11. Juli 2007 von Zora Zensura

Dada für Begüterte

Sie ist der Leitstern aller werdenden Redaktorinnen. Eine Heldin – Christa Löpfe-Feldmann, eine der wenigen Chefredaktorinnen auf freier Wildbahn. Der “Tamedia”-Tornado hat ihren (Ex-)Mann schon vor geraumer Zeit vom “Tages-Anzeiger”-Chefsessel gefegt. Sie hat den Sturm bislang unbeschadet überstanden und regiert weiterhin die “Annabelle”. Das unterscheidet den real existierenden Kapitalismus vom real existierenden Sozialismus: keine Sippenhaftung, wenn das Produkt stimmt. Und das Löpfsche Produkt stimmt. Werbung elegant in Journalismus gehüllt: PR vom feinsten – fröhlich, bunt, bewegt.
Zum Beispiel “Annabelle” 21/03: Auf dem Titel eine rotlippige Blondine zwischen weissen Geschenken. Links in roten Lettern: “128 Geschenk-Ideen. Shopping-Tipps für Sie und Ihre Liebsten”. (Rechts dezent in schwarz: “Welt-Aids-Tag: Das letzte Lächeln von Aïcha.”) Auf den nächsten 220 Seiten folgt ein Feuerwerk an postpostpostmoderner Literatur; Dadaismus für Begüterte: Seite 88, weisser Totenkopf an Sicherheitsnadel, darunter die Legende: “was ihr seid … Nicht vergessen: Lebensfreude ist ansteckend. Besonders mit der Sicherheitsnadel-Brosche von LE BIJOUX DE SOPHIE CHEZ ONWARD PARIS.” – Seite 89, weisses Leibchen mit Totenkopfemblem und dem Aufdruck “Too fast to live – too young to die”, darunter: “… das waren wir … Mit Leibchen und Seele jeden Tag aufs Neue geniessen – und dabei das T-Shirt von VIVIENNE WESTWOOD MAN tragen.” – Seite 90, grüner Gürtel mit Totenkopfschnalle, darüber: “… was wir sind … Immer nur sparen? Zum Glück kann man den Gürtel mit strassbesetzter Totenkopfschnalle von JUST CAVALLI auch weiter schnallen.” – Auf Seite 125 beginnen die 128 Geschenkideen. Der Dadaismus weicht schlichter Prosa: “Katzenhalsband aus Leder mit Zirkonia ca. 1300 Fr. von Gucci”. “Uhr mit Diamanten, Saphiren und Frédéric-Piguet-Quarzwerk 1270, bis zu 50 Meter wasserdicht, 64’500 Fr. von Hublot” …
Endlich begreift man, warum dieses Land noch immer keine Mutterschaftsversicherung hat, am liebsten scheintoten Männchen Bundesratswürden verleiht und kaum Weibchen ins Parlament entsendet … unglücklich das Land, das Heldinnen braucht.

11. Juli 2007 von Gerhard Lob

Diener neuer Herren

Das Ende von Zensur, endlich Presse- und Meinungsfreiheit: Der Enthusiasmus nach dem Zerfall der Sowjetunion war gross. Doch gut 10 Jahre danach zieht der Direktor des Kaukasus-Medieninstituts in Eriwan, Vicken Cheterian, eine ernüchternde Bilanz.

“Hier weiss man gar nicht, was unabhängiger Journalismus ist.” Diesen Satz wiederholt Vicken Cheterian mehrmals während des Gesprächs. Er bezieht sich dabei nicht nur auf die ehemalige Sowjetrepublik Armenien, in der Cheterian als Direktor des Caucasus Media Institute (CMI) tätig ist, sondern auch auf die kaukasischen Nachbarstaaten Georgien und Aserbeidschan. Im Prinzip gilt die Aussage gar generell für die meisten Medienschaffenden in den ehemaligen Sowjetrepubliken. “Journalismus, PR, Werbung, es gibt keinen grossen Unterschied”, ist Cheterians Fazit.
Die Euphorie der Umbruchjahre ist verpufft. Politische Zeitungen sind nicht in der Lage, Öffentlichkeit, geschweige denn Gegenöffentlichkeit herzustellen. TV-Stationen befinden sich in der Hand politischer Machtgruppen, die diese einzig für ihre eigenen Interessen einsetzen. Medienorgane gleichen politischen Parteien. Es gibt regierungskritische Sender – wie Rustawi 2 in Georgien –, doch diese verherrlichen umgekehrt die Opposition. In Armenien zögerte Präsident Robert Kotscharjan daher nicht, vor den Wahlen in diesem Frühjahr zwei der Opposition nahe stehende TV-Sender zu schliessen. Zu Protesten von Medienschaffenden kam es nicht. In Aserbeidschan wurden Dutzende von JournalistInnen nach den turbulent verlaufenen Wahlen vom November verhaftet. Auch in Russland sei der Druck auf die Medienschaffenden in der politischen Presse gross, meint Alexander Iskandarian, Leiter der CMI-Rechercheabteilung. Andererseits blühe in Russland wenigstens der Markt in der nichtpolitischen Presse – bei Frauen- und Sexmagazinen.

Zeitungen haben geringe Auflagen
In der Region zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer entstand bis anhin kein eigenständiger Medienmarkt, der sich über Werbung und andere Einnahmen finanziert. Auch gibt es in den ehemaligen Sowjetrepubliken keine westeuropäischen Investoren aus der Branche, die sich wie der Schweizerische Ringier-Verlag oder die deutsche WAZ-Mediengruppe in Tschechien, Polen oder Ungarn engagieren. Die Einkünfte aus dem Zeitungsverkauf sind gering. Die auflagenstärksten Zeitungen in den Kaukasusrepubliken wie “Resonanzi” (Georgien) oder “Aravot” (Armenien) drucken gerade mal zwischen 5000 und 10’000 Exemplare täglich. Die Mehrheit der Bevölkerung kann sich schlicht keine Tageszeitung leisten. Sie kostet in Armenien zwar umgerechnet nur 15 Cent, doch dies ist schon zu viel in einem Land, in dem das Gros der EinwohnerInnen mit weniger als einem Dollar pro Tag leben muss. Dazu kommt, wie Cheterian sagt, dass die Zeitungen “stinklangweilig” sind und keine leserrelevanten Themen aufarbeiten. Sie dienen vorab den Eliten für den jeweiligen Positionsbezug. Warum sollte man sie also kaufen?
Dass der kritische Zustand der Medien nicht das Problem eines einzelnen Landes ist, haben Fachleute Ende September bei der CMI-Tagung “Transformation der Massenmedien unter postsowjetischen Bedingungen” in Eriwan festgestellt. Zirka 20 KonferenzteilnehmerInnen aus den GUS-Staaten, dem Iran, Ost- und Westeuropa sowie den USA waren anwesend. “Ich habe erstmals so etwas wie Selbstkritik feststellen können”, lobt Cheterian das Gesprächsklima. Als extremstes Beispiel erwies sich die führende Tageszeitung Turkmenistans: Die Auswertung einer Ausgabe ergab, dass auf den ersten vier Seiten insgesamt zehn Fotos des Präsidenten eingefügt waren.
Fest steht: Das alte sowjetische System mit der tonangebenden kommunistischen Partei existiert nicht mehr, aber einige Strukturen, Mechanismen und Instinkte aus früheren Zeiten haben überlebt. Statt der kommunistischen Partei gibt es heute Machtgruppen wie Präsidenten, Regierungs- und Oppositionsparteien sowie Oligarchen und Wirtschaftsbosse. Eine Trennung von Wirtschaft und Politik existiert nicht. Die meisten JournalistInnen finden es in Ordnung, dass sie von dieser Elite bezahlt werden und verhalten sich ihr gegenüber loyal.

Der neue Verlautbarungsjournalismus
Für Cheterian liegt dieser Haltung ein grundlegender Wertewandel nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Einführung des Turbo-Kapitalismus zugrunde. “Geld hatte in der Sowjetunion keine oder fast keine Bedeutung in der Gesellschaft,” analysiert der CMI-Direktor, “heute hingegen ist Geld der dominierende Faktor der Gesellschaft geworden.” Der extreme Privatisierungsprozess habe nicht nur Ölfelder und Nickelminen erreicht, sondern auch Dienstleistungen. Alle würden ihre Arbeit privatisieren, so auch die JournalistInnen. Mit der Konsequenz, dass sie Informationen weitergäben, selbst wenn sie offensichtlich falsch seien. Gemäss dem Motto: Wenn ich für etwas bezahlt werde, ist es schon in Ordnung. Das Resultat sei jedoch eine schwere Vertrauenskrise der Medien und ein vollkommen unprofessionelles Arbeiten der Medienschaffenden. Oder anders ausgedrückt: Die alte sowjetische Art eines Verlautbarungsjournalismus ist unter neuen Vorzeichen und unter neuen Herrschern wieder dominierend. Cheterians Fazit: “Wir haben eine Scheinfreiheit in der Presse, weil wir mit dieser Freiheit nicht umgehen können.”
Der Direktor des Medieninstituts ist überzeugt, dass im Westen die Auswirkungen des Zusammenbruchs der Sowjetunion unterschätzt werden. Denn nach dem ökonomischen Kollaps gebe es in den GUS-Staaten jetzt eine tiefe Wertekrise: Nicht nur die sowjetischen Ideale seien kollabiert, sondern inzwischen auch die postsowjetischen, die auf dem Nationalismus fussten. “Wir haben weder einen Wertekonsens, noch funktionierende staatliche Strukturen.” Um eine soziale Kohäsion zu schaffen, brauche es eine gemeinsame Wertebasis. Deshalb müsse man kleine Inseln funktionierender Strukturen schaffen.
Eine solche Insel stellt für JournalistInnen das Caucasus Media Institute dar. Cheterian will am Institut Medienschaffende zur Reflexion über ihren Beruf anregen und ihnen professionelle Arbeitstechniken beibringen (siehe Kasten). Er will nicht pfannenfertige westliche Modelle vorsetzen. Und auch die westlichen Diskussionen über die richtige Art von Journalismus oder der dortigen Verquickung von Politik und Medien (Beispiel Italien) sind im Moment nicht angesagt. Cheterian: “Es macht gegenwärtig keinen Sinn, auf die Probleme der westlichen Medien, des westlichen Journalismus hinzuweisen. Wir haben genug eigene Probleme.”
Aber macht es überhaupt Sinn, JournalistInnen für eine möglichst unabhängige Berichterstattung auszubilden, wenn sie in einem korrupten Machtsystem gar nicht gefragt sind? Cheterian sieht in dieser Hinsicht nicht schwarz. Ein guter Journalist könne einen Job in Moskau oder Prag finden: “Wir sind heute beweglicher, das hat sich gegenüber der Sowjetunion wirklich verändert.”

Caucasus Media Institute:JournalistInnen professionell ausbilden

gl./ Das Caucasus Media Institute (CMI) in der armenischen Hauptstadt Eriwan nahm am 1. Januar 2002 seine Arbeit auf. Es will einen Beitrag zur Entwicklung der Massenmedien in den postsowjetischen Republiken, vor allem in der Region Südkaukasus (Georgien, Armenien, Aserbeidschan), leisten. Die Kurse und Seminare sollen JournalistInnen zu informierten, kritischen, kreativen, professionell arbeitenden Medienschaffenden mit einem ethischen Verantwortungsgefühl ausbilden. Hauptstandbein ist der berufsbegleitende Grundkurs. Er richtet sich an VolontärInnen aus dem Printmedienbereich. Anfang Oktober hat eine Klasse von 22 JournalistInnen (17 Frauen, 5 Männer) begonnen. Die Teilnehmenden kommen aus Armenien, Berg-Karabach, Abchasien, Georgien, Moldawien, Südossetien, Nordossetien, Kirgistan und Russland. Da es kaum Stipendien gibt, müssen sich die nicht-armenischen Studierenden als KorrespondentInnen oder Freelance-JournalistInnen über Wasser halten.
Die Struktur des Medieninstituts ist von der in Genf tätigen NGO “Cimera” aufgebaut worden. Seine Existenz verdankt das Institut der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), die einen Rahmenkredit von 1,9 Millionen Franken für den Zeitraum 2002 – 04 bereitgestellt hat. Die laufenden jährlichen Kosten betragen 250’000 US-Dollar; 90 Prozent dieser Kosten trägt die Deza. 12 Vollzeit- und 3 Teilzeitmitarbeitende sowie diverse ExpertInnen stehen auf der Lohnliste. Für einzelne Projekte kommen Zuschüsse aus anderen Quellen wie dem deutschen Aussenministerium oder der Eurasia-Foundation.
Zu den Aufgaben des Instituts gehören auch Forschungsarbeiten und wissenschaftliche Veröffentlichungen. Viel beachtet wurden die zu Beginn dieses Jahres publizierten “Führer zu den Parlamentswahlen in Armenien” und “Führer zu den Präsidentschaftswahlen”, die auf Armenisch, Russisch und Englisch erschienen. Es handelte sich um die einzigen Publikationen, in denen Wahlsystem, Parteien und Programme in einer journalistisch unabhängigen Art und Weise dargestellt wurden.

Internet: www.caucasusmedia.org

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