11. Juli 2007 von Klartext

Tele-Realität

Ist die Rekonstruktion der Lebensbedingungen einer Walliser Bergbauernfamilie geglückt?

hb./ Man nehme eine telegene Kleinfamilie, setze sie in ein schmuckes Walliser Maiensäss in einer eindrücklichen Alpenlandschaft, filme sie bei ihren alltäglichen Beschäftigungen, assortiere ein passendes Umfeld: Gurken, Raclette und ein Wettbewerb mit Valais-Tourisme – und fertig ist die Reality-Show! So jedenfalls hätte die erste selbstgemachte “télé-réalité” des Westschweizer Fernsehens ausfallen können. TSR-Produzentin Béatrice Barton war ehrgeiziger: Mit Hilfe eines Soziologen versuchte sie, die Lebensbedingungen einer Walliser Bergbauernfamilie im Jahre 1903 zu rekonstruieren. Herausgekommen ist “Le Mayen 1903”, in der Westschweiz ein Strassenfeger.
Zwischen 250’000 und 300’000 ZuschauerInnen, gegen 50 Prozent Marktanteile, massenhaft Zuschriften ans Fernsehen, über 30 Artikel in der Presse: Das ist die Erfolgsbilanz der Doku-Soap, mit der TSR in den letzten Wochen gegen die Allgegenwart der französischen Privatsender antrat. “Ich hatte eine Heidenangst, dass es schief geht”, gesteht die strahlende TV-Produzentin. Barton sieht mehrere Gründe, dass “Le Mayen 1903” zum Erfolg wurde: “Es war ein echtes Familienprogramm, in dem weder Gewalt noch Sex vorkam. Die Sendung regte die Diskussionen zwischen den Generationen an und wertete traditionelles Wissen auf.” Ziel der Sendung sei gewesen, die Fähigkeit zur Improvisation, die Entwicklung der familiären Beziehungen, die Interpretation des Alltagswissens von 1903 mit dem Wissen von heute zu dokumentieren.
Tatsächlich: Da wurde kein Sadismus gekitzelt; da waren weder Millionen noch Karrieren zu gewinnen; da war keine Spannung, wer wen verführt und wer der Grösste ist, und doch wurde die Sendung zum Erfolg. Gemessen an der “télé-poubelle” der Privatsender war Bartons “télé-réalité” ein geglücktes Experiment: Intelligente Unterhaltung, die den Publikumsgeschmack traf, ohne sich ihm anzubiedern. Gemessen an einem kritischen Dokumentarfilm hingegen kommt “Le Mayen 1903” schlecht weg: Die herzigen Geisslein wurden ebenso wenig geschlachtet, wie sexuelle Not und finanzielle Abhängigkeit thematisiert wurden, die vor hundert Jahren das Leben der Bergbauern prägten. Die glückliche Familie in einer intakten Umwelt, die singend zum Bächlein tanzende Tochter, der Waschtag im Zuber an der freien Alpenluft: Das wirkte falsch naiv, inszeniert halt. Sehr viel “télé”, sehr wenig “réalité”.
Doch war die Doku-Soap deshalb Wasser auf die Mühle Blochers, wie einige Kritiker sagen? Eine Verherrlichung des harten Lebens und der bäuerlichen Abgeschiedenheit im Alpenréduit? “Ein monströser Vorwurf”, ärgert sich Barton. “Wir wollten weder eine heile Welt feiern, noch die Realität von heute ausblenden. Im Gegenteil, die Serie hat sehr gut zum Ausdruck gebracht, wie hart die Arbeit und wie schwer das Leben war, besonders auch für die Frauen.” Mit bewusst eingesetzten Anachronismen und Verfremdungselementen versuchte Barton die Gefahr zu bannen, dass “Le Mayen 1903” als Nostalgieshow rezipiert würde. Ist es ihr gelungen? Einige ZuschauerInnen-Reaktionen lassen daran zweifeln: “Le Mayen 1903 ist wunderbar, fantastisch! Das Leben war hart, aber trotzdem schön. Es gab weder Rinderwahnsinn noch Aids noch Drogen. Die Leute litten an mangelndem Komfort; heute leiden sie ebenfalls, nur anders”, heisst es etwa in einem Leserbrief an die Walliser Zeitung “Le Nouvelliste”. Für die Produzentin spricht aus dieser Reaktion nicht Nostalgie, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
Barton will jedenfalls weitermachen: “Das Konzept hält auch in einer andern Umgebung stand!” So warten wir gespannt auf den Tag, an dem sie eine Sans-papiers-Familie im Niemandsland der Vorstädte, zwischen Industrieruinen und Drogenstrich zum Thema macht.

11. Juli 2007 von Anita Hugi

Promis für die Medien

Im Dezember startet SF DRS trotz anfänglichen Bedenken von Peter Schellenberg seine eigene Starsearch-Sendung. Ein Blick hinter die Kulissen.

“Willkommen in unserer Welt”, empfängt einen neuerdings eine rote Leuchtschrift beim Eingang zum Leutschenbach. Willkommen in der Welt des Showbusiness, heisst es seit kurzem auch für 24 potenzielle Popstars aus der Deutschschweiz, die es mit ihrer Stimme und ihrem Auftreten in die erste “Casting-Show” des Schweizer Fernsehens geschafft haben. An drei Dezembersonntagen strahlt SF DRS “MusicStar”-Qualifikationssendungen aus, in der jeweils acht KandidatInnen singend gegeneinander antreten – je sechs von ihnen dürfen danach bereits wieder nach Hause gehen. Zwei kommen in die Finalrunde, je ein Jüngling und eine junge Frau. Die sechs FinalistInnen werden im Januar und Februar gegeneinander antreten. Die Singshow soll junge Menschen an Bildschirm und Computer holen, denn das junge Publikum ist bisher bei den Shows auf SF DRS massiv untervertreten.
Neben der Show-Soap am Fernsehen wird auf einer Homepage (www.musicstar.tv) sieben Tage die Woche vom Leben der 24 KandidatInnen hinter den Kulissen berichtet – fünf Web-Redaktoren wurden hierfür von SF DRS eingestellt. Wie die Show ist auch die hautnahe Web-Berichterstattung nach dem Vorbild der Starsearch-Sendung des ORF, “Starmania”, konzipiert worden.

Promi-Produktion
In den Schweizer Medien stiess “MusicStar” schon lange vor dem eigentlichen Sendestart auf sehr grosses Interesse. Zuerst wurde über die ModeratorInnen Nina Havel und Roman Kilchsperger, dann über die Jurymitglieder H. Elias Fröhlich, Chris Von Rohr und Arabella Kiesbauer und schlussendlich über die diversen antretenden Pop-KonkurrentInnen ausführlich berichtet. So viele neue (potenzielle) Promis bekommt die Schweiz nicht alle Tage! Alle waren dabei – von SR DRS 1 und 3 über Lokalmedien, “Brückenbauer” und “CoopZeitung” bis hin zu den regionalen und nationalen Zeitungen: An den fünf regionalen Castings im Oktober verzeichnete SF DRS nicht nur 3000 Singwütige, sondern ebenfalls 1200 Drehbesuche von JournalistInnen. Das seien hundertmal mehr als an sonstigen SF-DRS-Veranstaltungen, sagt Urs Durrer, Mediensprecher von “MusicStar”. Hat SF DRS der Berichterstattung ein wenig nachgeholfen? “Wir waren vor dem ersten Casting überhaupt nicht aktiv”, verneint Durrer. “Das Interesse der Medien an den Kandidaten war grösser, als unser Interesse an den Medien. Wir wurden ziemlich überrannt.” SF DRS habe zu diesem Zeitpunkt von den 3000 Teilnehmenden keine Namen herausgegeben. Manches Medium, u.a. der “Blick”, habe sich seine FavoritInnen unter den KandidatInnen selber gesucht. Erst mit den 24 definitiven KandidatInnen mache SF DRS aktive Medienarbeit. Da wird Redaktionen dann schon mal “die Tessinerin” oder “der ETH-Student” angeboten. Solche aktive Medienarbeit mache man für andere Sendungen auch, sagt Urs Durrer.

“Ethische Rahmenbedingungen”
Die SF-Medienstelle macht die PR-Arbeit für die Sendung, gleichzeitig betreut sie die KandidatInnen in Medienfragen. Dies ist eine von Peter Schellenbergs “ethischen Rahmenbedingungen”, wie er gegenüber KLARTEXT erklärt: “Zur publizistischen Ethik gehört, dass wir bisweilen Menschen vor sich selber schützen. Manche vermögen nicht abzuschätzen, was aus einer Fernsehpräsenz entstehen kann. Mir reicht es nicht zu sagen: Die machen dies ja alles freiwillig.” Schellenbergs Vorgaben führten zur Vorschrift, dass alle Medienkontakte über SF DRS laufen müssen und die KandidatInnen in Medienfragen beraten werden und Tipps bekommen, wie zum Beispiel: “Ich darf Interviews gegenlesen.”

Baby der neuen Fernsehdirektorin?
Die Casting-Show wird rund 5 Mio. Franken kosten, schrieb die “SonntagsZeitung”. Zu Zahlen will bei SF DRS jedoch niemand Stellung nehmen. Man erfährt nur, dass mit Merchandising und Sponsoren, die auch kleine VIP-Anlässe hinter den Kulissen durchführen werden, mit den Eintrittstickets und den wegfallenden Produktionskosten für andere Sendungen, die zu dieser Zeit stattfinden würden, auch Geld hereinkomme. Konkret äussert sich SF DRS auch dahingehend nicht, ob “MusicStar” auch gerade im Hinblick auf die neue Ära unter Ingrid Deltenre doch noch realisiert wurde. Klar ist nur so viel: Im 2003 wird die Sendung aus der Direktionsreservekasse bezahlt, im 2004 läuft sie im ordentlichen Budget.

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