11. Juli 2007 von Klartext

Riese unter lauter Zwergen

jb./ Auf die Feststellung, dass sich die meisten Journalisten hier zu Lande angesichts der herrschenden Verhältnisse doch eigentlich recht wohl fühlten, meinte Oskar Reck Ende Juli 1987 im Gespräch mit KLARTEXT: “Das liegt wohl daran, dass wir uns in einer Phase weit überdurchschnittlicher Anpassungsbereitschaft befinden. Ich bin immer wieder entsetzt darüber, wie gering die Widerstandskraft ist. Man flucht vielleicht in der Kantine über irgendwelche Missstände und Pressionen – aber man fügt sich.”
Ja, Oskar Reck konnte giftig ausrufen, wenn er sich dazu animiert fühlte. Im zweiten Teil seiner langen Karriere galt das lebenslange FDP-Mitglied als altersradikal – eine bequeme Ausrede für jene, die den altgedienten Medienmann und etablierten Vordenker nicht mehr ernst nehmen wollten.
Dabei sind die zwei Episoden in seinem Leben wohl bekannt, die seinen konservativ-liberalen Geist radikalisierten: Zunächst waren da die intensiven dreieinhalb Jahre in der 46-köpfigen Expertenkommission Furgler zur Totalrevision der Bundesverfassung. In diesem erstaunlichen Reform-Biotop verbündeten sich erprobte Kalte Krieger wie Oskar Reck mit blitzgescheiten und sympathischen Linken wie Anne-Catherine Menétrey gegen Bremser und Miesmacher, denen vor allem die sozial verpflichtete Wirtschafts- und Eigentumsordnung des Entwurfs missfiel. Dass seine eigene Partei schliesslich einen Gegenentwurf lancierte, um die Totalrevision zu torpedieren, und dass alle Versuche scheiterten, das gemeinsame Projekt der landesweiten Reform-Koalition populär und damit durchsetzbar zu machen, war eine mächtige und nachhaltige Enttäuschung.
Fast zur gleichen Zeit, im Herbst 1976, erfuhr Chefredaktor Oskar Reck, dass seine liberal-konservativen “Basler Nachrichten” (BN) von ihren Sponsoren aus Chemie und Geldgewerbe im Stich gelassen und mit der ärgerlich aufmüpfigen “National-Zeitung” zur garantiert harmlosen “Basler Zeitung” fusioniert wurden.
Dem Umsturz auf der Basler Zeitungsszene vorangegangen war ein Streit um die Haltung der BN gegenüber dem Dioxin-Skandal in einem Chemiewerk der zur Roche-Gruppe gehörenden Icmesa in Seveso. Auf den Vorwurf, der Verlagsleiter der “National-Zeitung” zeige mehr Verständnis für die Forderungen der Chemie, hielt Reck einem führenden Roche-Manager entgegen: “Sie müssten es sich etwas kosten lassen, kritisiert zu werden … – das ist der Preis, den Sie für eine Vielzahl von Vorteilen, die Sie geniessen, bezahlen müssen.”
Zu glauben, solche Impertinenz bleibe folgenlos, gestand Reck im KLARTEXT-Gespräch, “war der fundamentalste Irrtum meines Lebens”. Der Verlust seiner Zeitung, die schmerzhafte Erkenntnis, dass die Meinungsäusserungsfreiheit nur so lange gilt, bis jemand davon ernsthaften Gebrauch macht, prägte Recks ganzes weitere Berufsleben. Wo immer er sich fortan zu Wort meldete – faute de mieux als Bundeshaus-Mann der “Basler Zeitung”, als Kolumnist in der “Weltwoche” oder beim “Brückenbauer” –, war er ein widerborstiger und eigensinniger Mitarbeiter.
Von all dem ist im Erinnerungsbuch “Journalismus aus Leidenschaft. Oskar Reck – Ein Leben für das Wort”* leider wenig zu lesen. Gewiss, die 15 Erinnerungsstücke enthalten einige nette Anekdötli über den verehrten Verstorbenen. Aber sie sagen oft mehr über die Eitelkeit der Schreibenden als über das Wirken des Beschriebenen. Dass das Buch einem wenig inspirierten Kraftakt entsprang, ist nicht nur dem merkwürdig verkrampften Titel zu entnehmen, sondern auch dem Bestreben der Autoren, alle Ecken und Kanten und Widersprüchlichkeiten in Oskar Recks Leben und Karriere möglichst zu glätten.
Wirklich wertvoll an dem Buch ist die vom Berner Medienwissenschaftler Roger Blum sorgfältig besorgte Auswahl von Recks Kommentaren. Sie machen den Unterschied deutlich zwischen dem selbstgefälligen Geplapper der Nachrufer und dem ausdauernden publizistischen Effort, den Diskurs über Gegenwart und Zukunft dieses Landes anzuregen.
Aber ehrlich: Wer mag das noch lesen? Es bleiben tote Buchstaben, schöne Erinnerungen, mehr nicht. Nur wenn die Heutigen bereit wären, sich Recks radikale Positionen zum Vorbild zu nehmen, wäre die Textsammlung mehr als das gediegene Epitaph für einen Riesen an Glaubwürdigkeit und ehrlichem Engagement unter lauter kleingläubigen, im Zweifel opportunistischen Zwergen.

* Oppenheim R., Steinmann M., Zölch F. A. (Hrsg.), “Journalismus aus Leidenschaft. Oskar Reck – Ein Leben für das Wort”, Beiträge zur Kommunikations- und Medienpolitik. Stämpfli Verlag, Bern 2003. (Mit 2 CDs mit Tondokumenten)

11. Juli 2007 von Zora Zensura

Stéphanies Glück

Was ist Glück? Nietzsche philosophierte: “Das Glück des Mannes heisst: Ich will. Das Glück des Weibes heisst: Er will.” Andere behaupten: Glück ist, sich am Arsch kratzen zu können, wenn es juckt. Helmut-Maria Glogger ist glücklich, wenn er am 1. August mit Hund und Gattin im Landgasthof Hirschen bei Tiengen, Deutschland, ein Doppelzimmer ergattert. Chefredaktor Glogger ist Glücksprofi. Erfolgreich bietet er das Glück und das Unglück anderer feil – wöchentlich verkauft er rund 170’000 Exemplare seiner “Glückspost”.
Ein Heftli für Frauen, die sich nie getrauen würden, einen Frosch anzufassen, geschweige denn, ihn an die Wand zu werfen, die aber gerne darüber lesen, wie Frösche an der Wand zerbersten, ohne Prinzen zu werden. Die “Glückspost” liefert dazu die Primeurs – z. B. über die “Piratin der Liebe”: Stéphanie von Monaco. Sie ist jederzeit bereit, Nietzsche zu widerlegen. Die “Glückspost” titelt: “Stéphanie küsst – und Franco Knie ist sauer!” Die Prinzessin hat sich einen bei Knie beschäftigten Akrobaten als neuen Liebhaber geangelt. Ex-Lover Knie will nicht, dass sie ihn im Zirkus trifft. Also rollte sie mit ihrer “Liebes-Laube” (ein vollklimatisierter Luxus-Camper der Marke “Teton Home” mit Doppelbett und Spiegelschrank) nach Luzern, parkt vor dem Schützenhaus und gibt den Paparazzi Arbeit: Stéphanie in schwarzen Shorts vor dem Superriesenwohnmobil. Stéphanie in beigen Shorts mit Handy vor dem Superriesenwohnmobil. Stéphanie in schwarzen Shorts beim Küssen vor dem Superriesenwohnmobil (unscharf). Daneben sinniert die “Glückspost”: “Was treibt die Prinzessin in immer neue Betten? Erklärungsversuche.” Diese Versuche reichen von “1. Die Suche nach dem Übervater” über “5. Ihre mangelnde Bildung” bis zu “12. Ihre Bindungsangst”.
In diesem Land, wo Blaublütige so selten sind wie linksgedrehte Schneckenhäuser, bedeutet Stéphanie echtes Glück für Glogger. Die eingeborenen Promis sind fader als die Kontaktanzeigen. Der Hochadel, der die restlichen “Glückspost”-Seiten füllt, ist blass und weit weg. Womit das “Glückspost”-Glück darauf schrumpft, sich nicht zu ärgern, dass man 3,50 Franken bezahlt hat, um sich von schlechten Fotografen und schlechteren SchreiberInnen schlecht unterhalten zu lassen.

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