11. Juli 2007 von Klartext

LeserInnen-Briefe

5/03 · Personalien
Über die Lorenz-Wolffers-Personalia habe ich mich nicht wenig gewundert. Nach meiner Auffassung hat die “NZZ am Sonntag” mit der Dokumentation der Fälschungs-Vorgänge “très en detail” (KLARTEXT) das in dieser Frist Mögliche zur Bewältigung und Transparenz beigetragen. Ich jedenfalls habe alle drei Beiträge mit grossem Interesse verschlungen. Ideologisch infiziert scheint der Seitenhieb auf den angeblich rezyklierten Text von NZZ-Chefredaktor Hugo Bütler. Es spricht doch überhaupt nichts dagegen, einen äusserst informativen Vortrag vor einigen Schweizer Zeitungsverlegern einem grossen Zeitungspublikum zugänglich zu machen. Ich habe die Vollversion von Bütlers Vortrag bestellt und mit ebenso grossem Interesse nochmals verschlungen – ein Dokument, das für reflektierende Journalisten Pflichtlektüre ist und das ich eigentlich gern im KLARTEXT gelesen hätte. Absurd schliesslich der Hinweis darauf, dass Bütlers Beitrag Platz für Beiträge von freien Journalisten weggefressen habe: Eine spannende Recherche über die aktuell existenzbedrohliche Situation der freien Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz habe ich in den jüngsten Ausgaben des KLARTEXT jedenfalls vergeblich gesucht. Was für eine Story das wäre!
Peter Knechtli,
Editor OnlineReports.ch, Basel

5/03 · Editorial
Die SRG kriegt gut eine Milliarde an öffentlichen Geldern. Wenn sie damit nicht eine grosse Meinungsvielfalt anbieten würde, müsste man ihr die Franken schnell wegnehmen.
Sollen wir also auch der Presse eine Milliarde Franken geben? Sicher würde sie ihr Angebot (noch) vielfältiger gestalten. Aber man/frau stelle sich mal vor: Dann gäbe es ebenso langwierige und beschränkt ergiebige politische Verhandlungen um lexikon-dicke Pressegesetze, ferner langwierige Scharmützel mit der Verwaltung um die Auslegung dieser Gesetze. So etwas wird sich keiner wünschen, der lieber schreibt und produziert für die öffentliche Sache, als sich juristischen Spiegelfechtereien auszusetzen.
Um des Minderheitenschutzes willen muss man und frau sich eine öffentlich finanzierte SRG leisten. Die Folgen sollte man aber auch nicht vergessen: Der Riese SRG verzerrt im Kleinstaat alle marktwirtschaftlichen Dimensionen im elektronischen Sektor. Das ist nicht lustig für alle, die ausserhalb der SRG etwas aufbauen wollen.
Rainer Stadler,
Medienredaktor NZZ

5/03 · Verschwommen und verwackelt
Es ist dem Radiojournalisten Klaus Bonanomi unbenommen, die Bildqualität im “Magazin” zu kritisieren. Er sollte dies aber in einer Art und Weise tun, die dem Magazin-Journalismus gerecht wird. Wir versuchen im “Magazin”, die Inhalte der Texte bildlich eigenständig umzusetzen, also je nachdem eine klare Bildsprache oder eine experimentellere Umsetzung zu wagen. Und so denken wir manchmal auch in Bildabfolgen, die sehr viel spannungsreicher, tiefer gehender sein können als Einzelbilder. Um eine solche Abfolge handelte es sich zum Beispiel bei den Bildern von Wolfgang Joop und Filippo Leutenegger, die Herr Bonanomi in seinem Artikel behandelt, als seien es Einzelbilder. Dass Herr Bonanomi die Bildabfolge geflissentlich verschweigt, zeigt leider, dass er die Polemik über die Tatsachen stellt, eine Unart, an der KLARTEXT als Medium schon seit längerem leidet.
Peer Teuwsen,
Stv. Chefredaktor “Das Magazin”

10. Juli 2007 von Emil Müller

Voll Text

Die KLARTEXT-Hefte ab Ende 1990 sind nun im Internet abrufbar und ermöglichen ein Wiedersehen mit aktuellen Themen. Von Emil Müller.

Früher war alles besser! Wer hat sich nicht schon dabei ertappt, angesichts des fortschreitenden Neo-Liberalismus, stromlinienförmiger Mainstream-Schreiber und marktorientierter Content-Provider jenen Satz zu denken, den in der Jugendzeit nur die Grossmutter ungestraft sagen durfte: “Ja, ja, früher war alles besser!” Ist dann der erste Anflug von Nostalgie vorüber und beginnt der Denkapparat wieder zu funktionieren, fragt man sich, ob es denn wirklich besser war früher. Und man stellt fest, man weiss es nicht, weil die Erinnerung einen immer wieder im Stich lässt und die Vergangenheit dem Vorgang des selektiven Vergessens unterwirft. Damit ist jetzt Schluss ? mindestens teilweise.
Wer nämlich wissen will, wie das genau war mit diesem und jenem Ereignis in der Medienbranche, für den oder die gibt es ab sofort das Archiv von KLARTEXT im Internet. Und dieses bringt so einiges wieder in die Erinnerung zurück, was der eine oder die andere lieber in der Vergessenheit belassen hätte. Insgesamt sind es rund 2000 KLARTEXT-Artikel, die im Archiv von www.klartext.ch abrufbar sind. Damit wird die jüngste Vergangenheit der Schweizer Medienwelt praktisch lückenlos dokumentiert. Und das ist einiges. Immerhin hat sich die Medienlandschaft in den struben 90er Jahren so grundlegend verändert, wie seit der Erfindung des Fernsehens wohl nicht mehr.
Diese äusserst detaillierte Dokumentation liefert den Beweis, dass es früher keineswegs besser war als heute. Kleine Müsterchen gefällig?
Schon 1992 hat sich KLARTEXT über den Mainstream auf DRS 3 geärgert. “Ralf Rabe” hörte für die Nummer 4/1992 einen Tag lang DRS 3 und stellte fest: “Die auf DRS 3 zu fast jeder Tages- und Nachtzeit präsenten ?Phone-ins?, dümmliche Ratespiele à la ?Trival Pursuit?, T-Shirt-Wettbewerbe und Konzertticket-Verlosungen” sollten den Eindruck vermitteln, “dabei” zu sein. Doch Ralf Rabe kam zum Schluss, dass diese Wirkung bei ihm ausblieb. Vielmehr empfand er das Programm “über weite Strecken nervtötend”. In dieser Beziehung hat sich also wenig verschlechtert ? nur leider auch nicht verbessert.
Auch wem Roger Schawinskis Abgang bei Tele 24 im letzten Jahr allzu larmoyant vorkam, sieht sich mit dieser Einschätzung im Archiv bestätigt: Schawinski war schon immer ein Macher, aber auch ein “Jammeri”. In der Ausgabe 2/1991 schreibt KLARTEXT im Lead zu einem Artikel über das serbelnde Opus-Radio: “Wenn sich Roger Schawinski verrechnet, sind prinzipiell die anderen schuld.”
Und natürlich finden sich im Archiv auch alle Pleiten und Pannen, die sich in den vergangenen Jahren zugetragen haben. So ist genaustens nachzulesen, wie beispielsweise das “Kummermodi” Margrith Trappe mit ihrem Tell-TV-Projekt baden ging. Ebenso wird der Niedergang der linken Blätter journalistisch begleitet und beklagt. Und all das natürlich in gewohnter KLARTEXT-Manier: gut recherchiert, gelegentlich ein bisschen übertrieben, manchmal ätzend, manchmal versöhnlich und meistens mit angenehm ironischer Distanz.
Und schliesslich ist das Archiv auch eine Fundgrube für die ganz Eitlen und die Klatschsüchtigen unter den Medienleuten: Sämtliche “Personalien” der letzten 12 Jahre sind im elektronischen Archiv abrufbar. Denn seien wir doch ehrlich: So richtig dazu gehört eben doch nur, wer mindestens einmal in den Personalien erschienen ist ? obwohl eigentlich niemand in den Personalien erscheinen möchte. Oder will NZZ-Chefredaktor Hugo Bütler daran erinnert werden, dass er anno 1991 das Erscheinen von Inseraten für Jean Zieglers Buch “Die Schweiz wäscht weisser” glattweg verbot?
Das KLARTEXT-Archiv im Internet umfasst sämtliche Artikel und Interviews, die seit 1990 im KLARTEXT erschienen sind. Die erste archivierte Nummer ist das Jubiläums-Heft, das 1990 zum 10-jährigen Bestehen erschienen ist. Die Hefte aus den 80er Jahren sind noch nicht archiviert, da diese Texte nicht mehr elektronisch vorhanden sind. Das KLARTEXT-Archiv lässt sich mit einer einfachen Suchmaschine nach Begriffen durchsuchen. Allerdings kann die ganzen Artikel nur lesen, wer im Besitz eines aktuellen KLARTEXT-Hefts ist. Dort findet sich jeweils im Impressum das aktuelle Passwort. Bis zum Erscheinen der nächsten Nummer (3/2002) lautet das Passwort “Maibummel”. Viel Spass! ?

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