10. Juli 2007 von Zora Zensura

Das Ich und die Titanic

Es ist das Ich-Blatt. In keinem anderen Medium hier zu Lande dürfen Kolumnen-SchreiberInnen das 3-Buchstaben-Wort so ungehemmt ausleben wie in „Das Magazin“. Ich (Richard Reich) ärgere mich über den Laubbläser, ich (Guido Mingels) will keine Meinung haben, ich (Doris Knecht) klage über meine Mimis. Die Ichs tragen ausserdem Namen wie Widmer, Hamilton-Paterson oder Potthoff. Edelfedern, würde „Magazin“-Chef Res Strehle sagen. Und Edelfedern dürfen, was mir als gewöhnlicher Tastaturarbeiterin untersagt ist: Die LeserInnen damit erfreuen, dass sie a) sich ärgern, b) keine Meinung und c) dafür aber Kinder haben.
Als Tastaturarbeiterlehrtochter habe ich gelernt, mich vom Ich fern zu halten. Man sagte mir, dieses Wörtchen führe ein gemeines Eigenleben und pflege sich breitbeinig zwischen LeserIn und Text zu stellen. Doch inzwischen habe ich gemerkt, dass das, was für mich tabu ist, bei der Schönschreibelite geradezu als Pflicht gilt – dank des Ichs kann ich auch sofort erkennen, dass ich eine Edelfeder lese.
Besonders lehrreich nachzulesen ist dies in der speziellen Nummer 39 des „Magazins“. Ich lese über den Tag im Leben des Kurt-Felix-Ichs: Normalerweise steht es erst gegen Mittag auf, so um zwei, drei Uhr, je nachdem, ob Paola schon wach ist; in dem Fall bleibt es noch ein bisschen liegen. – Oder das Neuste des Doris-Knecht-Ichs: Es ist wieder trächtig, kocht seinem lieben Haemmerli die weichen Eier, und wenn die Mimis lauter sind als sieben Dezibel, stopft es ihm das Fläschchen in den Mund und ihnen etwas Superskunk beziehungsweise andersrum. – Und das im Gefängnis sitzenden De-Weck-Ich liest in seiner Anklageschrift: „Zeilenschinden in Zitateinheit mit Zeittotschlag“. Es fragt sich mit C. G. Jung: Was ist der Unterschied zwischen einer Kolumne und dem Fegefeuer? Beides ist eine Strafe, aber die Kolumne geht irgendwann doch zu Ende.
Nicht ganz, noch fehlen mir wenige Zeilen. Die reichen, um zu sagen, dass die Felix-De-Weck-Knecht-Ichs für einmal vom Satiremagazin „Titanic“ persifliert wurden. Und ich frage mich ebenfalls mit C. G. Jung: Was ist der Unterschied zwischen einem Ich und der Titanic? Ersteres schreibt über den Eisberg eine Kolumne, statt unterzugehen.

10. Juli 2007 von Nick Lüthi

Auf der Suche nach Abonnenten

In den fetten Jahren der Internet-Euphorie konzipiert, ein Jahr nach dem Platzen der dot.com-Blase lanciert: Moneycab, publizistisches Flaggschiff von Goldbach Media, steht vor einer unsicheren Zukunft – nun hofft man auf Erfolg mit Pay-Content.

Es ist eine Frage der Zeit oder des Geldes, wie lange das journalistisch ambitiöse Finanz- und Börseninformationsportal Moneycab.com noch über die Runden kommt. Es wird zwar an allen Ecken und Enden versucht, kostenoptimierend die Personalsituation zu bereinigen und weitere Geldquellen zu erschliessen, so richtig Erfolg versprechend sieht allerdings keine der getroffenen Massnahmen aus. Doch der Kurs ist vorgegeben. Anfang Jahr äusserte sich der damalige Moneycab-Geschäftsführer Markus Gisler folgendermassen: “Wir müssen dieses Jahr beweisen, dass wir Geld verdienen können. Sonst macht das Projekt keinen Sinn.” Gislers Nachfolger Fredy Hämmerli pflichtet den Aussagen seines Vorgängers bei, relativiert allerdings den Zeithorizont: “Dass wir dereinst schwarze Zahlen schreiben müssen, steht ausser Zweifel. Ich rechne allerdings damit, dass dies frühestens 2004 der Fall sein wird.”
Noch kann sich Moneycab über Wasser halten, wohl vor allem dank der “Transfersumme”, die Goldbach Media bei der Übernahme des Portals im Dezember 2001 von Tamedia, Bluewin und Credit Suisse, den drei Gründungspartnern des Portals, erhalten haben soll. Offiziell wurde über den “Kaufpreis” zwar Stillschweigen vereinbart. Doch laut Branchenkreisen soll Tamedia der Goldbach-Gruppe bis zu zwei Millionen Franken bezahlt haben. Gut unterrichtete Quellen gehen davon aus, dass das Küsnachter Medienhaus pro Monat rund 200’000 Franken für den Betrieb von Moneycab drauflegen muss. Somit wäre die Mitgift in diesen Tagen aufgebraucht (man rechne: 10 Monate seit der Übernahme à 200’000 Franken, ergibt 2 Millionen) und Goldbach müsste aus der eigenen Kasse das Portal finanzieren. Deshalb erstaunt es nicht, dass mit dem Segen des Goldbach-Verwaltungsrats vor kurzem eine Vorwärtsstrategie eingeschlagen wurde, die eine zusätzliche Einnahmequelle erschliessen soll. Dieser Rettungsanker heisst Pay-Content.

Wer kauft Bits & Bytes?
Seit längerem schon wurde das neue Modell angekündigt, aufgrund von Personalengpässen konnte es aber erst in den letzten Tagen realisiert werden. Frei zugänglich sind auf Moneycab.com weiterhin die aufbereiteten Agenturmeldungen, ein Teil der Marktdaten sowie jene journalistischen Eigenleistungen, die nicht mehr topaktuell sind. Die aktuellsten redaktionellen Texte sind neu kostenpflichtig, wie auch eine Reihe zusätzlicher Angebote, die es bis anhin noch nicht gab. So ist es zum Beispiel möglich, sich eine Auswahl von Artikeln abends als personalisierte Zeitung per E-Mail zuschicken zu lassen. Andere Neuerungen sind Instrumente zur Beobachtung des Geschehens an der Börse. Gekauft wird der Pay-Content im Abo. Das billigste kostet rund 100 Franken pro Jahr, das teuerste – das so genannte “Investor Package” – schlägt mit 300 Franken zu Buche. Im Gegensatz zu Zeitungsverlagen, die noch nie einen Hehl daraus gemacht haben, dass mit kostenpflichtigen Internet-Inhalten kaum Geld zu verdienen ist, rechnet Moneycab mittelfristig mit Pay-Content als stärkstem Standbein neben den Werbeeinnahmen. “Rund 30 bis 40 Prozent unserer Einnahmen wollen wir mit dem Verkauf von Inhalten generieren”, erklärt Geschäftsführer Fredy Hämmerli. Wenige Tage nach der Einführung des Pay-Channels will sich Hämmerli noch nicht dazu äussern, wie viele Abos man zu generieren gedenkt. Nur so viel: “Sollte sich praktisch niemand für ein Abo entscheiden, wäre das natürlich schon ein Desaster.”

Hat Goldbach das Vertrauen?
So weit darf es allerdings nicht kommen, sonst hat die Goldbach-Media-Gruppe bei ihrem Sorgenkind schnell den Stecker rausgezogen. Vorerst scheint aber das Medienhaus aus Küsnacht das Vertrauen zu Moneycab noch zu haben. Schliesslich hat laut Moneycab-CEO Fredy Hämmerli der Verwaltungsrat seinen Segen zu der Pay-Content-Strategie gegeben. “Weil wir noch nicht in der Gewinnzone sind, schaut man uns aber kritischer an als andere Unternehmensteile”, so Hämmerli weiter. Auflagen in Form von Abozahlen, die erreicht werden müssten, gebe es keine. Im Budget würden aber einnahmeseitig gewisse Erwartungen formuliert. Genaue Zahlen sind jedoch keine zu erfahren.
Der Pay-Channel soll – und kann – es natürlich nicht alleine richten. Schliesslich befindet sich unter dem Dach der Goldbach-Gruppe auch noch die Swisscontent Corp., ein ehedem umsatzstarkes Start-Up dank lukrativen Verträgen mit der Post für ihr inzwischen gescheitertes Internetportal Yellowworld. Swisscontent und Moneycab wurden unter dem Dach der Goldbach-Gruppe zusammengeführt und sollten fortan als zwei sich ergänzende Unternehmensteile Synergien freilegen. Das Unterfangen entpuppte sich allerdings als schwierig. Neben einer unterschiedlichen Arbeitskultur der beiden Fusionspartner gab es primär bei der Integration der Informatik Probleme. Auch die Verzögerung der Einführung des Pay-Channels ist auf diese Schwierigkeiten zurückzuführen. Laut Moneycab-Geschäftsführer Hämmerli seien die Informatiker “noch mit anderen Problemen beschäftigt gewesen”.
Am meisten zu spüren bekamen den Zusammenschluss der beiden Firmen die Angestellten. Im Laufe der sukzessiven Liquidierung des Firmenstandorts von Swisscontent im bernischen Kehrsatz wurden die MitarbeiterInnen vor die Wahl gestellt, nach Zürich umzuziehen – oder den blauen Brief entgegenzunehmen. Bei der letzten Kündigungswelle im März sollten die MitarbeiterInnen mit individuellen Angeboten nach Zürich gelockt werden. Auf die Forderung der Betriebskommission nach Gleichbehandlung folgten dann die Kündigungen. Ausserdem wurde versucht, die Gewerkschaften, die bei der ersten Kündigungswelle im vergangenen Winter in die Verhandlungen einbezogen werden mussten, aussen vor zu halten.

Verschlechterte Arbeitsbedingungen
Dasselbe scheint sich nun zu wiederholen. Laut Informationen der Online-Gewerkschaft Syndikat wurde allen fünf Informatikern von Moneycab/Swisscontent gekündigt, nachdem die gesamte Informatik der Goldbach-Gruppe an die Consulting-Firma Skybow ausgelagert wurde. Skybow-Geschäftsführer Peter A.C. Blum ist gleichzeitig VR-Präsident von Goldbach. Zwar wurden laut Syndikat den Moneycab-Informatikern Arbeitsverträge mit Skybow angeboten, zu Bedingungen allerdings, die nur ein einziger Mitarbeiter zu akzeptieren bereit war.
Harzig läuft es auch bei der Akquisition von Kunden und dem Eingehen von Partnerschaften. Jüngster Dämpfer ist die gescheiterte Kooperation mit der Wirtschaftsnachrichtenagentur AFX. Nachdem AFX ihren Vertrag mit der SDA aufgelöst hatte, trat sie mit Swisscontent in Verhandlungen und unterzeichnete einen Rahmenvertrag. AFX entschied sich dann aber wieder anders, nämlich für eine Kooperation mit dem alten Partner SDA. Für Fredy Hämmerli, CEO von Swisscontent und Moneycab, ein herber Schlag. Jetzt werde es noch schwieriger, die Geschäftsziele zu erreichen, zitierte ihn der “Tages-Anzeiger”. Eine weitere Hiobsbotschaft war der Verzicht von Orange und Tiscalinet auf italienischsprachige Nachrichten.
Einer der wenigen Lichtblicke ist das journalistische Profil von Moneycab. Spätestens seit der hervorragenden Berichterstattung während des Swissair-Groundings hat sich das Portal in der helvetischen Wirtschaftspresse als Referenzmedium für aktuelle und recherchierte News einen Namen gemacht. Es komme regelmässig vor, dass sich die Zeitungen bei der Gewichtung ihrer Wirtschaftsberichterstattung an Moneycab orientierten, bestätigt ein ehemaliger Moneycab-Mitarbeiter. Doch das publizistische Profil spült noch kein Geld auf das Konto, es hat höchstens eine lebensverlängernde, nicht aber eine lebenserhaltende Wirkung.

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr