11. Juli 2007 von Helen Brügger

Neuer Röstigraben

Der Direktor des Westschweizer Radios Gérard Tschopp lässt kein gutes Haar am neuen Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) und sieht die Romandie durch den vorliegenden Entwurf der ausländischen Konkurrenz ausgeliefert. Von Helen Brügger.

Der RTVG-Entwurf verkenne die Besonderheiten des kleinen, geografisch begrenzten Westschweizer Marktes, warnten im vergangenen März Radiodirektor Gérard Tschopp und Fernsehdirektor Gilles Marchand. Ein halbes Jahr später doppelt Tschopp nach: “Zu Beginn war das Projekt ein Fehler, jetzt ist es eine Katastrophe!” Denn inzwischen hat die nationalrätliche Kommission das Gesetz vorberaten. Die Grosse Kammer wird das RTVG wohl in der Frühjahrssession behandeln.
“Das neue RTVG ist ein Gesetz gegen die SRG, besonders die SRG-Radios, und gegen den Pluralismus in der Westschweiz”, beklagt sich Tschopp. Die Vorstellung eines dualen Marktes – ein starker Service public hier, Platz für private Sender dort – sei auf die Deutschschweizer Medienlandschaft zugeschnitten. In der Romandie hingegen bewirke das Gesetz exakt das Gegenteil: Es öffne der ausländischen Konkurrenz Tür und Tor, binde dem Service public die Hände und setze die existierenden Regionalsender unter Druck, mit denen das öffentliche Radio und Fernsehen eine auf Komplementarität beruhende Zusammenarbeit aufzubauen bestrebt sei.

Ein Knebel für den Service public
Da ist zunächst der finanzielle Aspekt: “Wenn das Gesetz durchkommt, wie es auf dem Tisch liegt, bringt es 60 bis 100 Millionen Franken Mindereinnahmen für die SRG”, rechnet Tschopp. Die Zahl beruht auf SRG-Schätzungen und bezieht sich auf die Folgen des Sponsoringverbots für das Radio, die Neuordnung des Gebührensplittings, die Kosten der neuen Kontrollorgane und die vorgesehene Gebührenfreiheit für Behinderte. “Wenn die SRG 100 Millionen verliert, müsste sie eine Gebührenerhöhung von 10 Prozent verlangen. Das ist politisch schlicht nicht durchzusetzen. Das bedeutet den Verlust von Substanz”, meint der Radiodirektor.
Doch nicht nur die finanziellen Folgen beunruhigen ihn: “Der Service public soll geknebelt werden! Wenn das von der Rechten kommt, verstehe ich es, aber weshalb macht die Linke bei dieser unheiligen Allianz mit?” Konkret: Das Sponsoring-Verbot für das Radio bedeute, dass er im Programmbereich alle Partnerschaften aufkündigen müsse, die das Radio mit Kultur und Sport aufgebaut habe. Die Reservation von 40 Prozent der Frequenzen für Private könne das Ende des Projekts für den RSR-Infokanal, überhaupt für jedes neue Projekt bedeuten (siehe KLARTEXT 5/03). Das Schlimmste sei jedoch, dass das Gesetz die Westschweizer Medienlandschaft der ausländischen Konkurrenz ausliefere.

Gestärkte ausländische Konkurrenz
“In der deutschen Schweiz gibt es mehrere grosse Medienunternehmen, die an der Ausdehnung ihrer audiovisuellen Aktivitäten interessiert sind. In der Romandie gibt es nur Edipresse, oder dann ausländische Verlage wie Hersant und Kommerzketten wie NRJ.” Es gebe im Gegensatz zur deutschen Schweiz keine grossen kommerziellen Anbieter. Der überwiegende Teil der Westschweizer Privatradios und -Fernsehen sei noch im Besitz der Pioniere der Gründergeneration. Bei den meisten stehe jetzt ein Generationen- und Besitzerwechsel an: “Doch welcher Westschweizer Jungunternehmer hat genügend Geld, um zu investieren? Welcher Radiopionier im Pensionsalter hat genügend Charakter, um den Millionen eines ausländischen Kommerzsenders zu widerstehen?” Wenn Regionalsender durch ausländische Kommerzketten übernommen würden, würden die audiovisuellen Medien banalisiert und das Publikum an eine billige Kommerzsuppe gewöhnt, befürchtet Radiodirektor Tschopp. “Dann Adieu Meinungsvielfalt, regionale Angebote, Respektierung der regionalen Besonderheiten und Förderung der Westschweizer Identität!” RSR und TSR müssten sich darauf einstellen, in Zukunft nicht mit den Eigentümern von Regionalsendern, sondern mit international agierenden Gruppen konfrontiert zu sein. “Und deshalb macht mir das RTVG, das uns Hände und Füsse bindet, so grosse Sorgen!”

Stärkere politische Kontrolle
Eine weitere Sorge Tschopps gilt den politischen Verhältnissen nach den Nationalratswahlen. Er sei nicht dagegen, dass der Service public öffentlich Rechenschaft ablegen müsse. Aber die “Verstaatlichung von Ombudsstellen und Publikumsräten” bedeute eine Kontrolle, wie sie kein einziger Service public erdulden müsse. “Ich weiss bis heute nicht, nach welchen Kriterien die Publikumsräte zusammengesetzt werden.” Eine parteipolitische Besetzung der Räte etwa wäre eine Gefahr für die redaktionelle Unabhängigkeit. Und die Folgen des SVP-Siegs bei den Nationalratswahlen? “Die SRG hat sich dank dem Bündnis zwischen Minderheiten, Linken und Zentrum entwickelt. Wenn dieses Bündnis nicht mehr existiert, was bedeutet das für die Zukunft der SRG?”, fragt sich Tschopp. Vielleicht hätten die neuen Leute der SVP ja eine Sensibilität für regionale Minderheiten und einen Sinn für die fragile schweizerische Identität: “Dann können wir das Schlimmste verhindern.” Wenn sie aber ideologisch auf Blocher ausgerichtet seien, werde die SRG in echte Schwierigkeiten geraten. “Die SRG ist das einzige Unternehmen, das noch um den nationalen Zusammenhalt der Schweiz bemüht ist. Wenn man an diesen Pfeiler rührt, was passiert dann? Ist das Modell Schweiz am Ende? Die Frage, welche Schweiz wir wollen, ist nicht von der Frage zu trennen, welche audiovisuelle Landschaft wir wollen!”

KLARTEXT sprach mit Gérard Tschopp am 19. November in Lausanne. Tschopp legt Wert auf die Feststellung, dass der definitive Text des Gesetzesentwurfs noch nicht bekannt war.

11. Juli 2007 von Bettina Büsser

“Wir sehen Veränderung primär als Chance”

Eugen A. Russ, Verleger in Vorarlberg, hat immer wieder neue Ideen, die auch in der Schweiz Beachtung finden. BETTINA BÜSSER besuchte ihn in Schwarzach.

Januar 2003, Dreikönigstagung des Medieninstituts des Verbands Schweizer Presse in Zürich. Unter den Referenten ist auch Eugen A. Russ aus Österreich. Russ spricht über die “zentralen Entwicklungsschritte” seines Vorarlberger Medienunternehmens – vom Regionalzeitungshaus zum Medienhaus mit Print, Online und Radio, dann, durch die “Verlängerung der Wertschöpfungskette”, die Entwicklung vom Medienhaus zum “Multi-Dienstleister”. Er erntet lebhaften Applaus.
Oktober 2003, mcm-Forum des Institut for Media and Communications Management an der Universität Sankt Gallen. In der Diskussion über “Zeitung und Zeitschrift in der digitalen Ökonomie” fällt der Name Eugen A. Russ mehrmals. Russ sei, so erklären deutsche Verlagsleute, ein “dynamischer junger Verleger”, der einen neuen, “dritten” Weg gehe: der Regionalverleger als Dienstleistungsanbieter. Unter dem Motto “die Kernkompetenz des Verlegers ist nicht die Zeitung, sondern die Kundenbindung” gehe Russ Kooperationen ein, die seinen AbonnentInnen Verbilligungen von Telefon, Strom und Versicherungen einbrächten. Das Konzept stösst bei den anwesenden deutschen und Schweizer Verlags- und Medienleuten auf reges Interesse.
November 2003, Schwarzach in Vorarlberg. Verleger Eugen A. Russ, 42, sitzt in seinem Grossraumbüro und wirkt – zumindest äusserlich – nicht wie ein jungdynamischer Verlagsmanager. Dafür sind beispielsweise seine Haare etwas zu lang, sein Ton wirkt etwas zu wenig verkaufsorientiert. Doch ist er überzeugt von seiner Sache. Mit einem Packen Zeitungen in der Hand beginnt er gleich über seine Produkte zu referieren. Zuerst kommen die “Vorarlberger Nachrichten” (VN), “Flaggschiff und wichtigste Zeitung aus unserem Haus, eine traditionelle Abo-Zeitung, die sich als Volkszeitung an die gesamte Bevölkerung des Landes Vorarlberg wendet”, wie Russ sagt; gleich darauf fragt er, ob die Zeitung einem nicht bekannt vorkomme. “Wir haben vor 15 Jahren das Zeitungskonzept von ‚USA Today‘ übernommen, ich hielt es damals für so bahnbrechend, dass wir es einfach kopiert haben.”
Entsprechend farbig sehen die VN aus. Man habe sehr früh Farbe eingeführt, erklärt Russ: “Wir waren weltweit die erste Zeitung, die komplett vierfarbig erschien. Wir haben gesagt: Wir wollen die Welt nicht künstlich auf schwarz-weiss manipulieren, die Welt ist bunt. Das hat man uns anfänglich vorgeworfen, hat von Mickymaus-Zeitung gesprochen. Inzwischen schauen in Österreich fast alle Zeitungen so aus.”
Mit ihren vier Bezirksbeilagen erreichen die VN eine Reichweite von 75 Prozent, quer durch die Generationen. Einmal wöchentlich wird eine VN-Wochenausgabe gratis an alle Haushaltungen verteilt; wer in Vorarlberg wohnt, kann den VN also nicht ausweichen. Nicht genug: Auch die einst als VN-Konkurrenz lancierte “NEUE Vorarlberger Tageszeitung” gehört heute zum Vorarlberger Medienhaus. Und schliesslich ist da noch “Wann & Wo”, die zweimal wöchentlich erscheinende Gratiszeitung im Tabloidformat; sie ist, wie alle Zeitungen aus dem Hause Russ, sehr farbig – und fällt nicht durch übertrieben lange Texte auf. “Wann & Wo”, so Russ, decke eher den Blickwinkel der Jugend ab und habe ein grosses Potenzial: Da es “ähnlich wie ‚20 Minuten‘” funktioniere, könne der Erscheinungsrhythmus je nach Konkurrenzlage bis auf fünfmal wöchentlich erhöht werden. Das Vorarlberger Medienhaus ist gewappnet.

Todesanzeigen mit Farbbild
“Wann & Wo” enthält eine Beilage, die Bilder von Leuten bei Events und Parties zeigt. Überhaupt bilden die Russ-Produkte häufig Leute aus der Region ab: “In unseren Zeitungen finden Sie nicht primär die Politiker und Direktoren, sondern die ganz gewöhnlichen Menschen aus der Region. Es gibt 350’000 Vorarlbergerinnen und Vorarlberger, von ihnen sind etwa 100’000 mit Bild in der Zeitung und auf unseren Websites”, sagt Russ stolz. Eine “Community” lebe letztlich über die Menschen und deshalb sei es Aufgabe einer Regionalzeitung, diese “Community” abzubilden. Das bestätige eine grosse amerikanische Studie mit rund 80’000 Befragten: “Sie zeigt ganz klar: An erster Stelle steht für die Menschen, dass sie in ihrer Lokalzeitung über ganz gewöhnliche Menschen lesen wollen. Nicht über Politiker und Manager, darüber finden sie anderswo Informationen.”
Menschen aus der Region, Themen aus der Region – auf eine persönliche Ebene heruntergebrochen –, Vereine, Lokalsport, Hochzeiten und Taufen prägen die Vorarlberger Blätter. Russ greift nach einer Ausgabe der VN, blättert und zeigt “etwas, worauf wir sehr stolz sind”: drei Seiten Todesanzeigen, fast jede mit einem farbigen Bild der oder des Verstorbenen. Bis zu fünf Seiten Todesanzeigen gebe es in den VN, “die sind mit gegen 90 Prozent rabattiert; damit sind also kaum die Papierkosten abgedeckt, aber das ist ein wichtiger Teil für die Community. Wir definieren uns nicht übers Feuilleton, über die internationale Berichterstattung, das ist nicht unser primäres Asset gegenüber den Lesern. Unser wirklicher Vorteil ist das Vertrauen der ganz gewöhnlichen Menschen”, sagt Russ, und dass es eben darum gehe, “trotz aller Modernität anzuerkennen, wo die Wurzeln liegen”.
Die Wurzeln des Vorarlberger Medienhauses gehen weit zurück. Russ’ Grossvater arbeitete bei der 1863 gegründeten “Vorarlberger Landeszeitung”, als deren Nachfolger sich die VN verstehen. 1945 erschienen die VN zu ersten Mal, Chefredaktor und Verleger war eben dieser Grossvater, Eugen Russ; er machte die VN zum stärksten und wichtigsten Blatt in der Region. Sein Sohn Anton übernahm das Unternehmen, starb jedoch früh. Eugen A. Russ trat als 18-Jähriger das Erbe an, studierte daneben Jus, war später für zehn Jahre VN-Chefredaktor und ist bis heute Verleger. Und modernisierte das Familien-Unternehmen.
Sichtbar ist diese Modernität auch äusserlich. 1994 hat Russ in Schwerzach, einem Bregenzer Vorort, bauen lassen: Ein grosser, auffälliger Gebäudekomplex, hell, mit viel, ja sehr viel Glas, steht am Rand des Orts, mehr oder weniger auf der grünen Wiese. Ein modernes Unternehmen, in dessen Innern sich Ungeübte leicht verirren können; Grossraumbüro an Grossraumbüro, RedaktorInnen sitzen im gleichen Raum mit den AnzeigenverkäuferInnen; auch das Lokalradio Antenne Vorarlberg, das ebenfalls zum Medienhaus gehört, ist im Haus. Die Gänge wirken eher kühl; in den Büros finden sich Topfpflanzen, Wände, die mit Ansichtskarten vollgepinnt sind – traditioneller Büroschmuck in moderner Architektur.

Zwei Hubschrauber gegen den Streik
Die Druckerei ist ebenfalls Teil des Gebäudekomplexes. Hier wird – anfänglich sehr zum Ärger der Deutschschweizer Verleger – “20 Minuten Schweiz” gedruckt; früher die gesamte Auflage, heute noch rund die Hälfte. Und rund um die Druckerei ereigneten sich Anfang Mai dieses Jahres aussergewöhnliche Szenen: hie GewerkschafterInnen mit Transparenten – dort zwei Helikopter. Denn der österreichische Gewerkschaftsbund ÖGB hatte im Rahmen des Konflikts um die Pensionsreform zu einer eintägigen Arbeitsniederlegung aufgerufen; die österreichischen Tageszeitungen schlossen sich dem Streik an – mit Ausnahme von “Vorarlberger Nachrichten” und “NEUE Vorarlberger Zeitung”. Da GewerkschafterInnen die Auslieferung der beiden Blätter mit einer Blockade zu verhindern suchten, setzte Russ kurzerhand auf den Luftweg.
“Der Betriebsrat und die Mitarbeiter der Tageszeitungen haben mit einer Mehrheit von 90 bis 100 Prozent entschieden, dass wir erscheinen”, kommentiert Russ die Vorgänge. “Doch die Gewerkschaften haben mit einem Sonderzug Leute von der Gewerkschaftsschule hierher gebracht, um die Auslieferung zu blockieren. Da haben wir eben zwei Hubschrauber eingesetzt; ein teurer Spass, den wir jetzt von den Gewerkschaften ersetzt haben wollen. Ich bin guter Dinge, dass wir das auf dem Prozessweg zugesprochen erhalten, denn es war eine illegitime Blockade des Betriebsgeländes.” Aber nein, er anerkenne ansonsten die Bedeutung der Gewerkschaften, er sei kein Unternehmer, der gegen Gewerkschaften kämpfe, sagt Russ und klingt beim Nachsatz etwas emotional: “Nur: Wenn man sich innerhalb unseres Hauses für etwas entscheidet, dass wir uns dann von der Gewerkschaft vorschreiben lassen, ob wir erscheinen dürfen oder nicht … so weit geht meine Akzeptanz nicht.”
Bei der Vorarlberger Aussenstelle der “Gewerkschaft Druck, Journalismus, Papier” will man sich weder zu den Vorkommnissen vom Frühjahr noch zum Prozess äussern – und überhaupt nichts zum Thema Eugen A. Russ sagen. “Wir haben im Moment ein kleines Problem mit Herrn Russ”, lautet die Begründung.
Es ist – wenn man in der Medienbranche tätig ist – wahrscheinlich ein grösseres Problem, wenn man ein kleines Problem mit Herrn Russ hat. Denn die Vorarlberger Medienszene besteht fast ausschliesslich aus dem Vorarlberger Medienhaus. Und ist so übersichtlich, dass Russ auch diejenigen kennt, die nicht für ihn, sondern etwa für ORF und “Kronen Zeitung” als KorrespondentInnen arbeiten – beispielsweise den Fotografen, der für KLARTEXT beim Interview fotografiert.
Es sei “nicht unrichtig”, wenn man sage, er habe ein starkes Monopol in der Region, sagt Russ. Doch in Österreich beherrsche die “Kronen Zeitung”, also WAZ mit Gruner + Jahr, 95 Prozent der Magazine und etwa 70 Prozent des Tageszeitungsmarkts: “Das ist ein Monopol! Ich kann genau sagen, wer uns verdrängen wird, wenn wir irgendeinen groben Fehler machen. In sieben Bundesländern in Österreich führt die ‚Kronen Zeitung‘ vor der regionalen Zeitung. Nur in Tirol und Vorarlberg noch nicht. In Tirol haben sie bereits begonnen anzugreifen. Wir haben also einen Gegner, der uns motiviert, schlank und kundenorientiert zu bleiben. Aber wer soll es mit der WAZ und Gruner + Jahr im Doppelpack aufnehmen?”

Qualität bei der NZZ finden?
Dennoch: Das regionale Monopol steht momentan fest und sicher, es gibt keine regionale Konkurrenz. Was bedeutet es für die Qualität einer Zeitung, wenn es keine Alternativen gibt? Russ bietet die NZZ im Kombi an und soll gesagt haben: “Qualität, das können Sie bei der NZZ haben.”
Auf derartige Vorhaltungen reagiert Russ leicht ungehalten. “Ich weiss nicht, wie das in der Schweiz definiert wird”, sagt er und weiss es sehr wohl: “Bei uns in Österreich gibt es einen Qualitätszeitungsmarkt und in Deutschland gibts den auch; und dann gibt es eben den Regionalzeitungsmarkt. Regionalzeitungen haben eine andere Funktion, aber – das ist keine Frage – da haben wir dieselben Ansprüche an die Qualität.” Natürlich gebe es irgendwo ein Limit, denn die Hauptressourcen müssten in den lokalen Markt gehen. Aber gerade wegen der “dramatischen Bedrohung” durch die “Kronen Zeitung” sei man im Vorarlberger Medienhaus im Bezug auf Qualität “extrem motiviert”.
Extrem motiviert ist Russ auch, wenn es um die Internet-Thematik geht: “Ich betrachte es als Privileg, einer Generation anzugehören, die zwei wesentliche Veränderungen hat miterleben dürfen: die Öffnung des Eisernen Vorhangs sowie Digitalisierung und Internet”, sagt er, der über Österreich hinaus unter den Verlegern als Online-Pionier gilt. So bietet das Vorarlberger Medienhaus eine Palette von Online-Diensten an, ist regionaler Provider und betreibt die regionale Plattform “vol.at”. “Es war nie unser primäres Ziel, die Zeitung online zu geben, wir wollen die Region online geben. Wir haben das Medium immer als eigenständiges Medium betrachtet, und mit diesem Ansatz hatten wir Erfolg. Mittlerweile hat unser Online-Dienst eine Reichweite von 70 Prozent, ist ein richtiges Massenmedium”, sagt Russ. Seine Online-Produkte hätten von Anfang an schwarze Zahlen geschrieben – eine Bilanz, um die ihn viele Verleger beneiden könnten.
Mit Online allein ist es noch nicht getan: “Wer sich nicht verändert in einem Markt, der wird keinen Erfolg haben”, sagt Russ, und: “Es gibt ja viele Menschen, die Veränderung als Gefahr und Risiko sehen. Wir sehen Veränderung primär als Chance. Wenn man das so wahrnimmt, kann man auch Spass daran gewinnen. Und das ist bei uns in hohem Masse gegeben.”

Gratis-Abo für Nicht-Gratis-Zeitung
Eine solche “Chance” sieht Russ als “Dienstleister”: VN-AbonnentInnen erhalten nicht nur eine Zeitung, sie können zudem günstiger telefonieren, Strom beziehen und Versicherungen abschliessen. Und das macht, so rechnet Russ vor, so viel aus, dass das VN-Abo eigentlich gratis wird: “Die Telefonie betreiben wir selber, damit sparen unsere Leser etwa 150 Franken im Jahr. Beim Strom kaufen wir quasi solidarisch für den Leser ein, das bringt weitere rund 150 Franken innerhalb von drei Jahren. Diese Angebote werden von rund 40’000 unserer 60’000 Abonnenten genutzt.” Dazu kommen die Versicherungen, und damit hat sichs, sagt Russ: “Es ist ganz klar, dass wir unsere Marke nicht verwässern wollen.”

Und die journalistische Unabhängigkeit?
Kooperationen mit den Anbietern von Strom und Versicherungen – da kommt die Horrorvision von JournalistInnen auf, die nach dem Interview noch schnell eine Versicherung verkaufen sollen. Und wie steht es denn mit der Unabhängigkeit der Berichterstattung, Herr Russ, wenn man solche Kooperationen eingeht? Nun wird der freundliche Ton etwas schärfer: “Es ist in der Schweiz doch üblich, dass die Banken in Zeitungen inserieren, nicht? Ist es denn auch üblich, dass der Journalist am Ende der Pressekonferenz diese Inserate verkauft?”, fragt Russ genervt. “Es ist doch so, dass 70 Prozent der Erlöse einer Zeitung aus Inseraten stammen, 70 Prozent der Abhängigkeit einer Zeitung liegen bei den Inseraten. Und dennoch ist jede Zeitung gut beraten, wenn sie weiss, dass ihre erste Loyalität nicht dem einzelnen Anzeigenkunden gilt, sondern dem Leser.” Zeitungen, fährt er immer noch leicht gereizt fort, lebten traditionell in diesem Spannungsfeld und schauten dennoch auf die Unabhängigkeit der Redaktionen, da gebe es doch keinen Unterschied, ob es sich um Inserate oder Kooperationen handle: “69 Prozent der Einnahmen kommen aus dem Anzeigenbereich, ein Prozent aus den Kooperationen. Wir lassen uns von 69 Prozent nicht ins Wanken bringen, warum sollten wir wegen dieses einen Prozents in die Knie gehen und das wesentliche Rückgrat unseres Hauses gefährden: dass wir von den Lesern akzeptiert werden? Diese Logik verstehe ich nicht!”
Nein, an der “Kernkompetenz” Zeitungsmachen werde nicht gerüttelt, 99 Prozent der Energie, der Kreativität, der Manpower fliesse ins Zeitungsmachen, findet Russ, und “ein Prozent unserer Kraft brauchen wir für unser Ziel, die Zeitung über das reine Lesen hinaus nützlich zu machen”. Schliesslich koste die Zeitung den Kunden nicht nur 300 Franken für das Abonnement, sondern auch Zeit: “Wenn er eine halbe Stunde täglich die VN liest, schenkt er der Zeitung etwa 200 Stunden im Jahr. Da muss irgendetwas zurückkommen.”
Und dieses “Etwas” ist für Russ nicht nur ein Quasi-Gratisabo, sondern noch mehr: “Wir wollen der Community eine Plattform bieten, die das Leben in der Region verbessert und den Zusammenhalt stärkt. Das ist unser Online-Bürgerforum: Wir nehmen keinen Einfluss. Wer immer eine Idee hat, kann sie in dieses Forum stellen, dann geht ein Mail unmittelbar an alle Beteiligten raus, an engagierte Bürger, Leserbriefschreiber, aber auch Politiker. So wollen wir die Bürger dieses Landes empowern und vielleicht auch ein bisschen die Macht der Zeitung, der Journalisten zurücknehmen zugunsten der Leser.”
Russ’ Blick in die Zukunft geht zum Vorarlberger Bürger, gleichzeitig aber nach Osten. Seit 14 Jahren ist das Vorarlberger Medienhaus in Ungarn und Rumänien tätig, gibt dort mittlerweile sieben Tageszeitungen heraus. Und Russ will weiter expandieren: “Wir haben vor, im Osten weiter zu wachsen. Marktanteile in Westeuropa sind einfach zu teuer. Ich glaube, irgendwann kommt in Europa eine Konzentration; dann wollen wir eine Grösse haben, die es uns möglich macht, eigenständig weiterzuleben.”

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Ausgabe: 5 | 2018

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