11. Juli 2007 von Hans Stutz

Editorial

Auffallend wenig Zeitungskommentare folgten der “Beobachter”-Enthüllung, wonach Firmen und Gesundheitsorganisationen namhafte Beträge zahlen müssen, um in Samuel Stutz’ Sendung “Gesundheit Sprechstunde” auftreten zu können. Stutz versprach auch persönlich – ebenfalls gegen Geld – gleich noch einen Artikel in der “Schweizer Illustrierten”. Die Stellungnahmen hätten daran erinnern können, dass gekaufte Medienauftritte gegen elementare Grundregeln eines seriösen Journalismus verstossen.
“Gesundheit Sprechstunde” wird von Ringier produziert und im Rahmen von “Presse TV”, dem privaten Fenster der Schweizer Verlage auf SF 2, ausgestrahlt. Vor Monaten noch warfen die Ideologen der privatwirtschaftlich organisierten Medienwirtschaft mit grossen Worten um sich und behaupteten im Zusammenhang mit der Revision des Radio- und Fernsehgesetzes, dass die Medienfreiheit bei den Privaten am besten gewährleistet sei. Nun stellt sich heraus, sie meinten die Krämerfreiheit, jene Informationen zu verbreiten, die Geld einbringen.
Ist Fernseh-Doktor Samuel Stutz nun einfach das schwarze Schäfchen im sonst blütenweissen Ringier-Konzern? Zweifel sind angebracht. Bereits vor vielen Monaten hat “Gault-Millau”-Herausgeber Urs Heller in der Ringier-Hauszeitschrift “Domo” selbstgefällig verlauten lassen, wie gerne er doch “Päckchen” schnüre, und damit die lukrative Verknüpfung von InserentInnen-Anlässen, Sponsorveranstaltungen und nachfolgenden Fotostrecken in Ringier-Heften gemeint.

P.S.: Nicht in der Öffentlichkeit zu Wort gemeldet haben sich auch Verleger und Verlagsdirektoren (ausser Hans Jürg Deutsch). Man wird sie daran erinnern müssen, wenn der Verlegerverband das nächste Mal das Ansinnen vorträgt, in den Presserat aufgenommen zu werden.

11. Juli 2007 von Klartext

Turbulenzen bei “Le Courrier”

hb./ Ende April gaben Chefredaktor Manuel Grandjean und Direktor Marc Seinet gleichzeitig ihren Abschied vom “Courrier” bekannt. Das Zusammentreffen sei Zufall, nicht Ausdruck einer Krise, heisst es. Tatsächlich: Grandjean hat die Abozahl von 8000 auf knapp über 10’000 gesteigert. Die Erfolgsmeldung bestätigt den Trend zu profilierten Meinungsblättern mit scharfen Analysen, die sich von den üblichen Forumszeitungen unterscheiden. Doch sie ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil lautet: “Le Courrier” sucht nach der eigenen Identität. Die höheren Abozahlen genügen nicht, um die steigenden Kosten zu decken. Und intern sind heftige Diskussionen um die Zukunft der einzigen linken Tageszeitung der Schweiz im Gang.
Nachdem Grandjeans Vorgänger Patrice Mugny die Zeitung aus der finanziellen Abhängigkeit der katholischen Kirche befreit hatte, konsolidierte Grandjean ein redaktionelles Projekt, das aus der Genfer Lokalzeitung ein alternatives Westschweizer Linksblatt machte. Ungelöst blieben Fragen der internen Organisation und der weiter bestehenden Abhängigkeit von der Freiburger “La Liberté”.
Redaktionsintern geht es um Fragen wie: Schliesst die Funktion eines Chefredaktors eine kollegiale Führung aus? Wie werden verschiedene Vorstellungen über die Zeitung unter einen Hut gebracht? Wird “Le Courrier” als alternatives Unternehmen eine engagierte Zeitung oder eine Pattform für Information und Debatte innerhalb der sozialen Bewegung?
Zur Autonomie der Zeitung lag ein Projekt von Manuel Grandjean auf dem Tisch. Bisher übernimmt das Blatt seine Schweizer- und Auslandseiten von “La Liberté”, die in manchen Punkten ähnliche Werte verteidigt wie “Le Courrier”. Als Regionalzeitung verfolgt “La Liberté” jedoch eine andere redaktionelle Linie und spricht auch nicht das gleiche Publikum an. Um die oft verwirrliche Mischung aus eigenen und übernommenen Seiten zu vereinheitlichen, schlug Grandjean vor, die Zeitung vollständig selbst zu produzieren. Das hätte neben dem Verzicht auf eine Ausgabe pro Woche auch eine Mehrbelastung der kleinen Redaktion und einen verstärkten Rückgriff auf Presseagenturen bedeutet. Das Projekt, das Grandjean zum Bleiben motiviert hätte, wurde von der Redaktion jedoch als zu gewagt abgelehnt.
Dabei sind sich die RedaktorInnen einig, dass die Entwicklung in diese Richtung gehen muss. Zurzeit diskutieren sie zusammen mit der “Nouvelle Association du Courrier” (NAC), die als Herausgeberin zeichnet, über Projekte und Personen. Selbstverwaltung als Organisationsform scheint sich nicht durchzusetzen, auch die NAC würde eine traditionellere Organisationsform (etwa mit Chefredaktor und Chefredaktor-Stellvertreter) vorziehen, wie NAC-Präsident Florio Togni bestätigt. Im Verein NAC sitzen neben Vertretern des Personals und der LeserInnen auch alternative und linke Organisationen sowie individuelle Mitglieder, insgesamt 45 Personen. Die Redaktion hat ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht. Die Nachfolge wird spätestens Anfang September durch die Generalversammlung bestätigt.

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