11. Juli 2007 von Bettina Büsser

Wenn der Journalist ein Insider ist …

JournalistInnen können UnternehmenssprecherInnen werden. Sie können danach in den Journalismus zurückkehren. Und sie können sogar darüber Bücher schreiben. Alles möglich, alles machbar. Aber soll man es auch tatsächlich tun?

Das Buch erregte Aufsehen. Ende August erschien “Kloten-Clan”, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Flughafen Zürich, den politisch Verantwortlichen rund um den Flughafen sowie der Flughafen-Betreiberin Unique Zurich Airport, verfasst von “Facts”-Wirtschaftschef Lukas Hässig. Nicht nur der Inhalt des Buchs wurde Thema, sondern auch der Autor: Hässig, früherer “SonntagsZeitung”-Redaktor, war zwischen 1999 und Mitte 2001 Kommunikationschef von Unique, bevor er wieder in den Journalismus zurückkehrte. “Kloten-Clan” erschien rund zwei Jahre nach seinem Abgang bei Unique.
“Taar mer da?”, fragen sich nicht nur JournalistInnen. Hässig findet: Ja. “Als ich das Buch schrieb, empfand ich es nicht als grosses Problem, dass ich vorher bei Unique gearbeitet habe”, sagt er gegenüber KLARTEXT. In seinem Unique-Vertrag habe es keine Schweige-Klausel gegeben; er selbst habe entschieden, zwölf Monate lang nicht über den Flughafen zu schreiben – was er sowohl seinem Chefredaktor, Hannes Britschgi, wie Unique mitgeteilt habe. Zehn Monate nach diesem Entscheid habe er zwar über den Staatsvertrag geschrieben, eine “Facts”-Titelgeschichte, “Allein gegen Deutschland”, doch dabei sei es mehr um die Parlamentsdebatte und nicht um das Unternehmen Unique gegangen.

Angeregt durch “SonntagsZeitung”-
Lektüre …
Dann, so Hässig, kam jener Sonntag im Januar 2003: In der “SonntagsZeitung” sei Christoph Blocher mit der Aussage: “Der Flughafen wird ein zweites Kaiseraugst”, zitiert worden und in derselben Ausgabe sei ein Buch über Bush besprochen worden – geschrieben von einem ehemaligen Bush-Berater. So habe sich alles zusammengefügt: “Ich habe mir überlegt: Warum schreibe ich nicht ein Buch über den Flughafen?”
Nachdem ein Verlag (Werd-Verlag) gefunden war, informierte Hässig Unique: “Ich habe ihnen mitgeteilt, dass ich ein Buch schreiben und mit ihnen sprechen möchte. Ich dachte, es sei ihnen willkommen, wenn jemand über Unique schreibt, der die Geschichte kennt, die Dinge einordnen kann. Ihre Antwort lautete jedoch, sie fänden mein Vorgehen unethisch; sie würden nicht mit mir sprechen. In anderen Ländern ist es anders, aber bei uns gilt offenbar ein ungeschriebenes Gesetz, das so etwas nicht erlaubt. Weshalb? Gibt es denn so viel zu verschweigen seitens der Firmen?” Erst im Nachhinein, aufgrund der Reaktionen der JournalistInnen, habe er gemerkt, wie brisant das Thema sei: “Jemand, der Journalist war und heute als Pressesprecher arbeitet, hat zu mir gesagt: Der Fall wird möglicherweise zu einem Musterfall in der Kommunikationsbranche.”

Sind häufige Seitenwechsel lehrreich?
Die Kommunikationsbranche – und möglicherweise der Presserat – wird darüber diskutieren, ob ein Ex-Pressesprecher als Journalist seine Einblicke in ein Unternehmen per Buch verkaufen darf. Was wohl kaum diskutiert wird, ist die Frage hinter dieser Frage: Sollen JournalistInnen UnternehmenssprecherInnen werden, dann wieder in den Journalismus zurückkehren – und im Extremfall noch ein-, zweimal die Seite wechseln? Natürlich, in der heutigen Zeit müssen ArbeitnehmerInnen flexibel sein; bauen Zeitungen Stellen ab, dann müssen die Entlassenen sich halt anderswo umsehen. Und, so könnte man fragen, ist nicht Kommunikation sowieso gleich Kommunikation, Hans was Heiri? Schliesslich bietet die Zürcher Hochschule Winterthur (ZHW) die Diplomausbildung “Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation” (FU) an. Laut ZHW-Homepage bereitet die Ausbildung “Sie auf zwei attraktive Berufsfelder gründlich vor: Sie legen die Basis für eine Laufbahn in Journalismus und Organisationskommunikation”. JournalistInnen und OrganisationskommunikatorInnen, so ist weiter zu lesen, hätten zwar gegensätzliche Perspektiven – doch: “Gerade das macht die Perspektivenvielfalt spannend: Im Beruf steigen immer mehr Medienleute zum Aufsteigen mehrmals um, und wer die ‚andere‘ Seite kennt, arbeitet auf der ‚eigenen‘ professioneller.”

SöldnerInnen und WahrheitssucherInnen
Ist Kommunikation also gleich Kommunikation? “Wenn dieser Eindruck entsteht, ist er falsch”, sagt Daniel Perrin, Leiter des Studiengangs FU und des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft IAM der ZHW: “Bei unserer Grundausbildung stehen die beiden verschiedenen Berufsbilder – Journalismus und Organisationskommunikation – klar nebeneinander. Die Studierenden lernen verschiedene Berufsbilder kennen und spezialisieren sich dann im zweiten Teil des Studiums auf die Rolle, für die sie sich entschieden haben.” Die ZHW-Studierenden seien meist jung, an Kommunikation interessiert, hätten sich aber noch nicht auf eine bestimmte professionelle Rolle festgelegt: “Bevor man sich entscheidet, muss man die verschiedenen Rollen kennen. Ich denke, den IAM-Studierenden ist deshalb bewusster, was sie tun”, sagt Perrin. “Die Rollendifferenzierung verhindert den schleichenden Wechsel zwischen Journalismus und Unternehmenskommunikation. Ein entschiedenes, bewusstes Umsteigen von einer Rolle in die andere hingegen ist ein beruflicher Wechsel; solche Wechsel gehören heute, unabhängig vom Berufsfeld, zur Mehrzahl der Berufsbiografien.”
“Wenn der Seitenwechsel mit klaren ethischen Vorstellungen geschieht, ist das für mich keine Katastrophe”, findet auch Presserats-Präsident Peter Studer. Wie Daniel Perrin konstatiert Studer das Problem der beiden Rollen – und charakterisiert sie prononciert: “Der Unternehmenssprecher ist ein Söldner, eine Hilfsperson oder eventuell sogar ein Mitglied der Unternehmensleitung. Er ist der Allgemeinheit erst in zweiter Linie verpflichtet. Der Journalist sollte einzig auf Wahrheitssuche sein, unabhängig. Es sind ganz klar konträre Rollenbilder; diese Unterschiede muss man herausstreichen.” Studer kennt mehrere Beispiele von Seitenwechseln, die er als unproblematisch empfindet: “Das gilt jedoch nur, wenn man gewisse ethische Grundlinien einhält. Im Presserat muss man beispielsweise während fünf Jahren in den Ausstand treten, wenn es um Redaktionen geht, für die man gearbeitet hat.” Aus dem Seitenwechsel könnten, so Studer zu KLARTEXT, “Erkenntnis- und Erfahrungsgewinne” für die journalistische Arbeit resultieren: “Es hat sicher Vorteile, wenn man die Abläufe der Gegenseite kennt, hineingesehen hat.”
Müssten demnach SportreporterInnen selbst Spitzensport betrieben, Polit-JournalistInnen Parlamentserfahrung haben? Ist ein Wechsel in die Unternehmenskommunikation eine Art “Weiterbildung” für WirtschaftsjournalistInnen? Und, grundsätzlich: Nützt es tatsächlich, bei der “Gegenseite” gearbeitet zu haben? Ja, findet Esther Girsberger, eine – allerdings nur kurzzeitige – Switcherin: “Ich habe ungeheuer viel gelernt durch diesen Einblick in ein renditeorientiertes Unternehmen”, sagt die heutige Verantwortliche für das “SonntagsGespräch” bei der “SonntagsZeitung”. Sie war nach ihrem Abgang als “Tages-Anzeiger”-Chefredaktorin für zwei Monate Kommunikationsbeauftragte von Novartis. “Ich habe dort nach kürzester Zeit gemerkt, dass ich in dieser Arbeit nicht glücklich werde”, erzählt Girsberger, und: “Ich hatte nicht das Gefühl, ich dürfe nicht sagen, was ich denke. Doch wenn ich zum Beispiel eine Pressemeldung schrieb, habe ich gemerkt: Für mich muss das ‚Aber‘ Teil eines Textes sein.” In ihrem Vertrag mit Novartis gab es übrigens ebenfalls keine Schweige-Klausel, doch, so Girsberger: “Für mich war ganz klar: Was ich erlebt habe, behalte ich für mich. Ich schreibe danach als Journalistin nicht über Novartis. Das geht nicht.”
Seitenwechsel findet Girsberger “nicht verwerflich”: “Man muss sich jedoch irgendwann für eine Seite entscheiden.” Die Reaktionen auf ihre eigenen Seitenwechsel hat sie nicht negativ erlebt: “Als ich in den Journalismus zurückkam, hat keiner meiner Kollegen skeptisch reagiert. Und als ich Konzernsprecherin war, war der Umgang mit den Ex-Kollegen meist normal. Es gab zwar einige, die mit ‚Im Vertrauen, so unter uns kannst du doch …‘ kamen. Aber damit kann man umgehen.”
Das Verhältnis zwischen SeitenwechslerInnen und ihren Ex-KollegInnen ist nicht unproblematisch – hie wie da. Nehmen wir an, ein Kollege aus demselben Fachbereich wird Unternehmenssprecher. Selbstverständlich wird sein Know-how in einem Unternehmen seines Fachbereichs gefragt sein. Unter Journis kennt und duzt man sich – also sind seine Ex-KollegInnen plötzlich Duzis mit dem XY-Pressesprecher. Er weiss, wie sie ticken, sie wissen, wie er tickt. Zumindest für “old-fashioned” JournalistInnen ist das keine einfache Situation: Was tun mit der (früheren) Nähe, die jetzt zur kritischen Distanz mutieren sollte?

Schlimmer, als JournalistInnen es sich vorstellen?
“Grundsätzlich profitieren Unternehmen, wenn sie JournalistInnen an Bord nehmen”, sagt Hanspeter Bürgin. “Ex-JournalistInnen bringen erstens ihr Beziehungsnetz mit, zweitens haben sie, gerade bei ihren KollegInnen, eine höhere Glaubwürdigkeit.” Bürgin kennt die Situation ebenfalls; der langjährige Wirtschaftsjournalist und heutige Nachrichtenchef des “Tages-Anzeigers” war zwischen 2000 und 2001, während rund anderthalb Jahren, stellvertretender Kommunikationschef der Bank Vontobel. Es sei, so Bürgin, für ihn “eine sehr tolle Erfahrung” gewesen, in ein Unternehmen hineinzusehen. Gleichzeitig hat ihn der Aufenthalt auf der “Kommunikationsseite” auch ernüchtert: “Vieles ist sogar noch schlimmer, als wir es uns als Journalisten vorstellen. Zwar lautet Credo Nummer eins: Man soll nicht lügen. Dennoch wird der Wahrheit oft nicht zum Durchbruch verholfen. Denn es geht darum, die Sichtweise des Unternehmens durchzusetzen.”
Dennoch zieht Bürgin ein positives Fazit: “Für mich hat diese Zeit eine Erkenntnis gebracht: Ich bin Journalist. Ich bin motiviert in den Journalismus zurückgekehrt.” Die Gefahr, nach einem Aufenthalt bei der “Gegenseite” nicht nur Einsichten gewonnen zu haben, sondern auch – womöglich zu viel – Verständnis aufzubringen, wertet er als klein: “Im Gegenteil. Ich glaube, solche Einsätze schärfen die Wahrnehmung. Ich kann heute den UnternehmenskommunikatorInnen zeigen, dass ich ihr Spiel nicht mitspiele.”
Allerdings: Mit UnternehmenskommunikatorInnen aus seinem ursprünglichen Fachbereich hat Bürgin kaum mehr zu tun. “Jeder, der bei einer Bank angestellt ist, ist der Schweigepflicht unterstellt. Aber ich hätte auch sonst nicht mehr über Vontobel geschrieben. Ich finde, man kann nicht die Seiten wechseln und danach dieses Wissen ausnützen”, sagt er, und: “Es kam für mich sogar nicht in Frage, auf einer Wirtschaftsredaktion zu arbeiten und dabei das Dossier ‚Banken‘ zu betreuen.” Es ist paradox: JournalistInnen werden meist ihres Fachwissens wegen als UnternehmenssprecherInnen angestellt. Kehren sie dann in den Journalismus zurück, wird es plötzlich heikel, im eigenen Fachgebiet weiterzuarbeiten. Das, allerdings, gilt nur für JournalistInnen mit “old-fashioned” Ansichten über Journalismus.

11. Juli 2007 von Klartext

Kalte Schweiz

hs./ Der “NZZ am Sonntag”-Redaktor Willi Wottreng gehört zu jenen wenigen Schweizer Journalisten, die immer wieder überraschende Stoffe aufgreifen. Er findet Geschichten von Menschen, denen ungewöhnliche und ungerechte Behandlung widerfahren ist, und schreibt sie auf: Amerikanische GIs hinterlassen nach dem Zweiten Weltkrieg uneheliche Kinder, deren Existenz in der Schweiz tabuisiert ist. Ein Sohn aus guter Walliser Familie wird jahrelang unschuldig eingesperrt. Ein Jenischer, der gehänselt, bedroht und geschlagen wurde, erschiesst einen ausländischen Jugendlichen. Ein junger Mann will Reiche um ihr Geld erleichtern und überfällt am 1. Mai eine Bank; die RichterInnen sprechen ihn wegen Unzurechnungsfähigkeit frei, der junge Mann erwidert artig: “Danke schön”. Dem Gemeindeschreiber einer kleinen Aargauer Gemeinde wird von einer Gratiszeitung aus dem Haus Wanner Korruption vorgeworfen. Alles ist frei erfunden, doch seine berufliche Existenz ist vernichtet. Erst Jahre später erhält der Mann vor Gericht Recht.
Wottreng schreibt präzis und flüssig. 22 Geschichten hat er in seinem neuen Buch versammelt, “Geschichten aus der kalten Schweiz” nennt er sie, und der Verlag hat daraus ein schönes Buch gemacht.
Willi Wottreng, “Schüttelfrost. Geschichten aus der kalten Schweiz”. Mit Fotos von Anders Petersen. Orell Füssli, Zürich 2003.

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