9. Juli 2007 von Klartext

Vom Programm zum Ornament

Heinz Däpp blickt Anno 2000 zurück

Fürwahr, es war ein turbulentes Dezennium in diesem wundersamen Reich der Medien! Die Kraft des Marktes, die urwüchsig wie nie zuvor durch Gazetten und über Bildschirme brandete, der Fortschritt der Technik, unaufhaltsam wie eh und je, nicht zuletzt aber auch der Mensch – und wir meinen hier den Menschen an sich – haben das Mediengefüge nachhaltig verändert. Wenn zu Beginn der neunziger Jahre vorerst ungewiss schien, wohin die Reise gehen werde, so dürfen wir heute, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, feststellen, und zwar nicht ohne Genugtuung, dass sich alles zum Guten wendet.
Linksextreme Untergangspropheten von der Währung eines Jürg Frischknecht müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, mit ihrer Schwarzmalerei Zweckpessimismus verbreitet zu haben, denn es ist anzunehmen, dass bei diesen Unkenrufern Wünsche Väter der Gedanken waren. Ein Glück, dass ihre Saat auf steinigen Boden fiel. Mit Gottlieb F. Höpli dürfen wir dankbar ausrufen, dass wir die Medien haben, die wir verdienen: Das Schweizer Fernsehen zeigt sich bunt, bewegt, dekorativ – ein Schmuckstück jeder Schweizer Stube. Roger Schawinski ist mit seiner RVO (“Radioverbund Opus AG”) zum unaufdringlichen Begleiter, zum diskreten Ratgeber einer jeden Schweizerin, eines jeden Schweizers geworden. Merci, Roger! Und für die Qualität der gedruckten Presse unseres Landes bürgt ein grosser Name: “Bertelsmann”.
Wenn im folgenden der Versuch unternommen wird, die schweizerische Mediengeschichte der vergangenen zehn Jahre nachzuzeichnen, dann darf immer wieder zurückgegriffen werden auf KLAR-TEXT, den nüchternen Beobachter und fi-ligranen Chronisten der laufenden Ereignisse.

Wenden wir uns zuerst den elektronischen Medien und damit der SRG zu. Im Januar 1990, als die SRG noch ein öffentlicher Veranstalter war, meinte der damalige Bundesrat Adolf Ogi mit dem ihm eigenen Weitblick, dass er sich ein rein privates zweites Schweizer Fernsehen nur schwer vorstellen könne, dass ihm aber Partnerschaften und Kombinationen mit verschiedenen Veranstaltern, auch mit der SRG, schon eher möglich schienen (KLAR-TEXT 1/90). Ogi hat mehr als recht behalten: Seine Voraussage stimmt bereits für das erste Schweizer Fernsehen, und sie wird um so mehr auch für das zweite stimmen, falls dieses dereinst einmal von irgendwem als nötig erachtet werden sollte.
Die SRG, die noch zu Beginn der neunziger Jahre weniger als Radio- und Fernsehveranstalter denn als Prügelknabe der Nation von sich reden machte, wurde für Partnerschaften und Kombinationen interessant, als sie 1993, nach dem Gebührenstreik, ihren Welschschweizer Blinddarm an Bouygues und ihr Tessiner Überbein an Berlusconi abtrat. Die neue Vorwärtsstrategie, die nach der Rückkehr von Leo Schürmann an die SRG-Spitze konsequent darauf ausgerichtet wurde, das Notwendige zu tun und das Wünschbare vorderhand zu lassen, stiess freilich nicht auf ungeteilte Zustimmung (Näheres dazu in Yann Richter und Stelio Molo: “Das wollten wir nicht”, WoZ-Verlag, Zürich).
Nach dieser Flurbereinigung stand der Umwandlung des vereinsrechtlichen Ungetüms SRG in eine Aktiengesellschaft nichts mehr im Wege, wobei die eidgenössischen Räte anlässlich der elften Revision des 1992 in Kraft gesetzten Radio- und Fernsehgesetzes dem Bund eine Aktienmehrheit von 51 Prozent sicherten, gegen den Willen der FDP, die sich für eine “saubere privatwirtschaftliche Regelung” und gegen das “vorprogrammierte Debakel” aussprach (vgl. Ernst Mühlemann: “Weder Fisch noch Vogel”, KLARTEXT 3/93).
Da die Zuteilung der Aktienminderheit, die sich das Parlament vorbehalten hatte, im Differenzbereinigungsverfahren stecken blieb, wurde mit einer zwölften Gesetzesrevision das sogenannte Vertragsmodell eingeführt, das die Lösung dieses heiklen Problems an die direkt interessierten Aktionärsanwärter delegiert (siehe auch Lilian Uchtenhagen: “Ein Ansatz zur Basisdemokratie”, KLARTEXT 4/93). Die Aktionärsanwärter, die vom 2. November 1993 bis zum 14. Februar 1995 im Hallenstadion Zürich tagten, einigten sich schliesslich darauf, das ganze Aktienpaket provisorisch einem Bankenkonsortium zur treuhändlerischen Verwaltung zu überlassen und auf den 3. März 1996 eine neue Verhandlungsrunde anzusetzen. Im Laufe der Beratungen war es wiederholt zu schweren Ausschreitungen gekommen. Die Polizei musste Wasserwerfer und Tränengas einsetzen. Margrith Trappe und Alfred Fetscherin wurden vorübergehend festgenommen.
Die gemischtwirtschaftliche Unternehmensform hätte sich nach diesen Anlaufschwierigkeiten zweifellos bewährt, wenn die SRG den neu gewonnenen Goodwill nicht durch die Renitenz gewisser ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder verspielt hätte. Diese Ewiggestrigen miss-achteten, teils sogar vorsätzlich, die revidierten Konzessionsbestimmungen, welche die SRG nur noch verpflichteten, “Freude zu bereiten” (vgl. Peter Schellenberg: “Vom Programm zum Ornament”, Lenos Verlag, Basel, Berlin und Paris). Es gab SRG-Angestellte, die Bundesräte auch jetzt noch zu politischen Äusserungen provozierten, und vielleicht ist der Fall jener Radioredaktorin noch in Erinnerung, die den Generalstabschef vor offenem Mikrophon fragte, ob die Armee denn heute wirklich noch nötig sei.
Derartige Ungebührlichkeiten veranlassten die eidgenössischen Räte im Herbst 1996, mit einer weiteren Revision des Radio- und Fernsehgesetzes die Unabhängige Beschwerdeinstanz zum Bundesmediengericht mit Sitz in Aarau zu erweitern. Zu dessen erstem Präsidenten wurde Adolf Ogi gewählt, nachdem er 1995 wegen drastischen Wählerschwundes seiner Partei völlig unverschuldet den Bundesratssitz verloren und dank vorzeitiger Zulassung zur Altersuniversität Freiburg im Üchtland zwei Jahre später mit dem Prädikat cum laude zum Lizentiaten beider Rechte promoviert hatte. Ogi urteilte hart, aber gerecht. Nicht zuletzt seinem umsichtigen Wirken darf zugeschrieben werden, dass die Mediendelinquenz signifikant rückläufig ist, was auch Skeptiker der Medienjustiz nicht bestreiten (vgl. Jörg P. Müller: “Das Bundesmediengericht im Spiegel der Grundrechte”, Verlag Stämpfli, Bern; darin besonders lesenswert das Nachwort von Max Jäggi).
Einen für die schweizerische Medienzukunft nicht unwesentlichen Beschluss fassten die eidgenössischen Räte ebenfalls in der Herbstsession 1996. Weil die Rechnung des Bundes und auch jene der SRG mit dramatisch hohen Fehlbeträgen abschlossen, wurde entschieden, die in Bundesbesitz befindlichen 51 Prozent der SRG-Aktien an den Meistbietenden zu verkaufen. Am meisten bot ein undurchsichtiges Firmenkonglomerat, dem sowohl Aloys Hirzels “Trimedia-GGK-ASGS/BBDO-Wirz & Farner Worldwide AG” als auch Schawinskis “Radioverbund Opus AG” (RVO) angehören. Später wurde übrigens bekannt, dass auch für das andere SRG-Aktienpaket eine allseits befriedigende Lösung habe gefunden werden können.
Der neugewählte SRG-Verwaltungsrat, der sich mit Elan und Kompetenz hinter die Sanierung des finanziell maroden, wenngleich leistungsmässig erfolgreichen Unternehmens machte, beschloss bereits an seiner konstituierenden Sitzung, die defizitären Radiobetriebe abzustossen. Als Käufer kam nur Schawinskis RVO in Frage, der über die schweizerischen Alleinrechte für die sogenannte Digitalschleuder verfügt. Diese macht es möglich, ein zentral produziertes Radioprogramm in beliebig viele Lokalprogramme aufzufächern, wobei die Lokalinformation mittels eines Lesephons automatisch eingespiesen wird. Anstelle eines kostspieligen Studios und einer mehrköpfigen Redaktion genügen für den Lokalradiobetrieb jetzt ein grösserer Briefkasten und ein Lokalzeitungs-abonnement.
Zu berichten ist auch noch über eine andere technische Neuerung, die uns mit Stolz erfüllen darf. Antonio Riva, mit dem zu Unrecht schon niemand mehr gerechnet hatte, überraschte an der Mustermesse 1998 mit dem von ihm selber entwickelten Blaufilterkondensator, der dem Fernsehbild, ohne es zu verändern, eine angenehm dormidante Wirkung verleiht. Das stufenlos regulierbare Gerät von der Grös-se einer Zündholzschachtel, das in Sichtverbindung zum Bildschirm aufgestellt werden muss, garantiert bei Maximalleistung Vollschlaf innert zehn Sekunden. Das Apparätchen ist so kodiert, dass es nur für das SRG-Programm angewendet werden kann. Gegenüber KLARTEXT (2/98) zeigte sich Riva davon überzeugt, dass dank dem Blaufilterkondensator die Einschaltquoten der SRG “ganz erheblich gesteigert” werden können.

Blicken wir nun zurück auf die nicht minder stürmisch verlaufene Entwicklung der Schweizer Presse in diesem Jahrzehnt. Im April 1990, als “Ringier” noch nicht zum “Tages-Anzeiger” und der “Tages-Anzeiger” noch nicht zu “Jean Frey” gehörte, als in der Schweiz auch noch niemand von “Bertelsmann” sprach und als “Merkur” vor allem noch Kaffee verkaufte, wie man zumindest glaubte, im April 1990 also sagte René Giulianelli, damals noch Neuling in der Branche, dass jeder Mitarbeiter, um langfristig glücklich zu sein, stolz auf seinen Arbeitgeber müsse sein können und dass er, Giulianelli, es als seine Aufgabe sehe, den “Jean Frey”-Mitarbeitern diesen Stolz zurückzugeben (KLARTEXT 2/90).
Keine Angaben machte der “Jean Frey”-Chef darüber, wie es um das langfristige Glück jener Mitarbeiter steht, deren Arbeitgeber unversehens, oft über Nacht, ein anderer geworden ist. Die seither wiederholt aufgeworfene Frage, ob Stolz in solchen Fällen übertragbar sei, beantwortete Giulianelli später (KLARTEXT 2/96) dahingehend, dass Stolz käuflich und somit in der Tat übertragbar sei. Diese Auffassung blieb nicht unwidersprochen (“Briefe im KLARTEXT”, Ausgabe 3/96).
Aus heutiger Sicht ist festzustellen, dass der Streit ein Streit um des Kaisers Bart war, weil – wie Matthias Steinmann mit seinem Schinderdetektor überzeugend nachgewiesen hat – bestehender oder fehlender Stolz auf den Arbeitgeber sich kaum auf die ZAP (Zeilenabfüllpotenz) niederschlägt, womit Grund zur Annahme besteht, dass dieser Faktor auch das langfristige Glück nicht oder nur unmerklich beeinflusst. Wir möchten hier allerdings relativierend anmerken, dass sich die Korrelation zwischen Stolz und Glück durchaus auch anders deuten lässt, nämlich nicht kausal, sondern gewissermassen kaudinisch (tiefschürfend dazu Hugo Bütler: “Schreib’ dich glücklich”, vor allem S. 679ff., NZZ-Verlag, Zürich).
Wenden wir uns nach diesem Exkurs in die Arbeitspsychologie nun aber wieder praxisrelevanteren Themen zu. “Ringier” schien 1993 über dem Berg zu sein (vgl. Frank A. Meyer: “Wir sind noch einmal davongekommen”, KLARTEXT 2/93), als nach der Einstellung der serbelnden “Schweizer Illustrierten” die Fachblätter “Petri Heil”, “Sex” und “Süssspeisen” lanciert wurden. Doch dann warf Beat Curti überraschend “Fliegenfischen”, “Gruppensex” und “Dessert mit Rahm” auf den Markt, worauf “Ringier” wie eine reife Birne der “Tages-Anzeiger AG” in den Schoss fiel, die sich bereits ein veritables Kopfblatt-Imperium angeeignet hatte und mit der NZZ erste Kooperationsgespräche führte.
Niemand wusste freilich, dass beim “Tagi” “Merkur” schon lange mitmischelte, und als Heinrich Hächler 1998 als Direktor in die “Eidgenössische Drucksachen- und Materialzentrale” (EDMZ) wechselte – nicht ganz unfreiwillig, wie gemunkelt wurde – , schlug der vermeintliche Kaffee-händler gnadenlos zu. Er kaufte das “Tagi-Ringgi”-Imperium mit Schlumpf und Stiel, verkaufte es gleichentags an Werner K. Rey, Mehrheitsaktionär der “Curti-Frey-Verlags AG”, und erwarb mit dem Spekulationsgewinn ebenfalls noch an diesem Freitag, dem 13. November 1998, “Feldschlösschen” und “Mövenpick”.
Jetzt endlich schien wieder Ruhe einzukehren im Bannwald der Demokratie, und René Giulianelli versicherte glaubhaft (KLARTEXT 6/98), dass nun nicht nur für das langfristige Glück der “Curti-JF/TA-Ringier”-Belegschaft gesorgt sei, sondern auch für sein eigenes. Das Glück dauerte bis 1999, als Werner K. Rey Litauen kaufte und in einen Liquiditätsengpass geriet. Der Rest ist bekannt: “Bertelsmann”.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Politik und Medien in diesen zehn ereig-nisreichen Jahren entwickelt? Im August 1990, als die sogenannte Fichen-Affäre einen Sturm im Wasserglas auslöste und als die SRG noch über Themen dieser Art berichtete, vermisste der damalige FDP-Präsident Franz Steinegger die journalistische Reflexion des Problems und konstatierte stattdessen politische Mission (KLARTEXT 4/90). Solche Fehlleistungen, wie sie in jener Zeit und auch noch später häufig gerügt werden mussten, sind einerseits dank der generalpräventiven Wirkung der Medienjustiz selten geworden. Andererseits hat sich der Beschluss der SRG-Generaldirektion, auf die redaktionelle Darstellung politischer und anderer kontroverser Sachverhalte zu verzichten, besänftigend auf das ganze Land ausgewirkt und die Arbeit der Behörden sehr erleichtert.
Die Information der Bürgerinnen und Bürger, die für das einwandfreie Funktionieren der direkten Demokratie unabdingbar ist, wird nun bekanntlich im Rahmen der Fernsehwerbung vermittelt. Damit ist Gewähr geboten für eine objektive, ausgewogene und sachgerechte Darstellung der Probleme, wie sie früher mit den unzulänglichen journalistischen Arbeitsmethoden auch von gutwilligen Medienschaffenden nicht zu erbringen war. Die Werbespots des Bundes werden nicht zuletzt dank der Unterbrecherwerbung erfreulich gut beachtet. Ines Torelli, Walter Roderer, Kurt Felix und andere bürgen für eine optische Akzeptanz der nicht immer einfach zu vermittelnden politischen Botschaften.
Zuständig für diesen immer wichtiger werdenden Bereich staatlichen Handelns ist das “Bundesamt für Demokratiewerbung” mit seinem überaus kompetenten Direktor Peter Studer und den drei rührigen Abteilungschefs Anton Schaller (Bundesrats-Image), Urs P. Gasche (Armee-Er-haltung) und Beni Thurnheer (besondere Aufgaben).
Die Demokratiewerbung ist im Parlament grundsätzlich unbestritten, gibt aber hinsichtlich der finanziellen Konsequenzen immer wieder zu reden. Anlässlich der letztjährigen Budgetdebatte wurde ein freisinniger Kürzungsantrag (um 150 Millionen auf 1,45 Milliarden Franken) abgelehnt, nachdem Bundesrat Brönnimann die Ratsmitglieder ermahnt hatte, wer die Demokratie wolle, müsse sie sich auch etwas kosten lassen. Überwiesen wurde ein Postulat Loeb (FDP, Bern), das den Bundesrat einlädt, zwecks Kostensenkung die Frage einer teilweisen Privatisierung der Demokratiewerbung zu prüfen. Keine Chance hatte der sozialdemokratische An-trag, als sichtbares Zeichen europäischer Solidarität die Demokratiewerbung versuchsweise auf die deutsch-österreichischen Sender “Toyota 1”, “Pepsi 3”, “IBM-plus” und NCG (“Nescafé Gold”) auszudehnen.

Fragen wir uns abschliessend noch kurz, wie sich die Mediengewerkschaften in diesen bewegten Jahren zurechtgefunden haben. Tiziana Mona wies den einzig gangbaren Weg (KLARTEXT 5/90): mass-volle Anpassung statt sinnloser Widerstand. In diesem Geiste haben die Verbände komfortabel überlebt und sich 1995 zur “Vereinigten Mediengewerkschaft” zusammengeschlossen. Präsidiert wird sie von Hans (“Johnny”) Weissmüller, der im Mai 1968 in Paris ein Auge verlor, dann bei Cortesi Journalist wurde, von 1978 bis 1991 in der “Ringier”-Entwicklungsabteilung “Petri Heil” und “Jägerlatein” konzipieren half, kurze Zeit offen war für Neues und nun als Gruppenchef Fluchtgeld in der Sektion Bankgeheimnis bei “Trimedia” arbeitet.
Seiner Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass 1998 die paritätische Härtefallkommission geschaffen wurde, die zu prüfen hat, ob PR-Verweigerer in Redaktionen tatsächlich aus religiösen oder ethischen Gründen und in schwerer Gewissensnot handeln, was ihnen Anrecht auf psychiatri-sche Behandlung und bei ungünstiger Pro-gnose auf vorzeitige Pensionierung gibt.

Ein ganz gewöhnlicher Tag im Herbst 1997

Fridolin Fuchs belauschte drei Gespräche, die erst noch stattfinden werden

Morgens beim “Tagi”
“Sechs Millionen Verlust im Jahr. Ich sehe keine Möglichkeit mehr”, sagte der Vorsitzende der Holding-Konzernleitung (intern: Vau-Ho-Ko) und strich sich durchs angegraute Haar, “wir müssen ,Cash für die Frau’ einstellen. Oder gibt es andere Meinungen?” Heinrich Hächler lehnte sich zurück und wartete.
Oscar Frei, Vorsitzender der Holding-sparte Tiefdruck/Vertrieb (intern: Vau-Ho-Ess-Ti-Ve), meldete sich als erster: “Völlig deiner Meinung, Vau-Ho-Ko. ,Cash für die Frau’ ist ein Flop. Einstellen.”
“Danke”, sagte Hächler.
“Dennoch”, fuhr Hächler fort, “es ist nun bereits das dritte Mal, dass wir eine Neulancierung wieder einstellen müssen. Zuerst ,Cash am Sonntag’, dann ,Cash Basel’, jetzt ,Cash für die Frau’. Machen wir etwas falsch?”
“Ich glaube nicht”, sagte Florian Hew, Vorsitzender der Holdingsparte Hochdruck/Zeitungen (intern: Vau-Ho-Ess-Ho-Ze), “fünf Milliarden Umsatz im Jahr können nicht lügen.”
“Danke”, sagte Hächler, fuhr sich durchs angegraute Haar, lehnte sich zurück und blickte gegen die Decke. “Manchmal”, sinnierte er, “manchmal scheint es mir, dass wir uns doch sehr verändert haben, seit wir 1993 Ringier übernommen haben …”
Alle schwiegen, lehnten sich zurück und strichen sich durchs Haar. Nur der Lärm von der nahen U-Bahn-Station Dufourstrasse durchbrach die gedankenschwere Stille im Raum.
“Michael Ringier hat übrigens eine Postkarte geschickt”, fuhr Hächler fort, “sein Tennis-Camp in Florida floriert. Und er dankt dafür, dass die verlegerische Tradition seiner Familie bei uns hochgehalten werde. Was meint er bloss damit?” Suchend blickte der Chef in die Runde.
Wieder senkte sich Schweigen über den Raum.
“Wie siehst du das eigentlich, Nik?” fasste Hächler nach.
Niklaus Meienberg, Vorsitzender des Verwaltungsbereichs Publizistik und Chef aller Chefredaktoren (intern: Vau-Vau-Pu-Ce-A-Ce) räusperte sich: “Mir ist das schnorz. Hauptsache, ich darf im ,Blick’ und im ,Tagi’ schreiben.”
“Immer noch der Alte, unser Nik”, freute sich Hächler und lehnte sich zurück.
Ein Klopfen an der Türe unterbrach die Sitzung, eine Sekretärin trat ins Zimmer und überreichte dem Vau-Ho-Ko eine Notiz.
Hächler überflog sie, nickte und informierte gutgelaunt die Runde: “Nach einer schlechten nun eine gute Nachricht. Die ,Tages-Anzeiger’-Redaktion hält sich zwar noch immer im Redaktionsgebäude in Schlieren verbarrikadiert. Aber man ist bereit, über unsere Budgetvorgaben für nächstes Jahr zu verhandeln. Zum Zeichen ihres guten Willens hat die Redaktion vor einer halben Stunde zwei der fünf Geiseln freigelassen, die sie seit Freitag gefangenhält. Einen Disponenten und eine Zeitungsverträgerin.”

Nachmittags beim TV
“Ich hab’s genau gesehen, Frank, ganz genau, du hast die NZZ heimlich in den Papierkorb geschmissen.” Roger Schawin-ski, Generaldirektor von “TV 23”, fixierte sein Gegenüber streng über den Rand sei-ner Lesebrille.
Frank A. Meyer, Chefredaktor von “TV 23”, breitete die Arme aus und zuckte schuldbewusst mit den Schultern: “Tschuldigung, Roger, ein alter Reflex.”
“In sechs Wochen ist Winter”, dozierte Schawinski, “da brauchen wir zum Heizen, was wir nur kriegen können. Die NZZ ganz besonders. Die haben das beste Papier.”
“Früher im Berner Bellevue”, kicherte Meyer, “da haben wir mit ganz anderem Material geheizt, da haben wir eines Abends zum Beispiel …”
“Du bist nicht mehr im Bellevue, Frank”, unterbrach Schawinski roh, “du bist im Leutschenbach.”
“Eben”, sagte Meyer.
“,Nur Private können sparen’. Vergiss nicht: Mit diesem Slogan bin ich gemeinsam mit Aloys Hirzel 1996 zur Aktienmehrheit im Fernsehen gekommen.” Schawinskis Stimme wurde beschwörend. “Nur Private können sparen! Aus der SRG haben wir damals ,TV 23′ gemacht. ,TV 23′ – der Sender der 23 Kantone! Schluss mit dem Zentralstaat, privat steht parat, haben wir gesagt! Nur Private können sparen, und nur …”
“Du bist hier nicht am Radio, Roger”, unterbrach Frank A. Meyer.
“Tschuldigung, Frank, ein alter Reflex.”
“Auch aus staatspolitischen Gründen”, Meyer streckte den Zeigefinger hoch, “und gerade aus staatspolitisch-föderalistischen Gründen braucht dieses Land ,TV 23′. Und für dieses gemeinsame Ziel scheuen wir weder Kosten noch …”
“Was!” schrie Schawinski, “was scheuen wir nicht?”
“Ähem, wie hast du übrigens mein letztes ,Colgate-gibt-frischen-Atem-Vis-à-vis’ mit Bundesrat Leuenberger gefunden?”
“Ähh, ich fand …”
“Ich fand es hervorragend”, Meyer breitete die Arme aus, “vielleicht nicht ganz so gut wie mein Gespräch mit ,Nestlé’-Chef Blocher, aber dennoch, die journalistische Vision, typisch Frank Ahhh Meyer würde ich sagen, weisst du, weil …”
“Schon gut, Frank”, unterbrach Schawinski, “und wieviel hat Blocher bezahlt?”
“10’000, aber schliesslich kennen wir uns schon seit den Zeiten, als er noch …”
“Zuwenig, Frank, wie immer. Ich sage es dir zum letztenmal: Die Tarife gelten auch für deine alten Spezis! Unter 15’000 Franken ist bei ,Colgate-gibt-frischen-Atem-Vis-à-vis’ keiner dabei. Unter 20’000 kein Auftritt im ,Denner-ist-immer-billiger-Kassensturz’, mindestens 30’000 kostet es am Samstagabend bei ,Kurt Felix und die Schweizer Banken verstehen Spass’.”
“Immerhin”, Meyer fuchtelte erregt mit dem Zeigefinger, “immerhin, Roger, habe ich nach der letzten Sendung von ,Merkur-Café-Fédéral’ eigenhändig die Espressotassen gespült.”
“Schon gut, Frank, war nicht böse gemeint. Und im übrigen ist es in ein paar Minuten sowieso 15.00 Uhr. Wir müssen in die Kantine.”
“Und gegen wen jassen wir heute?”
“Gegen dieselben wie immer. Peter Schellenberg, der Wetterfrosch, und Erich Gysling vom ,Senioren-Magazin’.”

Abends in der Oper
“Ah, sali Walti”, grüsste Beat Curti und hob kurz die Hand, “wie läuft’s bei ,Toyota’ so immer?”
Dann wandte er sich an der Opernhaus-Bar wieder seinem ursprünglichen Gesprächspartner zu.
“Ich weiss nicht, Herr Rey, muss das wirklich sein? Eine Wochenzeitung mit dem Titel ,Europas Pferde’? Warum denn gerade das?”
“Andreas Z’Graggen wünscht es sich so sehr, Herr Curti, und er ist sicher, das wird ein Geschäft.”
“Ah, sali Hans, wie läuft’s bei der ,Bank Bär’ denn so immer?” Beat Curti hob kurz das Champagnerglas und wandte sich dann wieder seinem ursprünglichen Gesprächspartner zu.
“Seit unserer vollständigen Fusion im Jahr 1991, Herr Rey, haben wir in unserer ,Curti-Frey-Verlags AG’ alle Wünsche erfüllt. Hildegard Schwaninger bekam ihr Kulturmagazin ,Libretto’, für René Giulianelli haben wir den Berner ,Bund’ gekauft, Hannes Hinnen durfte die Illustrierte ,Herzblut’ machen, Jürg Ramspeck bekam sein Kulturradio und Peter Hartmeier die Wochenzeitschrift ,Politik & Wirtschaft & Kultur & Sport & Rätsel & Inserate & Leserbriefe’.”
“Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Herr Curti”, sagte Werner K. Rey, “ich finde diesen Titel nach wie vor etwas lang.”
“Ah, sali Jutta, wie läuft’s denn so bei ,Mövenpick’?” Beat Curti winkte kurz zum Nebentisch und wandte sich wieder seinem ursprünglichen Gesprächspartner zu.
“Seien wir ehrlich, Herr Rey, eigentlich müssten wir lernen, auch mal Nein zu sagen. Oder haben wir bisher wirklich genügend Geld verdient?”
“Nein, Herr Curti, und wer wüsste das besser als ich.”
“Ah, guten Abend Herr Frehner, alles in Ordnung beim ,Bankverein’?” Ein kurzer Händedruck zur Linken, dann wandte sich Werner K. Rey wieder seinem ursprünglichen Gesprächspartner zu.
“Und warum, Herr Curti, ärgern wir uns nicht über all das schöne Geld, das wir ausgegeben haben?”
“Weil wir noch richtige Verleger sind, Herr Rey, weil wir eine Vision haben, eine Mission.”
“Richtig, Herr Curti, das ist der Punkt. Wie läuft es übrigens sonst in der Firma, wie machen sich die neuen Töchter ,Usego’ und ,Jelmoli’?”
“Danke, gut, Herr Rey, und wie steht es in Ihrem Unternehmen? Alles im Griff bei ,Bührle’ und ,Swissair’?”
Ein Läuten durchdrang die Opernhaus-Bar, es rief zurück zum dritten Akt – man gab im übrigen Verdis “La Traviata”.
“Ein Hoch auf die wahren Verleger, ein Hoch auf die Medien!” jubelte Beat Curti, hob das Glas und stiess beschwingt mit seinem Geschäftspartner an.
“Prost, Herr Curti.”
“Prost, Herr Rey.”

9. Juli 2007 von Klartext

Indiskretes & Ungereimtes

Zwei Tendenzen kennzeichnen die Medienentwicklung der letzten zehn Jahre: mehr Kommerz, weniger Inhalte. KLARTEXT bildete den Trend regelmässig an aktuellen Beispielen ab – und wurde damit öfter mal zum Ärgernis in Chefetagen.

Ein eigenwilliges Geschenk zum zehnten Geburtstag durfte KLARTEXT vom gröss-ten Deutschschweizer Medienunternehmen entgegennehmen. “Damit blase ich die Lichter aus”, teilte “Ringier”-Sprecherin Beatrice Tschanz im Schlusssatz eines Einschreibe-Briefs der “sehr geehrten Redaktion” des Schweizer Medien-Magazins mit, “unser Kontakt ist beendet.” Je eine Kopie der Abschiedsbotschaft ging nicht nur an die Mitglieder der Unternehmensleitung, sondern gleich noch ans “Gesamtkader ,Ringier AG'” – auf dass sämtliche Chefs und Souschefs KLARTEXT fortan meiden möchten.
KLARTEXT, solcherart bestraft für eine in Ausgabe 5/90 veröffentlichte und im “Ringier”-Pressehaus unwillkommene Recherche über den aktuellen Geschäftsgang des Konzerns, wird mit dem Bann leben. Zumal die nervöse Reaktion des Buntblätter-Imperiums nicht ganz originell ist: Schon einmal, 1989 – nach einer Reihe von KLARTEXT-Berichten über bevorstehende konzerninterne Umstrukturierungen – , hatte das oberste “Ringier”-Management den förmlichen und während Monaten befolgten Beschluss gefasst, dass “kein Mitglied der Unternehmensleitung” mehr mit KLARTEXT sprechen dürfe.
Derlei kindlichen Trotz gegenüber dem Übermittler von Inside- oder Negativ-Nachrichten konstatierte KLARTEXT bislang freilich nirgendwo sonst in der Medienszene dieses Landes: weder auf den Chefetagen von Presse, Funk und Fernsehen noch bei beamteten oder parlamentarischen Medienpolitikern. Mit Ausnahme der in letzter Zeit fleissig umbesetzten Führungscrew von “Ringier AG”, so scheint es, haben sich die Macher und Machtträger in der Medienlandschaft Schweiz während der letzten zehn Jahre daran gewöhnt, dass für sie alle zwei Monate zumindest die Möglichkeit besteht, Indiskretes oder gar Ungereimtes und Unangenehmes aus dem ureigenen Umfeld lesen zu müssen.
Dass KLARTEXT-Berichte in den Augen der Betroffenen öfter zum Ärgernis geraten, ist nur folgerichtig. Das wird wohl unvermeidlich bleiben, solange das Medien-Magazin, wie im Editorial der allerersten Ausgabe versprochen, “über Ansichten und Absichten der Medien-Mächtigen” informiert und gleichzeitig zeigt, “wie die Medien-Produzenten ihren selbst-gewählten Dienst an der Öffentlichkeit versehen”. Denn genau wie vor zehn Jahren macht sich auch heute nicht nur beliebt, wer es unternimmt, “Öffentlichkeit über einen Wirtschaftszweig herzustellen, der zwar öffentlich tätig ist, aber vieles am liebsten im Dunkeln abwickelt”.
Einschlägige Exempel gab’s im KLARTEXT zuhauf.
Als beispielsweise am 10. November 1987 die “Berner Zeitung” (BZ) aus der mit fünf Verlagshäusern geschlossenen “SonntagsBlatt”-Partnerschaft ausgestiegen war und damit das blaue Blatt nach nur elf Monaten Existenz gekillt hatte, meldete KLARTEXT samt dazugeliefertem Dementi: “Da steckt der ,Tagi’ dahinter.” Genau einen Monat später setzte BZ-Verwaltungsratspräsident Charles von Graffenried seine Unterschrift unter das Dokument, das die Gründung der “Verlags AG SonntagsZeitung” ermöglichte – gemeinsam mit der “Tages-Anzeiger AG”. KLARTEXT-Kommentar: “Dabei wird es nicht bleiben.” Inzwischen besitzt die “Tages-Anzeiger AG” happige 49 Prozent der BZ-Aktien, die beiden Häuser arbeiten je länger desto enger zusammen (Beilagen “Das Magazin”, “TVplus”; Anzeigenkombi).
Als der Zürcher Verleger Max Frey Anfang 1987 klammheimlich begonnen hatte, einen Käufer für seine vom überforderten Sprössling Marc dirigierte “Jean Frey AG” zu suchen, verriet KLARTEXT, welchen Interessenten Frey senior seinen Konzern der Reihe nach angedient hatte, bevor er schliesslich mit dem Financier Werner K. Rey handelseinig wurde: der Zürcher “Tages-Anzeiger AG”, dem britischen Medien-Giganten “Maxwell”, dem bundesdeutschen Medienkonzern “Burda” und den Schweizer Verlagshäusern “Ringier” und “Curti”. Schon fünf Jahre früher, Anfang 1982, hatte KLARTEXT Max Freys ersten grossen Deal enthüllt – den als “Zürcher Pressehandel” bekanntgewordenen Verkauf des “Züri Leu” an den damals von Junior-Verleger Hans Heinrich Coninx geleiteten “Tages-Anzeiger”-Verlag.
Und als der mittlerweile zum Parteipräsidenten der Schweizer Sozialdemokraten aufgestiegene Walliser Nationalrat, Jurist und Alternativjournalist Peter Bodenmann (“Rote Anneliese”) im Frühling 1988 Parteigenossen und Spitzengewerkschafter von der Notwendigkeit einer “grossen linken Tageszeitung” überzeugen wollte und ihnen sein Konzept “Die Neue” (erträumte Auflage: 145’000) vorstellte, war davon ebenfalls im KLARTEXT erstmals zu lesen. Dass dann die kleinlichen Gewerkschaftsbosse von dem ehrgeizigen Projekt nichts wissen wollten, schrieb Helmut Hubacher, Bodenmanns Vorgänger als Sozi-Vorsitzender, später – realitätsfremd – der “vorzeitigen KLARTEXT-Publikation” zu.
Froh um Klartext aus den eigenen Betrieben sind – anders als die Managements – mitunter ganze Belegschaften. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der “Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft” (SRG) etwa entnahmen KLARTEXT bereits im Oktober 1989 mit Verwunderung, dass ihr Unternehmen in eine verhängnisvolle Finanzkrise schlittert – damals mochte sich noch nicht einmal das Aufsichtsorgan der SRG, der Zentralvorstand, mit dem folgenschweren Thema befassen. “Ringier”-Beschäftigte mussten ebenso zu KLARTEXT greifen, um frühzeitig über die diversen Analysen, Berichte und Vorschläge zum Unternehmens-Umbau informiert zu sein, welche die Beraterfirma “Hayek Engineering AG” im Auftrag der “Ringier”-Konzernleitung verfasst hatte.
Klar, dass KLARTEXT in Veröffentlichungen dieser Art immer auch die mit der jeweiligen Nachricht verbundenen Zukunfts-Perspektiven fürs hiesige Medienschaffen aufzuzeigen versuchte. Eher als über neue und neuartige Möglichkeiten für meinungsbildenden – also aufklärerischen und kritisch hinterfragenden – Journalismus war dabei freilich über zusätzliche publizistische Barrieren zu berichten. Oder über die grossspurige Lancierung von zum Teil bereits wieder verstorbenen Trivialmedien: Allein der Verlag “Ringier” brachte seit 1985 acht neue Titel auf den Markt (“Blick für die Frau”, “Auto-Blick”, “Blick Basel”, “Emois”, “Film-Revue”, “Billion”, “Globo” und “Cash”), ausser “Globo” und “Cash” existiert keiner mehr.
Überhaupt – das zeigt schon ein flüchtiger Blick durch die ersten 60 KLARTEXT-Hefte – dominierten zwei Tendenzen die Medienentwicklung zwischen 1980 und 1990: mehr Kommerz, weniger Inhalte. Wobei sich allerdings den KLARTEXT-Verantwortlichen mit ihrem offenbar vorgestrigen Medien-Verständnis bis heute nicht erhellt hat, warum in dieser Branche – von wenigen Ausnahmen abgesehen – kaufmännischer Erfolg partout via Verzicht auf journalistischen Anspruch angestrebt wird. Das Rezept leuchtet um so weniger ein, als die aus solcher Hoffnung geborenen Produkte den sicheren Profit keineswegs garantieren – ganz im Gegenteil.
Für das von Verleger Beat Curti initiierte und gemeinsam mit “Basler Zeitung”, “Berner Zeitung”, “St. Galler Tagblatt”, “Bündner Zeitung” und “Vaterland” eilig aus dem Boden gestampfte und nicht einmal ein Jahr alt gewordene “SonntagsBlatt” (KLARTEXT-Schlagzeile beim Start: “Sonntagsblablablatt”) setzten die beteiligten Verlagshäuser 22 Millionen Franken in den Sand. Das in den letzten Jahren fast ausschliesslich auf “Blick”-Journalismus fi-xierte Haus “Ringier” verlor erst mit der Fehlplanung “Blick Basel” über zehn Millionen Franken und dann mit dem von irritierten Inserenten geschmähten “Blick für die Frau” nochmals mindestens 20 Millionen. Und von den gegen 40 werbefinanzierten Privatradiostationen, die im – mehrfach gesprengten – Rahmen der “Rundfunksversuchsverordnung” hoffnungsfroh starteten, schreiben auch sieben Jahre nach Beginn die meisten noch blutrote Zahlen.
Selbst das mit einem vergleichsweise ansprechenden Programm angetretene Managerfernsehen “European Business Channel” (EBC) wurde nach einer Lebensdauer von ganzen 20 Monaten unrühmlich zu Grabe getragen – weil seine Promotoren nicht begreifen wollten, was realistische Branchenkenner von Anfang an prognostiziert hatten: dass das mit vollen Händen ausgegebene Geld unmöglich als Werbeeinnahme wieder in die Kasse fliessen wird. “Das vor allem vom Unternehmer Felix Matthys finanzierte Frühstücksfernsehen”, meldete KLARTEXT als erster Mitte Juni 1990, “steht vor dem Zusammenbruch, wenn seine letzte Über-lebenschance nicht Wirklichkeit wird: der Einstieg des Medien-Multis ,Time Warner’.” Die Amerikaner lehnten dankend ab, zwei Wochen später stellte EBC seine Sendungen für immer ein.
Wenn sich KLARTEXT mal nicht mit den finanziellen Phantastereien von expansionsbegeisterten Verlagshäusern oder wirklichkeitsfremden Möchtegern-Unternehmern im Sektor Radio und Fernsehen herumschlagen musste, hatte er öfter über Maulkörbe zu berichten, die – den in etablierten Häusern noch verbliebenen – missliebigen Medienschaffenden umgebunden wurden. Seit die SRG zweitens dazu neigt, mehr und mehr die faden Programm-Produktionen der Kommerz-Konkurrenz zu kopieren und erstens in ein immer grotesker anmutendes Netz von Reglementen, Beschwerde-Entscheiden und Politiker-Kritik verwoben ist, eignen sich vor allem Programmleute der nationalen Radio- und Fernsehanstalt als journalistische Prügelkinder der Nation.
Das durfte TV-Moderator Kurt Aeschbacher erleben, nachdem er es in der DRS-Sendung “Grell-Pastell” unterlassen hatte, der kritischen deutschen Theologin Uta Ranke-Heinemann den Mund zu verbieten: Erst die “Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen” (UBI) und später das Bundesgericht entschieden auf Konzessionsverletzung.
Das mussten aber auch die Autorinnen und Autoren der “Villiger-Sendung” von “Radio DRS” zur Kenntnis nehmen: Sie wurden zwar mehr als ein Jahr nach Einreichung einer Beschwerde des Zürcher FDP-Rechtsauslegers Ernst Cincera von der UBI freigesprochen – an den vorangegangenen Diffamierungen, etwa durch die “Neue Zürcher Zeitung”, änderte das freilich nichts. Und auch nicht daran, dass SRG-Generaldirektor Antonio Riva im Mai 1989 brav eine FDP-Delegation empfing, die ihn wegen der “Villiger-Sendung” rüffeln wollte; an dem vertraulichen Meeting geriet dann allerdings die geplante Medienschelte – wie KLARTEXT in Heft 3/89 enthüllte – dank den ebenfalls anwesenden DRS-Programmdirektoren Andreas Blum (Radio) und Peter Schellenberg (Fernsehen) zur Parteienschelte.
Eine – freilich eher absurde – Erfahrung mit Maulstopf-Versuchen machte auch KLARTEXT selbst. Ein halbes Jahr, nachdem das Medien-Magazin (in Ausgabe 6/87) über den erstinstanzlichen Militärprozess gegen zwei Journalisten des “Walliser Boten” (WB) wegen “landesverräterischer Verletzung militärischer Geheimnisse” berichtet und dabei den inkriminierten WB-Artikel abgebildet hatte, wurde KLARTEXT-Redaktor Marco Caluori auf offener Strasse verhaftet – um dem militärischen Untersuchungsrichter “zugeführt” zu werden. Die famosen Militärjuristen überlegten sich dann genau zwei Jahre lang, wie sie den “Fall” erledigen könnten. Im Sommer 1990 – nachdem sich sogar uniformierte “Experten” damit befasst hatten – kam ihnen dann der rettende Einfall: weil auf 1. Januar 1991 die militärischen Geheimhaltungs-Vorschriften ohnehin gelockert würden, sei – schwuppdiwupp – nicht mehr strafbar, was KLARTEXT Ende 1987 “begangen” hat.

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