11. Juli 2007 von Klartext

Entdeckungen

hs./ Das neu eröffnete Zentrum für Fotografie in Winterthur blickt in seiner ersten Ausstellung auf ein bis anhin kaum dokumentiertes Kapitel der Schweizer Pressefotografie zurück. Auf die Illustrierte “Die Woche” nämlich, die der erzkatholische Walter-Verlag von 1951 bis 1973 herausgab und die in den 50erJahren einigen damals jungen, begabten Fotografen die Möglichkeit zum Publizieren ihrer Arbeiten bot.
Die Zeitschrift, als Konkurrenz zu Ringiers Unterhaltungsblättern konzipiert, war, so die Einschätzung von Ausstellungsmacher Peter Pfrunder, “eine der interessantesten schweizerischen Publikationsorte für Autorenfotografie”. Ende der 40erJahre sei, so Co-Ausstellungsmacher Martin Gasser, ein “grosses Bedürfnis nach sachlicher, den Tatsachen verpflichteter Bildinformation zu spüren” gewesen. “Die Woche” steht damit in der Tradition von Publikationen wie “Life” und “Paris Match”. In der “Woche” erschienen Reportagen aus aller Welt, über die Lage im Nahen Osten, den Krieg in Korea, den KaltenKrieg überhaupt, über die gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen in Europa und der Schweiz.
Die Ausstellung stellt zwei Fotografen in den Mittelpunkt, die zu den “herausragendsten und fleissigsten Mitarbeitern der ‚Woche‘” (Pfrunder) gehörten: Rob Gnant und Yvan Dalain. Der Westschweizer Dalain, der heute in der Nähe von Lausanne lebt, war häufig in den Ländern Europas unterwegs und fuhr auch einmal für eine Reportage über italienische AuswandererInnen mit dem Schiff nach Argentinien. Der Deutschschweizer Gnant ging vorwiegend Schweizer Themen nach: Sechstagerennen, Metzgeten oder Jassmeisterschaften. Zu den packendsten Arbeiten Gnants gehören allerdings die Reportage über belgische Bergarbeiter und die Bilder von Flüchtlingen an der österreichisch-ungarischen Grenze, unmittelbar nach dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn im Herbst 1956.
Als “Die Woche” ihr Erscheinen einstellte, war die grosse Zeit der Reportagefotografie vorbei. Auch Dalain und Gnant hatten sich von der Fotografie ab- und dem Film zugewandt, Dalain als Fernsehreporter des Westschweizer Fernsehens, Gnant als Film-Kameramann. Sowohl die Ausstellung wie auch das Buch zur Ausstellung machen unter anderem deutlich, dass guter Journalismus Dokumentation des Zeitgeschehens und damit auch Geschichtsschreibung ist.

“Fokus 50er Jahre. Yvan Dalain, Rob Gnant und ‚Die Woche‘”. Zentrum für Fotografie im Fotomuseum Winterthur (bis 8. Februar 2004) und Photoforum PasquArt, Biel (13. März bis 25. April 2004). Siehe auch www.fotostiftung.ch
Peter Pfrunder/Martin Gasser (Hrsg.). “Fokus 50er Jahre. Yvan Dalain, Rob Gnant und ‚Die Woche‘”. Limmatverlag, Zürich 2003.

11. Juli 2007 von Klartext

Anspruchslos und ärgerlich

jb./ Sollen junge Menschen, die Journalistin oder Journalist werden wollen, Einführungen in den Journalismus lesen? Warum nicht – falls sie glauben, es diene der Festigung ihres Berufswunsches. Seit Fächer wie Publizistik, Zeitungs- oder Medienwissenschaft boomen, ist der Markt für “einführende Literatur” deutlich gewachsen. Auch Stephan Russ-Mohl, 53, seit zwei Jahren Professor für Kommunikationswissenschaft an der Tessiner Uni in Lugano, bewirbt sich nun um einschlägige LeserInnengunst. Und dies mit ganz unakademischer Forschheit, wie der ultimative Titel “Journalismus. Das Hand- und Lehrbuch” signalisiert. Im Einleitungskapitel wird, dazu passend, behauptet, das Werk sei in mehr als 20-jähriger Lehrtätigkeit “herangereift”. Mit Verlaub: Das ist Mumpitz.
Denn was Russ-Mohl als sein Opus magnum ausgibt, ist eine insgesamt anspruchslose Einführung in ausgewählte Gebiete der journalistischen Praxis, angereichert mit Beispielen und Kollegenzitaten aus einem opulent dotierten Zettelkasten und einigen grafischen Darstellungen. Positiv fällt die gute Organisation des sechsteiligen Textes auf. Weniger positiv ist die bemüht bunte Sprache. Der Autor hat sich – so lässt seine Biografie im Klappentext vermuten – im Lauf seiner Laufbahn offenbar vor allem theoretisch mit dem journalistischen Metier beschäftigt. Die Kapitel über journalistisches Handwerk sind denn auch eindeutig die schwächsten des Bandes.
Ärgerlich macht die Beliebigkeit und Profillosigkeit vieler Passagen. So empört sich der Autor zwar über den medialen “Rufmord” an Thomas Borer. Handkehrum adelt er das “redaktionelle Marketing” ganz unkritisch zur erstrebenswerten “Rückkoppelung mit dem Publikum” und plädiert für die grösstmögliche Anpassung an den marktforscherisch ermittelten Massengeschmack. Die nahe liegende Frage, ob die JournalistInnen-Ausbildung eher gegen die Zumutungen des wohlfeilen Medienmanagements immunisieren oder zu anpassungsfähiger Allesmacherei befähigen soll, bleibt unbeantwortet.
Peinlich wird das “Hand- und Lehrbuch”, wo Emil Dovifat ohne jede Distanzierung als einer der “Ziehväter der Publizistikwissenschaft” belobigt wird, der die Medien als “Mittel der Massenführung” verstanden habe. Das Thema sei “tabu”, bemerkt Russ-Mohl blauäugig, weil Nazis und Kommunisten damit Missbrauch getrieben hätten.
Tabu? Im Gegenteil! Der Nachwuchs soll wissen, wer dieser “Ziehvater” war. Emil Dovifat, ursprünglich katholisch-konservativ, dann sattbraun und nach 1945 CDU-schwarz, verkörpert den akademischen Schreibtischtäter par excellence. Er schaffte es, von 1928 bis 1961 ununterbrochen und unbehelligt in Berlin als Ordinarius zu wirken. Seine “Zeitungslehre” passte er alle paar Jahre den aktuellen politischen Erfordernissen an. Nur in diesem Zusammenhang ist die Bezeichnung der Medien als “Mittel der Massenführung” interessant. So heisst es in der “Zeitungslehre”-Ausgabe von 1937, der Zeitung als “Massenführungsmittel” sei “die Aufgabe gestellt, den neuen Bindungen Beistand zu leisten, die aus der Masse Volk zu machen berufen sind”. Anschliessend wird Adolf Hitlers erfolgreiche Massenführerschaft gelobt und beifällig aus “Mein Kampf” zitiert: Die Propaganda habe “als Volks- und Massenführung … in einfachen und eindringlichsten Formen, in starker, unermüdlicher Wiederholung und mehr als mit verstandesmässiger mit gefühlsmässigen Empfindungen zu arbeiten”. (Emil Dovifat, “Zeitungslehre I”, Berlin, Leipzig 1937 [de Gruyter], S. 109)
Klar: Das steht 1937 bei Dovifat, nicht 2003 bei Russ-Mohl. Der Tessiner Professor dürfte geltend machen, er habe sich nicht im Detail mit dem Massenführer Dovifat und seinen Elogen über die “Genialität Adolf Hitlers” befasst. Unser simpler Einwand: Wer JournalistInnen ausbildet und vom “Heranreifen” seines ultimativen “Hand- und Lehrbuchs” daherredet, braucht mehr als einen polyvalenten Zettelkasten. Er müsste selber wissen (und darüber schreiben), wo er steht.
Nicht überraschend fehlt bei Russ-Mohl eine Würdigung des Werks von Otto Groth, der seinerzeit vor Dovifat auf der Berliner Berufungsliste stand. Groth hatte 1928 bis 1930 eine hoch gelobte vierbändige Zeitungslehre publiziert und darin das Konzept des Journalismus als Vermittlerberuf entwickelt. Der 1875 geborene jüdische Gelehrte, der nur dank seiner arischen Ehefrau dem Holocaust entging, war nach dem Krieg zu alt für eine akademische Laufbahn. Gleichwohl publizierte er noch 1960 ein zweites, sieben Bände umfassendes Hauptwerk über die Medien: “Die unerkannte Kulturmacht”. Groths Schriften sind “für das Selbstverständnis des Journalistenberufs kaum zu überschätzen”, wie der Dortmunder Ordinarius Horst Pöttker im Rahmen einer heftigen Kontroverse über die bis heute unbewältigte Vergangenheit der deutschen Publizistikwissenschaft bemerkte (www.dgpuk.de). Ob Professor Russ-Mohl davon weiss, erfahren seine LeserInnen nicht. Russ-Mohls Jahrgang, 1950, spräche eigentlich dafür.
Sollen also junge Menschen, die Journalistin oder Journalist werden wollen, Einführungen in den Journalismus lesen? Ja, wenn sie sich auf anspruchsvolle Lektüre einlassen wollen, zum Beispiel auf Otto Groth, “Die Zeitung”, 4 Bände, Mannheim, Berlin, Leipzig 1928 – 1930 (Bensheimer). Wer das Abenteuer scheut, ist mit Lehrbüchern über einzelne Aspekte des journalistischen Handwerks besser bedient. Da hat Russ-Mohls Handbuch durchaus seine Verdienste: Hinter jedem Kapitel steht eine Liste mit weiterführender Literatur.

Stephan Russ-Mohl, “Journalismus. Das Hand- und Lehrbuch”. Frankfurt/Main 2003, F.A.Z.-Institut für Management-, Markt- und Medieninformationen GmbH.

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