10. Juli 2007 von Barbara Heuberger

Rüeggsche Kakofonien

Noch im Frühling baute Radio DRS aus, nun sollen dreizehn Stellen wieder eingespart werden. Das Betriebsklima ist schlecht, aber im kommenden Jahr soll es besser werden.

Harsche Töne unter den Mitarbeitenden und ein diktatorischer Führungsstil seien das Problem bei Radio DRS, schrieb der “Tages-Anzeiger” im November. Radio-Direktor Walter Rüegg wollte damals nicht öffentlich Stellung nehmen; auch intern war bis zu diesem Zeitpunkt jede Information ausgeblieben. Doch bereits am folgenden Tag gab es eine “Personalinformation” anlässlich einer Vorgesetztentagung und im Intranet für die Abwesenden eine Zusammenfassung: “Die Mitarbeitenden von SR DRS haben viel geleistet. Das Unternehmen ist gesund und erfolgreich”, bilanzierte Rüegg seine dreijährige Arbeit beim Sender. Bei näherer Betrachtung gäbe es jedoch einige Probleme und Aufgaben.
In der Tat stehen bei Radio DRS zurzeit die Zeichen auf Unruhe. Einerseits beschäftigten die Qualitätsprobleme von DRS 3 gar den Bundesrat (siehe Kommentar). Andererseits verunsichern die Umwälzungen mit der Digitalisierung, die Schwerpunktbildung, hohe Fluktuation, schlechte Information und Kommunikation die MitarbeiterInnen. Susanne Hobi, SSM-Sekretärin von Radio DRS, bestätigt: “Seit eineinhalb Jahren beklagen wir uns in den Kontaktgesprächen mit der Direktion, das Personal würde nicht mehr ernst genommen; es wird oben entschieden, und wenn in der Folge Kritik kommt, wird zu Ungunsten der Mitarbeitenden entschieden. Wir haben eine Verdoppelung der Beratungen.”

Stellenabbau angekündigt
Mit der “Personalinformation” kündigte Rüegg auch einen Stellenabbau von dreizehn Vollzeitstellen an; damit werde die Zahl der Mitarbeitenden “auf das Niveau des letzten Jahres angepasst”. Der Grossteil des Stellenabbaus erfolgt im Infrastrukturbereich; die Geschäftsleitung will zusätzliche Mittel ins Programm investieren. Aus Rüeggs Verlautbarung kann man allerdings nicht herauslesen, wo die tieferen Gründe des Stellenabbaus liegen. Susanne Hobi ist folglich misstrauisch: “Im März wurde gross der Ausbau der Information am Wochenende und bei den Regionaljournalen angekündigt, und sechs Monate später wird trotz guten Jahreszahlen Stellenabbau angekündigt.” Seit mehreren Jahren könne SR DRS – dank den Mitarbeitenden – eine hohe Produktivitätssteigerung ausweisen. Das Medium Radio sei nun mal personalintensiv: “Die Personalkosten müssen als Investition ins Programm bewertet werden und nicht nur als losgelöster ‚Kostenfaktor‘ unter vielen.” Hobi kann auch weder eine Strategie noch eine Vision des Unternehmens ausmachen.
Der Personalkostenanteil ist langfristig deutlich gesunken. 1990 betrug er noch 61,4 Prozent der Gesamtausgaben, für 2003 sind nur noch 48 Prozent vorgesehen. Das ist für ein Service-public-Unternehmen, das keine gewinnbringenden Produkte produziert, eindrücklich. Hingegen ist der effektive Personalbestand insgesamt gestiegen. So wies Radio DRS im Jahr 1990 617 und 1992 580 Vollzeitstellen aus. Im kommenden Jahr sollen es – abzüglich der dreizehn Stellen – 635 sein. Der Anstieg wurde verursacht durch den Programmausbau bei den Regionaljournalen, in der Abteilung Information und mit der neuen Jugendkette Virus. Gestiegen ist das Gesamtvolumen des Unternehmens, was die Verkleinerung des Prozentanteils Personal erklärt. Arthur Godel, stv. Radiodirektor und DRS-2-Programmleiter, erklärt dies so: “Es wurden Mittelumlagerungen von der zentralen SRG-Rechnung in die SR-DRS-Rechnung vorgenommen, zum Beispiel die Distribution, der Forschungsdienst, die Mediaservices. SR DRS hat eine langfristige Optik: Bei gleichen Mitteln, der höheren Konkurrenzlage müssen wir flexibel bleiben. Wir haben bis zum letzten Rappen investiert, jetzt müssen wir wieder Reserven bilden.” Unter dem Strich investiere SR DRS nächstes Jahr eine Million Franken mehr ins Programm. Auch seien Programmmittel nicht identisch mit der Anzahl der Festangestellten. “Wir geben über 6 Mio. Franken für freie AutorInnen (KünstlerInnen) aus, und auch die Kosten der Digitalisierung sind Mittel fürs Programm”, meint Arthur Godel.

Rüegg warnt vor Öffentlichkeit
In zackigem Ton äusserte sich Walter Rüegg an der Vorgesetztentagung auch über das Betriebsklima: “Ein gutes Klima im Unternehmen ist nicht allein die Aufgabe der Personalabteilungen oder der Geschäftsleitung.” Er forderte von den Mitarbeitenden mehr Fairness und Anständigkeit im Umgang miteinander. SR DRS sei ein liberales Haus, es müssten nicht alle gleich denken, aber die Auseinandersetzungen bei einer Politik der offenen Türen sollten doch innerhalb des Hauses stattfinden. Gleichzeitig präsentierte er das Massnahmenpaket “Klima 2003”: Aus- und Weiterbildungen zum Beispiel in den Bereichen Führung und Kommunikation sollen die Störungen beheben. “Wir nehmen uns vor, am Klima zu schaffen,” meint dazu Arthur Godel. “Wir investieren etwas, doch sind wir uns einig, dass es sich dabei um einen länger dauernden Prozess handelt.”
Das Klima ist nicht nur im Betrieb gestört, auch die Fronten zwischen den Sozialpartnern haben sich verhärtet. Das sieht auch Arthur Godel so: “Die Beziehung zum SSM muss wieder verbessert werden; wir wollen das Mögliche von unserer Seite dazu beitragen; es sind Gespräche ohne Traktanden angesetzt. Wir wollen zusammen sehen, warum sich die Beziehung verschlechtert hat, woran es liegt, dass wir aneinander vorbei agiert und geredet haben.”

10. Juli 2007 von Helen Brügger

Unklare Karriere-Aussichten

Béatrice Barton hat ab 2003 “Carte blanche” beim Westschweizer TV. Sie will dem Service public einen Kreativitätsschub verpassen. Porträt einer Fernsehfrau mit Zivilcourage.

Wieder einmal spekuliert man bei TSR heftig über ein Nachfolgeproblem: Programmchef Raymond Vouillamoz geht in Pension. Am 6. Dezember gab Fernsehdirektor Gilles Marchand die ersten Entscheide zur Nachfolge bekannt: Die neue Programmdirektion wird von einem dreiköpfigen Gremium geleitet, die Verantwortung aufgeteilt zwischen den Bereichen Programmierung, Information sowie Unterhaltung, Fiktion und Gesellschaft. Béatrice Barton, 52, Journalistin und Produzentin, wird als eine der möglichen NachfolgerInnen gehandelt. Das Gerücht macht sich an der “Carte blanche” fest, die man ihr anvertraut hat: Ab 2003 soll sie die neuen Tendenzen in der Produktion von Fernsehsendungen studieren und eine Politik für neue Info-Formate entwickeln. Die einen sehen im Mandat das Sprungbrett in die Programmdirektion, die andern das Abstellgleis für eine temperamentvolle Journalistin, die manchen etwas zu energisch scheinen mag. “Ich spekuliere da nicht mit”, winkt Barton ab.
Béatrice Barton begann ihre Arbeit bei TSR vor zwanzig Jahren. Zunächst als Auslandberichterstatterin, dann als Redaktorin beim bekannten Newsmagazin “Temps présent”, in den neunziger Jahren als Chefredaktorin der Magazine und Produzentin von “Temps présent”. Seit drei Jahren produziert sie zusammen mit einem Rechtsanwalt “Duel”, ein Magazin zu Justizfällen und -Irrtümern. Und nun will sie dem Fernsehen einen Kreativitätsschub verpassen. “Es gibt so viele innovative Ideen, die nicht realisiert werden können, weil es am Gefäss oder am Budget fehlt”, erklärt Barton die Grundidee ihres Mandats. Es gibt ihr freie Hand zur Realisierung von spartenübergreifenden Sendungen: “Beim Fall Swissair beispielsweise fehlte eine Informationsstrategie des Hauses, jeder werkelte in seinem Bereich vor sich hin”, kritisiert sie. Doch zum Mandat gehört auch ein “Laboratorium”: die Arbeit an neuen Ideen, die dem Service public Punch geben und ihm erlauben sollen, im Widerstand gegen die private Konkurrenz zu bestehen. So möchte sie etwa zur Diskussion stellen, wie die Kommerzsender im Bereich der Reality-Shows mit Moral und Ethik herausgefordert werden könnten. “Ich bin überzeugt, dass man intelligente Reality-Shows machen kann, die auf der Teilnahme der Zuschauer aufbauen, aber ohne Appell an negative Gefühle und Verhalten wie Neid, Lügen, Eifersucht oder Vergnügen am Ausschluss von Schwachen auskommen.” Dazu brauche es jedoch eine ethische Charta, einen Code, der erst noch erarbeitet werden müsse. Auch das Format der “Doku-Soap” interessiert sie, ungefilterte Realität ohne journalistisches Eingreifen und mit einem Minimum an Montage. “Wenn sich das Leben ausbreitet, wenn eine spezifische Realität über eine lange Zeit hinweg verfolgt werden kann, mit allen Nuancen und Veränderungen – das finde ich spannend.” Die Diskussion darüber müsse allerdings fernsehintern erst noch geführt werden. “Das Ganze muss sich in die neue Programmstrategie einfügen.”

Mobbing-Sendung führt zu Rückstufung
Die Leidenschaft der Journalistin, die Neugier der Politwissenschaftlerin auf Veränderungen sind ungebrochen. Dabei musste Barton im Verlauf der letzten zwanzig Jahre einiges einstecken. So etwa, als sie 1996 in einer Sendung über Mobbing gleich einen hausinternen Fall zum Thema machte. Die Zweitausstrahlung der Sendung wurde auf Weisung von oben verboten, die Medien sprachen von Zensur, es kam zum öffentlichen Skandal. “Die Sache ist der Direktion völlig entglitten”, erinnert sie sich. Die Affäre kostete Barton die Funktion als Chefin der Magazine; ausserdem war sie Auftakt für einen mehrere Jahre dauernden Konflikt mit dem damaligen Info-Chef, der ihr schliesslich auch noch die Verantwortung für “Temps présent” entzog. “Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, meine Schwierigkeiten als frauenspezifisch anzusehen, doch heute muss ich sagen: Die frühere Fernsehleitung hat wenig Vertrauen in die Frauen gehabt”, meint Barton rückblickend.
Mangel an Vertrauen auch umgekehrt: 1998 kandidierte Barton für die Nachfolge von Fernsehdirektor Guillaume Chenevière. “Viele von uns waren über die Zukunft des Unternehmens beunruhigt. Wir hatten den Eindruck, die Sache laufe falsch. Meine Kandidatur war ein Protest, das Zeichen für eine verbreitete Unzufriedenheit.” Denn der Genfer Fernsehturm war gespalten in unversöhnliche Lager und Clans; die Gewerkschaft SSM rief dazu auf, der Spaltungspolitik endlich ein Ende zu setzen. Barton fiel schon in der Vorauswahl durch, doch auch die beiden anderen internen Bewerber hatten keine Chance. Chenevière musste nochmals für drei Jahre antreten, anschliessend wurde Gilles Marchand gewählt. Er kam vom Ringier-Verlag. Barton windet ihrem neuen Chef ein Kränzchen: “Früher lebten wir dauernd in der bangen Erwartung, beim nächsten Entscheid der Direktion falle uns der Himmel auf den Kopf.” Marchand hingegen handle transparent, kommuniziere klar und gebe echte Antworten. “Er hat ein Fernsehen befriedet, in dem es überall kochte.”
Mit der Pensionierung von Programmchef Raymond Vouillamoz geht nun die Übergangszeit zu Ende, die mit dem Amtsantritt von Marchand begann. Die Reorganisation des letzten Schlüsselbereichs steht an. Vom Fernsehchef werden klare Signale für die Programmstrategie erwartet. Die drei Posten werden ausgeschrieben, die personellen Entscheide fallen im Februar 2003, doch bereits jetzt zirkulieren drei Namen: Béatrice Barton, André Crettenand (bisher Infochef) und – Ariane Dayer.

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