11. Juli 2007 von Barbara Heuberger

“Proteste gehören zu DRS3”

Radiodirektor Walter Rüegg über 20 Jahre DRS 3 und das Konkurrenzverhältnis zu den Lokalradios, das Arbeitsklima bei SR DRS und Grenzüberschreitungen beim Sponsoring

Klartext: Haben Sie auf Ihrem Schreibtisch auch einen blau-gelben Ball?
WALTER RÜEGG: Nein, ich habe keinen Ball.
Klartext: Bendicht Luginbühl, der neue DRS-3-Chef, verteilt an alle Mitarbeitenden blau-gelbe Lederbällchen. Die Leute von DRS 3 brauchen offensichtlich Motivationsspritzen. Sie erlitten ein Wechselbad von Programmvorstellungen: 1998/99 hiess es noch, DRS 3 müsse im Tagesprogramm “durchhörbarer” werden. 2002 wurde zum Beispiel “Sounds” auf Virus geschoben; das wurde wieder rückgängig gemacht. Das Musikprogramm soll nun, wie Sie an der Medienkonferenz im August sagten, “kantiger und interessanter” werden, auch tagsüber. Die dauernden Kurskorrekturen sind eine grosse Belastung für die DRS-3-Mitarbeitenden.
RÜEGG: Das sind nicht dauernde Kurskorrekturen. Während den ersten beiden Jahren meiner SR-DRS-Zeit haben wir an DRS 3 wenig gemacht. Wir haben erst im letzten Jahr angefangen, an DRS 3 etwas zu verändern. Das war eine Herausforderung, weil es in diesem Markt auch ein Konkurrenzverhältnis mit den Lokalradios gibt.
Klartext: Wie schätzen Sie dieses Konkurrenzverhältnis denn ein?
RÜEGG: Wir bedienen teilweise ein unterschiedliches Publikum. Unser Publikum erwartet unter anderem ein vielfältiges und interessantes Musikprogramm. Wir sind ziemlich weiter gekommen im Prozess, in dem wir uns immer mehr vor allem von gewissen grösseren, städtischen Lokalradios unterscheiden wollen.
Klartext: Eigentlich ist es umgekehrt. Vor 20 Jahren, als DRS 3 ins Leben gerufen wurde, hatte es einen sehr breiten, vielfältigen Musikstil, der in den letzten zwei, drei Jahren stark verengt worden ist. Eine Publicom-Studie von René Grossenbacher* zeigt auf, dass auch bei DRS 3 eine Nivellierung, eine Verengung des Musikstils stattgefunden hat.
RÜEGG: Es kann sein, dass bei den Lokalradios eine gewisse Nivellierung stattgefunden hat …
Klartext: … nein, bei DRS 3 …
RÜEGG: DRS 3 hat sich im Jahre 1998 ein neues Musikprofil gegeben, das fand man zu dieser Zeit richtig. Ich war damals noch nicht im Unternehmen. Das war notwendig, weil damals der Marktanteil von DRS 3 in den Keller gefallen war.
Klartext: Doch war es der richtige Schritt in die richtige Richtung? Sogar der Bundesrat hat DRS 3 kritisiert. Eine grosse Ausnahme, dass sich der Bundesrat zu einem Programm derart kritisch vernehmen lässt.
RÜEGG: Es ist doch verständlich, dass man sich sagt, wir müssen etwas tun, wenn bei uns die Hörerzahlen erodieren. Zumindest aus Sicht der Hörerzahlen hat man zu dieser Zeit das Richtige gemacht. Mich hat dieses Angebot selber nicht befriedigt, deshalb haben wir angefangen, das zu ändern und nicht, weil Proteste kamen. Proteste gab es immer zu DRS 3; es gehört zu diesem Programm, dass es mit viel Leidenschaft und Anteilnahme begleitet wird. Da gibt es viele, die empfinden dieses Programm als ihr eigentliches, persönliches Programm.
Klartext: Das ist ja eigentlich eine Leistung …
RÜEGG: … ja, das ist eine Auszeichnung für all diejenigen, die dieses Programm machen. Unsere Programmstrategie zielt seit zwei Jahren darauf ab, wieder eine Vielfalt herzustellen. Ich finde diese Vielfalt notwendig, weil ich glaube, dass sich ein Service-public-Angebot von einem Mainstream-Angebot unterscheiden muss. Denn bei uns sind die Marktanteile und Reichweiten eher sekundär.

Klartext: Worin unterscheidet sich für Sie ein Mainstream- von einem Service-public-Angebot?
RÜEGG: Einerseits wollen wir ein breites Repertoire bei der Musik, das nicht geprägt ist von Hits, die sich ständig wiederholen. Andererseits wollen wir zusätzlich ein Informations- und Serviceangebot aufbauen, das weit über dasjenige von Lokalradios hinaus geht. Das schulden wir den Konzessionszahlern.
Klartext: Hätte sich dies nicht schon früher aufgedrängt? Die Verengung der Musikformate ist ja auf harsche Kritik gestossen.
RÜEGG: Nein, erstaunlicherweise war dieses Musikkonzept ein grosser Erfolg, und DRS 3 hat sich wieder in breitere Hörerkreise hinein gespielt. Das war immer begleitet von einer Kritik von denjenigen, die ein ganz bestimmtes, anderes DRS 3 wollten, das viele an die Gründerzeit erinnerte. Im Rahmen dessen, was wir strategisch entwickelt haben, war DRS 3 nicht unser Hauptaugenmerk. Dieselben Überlegungen, die wir für das ganze Programm entwickelt haben, haben wir auf DRS 3 übertragen. Wir mussten zuerst herausfinden, was denn vom Hörer her möglich und gewünscht ist und wie wir ein Programm beurteilen. Das wussten wir aufgrund der früheren Umfrageergebnisse über den Radiokonsum nicht. Die Radiocontroluhr hat uns geholfen herauszufinden, was Hörer wollen. Wir wollen ein Konzept, bei dem wir Einschaltimpulse schaffen. Wir wollen, dass man weiss, wieso man einschaltet und nicht, wieso man ausschaltet. Wir haben gesehen, dass Informationselemente bei uns Einschaltgründe sind. Wir haben uns gesagt, wenn man das von uns erwartet, arbeiten wir mehr in diese Richtung. Es gibt immer ein Element der Durchhörbarkeit, das wichtig ist. Wir müssen das Programm so gestalten, dass es ein Ensemble von Elementen von inhaltlicher und gestalterischer Natur ist, die zusammenpassen. Man kann nicht das Zielpublikum von einer Stunde auf die andere auswechseln.

Klartext: Zwanzig Jahre nach der Aufschaltung von Lokalradios stellt die Studie von René Grossenbacher fest, es habe anstatt “einer Produktedifferenzierung eine Homogenisierung” stattgefunden. Ist DRS 3 da nicht auch hineingerutscht?
RÜEGG: Man war nicht gefeit gegen eine bestimmte modische Auffassung von Musik. Wenn Sie einen neuen Musikstil pflegen, dann ist er immer auch modisch. Es ist gar nicht immer so einfach, sich da an der vordersten Front eigenständig zu bewegen. Doch noch ein Wort zur Kritik an den Lokalradios: Da muss ich sie verteidigen. Die Lokalradioszene in der Schweiz ist so entstanden, dass man versucht hat, möglichst wenig Konkurrenz zu schaffen. Überall ein kleines Lokalradio, und sie machen nie etwas zusammen. So suchen sie sich doch vollkommen zu Recht ihr Zielpublikum, sie müssen ein werbeinteressiertes Publikum finden, sie müssen Werbung verkaufen. Und sie haben nun mal alle das gleiche Zielpublikum in Solothurn, Aarau oder Interlaken und deshalb machen sie oft ähnliche Programme. Obwohl ich weit davon entfernt wäre zu sagen, Lokalradios seien alle gleich.
Klartext: Ist es nicht so, dass die Einführung des Musikcomputers bei DRS 3 zur Verengung des Musikformats geführt hat? Früher haben Musikredaktoren von Hand mit Kopf und Herzblut die Programme zusammengestellt.
RÜEGG: Der Computer ist ein Arbeitsinstrument, gefüttert wird er von unseren Musikredaktoren. Man muss den Computer letztlich auch mit Herz behandeln. Man muss halt sagen: Was du mir da vorschlägst, nehme ich jetzt nicht, ich nehme etwas anderes. Diese Freiheit haben die Musikredaktoren. Der Musikcomputer schlägt nur vor und macht nicht die Auswahl.
Klartext: Die Auswahl ist zurzeit sehr beschränkt, obwohl eine Ausweitung der erfassten Titel in Arbeit ist.
RÜEGG: Die Frage ist: Ist es übersichtlich? Es ist nicht mehr zu machen ohne Computer, respektive ohne Ordnungshilfe. Das Angebot ist riesengross, täglich kommen neue CDs heraus.

Klartext: Das Verhältnis von DRS 3 zur Schweizer Musikszene war ja in den letzten Jahren – gerade wegen der Musikformat-Verengung bei DRS 3 – sehr schwierig: Kürzlich umarmte nun Kuno Lauener im “Blick” Bendicht Luginbühl. Bedeutet das etwas und wenn ja, was?
RÜEGG: Wir haben immer wieder Diskussionen über den Anteil der Schweizer Musik in unseren Sendungen. Wir sind konfrontiert worden mit Wünschen aus der Musikbranche, die wollen, dass wir eine Quote für Schweizer Musik einführen. Wir wehren uns entschieden gegen eine Quote …
Klartext: … auch im RTVG …
RÜEGG: … genau. Wir wollen das unbedingt vermeiden. Ich finde eine Quote aus mehreren Gründen vollkommen falsch: Wir haben verschiedene Landesgegenden, die ein ganz unterschiedliches Repertoire haben und nicht auf eine Quote festgelegt werden können. Dann haben wir verschiedene Musikgattungen. Es gibt viele aus den Musikkreisen, die sagen: Ihr macht das ausgezeichnet. Wir sind in einem guten Dialog; ich beziehe mich dabei nicht alleine auf DRS 3, sondern auf alle SR-DRS-Programme. Quote bringt nicht mehr Qualität und ist ein Eingriff in die Programmfreiheit. Wir können nicht einfach den kommerziellen Wünschen bestimmter Musikkreise nachgeben und sagen: Wir erfüllen sie und sind euer Vertriebskanal. Das kann auch nicht sein, wir verstehen unseren Auftrag kulturpolitisch.

Klartext: Die Studie von René Grossenbacher stellt fest, dass sich beim “Wort” ebenfalls eine Anpassung eingestellt hat. DRS 3 hat seinen Wortanteil, auch bei den Nachrichten, in den letzten Jahren gesenkt.
RÜEGG: Wenn man diese klein strukturierte, sehr schweizerische Lokalradioszene will – alle mit kleinen Budgets –, dann hat man genau diese Probleme. Und ob DRS 3 seinen Wortanteil gesenkt hat? Mag sein, dass das in den 90er Jahren geschehen ist, das müssten wir nachprüfen. Doch die Strategie ist heute eine andere.
Klartext: DRS 3 soll wieder eigenständige Informationssendungen haben. Was ist hier die Strategie, was sind die Anforderungen?
RÜEGG: Wir haben einen unglaublich grossen Erfolg mit DRS 1. Kaum geschieht etwas Wichtiges, wird DRS 1 sehr rasch zum Referenzmedium. DRS 1 macht einen riesigen Spagat in der Zusammensetzung seiner Hörerschaft. So brauchen wir Informationen für die jüngeren Hörer. Wir müssen DRS 3 publizistisch so aufbauen, dass es DRS 1 ein gewisses Äquivalent entgegenstellt. Das ist heute noch nicht so. Wir werden die Informationen nicht gleich machen, sondern nebeneinander positionieren, so dass sie dem Standard des Hauses genügen.

Klartext: Sie sagten an der Medienkonferenz im August, Virus sei die “Alternative für die Jungen”. Schockiert es Sie nicht, dass die Virus-Hörer ein höheres Durchschnittsalter haben als diejenigen von DRS 3? Laut SRG-Forschungsdienst sind sie 38- und diejenigen bei DRS 3 37-jährig. Braucht es Virus noch?
RÜEGG: Das ist ein Kompliment an die Virus-Redaktion. Ausserdem ist die Datenbasis sehr klein und erfasst wird die Bevölkerung ab 15 Jahren.
Klartext: Das Zielpublikum von Virus ist doch zwischen 15- und 25-jährig. Stellen Sie diese Altersgruppen-Einteilung in Frage?
RÜEGG: Nein, aber sie hat ein relatives Gewicht. Viele meiner Kollegen, die über 50 oder 55 sind, hören auch DRS 3. Auch ich höre zwischendurch mal Virus. Diese Zielgruppen lassen sich rein altersmässig nicht immer genau unterscheiden. Es ist ja nicht schlecht, wenn auch Ältere ein Programm für Jüngere hören. Problematisch wäre es, wenn die Jungen ihr Programm nicht mehr hören, dann hätten wir etwas falsch gemacht.
Klartext: Erstaunlich ist doch der Unterschied zwischen dem Anspruch auf eine Alternative für die Jungen und der Realität.
RÜEGG: Ich finde, wir lösen den Anspruch ein, ein gutes Programm für Junge zu liefern, das gehört wird. Man kann uns aber zu Recht vorwerfen, wir hätten bei Virus insgesamt zu wenig Hörer.
Klartext: Das hat auch damit zu tun, dass die Jungen oft keinen Zugang zu einem Kabelanschluss haben und eher einen Ghettoblaster nutzen …
RÜEGG: … genau. Doch ich denke, es braucht Virus. Das haben auch die Diskussionen in Zürich um ein Jugendradio und überhaupt in Jugendkreisen gezeigt. Wir bieten eines an, leider nur auf Kabel, Internet, Satellit und DAB. Wir hoffen, dass sich dies mit der Etablierung von DAB ändern wird.
Klartext: In Zürich haben die Diskussionen aber auch gezeigt, dass es ein gutes Radio braucht, und zwar für alle. Macht denn diese Alterssegmentierung überhaupt noch Sinn?
RÜEGG: Wir wissen, dass die Alterssegmentierung alleine nicht ein vernünftiges Kriterium ist. Doch sie ist ein recht vernünftiges Kriterium, weil sie ziemlich gut clustert. Wir arbeiten nicht nur mit Alterstypologien, sondern auch mit den neuen Typologien, die der Forschungsdienst bietet. Das sind ein gutes Dutzend Typologien von Menschen, die sich nach psychosozialen Merkmalen unterscheiden.

Klartext: Zwanzig Jahre privates Radio: Wie sehen Sie den Einfluss auf Struktur und Programmation von SR DRS?
RÜEGG: Der grosse Vorteil, der das Auftreten der Lokalradios hatte, war, dass sie auf eine andere Art und mit weniger Geld Radio machten. Das war letztlich eine Herausforderung für einen etablierten Monopolbetrieb wie die SRG SSR. Am Anfang hat man sie wahrscheinlich ignoriert oder sich gar geärgert, und mit der Zeit hat man sie ernster genommen. Nicht, dass sie überall ernsthafte Konkurrenten wären, aber sie haben auch zur Entwicklung dieser ganzen Szene und des Mediums Radio beigetragen. Uns, vor allem mich, haben sie immer da-ran gemahnt, dass wir uns sehr bewusst werden, warum wir hier sind, dass wir nicht aus den gleichen Gründen hier sind wie sie, und dass wir deshalb etwas anderes anbieten müssen.
Klartext: Und was ist das andere? Ist das der Service public, ist das der Leistungsauftrag?
RÜEGG: Wir sind zurzeit daran, den Service-public-Auftrag zu konkretisieren. Wir fragen die Hörer, ob sie den Eindruck hätten, wir erfüllten den Service-public-Auftrag. Doch diese Untersuchung ist noch nicht fertig ausgewertet.
Klartext: Am Anfang Ihrer Amtszeit konnte man immer wieder lesen, für Sie sei der Service public gar nicht so wichtig.
RÜEGG: Man sagt natürlich vieles, wenn man spekuliert und es noch nicht so genau weiss. Ich war schon in den siebziger Jahren in der SRG. Und der Journalismus ist meiner Meinung nach eigentlich immer einem Service public verpflichtet, ich habe das immer so verstanden.
Klartext: Doch da besteht ja ein Unterschied zwischen einem Lokalradio und einem Radio DRS.
RÜEGG: Ich spreche von meiner Zeit, als ich bei Schweizer Fernsehen DRS war. Ich glaube tatsächlich, dass ich mit dem Begriff in den letzten vier Jahren mehr anfangen wollte; ich habe dazugelernt. Das Medium kennen lernen, bis man mal weiss, wofür es da ist: Das scheint zwar eine triviale Frage zu sein, doch das ist unser Geschäft, an dem ich ziemlich fasziniert arbeite.
Klartext: Also Learning on the job?
RÜEGG: Es waren auch die Möglichkeiten, die sich plötzlich aufgetan haben. Wir haben gesehen, dass hier ein Bedürfnis besteht, wir sehen es an der Nutzung, an der Beurteilung der Sendungen. Das führt uns dazu, diesen Auftrag stärker auszugestalten und zu differenzieren.
Klartext: Sie sprechen von Bedürfnissen. Doch zuerst kommt doch der staats- und gesellschaftspolitische Auftrag. Wie setzen Sie diesen Auftrag um und was bedeutet er für die Mitarbeitenden konkret?
RÜEGG: Eine wichtige Dimension des Service public ist auch die journalistische und publizistische Qualität. Es gibt auch andere wichtige Qualitätsmerkmale, doch die erstgenannten sind zentral. Wir müssen in Bezug auf Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit, Unvoreingenommenheit eine führende Stellung unter den Medien einnehmen. Das heisst Ausbildung, Selektion, Eye-opener. Deshalb haben wir dieses Jahr, auch im Zusammenhang mit der Digitalisierung, eine Ausbildungsoffensive gestartet. Qualität kommt nicht umsonst; es geht um die ganze Art, wie das Unternehmen geführt wird – es geht um Feedbacks. Wir sind auf einem guten Level, aber Qualität muss uns auszeichnen.

Klartext: Sie haben den Grundsatz APV – aktuell, publikumsnah, vernetzt – eingeführt. Was bedeutet das für die einzelnen Programme von DRS 1, 2 und 3?
RÜEGG: “Aktuell” ist ein zentraler Begriff. Eine Redaktion muss über Mittel verfügen, die ihr eine rasche Produktion ermöglichen. Sie muss Reporterfahrzeuge haben. Eine Redaktion muss ihr Wissen rasch erschliessen können. Aktualität bedeutet, die Themen des Tages rasch aufzunehmen und in einer hohen Qualität darauf zu referenzieren und sie weiter zu entwickeln. Weshalb aktuell? Weil wir das Medium mit den kürzesten Produktionsprozessen sind. Wir stehen auch in Konkurrenz zu den Zeitungen, zumindest am Morgen. Um unseren Vorteil umsetzen zu können, müssen wir da mehr bieten.
Klartext: Der Aktualitätsanspruch wurde auch auf Hintergrundsendungen übertragen. Zum Beispiel beim “Doppelpunkt” kann man feststellen, dass jene Beiträge abgenommen haben, bei denen längere Recherchezeiten dahinter stehen. Die Gewerkschaft schätzt, dass die Arbeitsstunden pro Sendung jeweils um gegen 30 Prozent abgenommen haben. Das bedeutet doch einen Verlust an Tiefe.
RÜEGG: Es ist unbestritten, dass wir heute mit wenig mehr Mitteln ziemlich viel mehr machen. Wir haben Mittel vom Abend in den Tag verschoben; damit mehr Hörer vom Angebot profitieren können. Wir können jetzt die optimierten Arbeitsweisen wie zum Beispiel die Digitalisierung und damit auch die Synergien daraus nutzen. Mit der Einführung von “7 x 20” sind die Worthintergrundprogramme von DRS 1, 2 und 3 im Abendprogramm so aufeinander abgestimmt, dass jeden Abend auf einem Programm ein Hintergrundbeitrag gesendet wird. Dieses Angebot ist einmalig. Es ist so, dass der Aktualitätsanspruch an Hintergrundsendungen gestiegen ist. Man kann nicht mehr ein Thema machen, weil es einen halt so interessiert. Man kann sich nicht mehr vom Newsfluss abkoppeln. Wir sind nicht ein Medium wie eine Wochenzeitung, die primär diese Hintergründe aufarbeitet. Wir müssen primär die Aktualität bieten und liefern und zusätzlich auch die Hintergründe. Ich will den Hintergrund nicht abbauen, aber ich will, dass er einen aktuellen Bezug hat. Es gibt immer noch Platz für alle radiophonen Formen wie zum Beispiel Features.
Klartext: Es ist doch klar, dass Hintergrund abgebaut wird, wenn pro Sendung weniger Arbeitsstunden zur Verfügung stehen.
RÜEGG: Wir verlangen mehr. Das ist unbestritten.
Klartext: Die “ausgepresste Zitrone” war schon in den 90er Jahren das Bild der Gewerkschaft für diese Situation.
RÜEGG: Wir haben sehr komfortable Arbeitsbedingungen. Auch wir müssen den Quervergleich machen; das sind die Arbeitssituationen der Medien allgemein. Bei uns konnten die Arbeitsbedingungen in letzter Zeit noch sehr gut gehalten werden im Vergleich zu dem, was sich rundum tut.
Klartext: Die SRG ist ja auch ein gebührenfinanziertes Unternehmen mit konstanten Einnahmen.
RÜEGG: Wir haben eine Ertragsperspektive und eine Mittelzuweisung, die konstant ist. Und wir haben einen ständigen Verbesserungsprozess, der viel kostet, weil wir nicht immer mehr Musik machen, sondern mehr Info, und das ist teuer. Und das heisst mehr Belastung für die Mitarbeitenden. Auch das “Echo der Zeit” am Sonntag ist zustande gekommen, obwohl es eine Mehrleistung ist; das ist respektabel.

Klartext: Das Personal von SR DRS musste in der vergangenen Zeit schwere Belastungen
ertragen. Neben der Arbeitsverdichtung musste es mit der Einführung von neuen Hierarchien, mit Fachredaktionen statt Senderedaktionen, mit Digitalisierung, Schwerpunktbildung und Redaktionsumzügen fertig werden. Es gab massive Probleme mit dem Arbeitsklima; nach einer SSM-Petition wurde die Arbeitsgruppe Klima 2003 eingesetzt. Was hat diese bewirkt?
RÜEGG: Es wurde ein ganzes Massnahmenpaket verabschiedet, weil wir der Meinung sind, dass die Arbeitsgruppe gute Arbeit geleistet und gute Vorschläge gemacht hat. Wir haben diese Probleme ernst genommen. Man muss sie auf dem Hintergrund sehen, dass das Radio etwas Einmaliges durchgemacht hat. Es sind Redaktionen zusammengeführt worden, mehr als hundert Personen mussten den Arbeitsplatz wechseln. Man kann das gut machen, und es wird immer Proteste geben, und man kann es sehr gut machen, wahrscheinlich gibt es auch dann noch Proteste. Ich lasse offen, wie gut wir es gemacht haben. Ich weiss nur, dass wir uns alle sehr bemüht haben. Die Erfahrung, wie es rauskommen wird, haben wir noch nicht. Aber wir sind sehr aufmerksam in Bezug auf das Klima. Ich bin gespannt, was bei der SRG-SSR-Mitarbeiter-Befragung von Anfang September herauskommt und wie wir da im Vergleich stehen.
Klartext: Es gab auch scharfe Kritik zum harschen Führungsstil. Haben Sie nun den Eindruck, das habe sich verbessert?
RÜEGG: Da waren nicht viele harsche Töne.
Klartext: Mitarbeiter kritisierten, es sei öfters zu ihren Ungunsten entschieden worden, was zu Frustrationen führte.
RÜEGG: Das war so nicht der Fall. Kritik ist in diesem Hause möglich; wir haben eine ausgeprägte Kritikkultur. Kritik führt immer wieder zu Lösungen, aber sie muss immer konstruktiv sein, das scheint mir wichtig.
Klartext: Es gab aber immer wieder Leute, die Angst hatten, mit Journalisten zu sprechen, weil sie eine Kündigung fürchteten.
RÜEGG: Wir haben niemandem gekündigt. Wir haben niemandem die Kündigung angedroht, und ich habe mich vehement dafür eingesetzt, dass man nicht nach aussen kommuniziert. Ich bin der Meinung, dass es für das Unternehmen nicht gut ist, wenn Journalisten nach aussen kommunizieren. Dass das nicht gut ist, haben wir ja erlebt. Aber wir haben nicht mit Kündigung gedroht. Wenn es mir auch manchmal tatsächlich Mühe bereitete, in der Zeitung Dinge zu lesen, von denen ich ahnte, woher sie kamen. Das war nicht fair und hat das Klima verschlechtert.
Klartext: Unschöne Töne wurden auch in Zusammenhang mit Sponsoring laut. Bei den Beratungen zur RTVG-Revision zeigte es sich, dass die Sponsoring-Politik von SR DRS seinem Image geschadet hat.
RÜEGG: Nach Auffassung des Publikums hat das Sponsoring dem Image nicht geschadet. Aber es gibt einzelne Kreise, die stören sich am Sponsoring. Die einen sagen, dass es zum Programm nicht passt, die anderen sagen, es ist falsch, dass wir uns auch über Sponsoring finanzieren, dies sei Sache der Lokalradios. Wir würden es wahrscheinlich auch nicht machen, wenn wir das Geld nicht benötigen würden. Auf Werbung hingegen werden wir auch in Zukunft verzichten.
Klartext: Peter Vollmer, Präsident der vorberatenden Nationalratskommission zum RTVG, sagt jedoch ganz deutlich, SR DRS habe sich das vorgeschlagene Sponsoring-Verbot selber zuzuschreiben, weil die Sponsoring-Spots immer wieder konkrete Werbebotschaften enthalten. Wie zum Beispiel zurzeit der Spot der Basler Versicherungen, der den Aufruf enthält, im Schadenfall eine bestimmte Nummer anzurufen. Es heisst in der Kommission, SR DRS habe den Bogen überspannt.
RÜEGG: Diese Meinung muss ich Peter Vollmer lassen. Aber es ist nicht so, dass wir, von ganz wenigen Fällen abgesehen, gegen die gesetzlichen Bestimmungen verstossen würden. Es wird sehr oft vom Rechtsdienst abgeklärt, dürfen wir das, dürfen wir das nicht.
Klartext: Das Bakom hat SR DRS mehrfach gerügt.
RÜEGG: Ja, das stimmt. Aber es ist eine schwierige Frage: Wo beginnt Werbung, wo beginnt Sponsoring? Die Grenzen sind je nach Standpunkt des Betrachters hier oder da. Klar sind sie jedoch offensichtlich nicht. Wir haben festgestellt, dass es innerhalb der SRG SSR Regeln braucht. So haben wir von SR DRS die Initiative ergriffen, und jetzt liegen neue, restriktivere Regeln auf dem Tisch. Das sollte dazu führen, dass wir uns weniger in dieser Zone bewegen, wo die Meinungen derart auseinander gehen.

Klartext: Gemäss der vorberatenden Nationalratskommission sollen den SRG-Radios nur noch 60 anstatt der heute 75 Prozent Sendefrequenzen zur Verfügung stehen. Wie werden Sie darauf reagieren?
RÜEGG: Wir werden uns entschieden gegen diesen Frequenzenabbau wehren. Der Entscheid ist absolut unverständlich. Diejenigen, die sich dafür ausgesprochen haben, sind sich wahrscheinlich kaum der Konsequenzen bewusst: Wir müssten mindestens ein Programm streichen und könnten unseren Auftrag nicht mehr erfüllen.
Klartext: Es gibt FDP-Kommissionsmitglieder, die ganz deutlich sagen, die SRG brauche nicht so viele Programme im Radiobereich.
RÜEGG: Das ist medienpolitisch nicht durchdacht. Man könnte sich ja informieren, wie es in anderen Ländern um uns herum ist: Alle Unternehmen mit einem öffentlichen Auftrag haben mehr Programme, die über UKW verbreitet werden, als wir. Es gibt keinen Grund, irgendwelche Hörersegmente zu diskriminieren.
Klartext: Digital Audio Broadcasting (DAB) ist offenbar ein Flop: Es wird schon lange von der SRG promotet, doch niemand hat es.
RÜEGG: Ich schätze das anders ein; nach grossen Anfangskrisen setzt sich DAB in Europa nun langsam durch. Die Schweiz ist mit Sendern gut versorgt, das Problem liegt momentan noch bei den Empfängern; sie sind vorläufig noch zu teuer und kosten etwa 250 Franken. Doch der Preis wird aufgrund der Seriengrösse sinken.

Das Gespräch führten Barbara Heuberger und Hans Stutz am 19. September 2003 in Bern.

* René Grossenbacher, “Programmstrategien in der Schweizerischen Radiolandschaft”. Die Studie kann unter www.publicom.ch bestellt werden und kostet Fr. 365.- Eine Zusammenfassung der Ergebnisse kann als PDF-Datei heruntergeladen oder ausgedruckt werden.

Gesprächspartner

Der studierte Nationalökonom Walter Rüegg, 56, ist seit Oktober 1999 Direktor von Schweizer Radio DRS und Mitglied der Geschäftsleitung SRG SSR idée suisse. Er arbeitete als Wirtschaftsredaktor bei verschiedenen Schweizer Medien (Schweizer Fernsehen DRS, “Tages-Anzeiger”) und anschliessend als Direktor mehrerer Zeitungsverlage (Akeret AG/Zürcher Unterländer, Basler Zeitung und Vogt-Schild AG, Solothurn). Vor seinem Wechsel zur SRG war er Direktionspräsident der Vogt-Schild/Habegger-Gruppe.

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