11. Juli 2007 von Gerti Schön

Wachstumsbranche

In den USA erhalten christliche Medien grossen Zulauf. Sie sind Teil einer fundamentalistischen Gegenkultur, die auch gegen den säkularen Staat kämpft.

Ob Kino, Fernsehen oder Print: Die christliche Religion taucht in den amerikanischen Mainstream-Medien derzeit immer öfter auf. Jüngstes Beispiel: das Neue Testament in Magazinform. Thomas Nelson, ein Verlag in Nashville, Tennessee, der hauptsächlich Bibeln vertreibt, hat in diesem Sommer “Revolve” herausgebracht: ein einmalig erscheinendes Magazin für junge Frauen, mit strahlenden Mädchengesichtern auf dem Cover und praktischen Tipps innen drin.
Die Art der Tipps ist jedoch neu. Beim Stichwort Hautpflege heisst es beispielsweise: “Wenn du Sonnencreme aufträgst, nutz die Zeit, um mit Gott zu sprechen. Teil ihm mit, wie dankbar du dafür bist, wie er dich gemacht hat. Schon bald wird es dir zur Gewohnheit werden, zu ihm zu sprechen – so vertraut wie du damit bist, deine Poren zu reinigen.” Selbstredend gelten auch bei der Partnersuche gewisse Regeln. Ist ein Mädchen hinter einem Jungen her, von dem sie denkt, dass er für ihre steigende Beliebtheit sorgen könnte, ist sie bereits auf dem Holzweg. “Überprüf deine Prioritäten, Schwester, du liegst völlig daneben”, rät “Revolve” freundschaftlich. Liebe habe nichts mit Egoismus zu tun, und genau das sei hier der Fall.
Denn so ähnlich stehe es ja auch in der Bibel, sagt Laurie Whaley, die bei dem Projekt als leitende Redaktorin tätig ist. Nur dass “Revolve” viel moderner ist. Das Magazin habe einen “neuen Dreh, der 180 Grad zu dem steht, wie sich die traditionelle Bibel präsentiert”. Nachdem Thomas Nelson Marktforschung für das Magazin betrieben hatte, kam als erstaunlichstes Ergebnis heraus, dass viele Jugendliche die Bibel für “zu einschüchternd und abschreckend” hielten, sagt Whaley. Das an die Neuzeit angepasste Rezept hat Erfolg: Schon 40’000 Exemplare von “Revolve” wurden in den ersten Monaten verkauft, eine Neuauflage von 120’000 ist unterwegs. Aus Ländern wie Kanada, England und Deutschland kamen nach Angaben der Redaktorin zahlreiche Bestellungen.
“Revolve” ist nicht allein mit seinen Bemühungen, für die christliche Botschaft ein jugendliches Publikum zu finden. Auch in den Unterhaltungssektor hat es der liebe Gott in diesem Jahr geschafft, und zwar am unverhülltesten in das Massenmedium Network-TV: Der landesweit ausgestrahlte Fernsehsender CBS zeigt ab diesem Herbst eine neue Serie mit dem Titel “Joan of Arcadia”. Darin geht es um eine Jugendliche, die mit Gott spricht, der ihr in Gestalt verschiedener Personen begegnet.
Dass es spirituelle Charaktere ins Fernsehen geschafft haben, ist nach Ansicht von Frederick Clarkson, Autor des investigativen Buches “Ewige Feindschaft: Der Kampf zwischen Theokratie und Demokratie”, nichts Neues. Religiös gefärbte Unterhaltung habe es schon in den sechziger Jahren mit der Sitcom “The Flying Nun” gegeben. Neu sei der zunehmende Einfluss der christlich-fundamentalistischen Gruppen in den USA auf die Mainstream-Medien. “Revolve” sei lediglich einer von vielen Bausteinen “im Aufbau einer Gegenkultur” – einer christlich-fundamentalistischen Gegenkultur.

Kampagne gegen liberale Richter
Zentrales Sprachrohr dieser Gegenkultur ist nach Clarksons Meinung das Christian Broadcasting Network (CBN) des Fernsehpredigers und früheren Präsidentschaftskandidaten Pat Robertson. Er machte vor kurzem Schlagzeilen mit der Aufforderung an seine weltweite christliche Gemeinde, für die baldige Pensionierung derjenigen US-Richter des Obersten Gerichtshofes zu beten, die in einem diesjährigen Gerichtsurteil für die Legalisierung von Homosexualität in Texas gestimmt hatten. Robertsons Satellitensender CBN, auf dem rund um die Uhr gesungen und gebetet wird, erreicht täglich Millionen von ZuschauerInnen und kann international in 180 Ländern empfangen werden. Ziel der Mission ist es laut der Webseite des Senders, 500 Millionen Menschen weltweit zum Christentum zu konvertieren. Und Pat Robertsons Begriff der Christenheit ist nicht von liberalen Prinzipien geprägt.
Robertson hat über die Jahrzehnte eine beispiellose Medienkarriere aufgebaut. Sein erklärtes Ziel ist es, “die Christen zu mobilisieren, bis wir wieder an der Spitze unseres politischen Systems angekommen sind”. In Foren wie seiner täglichen CBN-Talkshow “The 700 Club” bezeichnet er säkulare Führungspersonen als “Termiten”, die am Fundament des Staates nagen.
Dass christlich-fundamentalistische Gruppen Einfluss auf die US-Medien nehmen, ist an sich nicht neu. Doch die gesellschaftliche Toleranz dafür ist derzeit weitaus grösser als noch in den boomenden neunziger Jahren. Einer der Gründe dafür ist, dass es mit der konservativen Administration von George Bush eine Reihe christlicher Fundamentalisten wie etwa Justizminister John Ashcroft bis in die mächtigsten Zirkel geschafft haben. Drei der neun Richter des Obersten Gerichtshofes – Antonin Scalia, Clarence Thomas und William Rehnquist – unterstützen Ziele der religiösen Rechten. “Mit diesen Leuten in Schlüsselpositionen ist die Bewegung so mächtig wie nie zuvor”, urteilt Clarkson.

Stars bekennen
Im Gefolge bekennender Regierungsvertreter äussern sich auch Schauspieler wie Cuba Gooding Jr. und Superstar-Sängerin Beyonce, die gemeinsam in dem neuen Film “The Fighting Temptations” spielen, positiv über ihre Spiritualität. Schauspieler und Produzent Mel Gibson, der im nächsten Jahr seine viel diskutierte Filmversion der Passion Christi herausbringen wird, bekennt im jüngsten “New Yorker”-Magazin seine Zugehörigkeit zu den traditionellen Katholiken, die andere christliche Glaubensgruppen ausser der eigenen nicht anerkennen.
Mit der steigenden Bedeutung religiöser Themen in der Gesellschaft dringt die christliche Botschaft immer weiter in den Mainstream ein. Das Publikum dafür ist da: Laut einer Gallup-Umfrage geben 46 Prozent aller AmerikanerInnen an, sich in gewisser Weise mit den “Born Again Christians” zu identifizieren. Dies sind ChristInnen, die ein wie auch immer geartetes religiöses Erlebnis hatten und in den Kreis der Gläubigen zurückgekehrt sind. Zu ihnen gehören zum Beispiel Präsident George Bush oder der in den USA lebende deutsche Profi-Golfer Bernhard Langer.
Diese Bevölkerungsschicht bildet eine neue, lukrative Zielgruppe für Medienunternehmen aller Art. “Das sind nicht nur wiedergeborene Christen, sondern auch Leute, die das Gefühl haben, wir leben in einer Zeit, in der die Werte verfallen”, sagt der New Yorker Rechtsprofessor Michael Flynn. “Sie sind für alle möglichen Konspirationstheorien anfällig, die in der US-Kultur des 20. Jahrhunderts entstanden sind und für die viele von uns kein Verständnis haben.”

Grosse Umsätze der Christus-Industrie
Die christliche Popkultur hat es in den Mainstream geschafft. Rund drei Milliarden Dollar setzt die Christus-Industrie in Form von Büchern, Filmen und Musik in den USA jährlich um. Zahlreiche Radio- und Fernsehsender, wie etwa die kalifornische Salem Communications Corporations oder Pax TV, bedienen mit familienfreundlichen Serien und religiösen Inhalten ein wachsendes Publikum.
Religiöse Medienunternehmen scheuen sich nicht, die Bibel zur Grundlage ihres Geschäftes zu machen. “Es ist unsere Mission, Produkte herzustellen und zu vertreiben, die Gott ehren, den Menschen dienen und den Shareholder Value vergrössern”, lautet das Mission Statement des Bibelverlages Thomas Nelson. Doch wie rechtskonservativ die christlichen KonsumentInnen tatsächlich sind, lässt sich schwer festlegen. “Ich bin gegen konservative politische Strategien, die die Vielfalt an Angeboten in den Medien verringern”, sagt Heather Hendershot, Kommunikationsprofessorin am New Yorker Queens College. “Aber nicht hinter allem, was christlich ist, stehen fundamentalistische Gruppen.”
Vorbei sind die Zeiten, in denen nur ein wenig gebildetes, rechtskonservatives Publikum christliche Bücher und TV-Sender nutzte. “Viele Christen identifizieren sich nicht mehr mit den altmodischen, auf die Bibel pochenden Fernsehpredigern, die vor laufender Kamera heulen und die Fäuste schütteln”, meint Hendershot, die gerade an einem Buch über die christlichen Medien in den Vereinigten Staaten schreibt. Die gläubigen KonsumentInnen von heute sind vielmehr gut gebildete, weisse Mittelschichtsangehörige, die mit den radikalen Jesus-Predigern der achtziger Jahre nichts zu tun haben wollen.
Vor allem auf dem Buchmarkt ist der Bedarf nach christlicher Literatur explosionsartig in die Höhe geschossen. Christliche AutorInnen sind inzwischen sogar im säkularen New York angekommen, wo die mächtigen Verlagshäuser zu Hause sind. Verlage wie Random House oder Doubleday, die beide zu Bertelsmann gehören, haben in ihrem Sortiment inzwischen regelmässig christliche Literatur.
Der Hauptgrund dafür ist das Geschäft. “Der Markt dafür ist da, und die Verlage merken, dass die Leute diese Bücher kaufen wollen”, sagt Andrea Doering, die bei dem Buchclub Crossings – der ebenfalls zum Teil Bertelsmann gehört – als Redaktorin arbeitet. Sie weist darauf hin, dass in den vierziger und fünfziger Jahren viele Mainstream-Verlage christliche Bücher anboten. Sie wurden mit der linksliberalen Bürgerrechts-Bewegung in den sechziger Jahren an den Rand gedrängt und es entstanden die christlichen Verlagsketten. Doch seit einigen Jahren kehren grosse Häuser wie Bertelsmann, Viking und Putnam wieder auf diesen Markt zurück.

Auch renommierte Verlage steigen ein
Random House hat sogar den ultrakonservativen Prediger und Buchautoren Tim La Haye für eine neue, bibelfeste Abenteuerserie verpflichtet. La Haye erreicht mit seiner mehrteiligen Weltuntergangsvision namens “Finale” weltweit ein Millionenpublikum und hat es sogar auf die “New York Times”-Bestsellerliste geschafft. Die apokalyptischen Visionen in diesen Büchern, die sich auf die Offenbarung des Johannes stützen, fallen vor allem seit dem 11. September 2001 auf fruchtbaren Boden. Wurden von den ersten acht Bänden der “Finale”-Reihe insgesamt 30 Millionen verkauft, erzielte das neunte Buch, das unmittelbar nach dem 11. September erschien, sofort eine Auflage von 20 Millionen. La Haye selbst begrüsst die neue christliche Medienrevolution:. “Andernfalls würden ja die Säkularen, die unsere Werte nicht teilen, ausschliesslich bestimmen können, welche Musik wir hören und welche Radiosender wir einschalten”, sagt er. “Und es stinkt ihnen, dass wir immer mehr Zulauf bekommen.”

11. Juli 2007 von Reiner Wandler

Nervöses Regime

Im kommenden Jahr werden in Algerien Wahlen stattfinden. Die Behörden reagieren vorsorglich mit einer Repressionswelle gegen unabhängige Zeitungen.

Der Trick ist ganz einfach: Sobald Algeriens Machthabern die Presse zu unbequem wird, stornieren die staatlichen Druckereien die Aufträge. Als Grund geben sie jeweils die Schulden der privaten, unabhängigen Presse an. So geschah es zuletzt im Sommer. Sechs Zeitungen, “El Khabar”, “Liberté”, “Er-Rai”, “Le Matin”, “Le Soir” und “L’Expression” mussten mangels Druckerei vorübergehend schliessen. “Vorgeschobene finanzielle Gründe”, beschwerten sich die Verleger in einem gemeinsamen Communiqué. Sie glauben, dass der Grund für die drastische Massnahme in einer Serie von Skandalen zu suchen ist, die die unabhängige Presse den Sommer über aufdeckte. So war zum Beispiel zu lesen, dass der heutige Innenminister Yazid Zerhouni 1970 einen Apotheker verhaften und foltern liess und sich danach dessen Büro unter den Nagel riss.
Doch die grösste Aufregung erzeugten Mitte August mehrere Enthüllungen in “El Khabar”, “Liberté” und “Le Matin”. “Der Präsident greift in die Staatskasse” und “Alles Diebe?”, titelten die Blätter. Sie veröffentlichten eine lange Liste, wer sich was widerrechtlich angeeignet hat. Präsident Abdelaziz Bouteflika soll demnach einige Villen am algerischen Strand und eine 1,5 Millionen teure Wohnung im Zentrum von Paris aus Staatseigentum finanziert haben. “Wir können das Land noch immer vor diesen Dämonen und Gangstern schützen”, hiess es im Editorial von “Le Matin”.
Aus dem Präsidentenpalast kam keine Antwort auf diese Anschuldigungen. “Aus Respekt vor der Pressefreiheit” halte man sich zurück, hiess es, während gleichzeitig die Staatsdruckereien angehalten wurden, ihre Schulden einzutreiben. Zwei der Zeitungen, “Er-Rai” und “L’Expression”, wurden gar für Ausstände längst eingestellter Publikationen aus dem gleichen Verlagshaus verantwortlich gemacht. Die Blätter mussten mehr als zwei Wochen ihr Erscheinen einstellen.

Chefredaktor vorübergehend verhaftet
Am schlimmsten hat es “Le Matin” und “Liberté” erwischt. Zwar erscheinen beide Zeitungen wieder, doch wurde “Matin”-Direktor Mohamed Benchicou Ende August auf dem Flughafen von Algier verhaftet. Zwei Bankbelege über insgesamt 120’000 Franken sollen als Beweis für illegale Devisengeschäfte herhalten. Benchicou muss sich seither allwöchentlich auf dem Polizeirevier melden. Mehrmals wurde er verhört. Bei “Liberté” wurden sieben Redaktoren sowie der Karikaturist Dilem zum Verhör vorgeladen. Ihnen allen droht eine Anklage wegen “Beleidigung des Staatsoberhauptes”.
“All diejenigen Personen, die den Staatspräsidenten beleidigen, diffamieren oder verunglimpfen”, werden mit einer Strafe von bis zu zwölf Monaten Haft oder einer Geldbusse zwischen 50’000 und 250’000 Dinar (750 bis 3750 Franken) rechnen müssen. Das gleiche gilt im Falle der Beleidigung des Ministerrats, der beiden Parlamentskammern sowie der Polizei oder der Armee. So steht es im vor zwei Jahren revidierten Paragraphen 144 des Strafgesetzbuches. Die Bussenandrohung ist sehr hart: Ein Journalist verdient zwischen 200 und 230 Franken monatlich.
Warum das neue Pressegesetz ausgerechnet jetzt zum Einsatz kommt? “Bouteflika und sein Clan sind angesichts der bevorstehende Wahlen 2004 in Panik geraten”, so erklärt der Herausgeber von “Le Soir”, Fouad Boughanem, die Repressionswelle gegen die freie Presse. Erstmals in der Geschichte des unabhängigen Algeriens kann sich der übermächtige Militärapparat nicht auf einen einzigen Präsidentschaftskandidaten einigen. Neben Bouteflika, der sich zur Wiederwahl stellt, will auch der Vorsitzende der ehemaligen Einheitspartei FLN, Ali Benflis, kandidieren. Dieser hatte bis Mai, als er von Bouteflika entlassen wurde, das Amt des Premierministers inne. Benflis kann auf die Mehrheit der Parteibasis setzen. Denn der junge Generalsekretär gilt für viele aus der FLN als Hoffnungsträger. Schliesslich hat er die ehemalige Einheitspartei erstmals seit 1992 wieder zum Wahlsieg geführt, und das nicht nur auf Parlamentsebene, sondern auch in den Regionen und Kommunen. Bouteflika reagierte auf seinen Machtverlust in der Partei mit einer Säuberung der Regierung von all denjenigen Ministern, die seinem Kontrahenten Benflis nahe stehen. Doch nutzen wird ihm das nur dann etwas, wenn er die Armee, oder zumindest die Mehrheit der Generäle, hinter sich bekommt.

Machtkampf erschliesst Quellen
Und genau dort sind die Mehrheitsverhältnisse alles andere als klar. Die Folge: Ein Machtkampf zwischen den Cliquen ist entbrannt. Deshalb füttern diejenigen, die hinter Benflis stehen, seit geraumer Zeit die freie Presse mit Informationen über die dunklen Seiten Bouteflikas und seiner Gefolgsleute. Die Zeitungen veröffentlichten gerne und sind damit zwischen die Fronten des Machtkampfes geraten. Sich zum Instrument für einen Clan gemacht zu haben, weisen die Herausgeber der freien Zeitungen dennoch weit von sich. “Wir haben noch nie einen Hehl aus unserer feindlichen Einstellung gegenüber dem Bouteflika-Clan gemacht”, erklärt Benchicou stellvertretend für viele seiner KollegInnen.
Die algerischen JournalistInnen sind mutig. Die Presselandschaft des nordafrikanischen Landes ist seit dem Ende des Einparteiensystems 1988 die pluralistischste und freieste in Nordafrika. 30 Tageszeitungen verkaufen täglich über 1,2 Millionen Exemplare (für umgerechnet 15 Rappen). 150 Publikationen werben um die Gunst des Wochen-, Monats- und Fachpublikums. Auch wenn der Staat immer wieder einzugreifen versucht, wenn ihm die Berichterstattung zu weit geht, lassen sich die JournalistInnen und Herausgeber nicht einschüchtern. Sie behaupten sich in ihrem Kampf gegen zwei Fronten, die Mächtigen auf der einen Seite und die radikalen Islamisten auf der anderen.
Auch in der Vergangenheit wurden die Zeitungen immer wieder mit den Druckereischulden, aber auch mit dem staatlichen Anzeigenmonopol erpresst. Nur wenigen Blättern gelang es bisher, sich zumindest teilweise aus dem Staatsgeflecht zu befreien. So drucken “El Watan” und “El Khabar” – zumindest in Algier – auf einer eigenen Rotationspresse. Im Westen und Osten des Landes sind sie weiterhin von den Staatsdruckereien abhängig. Das Gleiche gilt für die Werbung. Die Staatsbetriebe sind noch immer wichtige Anzeigenkunden. Und sie werden über eine Staatsagentur vermarktet. Doch je offener der algerische Markt, umso mehr schalten auch private Unternehmen und multinationale Konzerne Werbung. Das gibt den Zeitungen mehr Spielraum.

Fernseh-Teams werden behindert
Doch Algeriens JournalistInnen müssen sich nicht nur gegen staatliche Angriffe wehren. Sie werden immer wieder Ziel islamistischer Anschläge. 57 JournalistInnen verloren seit dem Ausbruch des blutigen Konfliktes 1992 ihr Leben.
Die algerischen JournalistInnen wollen aber nicht klein beigeben. Aus Protest gegen den zunehmenden politischen Druck erschienen am 21. September elf Tageszeitungen nicht. Falls die Regierung nicht aufhört, PressemitarbeiterInnen vorzuladen, sollen weitere Protestaktionen stattfinden.
Anders als bei der gedruckten Presse ist Funk und Fernsehen weiterhin fest in der Hand des Staates. Die Sender sind überall im Land zu empfangen. Nur sehen will sie keiner. Die meisten Leute schauen per Satellit über die Landesgrenze hinaus. Kein Land hat so viele Parabolantennen wie Algerien.
Um zu verhindern, dass die Menschen zu viel aus dem internationalen Äther empfangen, was die einheimischen Sender verschweigen, wird immer wieder Fernsehteams die Einreise verboten. Und sind sie erst einmal im Land, können sie schneller ausgewiesen werden, als ihnen lieb ist. So zuletzt geschehen, als Anfang Juli die beiden historischen Führer der seit 1992 verbotenen Islamischen Heilsfront, Abbassi Madani und Ali Benhadj, nach zwölf Jahren Haft freigelassen wurden. Die fünf führenden französischen und belgischen TV-Sender TF 1, France 2, France 3, LCP und RTBF waren eigens zur Berichterstattung angereist. Sie hatten dafür auch die Visa erhalten. Zuerst wurden ihnen dann aber das Verlassen ihres Hotels verwehrt; am Tag darauf wurden sie aus Gründen der “Staatssicherheit” zum Flughafen gebracht und mussten das Land verlassen.
Auch ständig in Algier akkreditierte TV-Teams wurden behindert. ARD-Korrespondentin Susanne Sterzenbach berichtet: “Wir wurden wenige Stunden nach der Freilassung angerufen. Uns wurde gesagt, dass wir nicht übermitteln dürfen. Wenn wir trotzdem Bilder sendeten, dann würde uns die Pressekarte entzogen. So etwas gab es noch nie. Nicht einmal in den dunkelsten Jahren des Bürgerkrieges wurde uns die Übermittlung von Bildern untersagt.”

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