11. Juli 2007 von Nick Lüthi

Gratis, aber nicht billig

Die Gratispresse betreibt meist anspruchslosen Häppchenjournalismus. Die Musikmagazine “Loop” und “Partynews” sind Ausnahmen, sie setzen auf Gratis-Distribution und Hintergrundberichte. Annäherung an zwei ungleiche Geschwister.

Eines haben sie gemeinsam: “Loop” und “Partynews” liegen in Plattenläden auf, stapeln sich in Konzertlokalen und Clubs. Ein flüchtiger Blick verheisst bei “Partynews” mit Texthäppchen verzierte Werbefläche und bei “Loop” ellenlange Bleiwüsten.
“Loop” publiziert Hintergrundberichte über Unerhörtes und Ungehörtes aus der weiten Welt der Popmusik. Während die Tages- und Wochenzeitungen meist aktualitätsbezogen berichten, tut dies “Loop” vorwiegend thematisch. Ein bestimmtes Genre, ein Reizwort oder der Geburtstag eines Musikers lassen die AutorInnen in die Tasten greifen. Alleinredaktor Philipp Amrein sieht mehrere Gründe, weshalb szenenintern renommierte JournalistInnen trotz mageren Honoraren gerne für sein Blatt schreiben. Am wichtigsten sei der Liebhaber-Charakter. “Wer bei uns eine CD bespricht, tut dies nicht aufgrund der guten Platzierung in der Hitparade, sondern alleine aus Interesse an der Musik.” Ausserdem bestimmen die AutorInnen den Umfang ihrer Artikel weitgehend selbst. Mehrseitige Aufsätze sind deshalb keine Seltenheit.

“Loop” trägt noch an Altlasten
Inserate gibt es in “Loop” nur wenige. Sie stammen meist von befreundeten Medien sowie Veranstaltungslokalen und Plattenläden, wo die Musikzeitung gratis aufliegt. In den letzten Monaten musste sich Philipp Amrein intensiver, als ihm lieb war, mit der Finanzsituation seiner Musikzeitung befassen. Aufgelaufene Schulden aus den Zeiten, als “Loop” (respektive sein Vorgänger “Musik-Spezial”) den Zeitungen des AZ-Rings beigelegt wurde, mussten abgetragen werden.
Die Verbindung von “Loop” zu Presseerzeugnissen mit sozialdemokratischem Hintergrund ist bis heute geblieben. Einer der “Überlebensfaktoren” ist die Partnerschaft mit Koni Löpfes Stadtzürcher Wochenblatt “P.S.”. Eigentlich ist die Musikzeitung im Tabloidformat eine Beilage von “P.S.”, die zehn Mal pro Jahr erscheint und zusätzlich an den einschlägigen Orten gratis aufgelegt wird. Die Gesamtauflage bewegt sich bei 14’000 Exemplaren. Drittes und für Philipp Amrein wichtiges Standbein sind schliesslich die paar Hundert AbonnentInnen, “die ich alle persönlich kenne”, frotzelt der Alleinredaktor.

“Partynews”:Viele Inserate
Das Magazin “Partynews”, nach Eigendefinition “das schweizerische Magazin für elektronische Musik und die Kultur”, wurde vor zehn Jahren als handkopiertes Fanzine für AnhängerInnen des damals noch jungen Genres Techno in der Westschweiz gegründet. Das Heft kann sich – im Gegensatz zur übrigen Presselandschaft – nicht über mangelndes Inserateaufkommen beklagen. Trotzdem war bisher nicht jeder Inserent willkommen. Um unabhängigen Musikjournalismus betreiben zu können, habe man bisher auf Werbung aus der Musikindustrie verzichtet, erklärt Gründer und Herausgeber Didier Ambühl. Ins Auge stechen hingegen ganzseitige Reklamen für Glimmstengel aller Marken und Alkoholika. Künftig soll es auch Musikindustrie-Inserate geben, allerdings sollen diese unabhängig von der Berichterstattung platziert werden.
Das Magazin mit einer Auflage von 100’000 Exemplaren erscheint in einer deutsch- und einer französischsprachigen Ausgabe. Neben der Gratis-Distribution kann das Blatt auch abonniert werden, am Kiosk ist es ebenfalls erhältlich. In diesen Wochen kriegt “Partynews” ein neues Gesicht und Konzept. Verantwortlich für den redaktionellen Teil des Relaunch sind Michel Masserey, Musikjournalist aus Lausanne, unter anderem tätig für “Le Temps”, “L’Hebdo” und Espace 2, sowie “Technopapst” Arnold Meyer, der in Zürich als Veranstalter aktiv ist. Masserey spricht im Zusammenhang mit der Neulancierung von einer Refokussierung. Schliesslich habe sich die elektronische Musik in den letzten zehn, fünfzehn Jahren stark entwickelt und das Publikum sei älter geworden. Damit seien auch die Ansprüche an die Fachpresse gewachsen. Bereits in der gegenwärtigen Form finden sich in “Partynews” – anders als der Titel vermuten lässt – recherchierte Texte, seien dies Artistenporträts, Reportagen über Städte und ihre “Szene” oder ausführliche Interviews.
Über Musik zu schreiben sei wie zu Architektur zu tanzen, lautet ein viel zitiertes Bonmot des britischen Pop-Musikers und Produzenten Elvis Costello. Entsprechend könnte man erwarten, dass der Genuss solch anspruchsvoller Schreibe seinen Preis hat. Die Gratis-Distribution von Musikfachzeitungen macht aber durchaus Sinn. Denn: Im Gegensatz zu manch anderem Genre erfüllt der Musikjournalismus einen Service-Zweck. Den LeserInnen wird ein Produkt vorgestellt, das sie in Form von Tonträgern erwerben oder an Konzerten geniessen können. Und LiebhaberInnen haben bekanntlich ein evidentes Interesse, ihre Leidenschaft zu teilen. Da lässt man den LeserInnen doch gerne das Geld für den nächsten Konzertbesuch oder Plattenkauf im Portemonnaie.

11. Juli 2007 von Heinz Roland

Ein kritischer Artikel genügt

Ein Redaktor schreibt über Verfilzung und wird sofort gekündigt. Von Heinz Roland.

Dicke Luft herrscht bei der “Zuger Presse” (ZP). Seit der neue Chefredaktor Florian Hofer und Verlagsleiter Daniel Neukomm das Kommando führen, wird die Belegschaft beim 1996 gegründeten Presseunternehmen zusehends kleiner. In den Bereichen Verlag und Web-Design wurden seit dem Frühjahr drei Kündigungen ausgesprochen; zwei weitere MitarbeiterInnen strichen freiwillig die Segel.
Nach offizieller Lesart wurden sie Opfer unumgänglicher Restrukturierungsmassnahmen, mit denen das in argen Geldnöten steckende Blatt (Verlust 2002: 3,2 Millionen Franken) aus den roten Zahlen heraus manövriert werden soll. Die autoritäre Art und Weise, mit der Neukomm und Hofer ihre Sparprogramme durchsetzen, drückt allerdings bei vielen auf die Motivation. Jedenfalls sollen inzwischen mindestens ein halbes Dutzend weiterer ZP-MitarbeiterInnen ihren Abgang planen.
Verunsichert fühlt sich namentlich die Redaktion, seit ZP-Redaktor Erich Hirtler im Mai dieses Jahres unvermittelt “freigestellt” und gekündigt wurde. Zum Verhängnis wurde Hirtler ein Bericht über die mächtigen Zuger Wasserwerke (WWZ) und ihren einflussreichen Direktor, FDP-Nationalrat Hajo Leutenegger. Hirtler hatte dargestellt, wie Lobbyist Leutenegger seine Doppelfunktion als Nationalrat und WWZ-Direktor virtuos zum Nutzen der Wasserwerke einzusetzen weiss.
Für Chefredaktor Florian Hofer war dies zu viel der Respektlosigkeit: Sein Text sei “tendenziös und richtig unfair”, liess er Hirtler per E-Mail wissen. Er kippte den Text aus dem Blatt und machte sich selber an die Arbeit. Statt Hirtlers “Diener zweier Herren” erschien in der ZP tags darauf ein Artikel von Chefredaktor Hofer (Titel: “Steinhausen steht unter Strom und Wasser”), der die Vorgänge in deutlich devoterem Tonfall abhandelte.
Mit dem Inhalt des Artikels habe Hirtlers Kündigung überhaupt nichts zu tun, beteuert hingegen Chefredaktor Florian Hofer. Hirtler habe vielmehr gegen seine ausdrücklichen Weisungen verstossen, in dem er nicht dafür gesorgt habe, dass auch sein Anriss zur Geschichte auf der Front aus dem Blatt gekippt wurde: “Das ist hinter meinem Rücken passiert.”
Florian Hofer, der über einen breiten Erfahrungshintergrund im Bereich Marketing verfügt, journalistisch bisher aber noch kaum in Erscheinung trat, ist bereits der siebte Chefredaktor in der erst siebenjährigen Geschichte der “Zuger Presse”. Parteipolitisch lässt sich der gebürtige Bayer kaum einordnen, doch leide er – wie Kenner der Verhältnisse berichten – an einer ausgesprochenen Beisshemmung gegenüber den wirtschaftlich und politisch Mächtigen im Kanton. ≠

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr