11. Juli 2007 von Klartext

Niemand klagt

Die Espace Media Groupe steigt mit 40 Prozent beim “Bund”-Verlag ein. Wie reagieren die Berner JournalistInnen darauf?

hs./ Kein kritisches Wort zur Konzentration der wirtschaftlichen Macht, keinen Einwand gegen die Monopol-Tendenzen in der kapitalistischen Wirtschaft erfährt, wer sich bei Berner JournalistInnen nach ihrer Stimmung erkundigt, jetzt, nachdem Charles von Graffenrieds Espace Media Groupe beim “Bund” den Ton angibt.
“Alles ist besser, als den ‚Bund‘ zu schliessen”, erklärt ein “Berner Zeitung”-Mitarbeiter und trifft damit auch die Stimmung beim “Bund”. Ein zweiter meint, dass die beiden konkreten Alternativen zur BZ-Beteiligung – “Bund”-Einstellung bzw. Verkauf an Peter Wanners “Mittelland Zeitung” – weniger erfreulich gewesen wären. Bei einem Verkauf an die Wanner-Gruppe hätte wohl eine Mantelzeitung herausgeschaut. Dies hätte den Verlust von noch mehr Stellen nach sich gezogen. Und die Zeitungseinstellung hätte die Lage der JournalistInnen und RedaktorInnen auf dem Arbeitsmarkt katastrophal werden lassen. Arbeitslosigkeit und Lohndruck bis hin zur Missachtung der GAV-Minimalstandards wären die mutmasslichen Folgen gewesen.
Friede, Freude, Zungenwurst also? Nicht ganz. Insgesamt 25 Stellen gehen verloren, zehn davon auf der “Bund”-Redaktion – allerdings zurückgerechnet auf den Relaunch im vergangenen Herbst. Inzwischen sind sechs bis sieben “Bund”-Leute gegangen, vor allem in den Ressorts Bern und Region sowie Kanton. Die Abgänge seien vielleicht eine Folge der Unsicherheit gewesen, mutmasst ein “Bund”-Mitarbeiter. Eine gewisse Unsicherheit bleibt, denn die Arbeitsgruppen, die den zukünftigen “Bund” planen, nahmen ihre Arbeit erst nach den Sommerferien auf.
In einem Punkt allerdings ist noch der traditionelle Konflikt zwischen den beiden Redaktionen spürbar. Es gebe, so berichtet ein Insider, beim “Bund” auch Leute, die hofften, dass von Graffenried ihr Blatt bevorzugt behandeln werde, da sie doch die bessere Zeitung machen würden. Die Hoffnung stützt sich auf die Tatsache, dass die Espace Media allein für die Budgets beider Zeitungen zuständig sein wird. Sparen müsse der “Bund”, tönt es hingegen aus der BZ: “Bessere Qualität – das sagen die vom ‚Bund‘ seit Jahren.” Bei der BZ brauche sich niemand vor dem “Bund” zu verstecken.

11. Juli 2007 von Klartext

Nebel in der Sommerhitze

Obwohl sie letztes Jahr einen Gewinn von 35,6 Millionen Franken erreichte, obwohl die Besitzerfamilie mit dem Börsengang reichlich Geld verdiente: Die Tamedia spart und entlässt.

bbü./ Hammer in der Hitze: Gegen Ende Juni kündigte Tamedia den Abbau von 140 Stellen an. Betroffen sind der Bereich Akzidenz-Rollenoffsetdruck, der geschlossen wird, dazu Druckvorstufe und Weiterverarbeitung Zeitschriften. Zudem werden “Annabelle business” und “Annabelle wohnen” eingestellt; “Du” und “Spick” sollen verkauft werden – über ihre Zukunft wird momentan mit Interessenten diskutiert (siehe auch Seite 22ff).
Comedia, SVJ und KV Schweiz wie auch Tamedia-Angestellte forderten die Erhaltung der Arbeitsplätze und die Aussetzung der Kündigungen, bis andere Möglichkeiten abgeklärt sind. Doch die Tamedia blieb hart. Gegen Ende Juli stellte sie gar ein Ultimatum: Stimmen die VerhandlungspartnerInnen dem vorgeschlagenen Sozialplan nicht zu, tritt eine für die ArbeitnehmerInnen schlechtere Variante in Kraft. Das Ultimatum wurde abgelehnt.

Sommerstille bei den Verhandlungen
Seither herrscht mehr oder weniger Sommerstille. “Wir verhandeln wie angekündigt weiter und hoffen, dass wir mit den Sozialpartnern eine einvernehmliche Lösung finden. Unser Angebot lag bei 11,4 Millionen Franken. Im Rahmen dieses fairen Angebotes, das weit über den Branchenstandards liegt, verhandeln wir”, ist von Franziska Hügli, Head of Corporate Communica-tions and Investor Relations Tamedia, zu erfahren.
Die Gewerkschaften ihrerseits warten, so Comedia-Zentralsekretär Roland Kreuzer, unter anderem auf eine Reaktion auf eine Gesprächsaufforderung an Verleger Hans Heinrich Coninx, CEO Martin Kall und Zeitschriften-Leiter Alexander Theobald. “Die Leute sind bereit zu Aktionen”, sagt Kreuzer. “Gerade jene im Bereich Akzidenz-Rollenoffsetdruck wissen, dass ihre Chancen auf einen anderen Arbeitsplatz gering sind. In den Zeitungsdruck werden sie kaum wechseln können, denn dort rechnen wir im nächsten Jahr, wenn die neuen Maschinen installiert sind, ebenfalls mit einem Stellenabbau.”

Weitere Entlassungen befürchtet
Überhaupt befürchten Tamedia-MitarbeiterInnen verschiedenenorts weitere Stellenstreichungen. “Mich würde es nicht wundern, wenn es noch in diesem Jahr beim ‚Tages-Anzeiger‘ zu Massenentlassungen kommen würde”, ist etwa aus der Tagi-Redaktion zu hören. Dort ist auch nach wie vor unklar, wer nun eigentlich den Start des revidierten Lokal/Regional-Bunds gestoppt hat. “Uns gegenüber hiess es, es sei der Tamedia-Verwaltungsrat gewesen”, ist zu hören. Die “Mittelland-Zeitung” dagegen zitierte Tamedia-Verwaltungsrat Iwan Rickenbacher mit der Aussage, der Stopp-Entscheid stamme nicht vom Verwaltungsrat. Laut Franziska Hügli war es so: “Der Verwaltungsrat hat die Änderungsvorschläge für den Regionalbund begrüsst. Gleichzeitig hat er verlangt, dass die operative Leitung noch im laufenden Jahr ein Gesamtkonzept für den ‚Tages-Anzeiger‘ erarbeitet. Um zu vermeiden, dass Änderungen im Regionalbund bei der Einführung des Gesamtkonzeptes wieder rückgängig gemacht werden müssten, hat diese sich in der Folge entschieden, die geplanten inhaltlichen und optischen Neuerungen einstweilen noch nicht zu realisieren.”

Sparrunde auch bei “Facts”?
Bei den (beim Konzern verbleibenden) Zeitschriften wird ebenfalls mit massiven Budgetkürzungen gerechnet. Bei “Facts” etwa geht die Rede – Vermutung – von einer Budget-Kürzung von bis zu 20 Prozent. Ob bereits Spar-Vorgaben existieren, weiss die Redaktion nicht; sie rätselt darüber, ob der momentan ferienabwesende “Facts”-Chefredaktor Hannes Britschgi sich demnächst zu SF DRS absetzt. “Er hat sehr sibyllinisch darüber gesprochen.” Weiter ist aus der Redaktion zu hören: “Überhaupt liegt alles etwas im Nebel.”
Vielleicht erfahren die Tamedia-Angestellten am 21. August etwas mehr. Dann nämlich wird die Tamedia-Halbjahresbilanz veröffentlicht. Ob gleichzeitig auch neue “Massnahmen” bekannt gegeben werden, will Franziska Hügli noch nicht sagen. Eine mögliche Massnahme ist einem aufmerksamen Tamedia-Mitarbeiter aufgefallen: Laut Jahresbericht haben die sieben Tamedia-Verwaltungsräte 2002 zusammen “Basissaläre” von 2,051 Millionen kassiert, die acht Mitglieder der Unternehmensleitung “Basissaläre” plus “Erfolgsbeteiligung” plus “Sachleistungen” von insgesamt 4,761 Millionen. Da, meint er, liesse sich doch auch das eine oder andere einsparen.

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