10. Juli 2007 von Bettina Büsser

Der Tagi wird grossstädtisch

In den letzten drei Jahren sank die “Tages-Anzeiger”-Auflage um rund 30’000 Exemplare. Zeit zu handeln, sagte sich die Unternehmensleitung – und machte den Kommunikationschef zum Chefredaktor.

bbü./ Ganz überraschend kam der schnelle Wechsel ja nicht. Nachdem Martin Kall sein Amt als Vorsitzender der Tamedia-Unternehmensleitung angetreten hatte, gab es innerhalb der “Tages-Anzeiger”-Redaktion bald einmal Spekulationen darüber, wie lange Chefredaktor Philipp Löpfe noch im Amt sein werde. Sinkende Auflage- und Leserzahlen beim “Tages-Anzeiger”; dann hier der Macher Kall, da der introvertierte Tagi-Chefredaktor – “und dann gab es offenbar sogar Leute aus der Redaktion, die an die Tamedia-Spitze gelangten und einen Chef forderten, der mehr mit der Peitsche knallt”, wie ein Tagi-Mitarbeiter bitter anmerkt. Etwas mehr überraschte dann die Person des neuen Chefs: Das Amt übernahm der Schaffhauser Peter Hartmeier, bisher Leiter der Tamedia-Unternehmenskommunikation, vorher langjähriger Geschäftsführer des Verbands Schweizer Presse, zuletzt 1996 als Co-Chef und Herausgeber von “Bilanz” im engeren journalistischen Bereich tätig.
Hartmeier trat, flankiert von Kall und Verleger Hans Heinrich Coninx, vor die Presse und verkündete sein Rezept: eine “Grossstadtzeitung” müsse der “Tages-Anzeiger” werden. Ist Zürich eine Grossstadt, fragt sich seither die Redaktion, oder sieht das nur aus der Perspektive von beispielsweise Schaffhausen so aus? Vor allem aber: Was ist eine “Grossstadtzeitung”? Hartmeier definiert sie gegenüber KLARTEXT folgendermassen: “Das soziale, kulturelle und politische Verhalten der Leute ist stark geprägt davon, ob sie in einem städtischen oder ländlichen Gebiet leben. Das städtische Denken prägt einen bestimmten Stil und Rhythmus: aufmüpfiger. In der Stadt zeigen sich soziale Probleme anders und klarer als auf dem Land. Eine Grossstadtzeitung ist also sehr sensibel gegenüber solchen Themen, nimmt den aufmüpfigeren Geist auf. Auf Grund ihrer Grösse, ihrer wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Bedeutung ist die Agglomeration Zürich so wichtig, dass jedes Thema, das hier ein Thema ist, ein nationales Thema ist. Das muss man im ‚Tages-Anzeiger‘ spüren, mehr Meinungen und Kanten sind gefragt.” Als Träger dieses Geistes sieht Hartmeier nicht nur den Lokal- und Regionalteil der Zeitung, sondern auch alle anderen Ressorts, vor allem Kultur und Wirtschaft: “Man muss die Themen auf Zürich hinunterbrechen.” Wie das konkret umgesetzt werden soll, wird sich erst noch weisen. Hartmeier: “Handwerklich kann ich noch nichts zum Thema Grossstadtzeitung sagen, ich bin erst seit einer Woche im Amt. Aber es ist sicher wichtig, dass ein Chef mit einer Idee kommt und Diskussionen auslöst.”
Apropos Grosstadt: Der “Tages-Anzeiger” sucht sein Publikum in Stadt und Land – und muss dabei einen Spagat machen: Die Stadt Zürich lehnte beispielsweise mehrheitlich die Asylinitiative ab, der restliche Kanton war dafür. “Es existiert ein historischer Gegensatz zwischen Stadt und Land”, sagt Hartmeier dazu. “Dieser Widerspruch muss bis in die Ressorts hinein diskutiert werden, denn die Leserschaft kommt aus der Stadt und vom Land. Aber: Diese Zeitung kommt aus der Stadt.” Das, so Hartmeier, sei durchaus auch ein politisches Bekenntnis. Allerdings müsse der “Tages-Anzeiger” die Ängste des konservativeren Teils der Bevölkerung ernst nehmen: “Auch wenn wir politisch zu anderen Schlüssen kommen als sie.”

Erste Neuerungen in der ersten Woche
Zum SVP-Blatt soll der Tagi also nicht werden. Und wie sieht es bei anderen Befürchtungen aus der Redaktion aus? Etwa dass Hartmeier, der ja aus der Unternehmensleitung kommt und früher eng mit Verleger Coninx zusammengearbeitet hat, sich als Vertreter der Unternehmensleitung und nicht als Chefredaktor erweist. “Ob ich ein verlängerter Arm des Verlags bin? Ich muss beweisen, dass ich es nicht bin”, meint er dazu. Und dass er seit Jahren keine journalistische Funktion mehr innegehabt habe, habe ihm beim Entscheid “sehr, sehr grosse Bedenken” bereitet: “Ich habe mich gefragt, ob ich das überhaupt noch kann. Nach einer Woche muss ich auf diese Frage sagen: Ich brauche nochmals eine Woche, um sie beantworten zu können.”
Keine ganze Woche brauchte er, um Neuerungen einzuführen: Die “Wissen”-Seite erhält einen neuen Platz, die “Tagestipp”-Seite wird abgeschafft, was zwei Teilzeitangestellte der Redaktion den Job kostet. Dies alles, so wird auf der Redaktion moniert, sei ohne Rücksprache mit den Betroffenen geschehen – und man frage sich, ob das auf einen Führungsstil “über die Köpfe hinweg” hinweise. Die Verschiebung der “Wissen”-Seite, so Hartmeier, sei schon vor seinem Amtsantritt vorbereitet gewesen, “und ich war felsenfest davon überzeugt, dass die Betroffenen schon informiert waren. Das war ein unentschuldbarer Fehler.” Für die Einstellung der “Tagestipp”-Seite und die Entlassungen hingegen übernehme er die Verantwortung: “Ich habe entschieden, diese Seite aufzulösen, denn ich will, dass diese Hinweise alle im Lokal- und Regionalbund zu finden sind. Das war aber nicht in erster Linie ein Sparentscheid, sondern ein konzeptioneller Entscheid.” Zwar müsse der “Tages-Anzeiger” sparen – Verlag und Redaktion müssen 2003 mit einem um eine Million Franken kleineren Budget auskommen – doch: “Der “Tages-Anzeiger” verfügt auch so noch über sehr grosszügige redaktionelle Mittel.”

Gibt sich zwei Monate Zeit für Konzept
Von seinem Führungsstil her neige er “an sich nicht zu einsamen Entscheidungen”, sagt Hartmeier über sich, dafür neige er dazu, “überall dreinzureden”: Er werde als Chefredaktor nicht nur über Inhalte sprechen, sondern sich beispielsweise im Verlag auch zum Marketing der Zeitung äussern. Im Verlag wird er es bald mit einem neuen Mann zu tun haben, nachdem Verlagsleiter Dietrich Berg in den ersten Dezembertagen überraschend gekündigt hat.
Vorläufig ist Hartmeier in erster Linie dabei, mit den RedaktorInnen Gespräche zu führen: “Etwa in zwei Monaten werde ich sagen können, wie ich das Ganze will. Natürlich wird das Diskussionen auslösen. Es wird auch schwierige, unpopuläre Entscheide geben.” Die Redaktion, die einen Ruf als “schwierig, nicht kooperativ” habe, habe sich ihm gegenüber bisher fair verhalten: “Selbstverständlich gibt es Skepsis. Aber es ist nicht so, dass diese Redaktion nicht bereit ist, nachzudenken und sich der veränderten Zeit und Situation anzupassen. Man gibt mir hier schon eine Chance.”
Tatsächlich ist aus der Redaktion ein gewisser Goodwill herauszuhören: “Hartmeier redet mit allen, gibt sich Mühe, kann sicher gut nach aussen repräsentieren und löst Diskussionen aus. Wir haben kein schlechtes Gefühl.”

10. Juli 2007 von René Worni

Zurück zum Kerngeschäft

Die Finanzpresse spürt die Wirtschaftsflaute. Unter dem Eindruck der Börsenbaisse klemmen die Inserenten, verlangen Leser wieder seriöse Analysen oder kehren den Wirtschaftsseiten gar den Rücken. Von René Worni.

Lockere Kaufempfehlungen und Renditeversprechen sind aus den Wirtschaftsseiten verschwunden. Nach dem geplatzten New-Economy-Traum und dem Schock über Verluste an den Börsen ist das Vertrauen vieler AnlegerInnen in die Aktie empfindlich gestört. Gefragt sind wieder vorsichtige und fundierte Analysen. Angesichts von Einbrüchen bei den Inseraten und den LeserInnenzahlen beteuern daher Chefredaktoren reihum Seriosität, man habe im Wirtschaftsressort schon immer eine kritische Haltung gegenüber risikoreichem Geld bewahrt. Zugegeben: Einen vergleichbaren Boom der Wirtschaftspresse, wie er vor drei Jahren in Deutschland eingesetzt hatte, gab es in der Schweiz nie. Während sich hierzulande die Euphorie etwa in den mit “Geld”, “Markt”, “Invest” oder “Akonto” überschriebenen Wirtschafts-Spezialseiten oder Beilagen der Tages-, Wochen- und Sonntagspresse bemerkbar machte, schossen in Deutschland neue und marktschreierische Anlegermagazine für Laien wie Pilze aus dem Boden, um ebenso schnell wieder zu verschwinden.

Sichere Werte werden nun bevorzugt
“Bei uns gibt es eine etwas ältere Anlegerkultur als in Deutschland.” Da reagiere man kaum auf die Tippmentalität der Presse, sagt Peter Bohnenblust, Chefredaktor der bisher krisenresistenten “Finanz und Wirtschaft” aus dem Haus Tamedia. Doch auch in der Schweiz ist ein Umdenken der LeserInnen deutlich spürbar. “Wir merken das bei den Anfragen; die Themen ändern, Anleger haben zum Teil bitter lernen müssen und suchen jetzt Alternativen”, sagt Marcel Sigrist, Finanzjournalist bei “Akonto”, dem wöchentlichen Geld- und Anlagebund des “Tages-Anzeigers”. Alternativen seien sichere Anlagen wie zum Beispiel Obligationen oder Versicherungsprodukte.
Hierzulande hat einzig die Handelszeitungs-Gruppe den Trend mit einem eigenen Magazin für LaienanlegerInnen aufgegriffen und im November vor zwei Jahren (acht Monate nach ersten Negativmeldungen der Börsen) mit einer Auflage von 27’000 Exemplaren “Stocks” lanciert. “Ich bin froh, dass wir nicht zwei Jahre früher auf den Markt kamen”, sagt “Stocks”-Chefredaktor Reto Lipp. Damit blieb dem Wochenmagazin ein womöglich ungesundes Wachstum erspart, trotz angespannter Konjunktur konnte das Heft die Auflage bis jetzt halten. Ralph Büchi, Mit-Gründervater von “Stocks” und Miteigner der Handelszeitungs-Gruppe, deren Mehrheit seit drei Jahren der Axel Springer Konzern hält, rechnet nach eigenen Worten sogar mit einem Wachstumsschub: “Die Banken entwickeln fast täglich neue Produkte, für welche sie werben müssen und die wir den Anlegern erklären wollen.” Ungeachtet der Unkenrufe einiger Wirtschaftsjournalisten, die Tage von “Stocks” seien gezählt, liegt das Blatt bis jetzt gemäss Büchi im Businessplan. Eine schlanke Redaktion und die Nutzung bestehender Infrastruktur trägt das ihrige dazu bei.
Unterschiedliche Reaktionen auf die Wirtschaftsflaute zeigt die angestammte Finanzpresse. Einerseits verzeichnet die “Finanz und Wirtschaft” (152’000), aber auch das Monatsmagazin “Bilanz” der Basler Mediengruppe (440’000) nur geringe LeserInnen-Einbussen von ein bis zwei Prozent. Beide Produkte blieben während des Booms der New Economy in Aufmachung und Inhalt unverändert und gehören für eine StammleserInnenschaft von Finanzfachleuten zur Pflichtlektüre. Andererseits hat es die “HandelsZeitung” (145’000) und vor allem Ringiers Vorzeigeblatt “Cash” (331’000) mit einem LeserInnen-Rückgang von etwa zehn Prozent innerhalb eines Jahres empfindlicher getroffen. “HandelsZeitungs”-Chefredaktor Kurt Speck glaubt, Umstrukturierungen und Entlassungen im mittleren und zum Teil oberen Wirtschaftskader, der Zielgruppe des Wochenblattes, seien verantwortlich für eine gewisse Apathie gegenüber Wirtschaftsinformationen.
In einer zweiten Sparrunde und im Zusammenhang mit den 10-Prozent-Sparvorgaben des Konzerns für alle Ringiermedien hat “Cash” jüngst Stellen abgebaut, gemäss Mediengewerkschaft Comedia etwa 500 Stellenprozente. Einerseits verschwand die Textproduktion und mit ihr drei Produzenten und zum anderen wurden Fixum-Verträge mit freien Journalisten aufgelöst. “Damit haben wir eine Basis, die reichen sollte, um Cash mittelfristig wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen”, sagt André Michel, Mitglied der Geschäftsleitung Wirtschaftsmedien bei Ringier. In einer ersten Sparrunde hatte sich das Blatt vor Jahresfrist auf reine Wirtschaftsnews zurückbesonnen, den Gesellschaftsbund gestrichen und sich von der Idee einer Vollzeitung endgültig verabschiedet. Nach einem nie zuvor erlebten Boom bei den Inseraten vor zwei Jahren habe “Cash”, so Michel, 45 Prozent der Inserateeinnahmen verloren. Nach seinem Konzept, und nicht zuletzt als Reaktion auf “Stocks”, erscheint seit dem letzten Januar das Magazin “Cash Value”, das sich ergänzend zum Bund “Cash Invest” der langfristigen Geldanlage widmet, Inserenten auch ausserhalb der Finanzindustrie anlocken will und monatlich einmal dem Mutterblatt beiliegt.

“NZZ am Sonntag”:Wirtschaft light
Sichtbare Veränderungen in der Wirtschaftsberichterstattung gibt es hingegen bei der “NZZ am Sonntag”. Mitte Dezember verschmilzt – zugunsten eines neuen Lifestylebundes – der Geld- mit dem Wirtschaftsbund. “NZZ am Sonntag”-Redaktionsleiter Felix E. Müller ist überzeugt, dass sich das Thema Geld nach der Börsenbaisse leichter fahren lasse und der LeserInnenschaft am Wochenende auch leichte Themen geboten werden müssten. “Bisher gabs bei uns das Thema Reisen nur in schwarzweiss”, so Müller. Von aussen betrachtet nähert sich damit das Blatt seiner stärksten Konkurrentin, der “Sonntags-Zeitung”. Die Veränderung sei nicht die Folge von etwaigen Budgetkürzungen, beteuert Müller. Hinter diesen Worten verbirgt sich jedoch die Frustration der Redaktion, die nach dem schlanken Start im letzten Frühling am Rande ihrer Kräfte arbeitet und bisher vergeblich auf eine entlastende Budgeterhöhung wartet.

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Ausgabe: 5 | 2018

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