil der Leserschaft mit Autorenkürzeln verwechselt. Sinngemäss oder wörtlich wiedergegebene Communiqués werden, vor allem in den tagesaktuellen Medien, zu einem späteren Zeitpunkt kaum je durch einen nachrecherchierten Artikel relativiert oder objektiviert, selbst wenn sie sich als “faul” erwiesen haben.
PR-Profis haben die Bereitschaft der Medien zum Verlautbarungs-Journalismus längst erkannt und gehen deshalb immer häufiger dazu über, ihre Pressemitteilungen druck- oder sprechreif und manchmal sogar stilspezifisch auf einen Pressetitel zugeschnitten zu formulieren.
Die Tendenz des Journalismus, sich zu einer “Informationsadministration” zu entwickeln, wird nicht nur von vielen Redaktions-Mitgliedern bestätigt, sondern ist seit längerem auch belegt: 1985 untersuchte das Seminar für Publizistikwissenschaft der Uni Zürich erstmals (und bis heute leider auch letztmals) den “redaktionellen Umgang mit PR” in Schweizer Zeitungsredaktionen. Die ernüchternden Resultate, die sich mit ähnlichen Studien in Deutschland decken, hat der Kommunikationswissenschaftler René Grossenbacher im Buch “Die Medienmacher”** veröffentlicht.
Im April 1985 hatte seine Projektgruppe den Presse-Output von 18 repräsentativ ausgewählten Deutschschweizer Zeitungen (Gesamtauflage 1,5 Millionen Exemplare) über alle 53 Pressekonferenzen (PK) von Bund, Kantonen, Wirtschaft und Verbänden unter die Lupe genommen. Dabei stellte sich heraus: Bei 94 Prozent der PK war der Anlass bloss von Überlegungen der Öffentlichkeitsarbeit und nicht durch ein spezifisches Ereignis selbst bestimmt worden. Trotzdem erschienen 81 Prozent der Artikel über den Anlass bereit am Folgetag, und bis zum dritten Tag nach dem Medienereignis waren 94 Prozent der Meldungen erschienen. Die PR erzeugte also eine “fiktive Aktualität” durch die eigene Terminierung. Sie traf damit das Bedürfnis der Medien nach Sofortverwertung und “punktuellen Geschehnissen”, als welche sie die Stoffe – unabhängig von realen Ereignissen – auch darstellte. Dabei handelte es sich bei den an den PK abgegebenen Unterlagen – entgegen den Behauptungen vieler PR-Leute – fast ausschliesslich um “Schönwettertexte”: Nur fünf Prozent erwähnten einen Konflikt, 92 Prozent waren frei von Kritik, und zwei Drittel enthielten positive Wertungen.
Die Wirkung dieser “Good news”-Strategie war trotz der journalistischen Regel “only bad news are good news” beachtlich: Die 53 PK wurden in den 18 ausgewählten Tageszeitungen zu insgesamt 612 Artikeln verwertet. Davon stand jeder fünfte auf einer Frontseite. PK-Veranstalter, die bereits journalistisch aufbereitete (“gecoverte”) Primärtexte abgaben, erzeugten doppelt soviel Zeilen-Output in der Presse, als jene, die nur unbearbeitetes Material wie Referate oder Fact-Sheets lieferten.
Eine zentrale Frage der Untersuchung war jene nach der “Transformationsleistung” der Medien, also nach ihrem Anspruch, PR-Material zu prüfen, zu relativieren, kritisch zu kommentieren und Quellen transparent zu machen. Die Studie kam zum Schluss, dass der Anspruch der “Neutralisierung der PR-Selbstdarstellung durch die Medien”, im Sinne ihres vielzitierten “öffentlichen Auftrages”, “in der Realität nicht eingelöst werden kann”. Die ernüchternden Zahlen: 92 Prozent der erschienenen Artikel bedienten sich ausschliesslich rapportierender Darstellungsformen. Kommentiert wurde kaum, zur eidgenössischen Politik bloss etwas häufiger (14 Prozent) als zu wirtschaftlichen Themen (3 Prozent). Nur die Hälfte der Artikel nannten die korrekte Quelle der Informationen, und jeder dritte Artikel nannte überhaupt keine Quelle.
Eine Analyse der Texte zeigte, dass die Sichtweise in den Primärtexten, versteckt in wertenden Elementen, Adjektiven, Adverbien und Wendungen, in den Artikeln zwar abgeschwächt, der Tendenz nach jedoch übernommen wurde: “Interpretation von Sachverhalten und Ereignissen ist folglich keine spezifische Medienleistung, sondern wird bereits von Quellen vorweggenommen.” Grossenbacher untersuchte auch die Gewichtung der an den PK behandelten und angesprochenen Themen durch die Journalistinnen und Journalisten anhand eines Rasters von 78 Themenkategorien. Das verblüffende Resultat: Die Gewichtung der Themen durch die Presse entspricht beinahe vollständig derjenigen, die die PK-Veranstalter vorgeben: “Themen, die die Öffentlichkeitsarbeit schwergewichtig behandelt, behandeln auch die Medien schwergewichtig. Themen, die die Öffentlichkeitsarbeit am Rande behandelt, behandeln auch die Medien am Rande.” Die Studie kommt zum Schluss, dass PR-Profis “im Regelfall erwarten dürfen”, dass ihr Themenangebot und ihre Gewichtung dieser Themen von den Medien unverändert übernommen werden.
Grossenbacher, der mit seiner Untersuchung in Anspruch nimmt, ein repräsentatives Bild der Deutschschweizer Presse im Jahr 1985 zu zeichnen, zieht ein Fazit, das für die Journalistinnen und Journalisten vernichtender nicht sein könnte: “Die Neutralisierung des Inputs, die sich in einer Reduktion positiv wertender Elemente ausdrückt, bleibt als eine der spärlichen messbaren Transformationsleistungen der Medien … Die Selbstdarstellung der organisierten Interessen durch PR vermag sich praktisch unverändert durchzusetzen … Auf diese Weise, durch den weitgehenden Verzicht auf Eigenleistung, fördert das Mediensystem seine eigene Abhängigkeit von interessegebundenen Quellen und trägt damit zur eigenen Schwächung bei.”
Heute, fast acht Jahre nach Erscheinen seiner Studie, hält René Grossenbacher, der inzwischen eine eigene Firma für Medien-Beratung und -Kommunikationsforschung betreibt und einen Kurs am “Medienausbildungszentrum” zum journalistischen Umgang mit PR leitet, seine damaligen Schlüsse noch immer für zutreffend: “Die Lage hat sich eher zu Ungunsten des Journalismus verändert, verstärkt durch die Rezession und die dadurch gerechtfertigten Sparmassnahmen bei den Medien.” Die nötige Transformationsleistung der Medien funktioniere “vor allem im Alltags- oder Routine-Fall nicht”. Das werde auch durch neuere Untersuchungen in Deutschland bestätigt.
Dazu kommt, dass sich die PR-Branche seit Grossenbachers Recherche massiv entwickelt hat. “Gecoverte” Presseunterlagen bilden immer häufiger den Normalfall, weil immer öfter Presse- und PR-Stellen von ehemaligen Journalistinnen und Journalisten besetzt werden. Die Wanderer zwischen den Fronten kennen die inskünftig zu beliefernden Medien aus eigener Erfahrung, profitieren von medialen Bekanntschaften und haben heisse Drähte zu Ex-Kolleginnen und -Kollegen, meist in den Chefetagen ansässig.
Dabei können sich die Allrounder auch mal erlauben, was sich bei einem reinen PR-Profi schnell geschäftsschädigend auswirken würde: beispielsweise direkte Interventionen bei Vorgesetzten unliebsamer Journalistinnen und Journalisten oder öffentliche Schelte an die Adresse ehemaliger Berufskollegen aus den Medien. So geschehen im Fall Daniel Eckmanns, seit Juni 1991 Informationschef des “Eidgenössischen Militärdepartementes”. Der ehemalige Pressechef von “Schweizer Fernsehen DRS” (SF DRS) deponierte seinen Frust über die angeblich “einseitige” Berichterstattung von SF DRS zur “F/A-18-Initiative” mit einem “Bombardement” von Telefonanrufen und Telefaxen bei den “richtigen” Stellen an seinem früheren Arbeitsort am Leutschenbach, wie ein geplagter SRG-Redaktor der “SonntagsZeitung” berichtete.
Rümpften “Vollblut”-Journalisten vor wenigen Jahren noch die Nase ob den Kollegen von der “organisierten Information”, so scheinen deren Stellenangebote inzwischen verlockend genug auszufallen, um den harten Redaktions-Stuhl zu räumen und künftig im Interesse einer privaten Firma, einer Behörde oder eines Politikers in die Tasten zu greifen. Einige Beispiele: Nach zehn Jahren journalistischer Tätigkeit beim SF DRS trat Pierre Freimüller 1991 in den Dienst der “Swissair-Gruppe”, als “Leiter Information und Public Relations”. Der ehemalige “Radio DRS”-Bundeshauskorrespondent Marc Furrer avancierte 1988 zum persönlichen Berater von Bundesrat Adolf Ogi und 1992 zum ersten Chef des “Bundesamts für Kommunikation” (“Bakom”). Norbert Hochreutener, ehemaliger DRS-Bundeshausredaktor und glückloser CVP-Nationalratskandidat, übernahm 1992 die Spitze des Informationsdienstes der Bundeskanzlei, bevor er als “Chefredaktor Information” beim TV-Baby “S plus” ins Medienfach zurückwechselte. Der NZZ-Inlandredaktor Kenneth Angst ging Mitte 1992 als persönlicher Berater zu EMD-Chef Kaspar Villiger. In Bern verliess Dieter Widmer, Ressort-Chef “Kanton” beim “Bund”, 1991 die Zeitung, um sich von der “Bernischen Krafwerke AG” (BKW) als Informationschef anheuern zu lassen.Im Sommer dieses Jahres wechselten die Journalistinnen Catherine Cossy und Domnique Rub als Pressesprecherinnen zu Bundesrätin Ruth Dreifuss, im Herbst der “Bund”-Inlandredaktor Hugo Schittenhelm als Presse- und Informationschef zu Bundesrat Otto Stich.
Hinter den prominent kolportierten Exempeln steht eine zunehmende Zahl von Journalistinnen und Journalisten, die ihren unterbezahlten oder von Sparmassnahmen bedrohten Arbeitsplatz verlassen oder ihn bereits verloren haben und einen lukrativeren Job in einer der unzähligen Presse- oder PR-Stellen annehmen. Ebenfalls nicht gezählt sind die “Freien”, die neben ihrer journalistischen Arbeit das Einkommen mit “Publi-Reportagen”, PR-Dokumentationen, Polit-Manuals und ähnlichem aufbessern. Da es den Medien und vor allem der Presse schlecht geht, braucht sich die “organisierte Information” nicht um Personal zu sorgen. Personal, das die Denk- und Arbeitsweise der “anderen Seite” aus eigener Erfahrung kennt, um die Dynamik und Mechanismen redaktioneller Arbeit weiss, persönliche Beziehungen zu den Redaktionen mitbringt und all dies im Interesse eines privaten oder öffentlichen Auftraggebers einzusetzen bereit ist.
Moralische Kategorien anzulegen ist unnötig. Wer von plumpem “Lügen”, bewusster “Fehl”-Information und “bösartigem” Vertuschen, also einem vermuteten “unmoralischen” Verhalten der Informationsverursacher spricht, verklärt bloss den journalistischen Alltag im Umgang mit PR durch eine Wildwest-Romantik. PR-Desperados wie der – inzwischen in der PR-Branche verfemte – Elisabeth-Kopp-Berater Klaus J. Stöhlker, der schon zu offener Lüge, Desinformation und dem Verbreiten von falschen Gerüchten riet, vermitteln ein Zerrbild der realen Verhältnisse. Diese sind viel schlichter – was nicht weniger Ansprüche an die kritische Kompetenz der Medienschaffenden stellt.
Beispiel “Flüchtlinge aus Bosnien”: Ein ganzes Jahr lang pries das “Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement” (EJPD) 1992 seine angeblich humane und “grosszügige Visumspolitik zugunsten von Kriegsopfern” aus Bosnien. Im November letzten Jahres verbreitete das EJPD die Meldung, bereits hätten 70’000 Bosnierinnen und Bosnier in der Schweiz Schutz gefunden – eine ausserordentliche Zahl, die sich angesichts der damaligen Fackelzüge und Solidaritätskundgebungen gut ausmachte. Obwohl bereits anfangs 1992 Klagen von in der Schweiz lebenden Bosniern über eine angeblich sehr restriktive Visumspolitik der Behörden laut wurden, musste es Ende April 1993 werden, bis der EJPD-Sprecher und frühere “Tages-Anzeiger”-Chefredaktor Viktor Schlumpf kleinlaut eingestand, dass die vom EJPD immer wieder verbreiteten Zahlen “missverständlich formuliert” gewesen seien und dass in Wirklichkeit bis dato nur 11’300 Visa im Rahmen der vielgepriesenen “Aktion Bosnien” erteilt worden seien. Dabei hatte die Mehrheit der Empfänger keinen Flüchtlingsstatus erhalten.
Die zahlreichen Medien, die monatelang den behördlichen Meldungen aufgesessen waren, zeigten sich bloss erstaunt – über das EJPD.

* Matthyas Arter: “Public Relations heisst Brainwork”. Eigenverlag, Zollikon 1993, 76 Seiten, Fr. 15.-.

** René Grossenbacher: “Die Medienmacher. Eine empirische Untersuchung zur Beziehung zwischen Public Relations und Medien in der Schweiz”. Schweizerisches Public Relations Institut (Hrsg.), Vogt-Schild, Solothurn, 2. Auflage 1989, 114 Seiten (vergriffen).

SDA: OTS + MID = PR

Neuerdings brauchen sich Privatunternehmen, Behörden und Verbände nicht einmal mehr die Mühe einer Medienkonferenz mit Hellraumprojektor, Weisswein und üppigen Dokumentationsmappen zu machen, um ihre interessengebundenen Botschaften in den Spalten und Sendegefässen von Presse, Radio und Fernsehen zu plazieren. Dafür, dass die Chose effizienter und erst noch preisgünstiger läuft, sorgt ein Unternehmen, das bisher nicht zur PR-Branche, sondern zweifelsfrei zur Sparte Journalismus zählte: die “Schweizerische Depeschenagentur” (SDA).
Das magische Kürzel heisst OTS (“Original Text Service”) und steht für eine Dienstleistung, von der sich die “nationale Agentur” zukunftsträchtige Profite verspricht: Gegen Bezahlung verbreitet die SDA über ihr Nachrichtennetz Texte, die zwar nach journalistischen Kriterien kaum eine Chance hätten, als News weitergeleitet zu werden, deren Urheber aber um so mehr Interesse an der Diffusion haben. Für bloss rund 800 Franken sind kostenbewusste PR-Strategen dabei: Ihre Communiqués, egal ob unanständig geschönt oder grob desinformierend, werden flugs in die SDA-abonnierten Redaktionen gesendet – deutsch, französisch und italienisch. Der grosse Vorteil: Die Auftraggeber dürfen damit rechnen, dass die Diensthabenden auf den Redaktionen die Elaborate nur schon deswegen für publikationswürdig halten, weil sie übers SDA-Netz verbreitet worden sind. Und wer achtet im Stress schon darauf, ob ein Text mit OTS statt mit SDA gezeichnet ist?
Im übrigen gilt die Abkürzung OTS bereits manchen Redaktorinnen und Redaktoren als nicht näher identifizierbares Signum für “irgendeinen SDA-Spezialdienst”. Genau wie die drei Buchstaben MID, die ebenfalls immer öfter Meldungen auf dem SDA-Netz zieren: MID heisst “Medizinischer Informationsdienst” und steht vor Texten aus dem weiten Themenspektrum Gesundheit, die in der Berner SDA-Zentralredaktion verfasst werden – bezahlt von der “Interpharma”, dem “Verband Schweizerischer Chemisch-Pharmazeutischer Fabriken”.
Nach dem Vorbild von MID, ist aus der SDA-Zentrale zu vernehmen, seien weitere “Spezialdienste” geplant – die Agentur sei auf die Einkünfte “angewiesen”.

10. Juli 2007 von Klartext

Analysieren verboten!

Vor lauter Anstrengung, schneller als die Konkurrenz zu sein, verlieren die tagesaktuellen Medien mehr und mehr die Fähigkeit, den Wust an Nachrichten einzuordnen und Zusammenhänge sichtbar zu machen.

“Nichts”, besagt ein in der Medienbranche besonders beliebtes Bonmot, “ist älter als die Zeitung von gestern.” Wohl wahr, denn die kurzfristige Erscheinungsweise der Tageszeitungen – und noch extremer die Abfolge der Nachrichtensendungen an Radio und Fernsehen – rechtfertigt sich ja einzig durch die rasche Berichterstattung, mithin den ständigen Aktualitätsbezug der vermittelten Inhalte. Das hatte – längst vor dem Radio- und TV-Zeitalter – schon Charles-Louis Havas begriffen, der im Jahr 1832 in Paris der Welt erste Nachrichtenagentur gründete.
Dennoch: Bei aller Einsicht in den unbestrittenen Anspruch, via Massenmedien schnell mit internationalen, nationalen und lokalen News versorgt zu werden, muss die Aufgeregtheit erstaunen, mit der mittlerweile immer mehr Redaktions-Crews ihren Konsumentinnen und Konsumenten den Eindruck einzuhämmern versuchen, besonders nah am sogenannten Puls des aktuellen Geschehens zu sein. Zweitens, so scheint es, zählt heute, was zu vermelden ist – und erstens, welches Medium dabei das schnellste ist.
Spätestens seit der US-amerikanische Nachrichtensender CNN den Golfkrieg weltweit als Videospiel auf die Bildschirme brachte und gleichzeitig anfing, sich als 24-Stunden-Live-Transporteur amtlicher Propaganda zu verdingen, sorgt das Wort “Aktualität” bis in die Redaktionen provinzieller Kleinstadt-Blätter für feuchte Augen. Die selbstverordnete Sucht, schneller als die Konkurrenz zu sein, hat auch hierzulande in den Köpfen mancher Medienleute einen so hohen Stellenwert gewonnen, dass sie sich jegliche Analyse des Berichteten verbieten müssen – die Energie, die dafür benötigt würde, zerrinnt unter dem Aktualitätsdruck.
Dabei ist karg genug, was aus der Anstrengung resultiert. Noch immer vergeuden Chefredaktoren die Arbeitskraft ihrer Journalisten und Journalistinnen dafür, denselben Neuigkeiten hinterher zu hecheln, die ohnehin von den für teures Geld abonnierten Nachrichtenagenturen ins Haus geliefert werden. Korrespondentinnen und Korrespondenten hängen an Pressekonferenzen herum und hoffen dabei, zwischen Tür und Angel ein Extra-Info-Häppchen zu ergattern, das sie – auch wenn es noch so nichtig ist – als erste ins Blatt heben oder in den Äther schicken können.
Informiert sein heisst bei solcher Berufsauffassung nicht mehr, Inhalte zu verstehen und zuhanden des Publikums verständlich zu machen – es bedeutet bloss noch die Fertigkeit, einzelne News-Fetzen am schnellsten “verbraten” zu können. Dass dabei sowohl die zeitliche Kapazität als auch die journalistische Fähigkeit, Nachrichten einzuordnen und Zusammenhänge sichtbar zu machen, zwangsläufig verlorengehen, scheint die auf “top-aktuelle” Banalitäten versessene Jounaille nicht zu stören – auch wenn damit eine zentrale Funktion der Medien aufgegeben wird.
Als Trendsetter des rigiden Aktualitätsdrucks fungierten nicht allein die in hartem Konkurrenzkampf stehenden privaten Fernsehstationen, sondern ebenso die Printmedien – zuvörderst die Boulevardpresse. Doch inzwischen hat der schiere Zwang zum schnellen Text längst auch die sogenannt seriösen Tageszeitungen erfasst – auch in der Schweiz.
Bemühungen, den Hang zu dem verhängnisvollen Aktualitätsdruck zu unterlaufen und statt dessen mehr Hintergrund zu liefern, sind derzeit rar. Bemerkenswerte Anstrengungen unternehmen etwa die Kollegen und Kolleginnen von der DRS-Radiosendung “Echo der Zeit”.
Als Beispiel in der hiesigen Tagespresse bietet sich wohl die “Neue Zürcher Zeitung” an, die nach wie vor eine altmodische Fülle von Background-Information liefert. Oder der “Tages-Anzeiger”, der zumindest in den Ressorts Ausland, Schweiz und Wirtschaft dazu übergegangen ist, die von den Agenturen bezogenen News mehr oder weniger konsequent als Kurzmeldungen zu publizieren und die grossen Flächen im Blatt für journalistische Eigenleistungen mit vertiefendem Charakter zu reservieren.
Die Aufteilung zwischen Nachrichten und Analyse, die jetzt der “Tages-Anzeiger” ausprobiert, praktiziert die französische Zeitung “Le Monde” seit Jahren mit Erfolg. Dass es bisher noch kaum ein Schweizer Blatt auf diese Art versucht hat, darf freilich nicht erstaunen. Denn die meisten Chefs der Tageszeitungen haben, wie ihre Kollegen bei den elektronischen Medien, mangels anderer publizistischer Perspektiven die “Aktualität” als “Innovation” entdeckt. Und auf den Redaktionen gefällt’s.
Pionierarbeit leistete übrigens schon vor mehr als 30 Jahren der “Blick”. Das Boulevardblatt meldete im Frühsommer 1963 schneller als alle andern den Tod von Papst Johannes XXIII. – als er noch am Leben war.

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