11. Juli 2007 von Klartext

Unbekannte Vielfalt

Im Mittelpunkt des UNO-Weltgipfels zur Informationsgesellschaft in Tunis stand die Umsetzung eines Aktionsplans zur Reduktion des digitalen Grabens zwischen Nord und Süd. Aber ist diese Aufgabe angesichts des rapiden Medienwandels in den Entwicklungsländern überhaupt noch aktuell? Ein Augenschein in den urbanen Zentren Westafrikas. Von Frank Wittmann.*

Der UNO-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) postulierte einen digitalen Graben zwischen der nördlichen und der südlichen Hemisphäre, den es zu überwinden gelte. Das ist nicht ganz zutreffend und muss differenziert werden. Erstens bestehen auch in den postindustriellen Gesellschaften grosse Unterschiede bei den Zugangschancen und der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien. Diese Unterschiede verlaufen in der Regel entlang von sozialdemografischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht oder Berufsgruppe. Zweitens hat in vielen Entwicklungsländern eine kleine Medienrevolution stattgefunden. Genau genommen besteht der digitale Graben nicht einfach zwischen Nord und Süd, sondern vor allem innerhalb der Entwicklungsländer zwischen Stadt und Land.

Beispiel Westafrika
In den westafrikanischen Ländern ist es seit Beginn der 1990er Jahre im Zuge der Demokratisierungswelle zur Aufgabe des staatlichen Informationsmonopols und zur Pluralisierung der Massenmedien gekommen. Der politische Prozess hat zwar zahlreiche Rückschläge erlitten und einzig Ghana und Mali haben einigermassen konsolidierte Demokratien. Aber die Liberalisierung der Telekommunikations- und Medienmärkte sei unumkehrbar, berichtet der Journalist Abdoulaye Diallo aus Burkina Faso. So weist der afrikanische Mobilfunkmarkt heute die weltweit höchsten Wachstumsraten auf. Viele multinationale Telekommunika-tionsunternehmen wie France Télécom, Orange oder Vodafone haben afrikanische Firmen aufgekauft oder Joint Ventures mit ihnen gebildet. Bereits heute gibt es in vier Fünfteln aller afrikanischen Länder mehr Mobiltelefone als Fixleitungen.
Die grösste Verbreitung erfährt das Telefon in Westafrika durch so genannte Télécentres. Dabei handelt es sich um privat betriebene Telefonkabinen. Hier können die Menschen für eine Telefoneinheit von rund 25 Rappen Anrufe tätigen und sich in manchen Fällen sogar zurückrufen lassen. In Senegal gibt es beispielsweise über 13’000 solcher Télécentres, die von rund 70 Prozent der Bevölkerung genutzt werden. Solche öffentlichen Telefonkabinen fungieren vielerorts auch als Cybercafé.
Genauso wie das Telefon wird auch das Internet vornehmlich nicht im privaten, sondern im öffentlichen Raum genutzt. Seit dem Jahr 2000 sind alle afrikanischen Länder an das Internet angeschlossen. In Metropolen wie Abdijan, Dakar oder Lagos sind Internetcafés sogar zu einem integralen Bestandteil des Stadtbildes geworden. Die Preise sind auf bis zu 60 Rappen pro Stunde gefallen. Das Internet wird vor allem für E-Mail, allgemeine Informationen und Partnerschaftsbörsen genutzt. Die wichtigsten Sites sind Hotmail.com, Yahoo. com und Amour.fr.

Die Bedeutung der Presseschau
Manche SurferInnen lesen auch Tageszeitungen auf dem Internet, wo unterdessen einige Redaktionen ihre Publikationen auch anbieten. Die Online-Ausgabe erfüllt vor allem zwei Funktionen: Erstens wird die Homepage als ein Werbeinstrument angesehen, mit dem sich die Zeitung bekannt machen kann. Zweitens leisten die Online-Ausgaben auch einen Beitrag für die grosse westafrikanische Diaspora in Europa und Nordamerika, denen auf diese Weise aktuelle Informationen zugänglich gemacht werden. Allerdings spiegelt das Online-Angebot nicht den Pluralismus der gedruckten Presse wieder. Denn die Anzahl der vornehmlich am Kiosk und im Strassenverkauf vertriebenen Organe kann auf bis zu 50 (Burkina Faso), 70 (Senegal) oder gar über 100 (Mali, Nigeria) Printprodukte steigen. Nebst einem Grundstock an professionellen und regelmässig erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften erscheinen viele Titel allerdings nur sporadisch und genügen kaum höheren Qualitätsansprüchen. Dank Popularisierungsstrategien gelingt es den Zeitungen mittlerweile, ein Publikum jenseits der traditionellen Bildungselite anzusprechen: „Die Leser in den modernen Städten wollen schockierende Geschichten und vermischte Meldungen“, sagt Edouard Diatta von der senegalesischen Tageszeitung „Le Soleil“.
Die grösste Verbreitung finden die Printmedien durch die Presseschau am Radio. Die meisten westafrikanischen Rundfunkstationen senden mehrmals täglich Presseschauen. Sie dauern zwischen fünf und zehn Minuten und werden abwechselnd in den europäischen Amtssprachen und den afrikanischen Nationalsprachen gesendet. Die JournalistInnen bieten mit ihrer Intonationsakrobatik, ihren Kommentaren, ihrem Witz und ihrer Ironie dem Publikum einen attraktiven und bisher unbekannten Zugang zu den Zeitungsinformationen. Die Sendungen sprechen sowohl die analphabetisierte Bevölkerung an (70 Prozent in frankophonen und 40 Prozent in anglophonen Ländern) als auch jene BürgerInnen, die zwar lesen können, aber kein Geld oder keine Zeit für die Zeitungslektüre haben. Der Erfolg der Presseschau bringt aber auch Konflikte mit sich. So verfügen manche Radiosender nur über eine qualitativ schlechte Informationsabteilung. Um dieses Defizit wettzumachen, lesen sie in den Presseschauen die Zeitungsartikel integral vor, so dass sich die Zeitungen kaum mehr verkaufen.

Kampf der Leitmedien
Das Radio gilt als das informativste, glaubwürdigste und unterhaltsamste Medium in Westafrika. Es wird von weit über 90 Prozent der Bevölkerung genutzt. Das Angebot an kommerziellen, kommunalen, konfessionellen, staatlichen und internationalen Sendern variiert je nach Land zwischen 20 und 100 Kanälen. In machen Ländern hat die Liberalisierung des Rundfunks geradezu zu einem Wildwuchs an Sendern geführt. Der Erfolg des Radios erklärt sich dadurch, dass es die orale Tradition modernisiert, die afrikanische Kultur fördert, Identität stiftet, keine Alphabetisierung voraussetzt, die Lokalsprachen elaboriert sowie leicht und günstig empfangbar ist. Der durchschlagende Erfolg des kommerziellen Privatradios und des am Gemeinwohl orientierten Kommunalradios wird aber erst verständlich, wenn die originellen Programmkonzepte, die innovativen Moderationstechniken und die konsequente Anpassung an lokale Publikumsbedürfnisse beachtet werden. Insbesondere in den Metropolen wird das Radio jedoch stark durch das Fernsehen konkurrenziert. Hier sieht es seine Funktion als Leitmedium infrage gestellt. Viele urbane Familien verfügen über einen eigenen Fernseher und lassen Freunde und Nachbarn bei sich sehen. In Ländern wie Benin, Burkina Faso, Ghana und Nigeria gibt es auch private Fernsehstationen, die das Publikum mit Unterhaltungssendungen berieseln.

Einschränkung der Medienfreiheit
Rund 15 Jahre nach dem Beginn des Demokratisierungsprozesses lässt sich in Westafrika eine zwiespältige Zwischenbilanz ziehen: Einerseits ist es hinsichtlich der Massenmedien und Telekommunikation zu einer irreversiblen Pluralisierung des Angebots gekommen. Andererseits hat die Medienfreiheit in den meisten Ländern im gleichen Zeitraum abgenommen. Im Jahr 2004 wurden in Côte d’Ivoire und Gambia vier Journalisten umgebracht. Darüber hinaus kam es – mit Ausnahme von Benin, Ghana, Kapverden und Mali – in allen westafrikanischen Ländern zu Verletzungen der Medienfreiheit. In der Regel versuchen die Regimes, durch Verhaftungen und Verurteilungen die JournalistInnen einzuschüchtern und der redaktionellen Autozensur Vorschub zu leisten.
Wie Thierry Perret von Radio France International betont, tragen viele Medienorgane aber auch selbst zur Verschärfung der Situation bei. Aufgrund des harten Konkurrenzkampfes tritt die Boulevardpresse ihre medienethische Pflicht, Informationen zu verifizieren, regelmässig mit Füssen und lässt sich schwere Verletzungen der Privatsphäre von Personen des öffentlichen Lebens zuschulden kommen. Die Privatradios schreiten viel zu selten bei Denunziationen ein, die in interaktiven Sendungen gegen Privatpersonen begangen werden. Schlimmer noch, einige Medienorgane spielen sogar in den vielfältigen politischen, militärischen und sozialen Konflikten eine unrühmliche Rolle. So hetzen seit 2002 ivorische Radiostationen ihr Publikum zu Übergriffen gegen französische StaatsbürgerInnen, UNO-Blauhelme, muslimische GastarbeiterInnen aus den Nachbarländern oder AnhängerInnen von Oppositionspolitikern auf. Auch in Nigeria haben die Massenmedien bereits zu Zusammenstössen zwischen Christen und Muslims angestiftet.
Die westafrikanische Medienlandschaft hat eine atemberaubende Entwicklung durchgemacht. Das pluralistische Angebot und die gestiegene Mediennutzung beschränken sich jedoch weitgehend auf die urbanen Zentren. Das Internet Governance Forum – dessen Einführung in Tunis beschlossen wurde, um die Arbeit des WSIS fortzuführen – wird vermehrt die vielfältigen lokalen Veränderungen berücksichtigen müssen, um seine Ziele erfolgreich umzusetzen. Dazu gehört insbesondere die verstärkte Implantation von Kommunikationstechnologien und Massenmedien im ruralen Raum. Denn nur so kann der Stadt-Land-Gegensatz bekämpft und absehbare soziale Spannungen verhindert werden.

Der digitale Solidaritätsfonds und das „Prinzip von Genf“

hb./ Der Uno-Gipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) kann einen einzigen konkreten Erfolg verbuchen, die Gründung des digitalen Solidaritätsfonds. Doch der Fonds wurde unabhängig vom WSIS verwirklicht – dank der Unterstützung durch die Stadt Genf.
Abdoulay Wade, der Staatspräsident von Senegal, schlug im Dezember 2003, am ersten Teil des WSIS-Gipfels in Genf, die Gründung eines internationalen Solidaritätsfonds vor, mit dem Projekte zur Überwindung des digitalen Grabens gefördert werden sollten. Die anwesenden Regierungen waren jedoch nicht bereit, sich auf obligatorische Zahlungen verpflichten zu lassen. Immerhin wurde ein Initiativausschuss gegründet, dem neben dem Präsidenten von Senegal auch die Bürgermeister der Städte Genf und Lyon, sowie die Präsidentin der Provinz Turin angehörten.
Am 14. März 2005 wurde der digitale Solidaritätsfonds (DSF) aus der Taufe gehoben. Sein Sitz ist in Genf. Er unterstützt lokale Projekte von Gemeinschaften, Vereinen und Gruppierungen in Gemeinden, die bei der Errichtung von Informatiknetzwerken übergangen worden sind. In den ersten acht Monaten seines Bestehens haben seine Mitglieder bereits zwei Initiativen ergriffen: Für die vom Tsunami verwüstete Stadt Banda Aceh wurde Informatikmaterial gekauft, und in Burkina Faso und Burundi wurden isolierte Basisgesundheitszentren über Satellit miteinander vernetzt. Die Internet-Verbindung erlaubt den Austausch von Informationen über Krankheiten und PatientInnen sowie die Ausbildung des Pflegepersonals.
„Das Prinzip des Fonds ist völlig neu“, sagt DSF-Präsident Alain Clerc. Der Fonds habe sich vom bürokratischen Gewicht der Uno befreit und die Form einer Stiftung angenommen. Es sei der erste internationale Fonds, in dem Regierungen, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft gemeinsam vertreten seien. Auch sei es das erste Mal, dass von den Städten über die Regionen bis zu Nationen und Nationenbündnissen die unterschiedlichsten Ebenen vertreten seien. Auch das Finanzierungskonzept sei innovativ: Der Fonds finanziere sich durch Mitgliederbeiträge und freiwillige Beiträge der verschiedenen Institutionen und Körperschaften, zum andern aber auch dank dem „Prinzip von Genf“. Es besagt, dass die Behörden sich verpflichten, bei jeder öffentlichen Ausschreibung im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien dafür Sorge zu tragen, dass das den Zuschlag erhaltende Unternehmen einen Beitrag von einem Prozent des Auftragsvolumens an den DSF abführt.
Der DSF kann heute bereits auf 22 Mitglieder zählen. In der Schweiz gehören die Städte Genf, Lausanne und Delémont dazu, Clerc will demnächst Schreiben an sämtliche Schweizer Städte richten. Genf hat bereits Regelungen getroffen, um die einprozentige Abgabe zu sichern; sie verlangt zudem von allen Unternehmen, die sich an einer öffentlichen Ausschreibung beteiligen, eine Beitragserklärung zum Fonds abzugeben. Clerc ist überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein: „Die Firmen, die im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien aktiv sind, arbeiten in einer blühenden Branche. Die Abgabe ist für sie kein Problem, im Gegenteil, einige von ihnen werden sich sogar freiwillig verpflichten.“ Firmen, die die Abgabe leisten, erhalten ein „Label der digitalen Solidarität“. Noch arbeitet der Fonds im Stillen, seine Arbeit wurde bei der Berichterstattung über den WSIS-Gipfel wenig beachtet. Dies soll sich ändern: Alain Clerc erwartet, dass demnächst Frankreich und sogar der ganze afrikanische Kontinent dem „Prinzip von Genf“ beitreten werden, was zu einem eigentlichen Schneeballeffekt führen würde. „Wir sind auch mit China im Gespräch. Stellen Sie sich vor, das wäre das erste Mal, dass die chinesische Regierung in einem Gremium mit der chinesischen Zivilgesellschaft zusammenarbeiten würde!“

www.dsf-fsn.org

11. Juli 2007 von Klartext

Chefwechsel

hs./ Schallend gelacht habe er, so berichtet ein „Berner Zeitung“-Mitarbeiter, als er gelesen habe, dass Chefredaktor Andreas Z’Graggen nach seinem Rücktritt weiterhin als Publizist und Moderator von TV-Sendungen für die Espace Media Groupe tätig sein werde. Wenn Z’Graggen etwas nicht könne, dann sei es schreiben. In der Tat, er hat es den BernerInnen fast zehn Jahre lang gezeigt. Z’Graggen erhält nicht nur einen Nachfolger, sondern gleich zwei: Michael Hug und Markus Eisenhut. Über Hug, der seit 2001 Chefredaktor des konzerneigenen „Solothurner Tagblatts“ ist, berichten fast alle nur Gutes: Er sei ein umgänglicher Mensch. Und über seinen grossen Fauxpas (Bundesrat Villiger besucht das Puff) ziehen sie den Schleier des Vergessens. Hugs Chefredaktoren-Partner Markus Eisenhut ist zurzeit bei Tamedia mit der Lancierung von „20 minutes“ betraut. Als Chefredaktor von „20 Minuten“ musste er im November 2003 gehen, weil Tamedia Marco Boselli ins Amt hievte.
Auch über den dritten designierten Chefredaktor einer auflagestarken Schweizer Tageszeitung gibt es noch wenig zu vermelden, ausser dass er – gemäss „Weltwoche“ – eine „ausufernde Sammlung von Schiffbildern aller Art“ besitzt. Markus Spillmann war zuletzt stv. Redaktionsleiter der „NZZ am Sonntag“. Mit seinen 38 Jahren wird Spillmann, wenn er sich denn ein Beispiel an seinen Vorgängern im Amt nehmen sollte, wohl einer ganzen JournalistInnen-Generation den Karriereschritt zum NZZ-Chefredaktor verbauen. Sein direkter Vorgänger Hugo Bütler blieb 21 Jahre, dessen Vorgänger Fred Luchsinger 17 Jahre und dessen Vorgänger Willy Bretscher gar 35 Jahre.

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