11. Juli 2007 von Klartext

Sinneswandel

hs./ Achtzehnmal hat ein Konsument von Radio und Fernsehen DRS in den vergangenen drei Jahren bei DRS-Ombudsmann Otto Schoch gegen den Gebrauch der Begriffe “Ex-Jugoslawien” bzw. “Ex-Jugoslawe” interveniert: Diese Begriffe, so der frühere kroatische, nun schweizerische Staatsbürger, seien sehr ungenau, gelegentlich sogar missverständlich, und er fühle sich als ehemaliger Kroate durch diese Kategorien ausgeschlossen.
Er habe, schreibt Schoch in der Oktober-Nummer von “Link”, dem Monatsmagazin des Publikumsrates, diesen Einwendungen “anfänglich kein allzu grosses Gewicht” beigemessen. Er habe sich aber nun belehren lassen. Einerseits durch einen Entscheid des Presserates, der diesen Spachgebrauch als diskriminierend erachtet, andererseits durch ein Urteil der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI), die “auch im Lichte des Sachgerechtigkeitsgebotes” empfahl, in Zukunft “die präzise Bezeichnung für die betreffenden Staaten und ihre Angehörigen zu verwenden”. Also: Kroatien, Mazedonien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina und Serbien und Montenegro. Dass die deplatzierten Begriffe nicht so schnell aus den Medien verschwinden werden, weiss Schoch allerdings auch.

11. Juli 2007 von Zora Zensura

Subversiv-Navigation

“Eine kleine Maus, die vermutlich ferngesehen hatte, griff ein kleines Mädchen und eine ausgewachsene Katze an” – berichtete die “New Yorks Times” 1957: “Katze und Maus blieben beide am Leben. … Der Vorfall wird hier erwähnt, um daran zu erinnern, dass manche Dinge sich zu ändern beginnen.” Wie wahr. Seit in jedem Haushalt ein Fernsehgerät steht, gibt es keine Mäuse mehr. Dafür sind wir dem Fernseher dankbar, er ersetzt die Katze und haart nicht. Nebenbei komprimiert er das Leben auf saubere 0,35 Quadratmeter. Oder wie Marshall McLuhan es ausdrückte: Mit dem Fernseher “haben wir sogar das Zentralnervensystem zu einem weltumspannenden Netz ausgeweitet und damit, soweit es unseren Planeten betrifft, Raum und Zeit aufgehoben”.
Da nun aber für die meisten Menschen die Relativitätstheorie unfassbar bleibt, brauchen sie einen Fahrplan durch die mediale Galaxis. Einen Fahrplan, wie ihn zum Beispiel Ringier mit seinem Fernsehheftli “Tele” bietet – einem Heftli voller zeitgenössischer Hieroglyphen: 17.20 Joya sucht – 17.25 People – 17.50 People Style – 18.00 Wachmänner – 18.30 Nachrichten – 18.45 Das Arbeitstier – usw.
“Tele” macht es sich nun aber zur Mission, Raum und Zeit wieder auseinander zu dröseln und im medialen Universum Sterne zu verteilen. Null Sterne heisst: miserabler Film, nicht anschauen; ein Stern bedeutet: schlechter Film; vier Sterne: Superfilm. In dieser Sternchenwelt sind sogar funktionale AnalphabetInnen in der Lage, sich ein kluges TV-Programm zusammenzustellen. Der Kindertipp an einem Dienstag im Oktober lautet: “Rettung tut Not, Hilfe für bedrohte Amphibien” – unterm Stichwort “gewaltfrei” finden sich drei Sternchen, vier unterm Stichwort “lernen” – und keines unterm Stichwort “Spass”.
Bei “Tele” sind offensichtlich altmodische IdealistInnen am Werk, die noch daran glauben, dass das Fernsehen aus Mäusen Monster macht, wenn man die magischen Kanäle nicht bändigt. Subversiv navigieren die unverbesserlichen AufklärerInnen von “Tele” das Volk durch den medialen Hyperraum. Und geniessen den heimlichen Triumph, dass ihr Magazin doppelt so viele LeserInnen findet wie die “Weltwoche”.

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