11. Juli 2007 von GastautorIn

Sendungen vom Rand

Eigene Medien sollen den marginalisierten Roma in Osteuropa zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen. Soros-Stiftung und Medienhilfe leisten Unterstützung. Von Max Akermann.

Am 7. April dieses Jahres warteten die HörerInnen von Radio C vergeblich auf die gewohnten Nachrichten. Die Radiostation für die Roma von Budapest war pleite und sendete nur noch Musik. Dabei schien Radio C – das C steht für Cigani, Zigeuner – endlich auf dem Weg zu einer Erfolgsgeschichte zu sein. Nach zehnjähriger Vorarbeit, mühsamer Suche nach Geldgebern und hartem Kampf um eine Frequenz ging die Radiostation am 8. Oktober 2001 endlich auf Sendung. Seither hatte sich Radio C zu einem Vorzeigeprojekt der ungarischen Roma entwickelt. Das 24-Stunden-Programm mit viel Musik, aber auch mit Nachrichten und Hintergrundbeiträgen kam an.

Erfolg im Äther, aber Ebbe in der Kasse
Radio C legte ständig zu: an Hörerschaft, Professionalität und auch an Beschäftigten. Zuletzt arbeiteten 48 Leute im schmucken Studio am Budapester Teleki-Platz, 34 davon Roma. Sie bearbeiteten vorwiegend, aber nicht ausschliesslich, Roma-Themen und dies zweisprachig: Ungarisch und Romanes. Selbst von offizieller Seite gab es Lob für das “Zigeuner-Radio”, doch den warmen Worten folgten wenig Taten. Gerade mal 10 Prozent des Radio-C-Budgets wurde vom Staat gedeckt, umgerechnet etwa 70’000 Schweizer Franken. Die Betreiber hatten mit wesentlich mehr gerechnet und so kämpfte man von Anfang an mit enormen Geldproblemen. Oft warteten die Angestellten monatelang auf ihre Löhne, und als man im Frühjahr Kassensturz machte, hatte sich ein Schuldenberg von 70 Mio. Forint angehäuft, rund 420’000 Franken. Das bedeutete das vorläufige Ende.
Radio C ist der Rolls Royce unter den Roma-Sendern in Mittel- und Südosteuropa. Dass selbst dieses Prestigeprojekt derartige Probleme hat, illustriert die schwierige Lage der Roma-Medien allgemein. “Praktisch alle Sender und Agenturen leben von der Hand in den Mund, wissen heute noch nicht, wie sie die Rechnungen morgen bezahlen sollen und leiden deshalb auch unter einer grossen Personalfluktuation”, sagt Nena Skopljanac, Programmverantwortliche der Medienhilfe. “Eine solide Basis, ein stabiles Umfeld sind für eine effektive Medienarbeit aber unerlässlich. Dies zu schaffen, ist ein Ziel von Rrommedia.net.”
Rrommedia.net heisst das gemeinsame Projekt des Open Society Institut (OSI) in Budapest und der Medienhilfe in Zürich. Es soll sowohl Radio- und Fernsehstationen wie auch Nachrichtenagenturen von Roma in Mittel- und Südosteuropa unterstützen, sowie Hilfe leisten beim Aufbau eines Roma-Medien-Netzwerkes. Das OSI, gegründet und finanziert vom ungarisch-stämmigen Milliardär George Soros, arbeitet seit Jahren mit Roma in ganz Mittel- und Südosteuropa zusammen. Sein “Network Media Program” hat immer auch Roma-Medien unterstützt und verfügt über ausgezeichnete Kontakte in der ganzen Region. Auf dieser Vorarbeit können Nena Skopljanac und Peter Kasser von der Medienhilfe aufbauen, die die Koordination und die praktische Arbeit von Rrommedia.net übernehmen. Für die nächsten zwei Jahre stehen ihnen dafür 600’000 US-Dollar zur Verfügung. Das Geld kommt zum grossen Teil vom OSI.
Ein Drittel der Projektkosten übernimmt aber auch die Eidgenossenschaft, konkret die Politische Abteilung IV des EDA. Diese beschränkt ihre Tätigkeit in der Region allerdings auf Serbien, Bosnien, Mazedonien und Kosovo. Da Rrommedia.net aber auch in acht weiteren Ländern der Region (Kroatien, Slowenien, Tschechische Republik, Slowakei, Ungarn, Bulgarien, Rumänien und Ukraine) Aktivitäten plant, hofft Nena Skopljanac auf zusätzliche Gelder von der DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit), besonders von der Abteilung für die Zusammenarbeit mit Osteuropa.
Geld könnte Rrommedia.net gut gebrauchen. Kontakte bestehen zu über 20 potenziellen Projektpartnern. Es sind beispielsweise Roma-Presseagenturen in Tschechien, der Slowakei und Ungarn, Radiostationen wie Radio Voice of Roma in Belgrad und Radio Ternipe in Prilep oder auch Roma-Lokalfernsehen in Bulgarien, Mazedonien und Serbien. 300’000 US-Dollar im Jahr sind da schnell aufgebraucht. Mindestens fünf Mal so viel würde man benötigen, um die gesetzten Ziele zu erreichen, glaubt Nena Skopljanac: “Zwei Mal pro Jahr sollen Vertreterinnen und Vertreter aller von uns unterstützten Medien zusammenkommen, erstmals im September in Ohrid, Mazedonien. Dort geht es schwergewichtig um den Aufbau eines grenzüberschreitenden Informationsnetzwerkes der beteiligten Roma-Medien. Zweitens können wir die einzelnen Projektpartner direkt unterstützen, zum Beispiel mit Ausbildung in Journalismus, Management oder in neuen Technologien. Wir können Beratung bieten in der Programmentwicklung, aber auch im Fundraising. Möglich ist auch eine begrenzte finanzielle Unterstützung für den Kauf von technischen Geräten, aber nur Geld verteilen wollen wir nicht. Es geht vor allem um inhaltliche Kompetenz.”

Roma gerieten zwischen alle Fronten
Diese Kompetenz haben sich die Leute der Medienhilfe in den vergangenen elf Jahren angeeignet. Gegründet 1992 als Medienhilfe Ex-Jugoslawien, setzt man sich seither für einen unabhängigen und multiethnischen Journalismus ein. Vor drei Jahren begann die Medienhilfe, in Serbien Projekte der Roma-Minderheit zu unterstützen. Obwohl die Roma nicht aktiv an den Kriegen beteiligt waren, litten sie nämlich besonders stark. Sie wurden von allen Seiten mal vereinnahmt, mal bekämpft, gerieten zwischen alle Fronten – ein Platz, den die Roma kennen. Sie sind zwar ein 10-Millionen-Volk, haben aber keinen eigenen Nationalstaat, sind überall, wo sie leben, eine Minderheit und zudem stark marginalisiert. Sie sind ärmer als die jeweilige Mehrheitsbevölkerung, häufiger arbeitslos, schlechter ausgebildet und sie leben vorwiegend in eigentlichen Ghettos. In der Slowakei zum Beispiel existieren über 600 so genannte Osady (Slumsiedlungen), die an Elendsquartiere in lateinamerikanischen oder afrikanischen Grossstädten erinnern. Kontakte zwischen der weissen Mehrheitsbevölkerung und den Roma bestehen in solchen Verhältnissen kaum. Dennoch, oder gerade deswegen, existiert ein latenter Rassismus, der immer wieder in offene Gewalt umschlägt.
“Die Aufgabe der Roma-Medien ist es, solche Zustände aufzuzeigen, Probleme anzusprechen, aber auch mit positiven Beispielen das Selbstbewusstsein der Roma zu stärken”, sagt Ivan Vesely, Vorsitzender der Vereinigung Dzˇeno in Prag (Tschechien) und Kosˇice (Slowakei). Dzˇeno heisst in der Roma-Sprache so etwas wie “Ehrenmann” oder “Ältester”, und der soll die Roma wieder zu ihren traditionellen Werten führen: “Das beinhaltet Offenheit, Unabhängigkeit, Ehrgefühl und Gerechtigkeit, Respekt vor den Älteren, liebevolle Erziehung der Jüngeren und Solidarität unter den Roma aller Gesellschaftsschichten.” Medienarbeit ist ein Weg zu diesem Ziel. Dzˇeno gibt seit sechs Jahren “Amaro Gendalos” (Unser Spiegel) heraus, ein Monatsmagazin in Tschechisch und Romanes, das erfolgreiche Roma porträtiert, kulturelle und historische Themen abhandelt, aber auch aktuelle Probleme aufgreift. Im Jahre 2001 kam Radio Rota dazu, ein Internet-Radio, das in Romanes, Tschechisch und Englisch Nachrichten zu Roma-Themen verbreitet.
Mit einem Mini-Budget von umgerechnet 135’000 Franken pro Jahr gestalten zwölf Leute ein Web-Magazin, das bereits recht professionell wirkt (www.radiorota.cz). Mit Hilfe von Rrommedia.net soll dieses Internet-Radio nun mit einem terrestrischen ergänzt werden. “Ich glaube, ich kann Leute führen und habe mir auch journalistische Fähigkeiten angeeignet,” sagt Ivan Vesely dazu, “aber ich habe noch nie ein Radio gegründet. Da bin ich auf das Know-how von Spezialisten angewiesen.”

Vernetzung durch Information
Nena Skopljanac und Peter Kasser von der Medienhilfe können sich vorstellen, dieses Projekt zu unterstützen. Eine Gebrauchsanleitung “Wie gründe ich ein Radio?” können sie aber nicht bieten. “Die Hauptarbeit müssen die Dzˇeno-Leute selber leisten. Wir können sie in rechtlichen Fragen beraten, beim Fundraising oder wenn es um die technische Infrastruktur geht”, betont Skopljanac. “Wichtig ist uns auch die Ausbildung der Journalistinnen und Journalisten, eine Ausbildung, die wenn möglich im Hause selber geschehen soll. Und immer wieder werden wir darauf hinweisen, wie wichtig es ist, dass ein Medienprojekt mit der Gemeinde, aus der es hervorgegangen ist, verbunden bleiben soll.”
Radio und Fernsehen aus der Gemeinde für die Gemeinde, heisst die Devise, aber für überregionale Themen soll auf das zu schaffende Netzwerk zugegriffen werden können. Für Peter Kasser von der Medienhilfe ist dieser Themenaustausch besonders wichtig: “Die verschiedenen Roma-Gemeinden sind meist sehr isoliert. Es ist eine Aufgabe der Medien, diese Isolation aufzubrechen, ein Bewusstsein zu schaffen für gemeinsame Werte, gemeinsame Wurzeln, aber auch gemeinsame Probleme. Das wird dazu führen, diese Probleme auch effektiver anzupacken.”

Zu wenig ausgebildete JournalistInnen
Eines der drängendsten Probleme ist die Ausbildung. Roma mit Mittel- oder gar Hochschulausbildung sind in der ganzen Region eine verschwindend kleine Minderheit. Die meisten Roma-Kinder werden fast schon routinemässig in Sonderschulen für Lernbehinderte eingewiesen, weil sie zuhause Romanes sprechen und die lokale Mehrheitssprache kaum beherrschen. Diesen Kindern wird damit von Anfang an der Weg zu einer guten Ausbildung verbaut. Kein Wunder, fehlt es auch an ausgebildeten JournalistInnen. Immer wieder gab es zwar Versuche, junge Roma zu JournalistInnen auszubilden, doch alle Ansätze verliefen nach kurzer Zeit im Sand. György Kerenyi vom Budapester Radio C hofft denn auch auf eine dauerhafte Hilfe von Rrommedia.net: “Wir denken daran, eine Roma-Medienschule aufzubauen. Da wäre eine verlässliche Unterstützung durch Rrommedia.net äusserst wichtig.”
Das sind langfristige Pläne und ob sie sich realisieren lassen, ist höchst ungewiss. Das drängendste Problem haben György Kerenyi und die andern Radio-C-Leute allerdings gelöst. Seit dem 15. Juni sendet Radio C wieder sein gewohntes Programm. Möglich macht es ein bis jetzt in der Region einmaliges Modell: Das öffentlich-rechtliche ungarische Radio kauft von Radio C täglich eine Programmstunde ein. Damit kann der Roma-Sender nicht nur 70 Prozent seines Budgets decken, sondern sein Programm wenigstens teilweise im ganzen Land ausstrahlen. “Die Zukunft von Radio C schaut nun schon viel heller aus”, meint ein zufriedener György Kerenyi.
Es ist eine seltene Erfolgsmeldung. Roma-Medien haben es sonst sehr schwer. Weil Werbeeinnahmen praktisch fehlen, sind sie auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Die staatliche Hilfe ist aber bescheiden und oft auch mit publizistischen Vorgaben verknüpft. Umso notwendiger ist die Hilfe von privaten Stiftungen. Rrommedia.net könnte zu einer besonders wirksamen werden. ≠

Max Akermann ist Osteuropa-Korrespondent von Schweizer Radio DRS und lebt in Prag.

11. Juli 2007 von Klartext

Presse auf den Ballenberg?

Die Westschweizer Verleger bekämpfen energisch den geplanten Infokanal des Westschweizer Radios. Dabei schrecken sie auch nicht vor seltsamen Analysen zurück.

hb./ “Die SRG übertreibt”, schreibt Eric Hoesli, “Le Temps”-Direktor. Sein Zorn richtet sich gegen das Projekt von Radio Suisse Romande (RSR) für einen Infokanal mit Newssendungen rund um die Uhr (vgl. KLARTEXT 3/2003). Das Projekt des “staatlichen Monopolisten” RSR sei überrissen, unnötig für ein Medienunternehmen, das bereits über 54 Prozent Marktanteil habe, und kontraproduktiv, weil es mit der finanziellen Unterstützung anderer SRG-Unternehmen realisiert werde. Diese Hilfe könnte den Kräften Auftrieb geben, die den aktuellen Verteilschlüssel der Gebühren zugunsten der kleineren Landesteile in Frage stellten, argumentiert Hoesli. Die Retourkutsche von Gérard Tschopp, RSR-Direktor, liess nicht auf sich warten: Wer nach zwanzig Jahren erbitterter Konkurrenz noch von Monopol rede, habe keine Ahnung von der Westschweizer Radiolandschaft, donnerte er zwei Tage später im gleichen Blatt. Hoesli wische die Ansprüche des Publikums und die Notwendigkeit der Verteidigung der Westschweizer Identität unter den Tisch.

Bundesrat entscheidet bald
Was steht hinter dem Schlagabtausch der prominenten Chefs? Nichts weniger als eine geharnischte Stellungnahme des Westschweizer Verlegerverbands Presse Romande zum geplanten RSR-Infokanal, über den der Bundesrat in den nächsten Wochen entscheiden muss. Die Westschweizer Zeitungs- und Zeitschriftenverleger bekämpfen das Projekt vehement: Expansionistische Strategie der SRG, Wettbewerbsverzerrung dank Gebührengeldern!, schreiben sie. Und zitieren sogar die eidgenössische Verfassung, die besagt, dass bei einer Konzessionserteilung Lage und Rolle der andern Medien, insbesondere der Printmedien, in Betracht gezogen werden müsse. Die Printmedien seien aber derart übel dran, dass eine durch Gebühren ermöglichte Verstärkung der Radiopräsenz auf dem Markt als geradezu “unanständig” bezeichnet werden müsste.
Um ihre Brötchen fürchten die Verleger vor allem, weil der RSR-Infokanal zur Konkurrenz für ihre Serviceinfos werden könnte. Befragt man Tibère Adler, Präsident von Presse Romande und gleichzeitig Direktor von Edipresse Schweiz, so hat er gleich eine umfassende Analyse zur Hand: “Es gibt keine kohärente Medienpolitik des Bundes, nur sektorielle Massnahmen mit völlig unterschiedlichen Tendenzen.” Die SRG-Medien würden schon fast inflationär gefördert, die Printmedien mit Einschränkungen, Fusionskontrollen, Postgebührenerhöhungen und wohl bald auch staatlichen Qualitätskontrollen gebremst. “Wenn die Schweiz so weitermacht, geht es nicht mehr lange und sie kann die letzten Printmedien im Heimatmuseum bewundern!”

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