11. Juli 2007 von Barbara Heuberger

Nur noch abfedern

Der Profitlogik können Gewerkschaften nur noch mit Sozialplänen trotzen. Auch bei Bluewin, wo per Ende November 27 Stellen gestrichen werden.

Der Internet-Dienstleister Bluewin – eine Unternehmenseinheit von Swisscom – hat in den letzten Jahren immer wieder neue Kündigungswellen miterlebt. Auch diesen November wurden Stellenkürzungen in allen Bereichen angekündigt.
“Die Eidgenössischen Räte haben der PTT-Reform zugestimmt und waren einverstanden, dass die Profitlogik bei der Post eingeführt werden soll; das war ein demokratischer Entscheid”, meint Michel Berger von der Gewerkschaft Kommunikation zu KLARTEXT. Auch die Mehrheit der SP und der Grünen haben damals im Parlament das Vorhaben zur Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes und zur Trennung von Post und Swisscom unterstützt. Ob sich die VolksvertreterInnen die Sache allerdings so vorgestellt haben? Stellenabbau bei Swisscom bei gleichzeitigen Milliardengewinnen, jedes Jahr vor Weihnachten ein neuer Schub. “Seit dem Börsengang von 1998 und der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes hat die Swisscom über 6000 Stellen, also fast dreissig Prozent ihrer Belegschaft, abgebaut”, schrieb die “WochenZeitung” im November. Immerhin haben die SP und die Grünen damals die Forderung nach einem Sozialplan durchgefochten, ein Sozialplan – mittlerweile ausgehandelt – der heute wohl der beste in der Schweiz ist.

Entlassungen trotz grossen Gewinnen
Gewerkschaftsmann Berger ist aus gesellschaftspolitischen Gründen nicht damit einverstanden, dass ein Konzern, der zu mehr als der Hälfte dem Bund gehört und gleichzeitig fette Gewinne einstreicht, in der heutigen Zeit derart viele Mitarbeitende entlässt. Er findet es allerdings auch nicht sinnvoll, um jeden Preis die Struktur eines Betriebes zu erhalten, und erinnert an das wohl berühmteste und eher abschreckende Beispiel einer Gewerkschaftsforderung: Als in Grossbritannien die Elektrolok eingeführt wurde, forderten britische Gewerkschaften noch jahrzehntelang, es müsse ein Heizer mitfahren, obwohl es längst nichts mehr zu heizen gab. “Swisscom macht jedoch nicht nur Strukturreform. Unsere Aufgabe ist es, den Skandal zu thematisieren und gleichzeitig müssen wir retten, was zu retten ist”, meint Berger. So ist es Gewerkschaftslogik, jeweils für einen guten Sozialplan zu kämpfen. Das ist der Gewerkschaft Kommunikation auch gelungen. Allerdings: Noch letztes Jahr musste sie Swisscom mit Strassenaktionen klar machen, dass ein Sozialplan das Unternehmen nicht davon entbinde, “die einzelnen Kündigungen, weitere Beschäftigungen und die Perspektive des Konzerns” mit der Gewerkschaft zu diskutieren. “Die Kündigung darf nur die letzte Möglichkeit sein”, meint Berger.
In der Folge hat Swisscom dieses Jahr etwas dazugelernt und sich mit der Gewerkschaft an den Tisch gesetzt, um den Stellenabbau zu diskutieren. Mit Arbeitszeitreduktionen und Job-Sharing, mit In-Sourcing, Weiterbildung und Umschulung für neue Jobs konnte der anfänglich geplante Abbau von 40 Stellen bei Bluewin auf 27 reduziert werden.
Bluewin begann 1996 mit 30 Mitarbeitenden, deren Zahl stieg bis 2001 auf 333. Im Oktober 2001 wurde Bluewin als Profit Center in die Swisscom-Unternehmenseinheit Fixnet integriert und gab 2002 rund 90 Stellen des Bereichs Customer Care an Swisscom Fixnet ab. Dank den Wachstumsbereichen im Breitband ADSL (zum Beispiel Video-on-demand) stieg die Anzahl Stellen per Ende Oktober 2003 wieder auf 330. Mit dem aktuellen Stellenabbau um 27 Personen liegt die Zielgrösse per 2004 bei rund 300 Stellen. “Der herkömmliche Bereich (Narrow-Band) war auf dem Weg, profitabel zu werden”, meint Bluewin-Mediensprecherin Melanie Schneider zu KLARTEXT. “ADSL ist ein Investitionsbusiness, wo es zurzeit gilt, Marktanteile zu gewinnen. Der Focus ist ganz klar, profitabel zu werden.” Schneider möchte sich allerdings nicht festlegen, bis wann dieses Ziel erreicht werden soll.

Automatisierte Newsverarbeitung
Der Stellenabbau trifft alle Bereiche, ausser den Access-Bereich. Für das Bluewin-Portal bedeute dies, so Schneider, dass in der Tiefe reduziert werde, jedoch nicht bei der Breite des Angebotes, was unter anderem mit einem höheren Automatisierungsgrad der Inhaltsverarbeitung erreicht werde. Bereits zwischen 2001 und 2002 hatte Bluewin damit begonnen, weniger auf Eigeninhalte und vermehrt auf die Zusammenarbeit mit Content-Anbietern und Partnern zu setzen. Früher wurden die Newsmeldungen von der SDA bezogen und aufbereitet. Heute bezieht Bluewin die Inhalte von der SDA fürs Internet fertig aufbereitet. Nur noch besonders spannende Themen werden mit weitergehenden Informationen von Bluewin angereichert. “Bei jenen MitarbeiterInnen, die mit redaktionellen Arbeiten betraut sind, wurde das Anforderungsprofil insofern angepasst, als dass vermehrt die Aggregations-Rolle wahrgenommen werden muss”, beschreibt Schneider den Prozess. Dass heisst, dass die Inhalte nur noch zusammengestellt und eingefügt, jedoch nicht mehr bearbeitet werden.
Auch die Berufsbilder verändern sich also bei Bluewin. Und 27 MitarbeiterInnen werden Anfang nächsten Jahres in den Genuss des Swisscom-Sozialplanes kommen und deshalb für ein Jahr ins Arbeitsmarktzentrum (AMZ) der Swisscom eintreten. “Wer in diesen Sozialplan kommt, hat ein Jahr lang den vollen Lohn. Das AMZ ist dann der Arbeitgeber. Hier gibt es BeraterInnen und Unterstützung bei der Arbeitssuche, bei Standortbestimmungen und Weiterbildungen. Ziel ist es, die Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern”, erklärt Michel Berger.

11. Juli 2007 von Barbara Heuberger

Häufig am Anschlag

Der Berufsalltag für frei schaffende FotografInnen – wie für Freie in der Branche überhaupt – ist wegen der Medienkonzentration und den drastischen Sparmassnahmen in den Verlagshäusern härter geworden.

“Einerseits erhalte ich massiv weniger Aufträge, andererseits kann ich die Bedingungen immer weniger mitbestimmen. Die Preise werden wahnsinnig gedrückt und es braucht viel Verhandlungsgeschick, um faire Entschädigungen zu erzielen”, umschreibt die freie Berner Fotografin Iris Krebs die wirtschaftliche Situation für die PressefotografInnen. Neben den Presseaufträgen arbeitet sie deshalb zurzeit vermehrt für Sozialinstitutionen und Non-Profit-Organisationen.
Das Arbeitsangebot für freie PressefotografInnen ist geschrumpft: Viele Zeitungen und Zeitschriften wurden eingestellt oder mit anderen fusioniert. Und die meisten Redaktionen müssen mit drastisch gekürzten Budgets für Freie arbeiten; wenn Aufträge extern vergeben werden, muss man dies intern oft begründen und rechtfertigen. Nicht zuletzt liefern JournalistInnen bei Reportagen vermehrt auch gleich die Fotos mit oder holen die RedaktorInnen die Bilder bei Agenturen wie etwa Keystone oder Reuters ein. Die Agenturen haben in den letzten Jahren technisch aufgerüstet und bieten neben dem Einzelverkauf in der Regel Abonnemente an, die es den Verlagen für eine Pauschale ermöglichen, einen grossen Teil der benötigten Bilder tagesaktuell oder aus dem Archiv online zu beziehen.
In diesem Umfeld haben die freien FotografInnen einen schweren Stand. Immer häufiger müssen sie für anständige Tarife und Spesenentschädigungen kämpfen und sich auch noch gegen die Tendenz wehren, dass ihre Bilder ohne zusätzliche Bezahlung mehrfach verwertet werden.

Fixe Tarife auf tiefem Niveau
Im Unterschied zur schreibenden Zunft spielt im Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der Branche die Zahl der Berufsjahre bei den FotografInnen keine Rolle. Sie kennen – egal, wie viel Berufserfahrung sie ausweisen – ausschliesslich fixe Tarife: Das Einzelbild wird, ob schwarz-weiss oder farbig, mit 189 Franken entlöhnt. Die Spesen und die Kosten der Arbeit im Fotolabor sollten laut GAV eigentlich separat entschädigt werden, doch viele Medienunternehmen futieren sich um diese Bestimmung. In seltenen Fällen wird nach Zeitaufwand entschädigt, mit 50 bis 60 Franken pro Stunde, je nach Region.
“Der GAV 2000 hat die dringend nötige Erhöhung des Einzelbildtarifs und die Aufhebung der unterschiedlichen Tarife für schwarz-weiss und farbig gebracht. Natürlich sind diese Ansätze immer noch zu tief. Für die Freien sind jedoch nicht die ausgehandelten Honorare das Problem, sondern vielmehr der Missstand, dass sich viele Auftraggeber nicht an die GAV-Ansätze gebunden fühlen”, berichtet Comedia-Zentralsekretärin Stephanie Vonarburg. “Zwar stehen nun neue GAV-Verhandlungen bevor, aber dieser Missstand wird kaum über den GAV behoben werden.” Es gelte, die bestehenden Vorschriften besser durchzusetzen – notfalls gerichtlich.

Die Digitalisierung – ein Quantensprung
Die Digitalisierung der Fotografie bedeutete für die Branche einen Quantensprung. Die freien Berufsleute mussten sich nicht nur zusätzliches Know-how aneignen, sondern auch viel Geld investieren, um sich die teure Ausrüstung (Kamera, Objektiv, Laptop, Modem) zu beschaffen. Noch vor zwei, drei Jahren mussten sie dafür rund 20’000 Franken ausgeben, heute sind es noch etwa 5000. “Ich wünschte mir einen Zuschuss für Investitionen”, meint denn auch Iris Krebs. Ihr Wunsch ist umso verständlicher, wenn man bedenkt, dass solche Investitionen innert weniger Jahre abgeschrieben werden sollten.
Demgegenüber profitierten die Verlage voll von der Digitalisierung: Sie sparen nicht nur Kosten für Post und Kuriere ein, sondern auch ganz massiv in der Vorstufe (Aufbereitung und Nachbearbeitung der Bilder). Dennoch sehen sie sich selten bemüssigt, an die digitale Ausrüstung oder Schulung ihrer freien Mitarbeitenden einen Beitrag zu leisten. So arbeiten die freien FotografInnen heute immer mehr und erhalten dafür immer weniger Geld.
Die Digitalisierung veränderte aber auch den Beruf der FotografInnen. “Kippografen” nennt sie Koni Nordmann, Studienleiter der Lehrgänge für Bildredaktion und Pressefotografie am Medienausbildungszentrum (MAZ), scherzhaft: “Man ist immer damit beschäftigt, den Apparat zu kippen, um im Display zu kontrollieren, was man gerade aufgenommen hat. Der Bildschirm müsste eigentlich abgedeckt werden.” Früher habe man sich auf den Moment und die Auswahl der Bildausschnitte und das Fotografieren selbst konzentriert.
So unterrichtete Nordmann denn auch die StudentInnen der ersten zwei MAZ-Lehrgänge für Pressefotografie im Umgang mit der klassischen Kamera. “Gute Pressefotografie hat nichts mit dem Werkzeug zu tun, sondern mit dem gestalterischen Können und den inhaltlichen Vorstellungen. Und Umsteigen ist keine grosse Hürde”, meint er. Für den dritten Lehrgang im April 2004 will er sich noch überlegen, ob er auf Digitaltechnik umsteigen soll. “Wir werden diesen Wechsel nicht pushen, denn die Preise für die benötigte Ausrüstung sind weiterhin am Sinken.”

Digitale Fotografie erfordert Disziplin
Auch Dominic Buettner, freier Fotograf in Zürich, hat Vorbehalte gegenüber der Digitalfotografie: “Beim Fotografieren mit solchen Kameras fehlt die volle Aufmerksamkeit, weil der Faktor Filmverschleiss wegfällt. So wird der Fotografierende verstärkt zum Jäger und Sammler”, meint er. Hier stehe Quantität versus Qualität. Auf der anderen Seite würden die Bilder oft perfekter: “Durch die Kontrollierbarkeit der Bilder vor Ort im Display der Kamera bergen sie jedoch weniger Überraschungen.” Buettner sieht aber auch eindeutige Vorteile: “Man kann mehr ausprobieren, experimentieren, mit Bewegungsschärfe arbeiten.” Doch fordere das digitale Fotografieren grosse Disziplin bei der Anzahl der Aufnahmen vor Ort, damit man danach bei der Auswahl am Computer nicht in der Menge der Bilder ersticke. “Ich muss mich gut konzentrieren, damit ich die geeigneten Bilder in nützlicher Zeit auswählen und bearbeiten kann.”
Auch der Zürcher Christoph Schürpf, freier Fotograf und unter anderem für Keystone tätig, sieht Vorteile bei der elektronischen Fotografie: “Man kann dezentral leben, schneller, gezielter und themenbezogen arbeiten.”
Zusätzliche Arbeit bringt auch die neue redaktionelle Usanz, Bilder aus Datenbanken online abzurufen. So wird es für freie FotografInnen zunehmend wichtiger, im Internet präsent zu sein. Auch das bedeutet zuerst viel Arbeit und Zeit.
Nach wie vor gibt es aber auch Berufsleute, die den Schritt zur digitalen Fotografie nicht vollzogen haben, wie beispielsweise der Zürcher Andreas Eggenberger, der für zahlreiche Deutschschweizer Printprodukte arbeitet: “Die freien Fotografen und Fotografinnen haben es bisher versäumt, sich um spezielle Ansätze für digitale Bilder zu kümmern. Die zusätzlichen Investitionen und Arbeit am Computer wollen die Verlage nur schlecht oder gar nicht entschädigen. Viele denken, digital sei gratis.”

Das Bild im steten Wandel
Ebenfalls im Wandel ist die Ästhetik: die Frage, was ein gutes Pressefoto, ein guter fotografischer Stil sei. Dieser Aspekt fordert von den FotografInnen eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit Entwicklungen und Trends. Der eine Redaktor will die Bilder überbelichtet, die andere Redaktorin den Kopf einer Porträtierten angeschnitten oder eine Totale schräg von unten aufgenommen. Modische Phänomene, die kommen und gehen und an denen die Werbefotografie einen nicht unwesentlichen Anteil hat.
Was aber ist ein gutes Bild? “Das ist für jeden und jede anders, es kommt auf die Vorstellung im Kopf an, wofür das Bild stehen soll”, meint Basil Steinmann, Art Director bei “Facts”. Für ihn selbst ist ein Bild dann gut, wenn er es in einem Satz umschreiben kann. Darin hat er Übung, ist er unter anderem doch für das “Facts”-Titelbild zuständig. Auch Christoph Schürpf kennt keine Definition für ein gutes Bild. “Die Fotografie als Dokument hat ausgedient”, stellt er fest. “Technisch ist es immer einfacher geworden, ein schönes Bild zu machen. Jeder kann fotografieren, es ist nicht mehr unbedingt ein Handwerk.” Weil es einen Overkill an Bildern gebe, sei es für einen Fotografen wichtig, eine eigene Bildsprache zu entwickeln, fügt Schürpf hinzu. Doch auch das sei schwierig, weil das Artdirecting immer mehr Priorität habe: “Der Bildredaktor hat oft eine genaue Vorstellung, wie das bestellte Bild aussehen muss. Dass es rot oder grün ist, ist ihm oft wichtiger als der Inhalt. Es geht immer mehr um vorgefasste Meinungen, weniger um ein Suchen.” Das Bild habe immer seltener einen eigenständigen Wert, sondern müsse sich vermehrt den Farb- und Gestaltungskonzepten anpassen.

Nur wegen dem Geld macht es niemand
Selbst wenn die Bedingungen härter geworden sind – die meisten freien FotografInnen würden nicht tauschen wollen. Sie stehen zwar unter hartem Konkurrenzdruck und verdienen wenig, aber die Arbeit ist interessant, inspirierend und kreativ. Zudem, so Koni Nordmann, war es “früher nicht besser. Das Gegenteil zu behaupten, wäre eine Verklärung.” Trotz der schwierigen Situation seien alle 21 FotografInnen, die im letzten Jahr am MAZ ausgebildet worden sind, in ihrem Beruf tätig. Das Ziel sei, dass gute FotografInnen – ob sie vom MAZ kämen oder nicht – die schlechteren verdrängten. Last but not least genüge es im heutigen Markt nicht, ein Spitzenfotograf zu sein: “Es braucht zudem Mumm, Biss und Leichtigkeit.”

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