11. Juli 2007 von Klartext

Binggis & Co. hören auf

Sie wollten nicht nach Zürich umziehen; nun geht das Radio-Unterhaltungs-Trio in Pension.

nl./ Bald ist es so weit. Drei Charakterstimmen und -figuren verlassen DRS 1. Im Laufe der kommenden zwei Jahre gehen die langjährigen Unterhaltungs-Redaktoren Benno Kälin, Peter Bissegger und Jürg Bingler in Pension – genauer: in Frühpension. Ihr Abgang ging nicht ganz ohne Nebengeräusche über die Bühne. Anlässlich der Neuausrichtung von DRS 1 und der Zusammenführung des Senders im Studio Zürich weigerten sich Kälin, Bissegger und Bingler, von ihrer langjährigen Wirkungsstätte in Bern wegzuziehen. Man einigte sich auf die Frühpensionierung.
Während dreier Jahrzehnte hat das Trio allmittwöchentlich und -samstäglich die Lachmuskeln der RadiohörerInnen zu bewegen versucht. Noch in diesem Jahr soll der oder die erste NachfolgerIn – als Ersatz für Benno Kälin – eingearbeitet werden. Insgesamt interessierten sich rund 70 BewerberInnen für die frei werdenden Stellen. Ihre Aufgaben werden nicht mehr ganz dieselben sein. So wurde die “Radio-Musik-Box” – die Rätselschule der Nation – durch das Gefäss “Knack & Nuss” ersetzt. Beim Publikum fand die neue Ratespiel-Show durchaus Anklang. Einzige Kritik des Publikumsrats nach ein paar Monaten war die Qualität der Moderationsgespräche.
Jürg Bingler, einer der drei abtretenden Unterhaltungs-Redaktoren, sieht nach turbulenten Zeiten und Auseinandersetzungen über die Grenzen der Satire (siehe Kolumne in KLARTEXT 5/2002) der Zukunft seines Ressorts unterdessen mit einem guten Gefühl entgegen. Es sei selbstverständlich, dass gewisse Formate verändert oder ersetzt würden, “es ist ja klar, dass neue Menschen neuen Wein in neuen Schläuchen fliessen lassen sollen”. Grund zur Zuversicht ist für Bingler auch die Tatsache, dass es in der Kleinkunst gewisse Eckpunkte gibt, die zum Pflichtstoff für einen öffentlich-rechtlichen Sender gehören. Die Verleihung des Salzburger Stiers, die Schweizer Künstlerbörse in Thun und die Oltner Cabaret-Tage werden weiterhin zu den wichtigen Anlässen gehören, die im Rahmen der Unterhaltungssendungen auf DRS 1 ihren Widerhall finden werden.

11. Juli 2007 von Nick Lüthi

SRG setzte sich durch

Seit Anfang August kann das Tessin digitale Fernsehsignale aus der Luft empfangen. Bis 2009 soll die Schweiz flächendeckend mit terrestrischem Digitalfernsehen versorgt sein.

Plötzlich ging alles sehr schnell. Ende Februar stellte die SRG SSR idée suisse den Antrag, die Konzession um die Bewilligung für terrestrisches Digitalfernsehen zu erweitern. Nur vier Monate später gab der Bundesrat dem Ersuchen statt und verpflichtete die öffentlich-rechtliche Veranstalterin SRG, vorerst vier Programme über ein digitales Sendernetz anzubieten. Dabei muss die SRG die Grundversorgung und den Sprachaustausch gewährleisten. Seit Anfang August ist nun im Tessin Digitalfernsehen aufgeschaltet. Wer sein Gerät mit einer so genannten Set-Top-Box ausrüstet, kann TSI 1 und 2 sowie die ersten Kanäle von SF DRS und TSR in digitaler Qualität empfangen (siehe Kasten). Der landesweite Ausbau soll bis 2009 erfolgen.
Obwohl in der Schweiz die überwiegende Mehrheit der FernsehzuschauerInnen (über 90 Prozent) ihre Programme via Kabel oder Satellit empfängt, erachten es Bund und SRG als notwendig, einen Nachfolgestandard für die analoge Antennenübertragung einzuführen. Aufgrund internationaler Vereinbarungen, die den analogen Standard per 2015/2020 für überholt erklärt haben, gebe es keine Alternative zur Digitalisierung, heisst es bei der SRG. Ausserdem werde das Signal über Satellit bereits digital übertragen und die Kabelanbieter seien ebenfalls drauf und dran umzustellen. Folglich sei es nichts als konsequent, wenn künftig auch via Antenne Nullen und Einsen und nicht mehr UHF-Wellen übertragen würden. Als wichtigsten Grund für die Umstellung führt das Bakom Sicherheitsaspekte an. Da die Schweizer Behörden keinen hoheitlichen Einfluss auf die Verbreitung von TV-Programmen über Satellit und Kabel hätten, könne die Grundversorgung nur über die terrestrische Verbreitung sichergestellt werden, schreibt das Bakom.

Bakom und SRG sind sich nicht einig
Trotz grünem Licht, das die SRG für den Aufbau eines digitalen Fernsehnetzes von Bundesrat und Bakom erhalten hat, bestehen noch erhebliche Differenzen. In ihrem Gesuch forderte die öffentlich-rechtliche Veranstalterin, die teure Simulcast-Phase (jene Frist, während der die digitale Technologie bereits eingeführt und die analoge noch nicht abgeschaltet ist) mittels befristeter Gebührenerhöhung zu finanzieren. Weiter verlangte die SRG, dass in einer ersten Phase keine privaten Veranstalter zugelassen werden. Zwar könnten auf einer digitalen Senderkette 4 bis 6 Programme gesendet werden, trotzdem besteht die SRG darauf, nur ihre eigenen vier Programme aufzuschalten. Sowohl in der Frage der Finanzierung als auch der Beteiligung von Privaten sind Bundesrat und Bakom den Forderungen der SRG nicht nachgekommen. Für die strittigen Fragen würde nun in gemeinsamen Gesprächen nach Lösungen gesucht, sagt SRG-Sprecherin Josefa Haas.
Kein Wunder, stösst der eingeschlagene Kurs bei den privaten Veranstaltern auf wenig Gegenliebe. In seiner Stellungnahme anlässlich der Anhörung interessierter Kreise zur Konzessionserweiterung kritisierte der Verband der privaten Fernsehstationen Telesuisse, dass private Veranstalter erst auf einer zweiten (oder gar erst dritten) digitalen Senderkette aufgeschaltet werden sollen. Darin sieht Telesuisse eine “Alleinanbieter-Strategie” der SRG. Ein solcher Alleingang des “Platzhirsches” sei zu verhindern und die Konzession zu verweigern, forderte der Verband der Privaten – erfolglos. Damit nicht genug: Die regionalen Veranstalter pochen auf den in ihren Konzessionen enthaltenen Service-public-Auftrag, der eine Beteiligung ausreichend legitimiere.
Bereits komplett eingeführt ist das antennengestützte Digitalfernsehen in Berlin-Brandenburg. Seit Anfang August können in der deutschen Hauptstadt und dem angrenzenden Umland 25 Sender empfangen werden. Das sind mehr als bei der abgeschalteten analogen Übertragungsweise. Private Veranstalter wie RTL, ProSieben, Sat 1 sind im Gegensatz zur Schweiz von Anfang an mit dabei. Von den betroffenen rund 120’000 Berliner Haushalten, die weder über Kabel- noch Satelliten-Empfang verfügen, hatten sich bereits im April zwei Drittel eine Set-Top-Box angeschafft, die den digitalen Empfang ermöglicht. Trotz Kinderkrankheiten wie Pixel-Klötzchen an Stelle des “Tatort”-Kommissars auf der Mattscheibe, habe der Umstieg erstaunlich gut geklappt, sagen die Verantwortlichen. Schlüssel zum Erfolg sei der Fernsehzuschauer. Er akzeptiere digitale Technologien, “wenn der Mehrnutzen den Preis rechtfertigt,” so Hans Hege, Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg. Von einem Mehrnutzen kann in Berlin tatsächlich die Rede sein. In der Schweiz hingegen ist dieser nicht vorhanden. Auf der ersten digitalen Senderkette werden bekanntlich nur jene Programme zu empfangen sein, die bisher auch analog zu sehen waren. Man kann also nur hoffen, dass Digitalfernsehen in der Schweiz mangels attraktiven Mehrwerts nicht ein ähnliches Schicksal erleidet wie digitales Radio.

Digitales Radio floppte
Die Formate Digital Satellite Radio DSR und Digital Audio Broadcasting DAB waren nämlich beide Flops. DSR wurde 1999 gar aus dem Äther verbannt, DAB ist zwar weiter auf Sendung und erreicht theoretisch über 50 Prozent der SchweizerInnen, doch niemand hört zu. Gerätehersteller und SRG schieben sich gegenseitig die Verantwortung für den Misserfolg zu (vgl. KLARTEXT 1/02). Ein schlechtes Omen für Digitalfernsehen (DVB-T)? Nein, sagt SRG-Sprecherin Josefa Haas. Digitales Radio und Fernsehen liessen sich nicht vergleichen. Der wesentliche Unterschied, der auf den Erfolg von Digital-TV hinweise, sei die Tatsache, dass internationale Abkommen den Standard DVB-T für verbindlich erklärt hätten. Im Radiobereich hingegen gehen Experten davon aus, dass UKW selbst in 20 Jahren noch seinen Dienst tut. DAB ist zudem nicht als zwingender Nachfolgestandard definiert.

Startschuss für Digitalfernsehen im Tessin

nl./ Der Qualitätsunterschied ist deutlich sichtbar. Über dem einen Fernsehbildschirm liegt ein störendes Flimmern, das andere Bild ist einwandfrei zu sehen. Beide Geräte empfangen das Signal ausschliesslich via Antenne. Der Unterschied: Das störungsfreie Bild wird digital übertragen. Seit Anfang August ist im Tessin DVB-T (Digital Video Broadcasting Terrestrial) Realität. Wer dort sein TV-Gerät mit einer Set-Top-Box ausrüstet – im Handel erhältlich für rund 300 Franken – kann vier Sender (TSI 1 & 2, SF 1 und TSR 1) in bester Qualität empfangen. Im Rahmen des Filmfestivals von Locarno hat die SRG den neuen TV-Übertragungsstandard mit viel Pomp vorgestellt. Nach einem Pilotversuch mit DVB-T im Engadin anlässlich der Skiweltmeisterschaften im vergangenen Winter ist das Tessin nun die erste Region, wo Digitalfernsehen im Regelbetrieb eingeführt wird. Im kommenden Jahr soll das Genferseegebiet versorgt werden. Gemäss SRG sollen Regionen, die über eine geringe Kabelnetz-Dichte verfügen, bei der Einführung von DVB-T bevorzugt behandelt werden.
Gesendet wird im Tessin von 12 Standorten aus; deutlich weniger als bei der analogen Verbreitung des Signals. Der Kostenvorteil der schlankeren Infrastruktur beginnt allerdings erst dann zu greifen, wenn nur noch digital gesendet wird. In einer Übergangsphase, die voraussichtlich noch mehrere Jahre dauern wird, werden die Signale sowohl analog als auch digital gesendet. Allerdings könnte schneller als erwartet auf die veraltete analoge Technologie verzichtet werden. Da das Bakom dem Ersuchen der SRG um eine Gebührenerhöhung zur Finanzierung der teuren Übergangsphase nicht stattgegeben hat, könnten die fehlenden Gebührengelder mit einer vorgezogenen Umstellung kompensiert werden. Der Endverbraucher wäre dann gezwungen umzusteigen.

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