11. Juli 2007 von Nick Lüthi

Wann immer, wo immer

Heute finden Fernsehprogramme auch via Internet-Stream, Video-Podcast und IP-TV zum Publikum. Das Schweizer Fernsehen hat nur beschränkt Einfluss darauf, wie und wo seine Sendungen weiterverbreitet werden.

Was vor noch nicht allzu langer Zeit als kühne Vision galt, ist inzwischen Realität: Fernsehen ist überall. Das klassische Fernsehgerät ist nur noch eine unter vielen Empfangsmöglichkeiten. Ob Heimcomputer, Mobiltelefon, portables Multimedia-Abspielgerät oder Videospielkonsole: Bewegte Bilder finden heute den Weg nahezu überallhin. Und selbst für jedes einzelne dieser Geräte bieten sich verschiedene Möglichkeiten, wie die bewegten Bilder dorthin gelangen. Beim Schweizer Fernsehen begrüsst man diese Entwicklung. Für Walter Bachmann, der seit einem Jahr das Multimediazentrum leitet, ist klar: „Es liegt in unserem Interesse, dass die Inhalte von SF zum Publikum finden.“
Zur beliebtesten Methode, Sendungen ohne klassisches Fernsehgerät anzuschauen, gehört das Internet-Streaming. Ein Grossteil des Programms von SF, insbesondere Eigenproduktionen, steht ein paar Stunden nach Ausstrahlung auf der Webseite zum Abruf bereit. Pro Tag werden so rund 40’000 Fernsehbeiträge angeschaut. Einzelne Sendungen werden bis zu 10’000 Mal aufgerufen. Am stärksten ist die Nachfrage unmittelbar nach der Erstausstrahlung: 99 Prozent der Nutzung erfolgt im ersten Monat nach Sendung. Nur in Ausnahmefällen bietet SF auch Live-Streaming an, die Direktübertragung des Programms im Internet. Beispiele für solche Anlässe sind etwa das WEF in Davos oder die Bundesratswahlen. Eine permanente Parallelausstrahlung der Programme im Internet wäre kein sinnvoller Einsatz der Technologie. Doch auch was die Rechtslage angeht, gibt es Hürden. „Wenn wir sämtliche Sendungen per Live-Stream ausstrahlen wollten, dann müssten wir dafür explizit die Rechte erwerben“, sagt Walter Bachmann. „Das wäre mit zusätzlichen Kosten verbunden.“

Kein Risiko für SF
Technologie hin, Geld her, für SF gibt es inzwischen gar keinen Anlass mehr, selbst Internet-Fernsehen in Realzeit anzubieten. Das tun bereits Dritte. „Die reissen sich darum, unsere Programme verbreiten zu dürfen“, weiss Bachmann. Etwa das Jungunternehmen Zattoo oder die Firma Netstream: Beide bieten Internet-Fernsehen an. Zattoo gratis, weil werbefinanziert, Netstream verlangt für sein adsl.tv eine Abonnementsgebühr. Sämtliche sieben SRG-Fernsehprogramme lassen sich so auf den Computerbildschirm holen. Für deren Weiterverbreitung brauchen die Internet-TV-Anbieter lediglich eine Konzession vom Bundesamt für Kommunikation und einen Vertrag mit Suissimage über die Abgeltung der Urheberrechte, eine vertragliche Regelung mit den Fernsehveranstaltern braucht es nicht. Wer also eine Lösung gefunden hat, mit der sich TV-Signale übertragen lassen, kann beim Bakom eine entsprechende Lizenz beantragen. Im Prinzip müsste das Signal unverändert und vollständig weiterverbreitet werden. Das heisst: inklusive Teletext, Zweikanalton und in Stereoqualität. Da diese Integralität von Internet-TV-Anbietern nicht gewährleistet wird, erhalten sie nur eine Versuchskonzession.
Bei SF beobachtet man die Entwicklung mit Interesse – und mit Gelassenheit. Sind die Jungunternehmen erfolgreich, freut man sich am Leutschenbach ob der zusätzlichen ZuschauerInnen, die via Internet erreicht werden. Funktioniert die Sache nicht, trägt SF kein Risiko. „Letztlich ist nicht die Weiterverbreitung unser Geschäft“, sagt Bachmann, „sondern weiterhin die Produktion von Inhalten.“ Dennoch bleibt SF nicht untätig und wird auch selbst aktiv. So konnte das Fernsehunternehmen mit Microsoft aushandeln, dass die Sendungen, die im Internet angeschaut werden können, auch über Windows Media Center verfügbar sind. Diese Software ermöglicht, Multimedia-Inhalte vom Computer auf den Fernsehbildschirm zu bringen und via Fernbedienung abzurufen. Für Walter Bachmann ist klar: „Wir wollen auf allen relevanten Plattformen präsent sein.“

Grenzen der Technik
Eine solche Plattform sind mobile Geräte. Wer unterwegs Sendungen von SF sehen will, kann sie sich als sogenannte Video-Podcasts auf den Computer herunterladen und danach auf sein Abspielgerät kopieren. Er ist dann im Besitz einer Datei, die er nach Belieben weiterreichen könnte. Das ist denn einer der Gründe, weshalb SF nicht alle Sendungen, die im Internet gestreamt werden können, auch als Video-Podcast anbietet. „Die Rechteinhaber fürchten, wenn jemand eine Sendung herunterladen kann, könnte er sie einfacher missbrauchen“, sagt der SF-Multimedia-Chef. Doch es gibt auch noch ganz praktische Überlegungen, die gegen ein umfassenderes Angebot sprechen. Wer will schon 90 Minuten auf einen Kleinstbildschirm starren? Für die mobile Nutzung eignen sich deshalb primär kürzere Formate. Kommt dazu, dass längere Sendungen grössere Dateien ergeben, die mehr Speicherplatz auf Computer und Abspielgerät beanspruchen. „Wenn wir uns streng an den Publikumsbedürfnissen orientieren würden, müssten wir eigentlich alle Sendungen über die neuen Vektoren verbreiten.“ Die ZuschauerInnen, so Walter Bachmann weiter, interessierten sich nicht für juristische und technische Fragen, sie wollten einfach sehen, was sie mögen. „Mittelfristig müssen wir diese Perspektive verstärkt berücksichtigen, das ist eigentlich allen klar.“
Noch keine direkten Auswirkungen haben die zusätzlichen Verbreitungskanäle auf die Fernsehwerbung. Bei den neuen Verbreitungsvektoren handle es sich zum heutigen Zeitpunkt um einen Nischenmarkt, weiss Martin Schneider, Direktor von Publisuisse. Für die Werbevermarkterin von SF sei es deshalb vorerst kein Thema, den Kunden spezifische Werbeplätze anzubieten. „Bei jenen Anbietern, die das Programm eins zu eins übernehmen, wie zattoo.com oder adsl.tv, sieht das Publikum ja die Original-Werbeblöcke“, sagt Schneider. Grundsätzlich finde er aber positiv, dass neue, zusätzliche Verbreitungs- und Empfangsmöglichkeiten dazukommen, was den TV-Konsum tendenziell steigen lässt.

11. Juli 2007 von Hans Stutz

Fetisch Quote

Das Schweizer Fernsehen will sich für die Zukunft rüsten, indem es die Hauptzeiten stärkt. Den Sparauftrag hat der Sender ausgelagert.

Das Schweizer Fernsehen SF ist erfolgreich. Es erreichte im vergangenen Jahr einen Marktanteil von 34,5 Prozent und damit einen Zuwachs von 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr 2005. Die Reichweite lag damit in etwa gleich hoch wie 2004, als Olympische Spiele und Fussball viele Menschen vor den Bildschirm lockten. In seinem Geschäftsbericht freut sich SF auch, eine Senkung des Durchschnittsalters der ZuschauerInnen erreicht zu haben, allerdings nur eine geringfügige von 53,7 (2005) auf 53 Jahre – eine Entwicklung, die auf den Ausbau von SF 2 zurückzuführen ist.
SF steht aber auch finanziell gut da. Im vergangenen Jahr schloss die SRG-Unternehmenseinheit mit einem kleinen Gewinn von rund 1,5 Millionen Franken ab. SF kann inzwischen Gewinnreserven von 37,6 Millionen Franken ausweisen. Nichtsdestotrotz hat die SRG Leutschenbach einen Sparauftrag erteilt. SF soll im Jahr 2007 über 3 Millionen einsparen, bis und mit 2009 insgesamt 10,6 Millionen jährlich. An diese Vorgaben will man sich bei SF auch halten, obwohl man für das vergangene Jahr zusätzliche 21 Stellen ausweist.
Den Sparauftrag setze man um, so Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre in einem Mail auf die Nachfrage von KLARTEXT, indem SF die Programminvestitionen „auf die Pre-, Prime- und Postprime-Time“ fokussiere. Sie meint den Vorabend ab 16.30 Uhr, den Abend bis 22.30 und den Spätabend bis ein Uhr nachts. SF konzentriert seine Mittel also auf jene Tageszeiten, in denen sich die Werbezeit am besten verkaufen lässt. Hinten anstehen müssen daher Tages- und Nachtprogramme.
Vor Jahren hat SF bereits sein Produktionszentrum tpc ausgelagert – und damit auch das Sparen. Man wolle nun, so Ingrid Deltenre, „die Synergien zwischen tpc und SF optimal ausschöpfen und eine möglichst hohe Produktionsflexibilität anstreben, indem wir die Zusammenarbeit mit externen Produzenten stärken“. Flexibilisierung bedeutet also auch hier den Abbau arbeitsrechtlicher Sicherheiten. Ernst Gräub, Regionalsekretär Fernsehen des Schweizer Syndikats Medienschaffender SSM, erklärt denn auch: Da das tpc „eine nur auf dem Papier selbständige Firma“ sei, habe SF hervorragende Möglichkeiten, das tpc unter Druck zu setzen, sei es, indem man Aufträge anderswo vergebe, sei es, dass man das tpc antreibe, die Kosten noch weiter zu senken. In einem Interview im „SSM-Express“ bestätigt Alexander Krombholz, Geschäftsleiter tpc, dass die „Preise für Exklusiv-Leistungen angepasst“ – lies: gesenkt – worden seien. Seit fünf Jahren baut das tpc bereits Stellen ab, zumeist ohne Kündigungen. Und die Stellenzahl wird laut Krombholz „noch etwas sinken“, denn: „Der Stand an fest angestelltem Personal muss sich orientieren am tiefsten Stand der Auslastung.“ Bei hoher Auslastung sollen Freischaffende einspringen: „Wir versuchen, die Spitzen im Personal flexibel mit freien Mitarbeitenden und Teil-Pensen aufzufüllen“, erklärt Krombholz.
Auch langjährige tpc-MitarbeiterInnen sind nicht vor Lohnabbau sicher. Mitte März wollte das tpc fünf langjährigen Mitarbeitenden, die dem Gesamtarbeitsvertrag unterstehen, nach Funktionswechseln Änderungskündigungen mit Lohnreduktion aufzwingen. Nach einer SSM-Intervention wiegelte das tpc ab, es handle sich „um die voraussichtlich letzten Mitarbeitenden“, die von Änderungskündigungen betroffen seien. Bei der Gewerkschaft sieht man hingegen Anzeichen, dass diese Lohnreduktionen „ein Testlauf“ seien. Wie dem auch sei, das tpc soll SF das Sparen erleichtern.

Zusätzliche Online-Angebote
Die Absichtserklärungen zur publizistischen Ausrichtung aus dem Leutschenbach sind keine Überraschung. Neben der Verbesserung der publizistischen Qualität will SF den Marktanteil halten und das Publikum verjüngen. Eines der Mittel dazu: ergänzende Angebote auf allen relevanten Kanälen. Das bedeutet unter anderem, dass SF seine News- und Sportinhalte auch im Internet anbieten und dort die Interaktivität fördern will. Allerdings hat das von den Verlegern geforderte und durch die neue Verordnung festgeschriebene Werbe- und Sponsoringverbot auf den Online-Angeboten die SF-Entwicklungsmöglichkeiten beschnitten. Aber bei SF reagiert man offensiv: SF schaffe, so Deltenre an der Jahresmedienkonferenz, „zusätzliche On-demand-Angebote“, baue die Foren aus und beabsichtige die Archive dem Publikum zu öffnen.
Wohin will sich SF technisch und inhaltlich entwickeln? Ingrid Deltenre erklärt: „Wir gehen von drei verschiedenen Trends aus: TV wird zum Kinoerlebnis. TV wird mobil und TV on demand.“ Deshalb treibe man die Entwicklung der HD-Technologie sowohl bei SF und beim tpc voran und deshalb experimentiere SF mit neuen Angeboten wie „Tagesschau in 100 Sekunden“.

Deltenres Sechs-Punkte-Programm
Bei der programmlichen Entwicklung will sich SF auf „die grössten Publikumslieblinge“ konzentrieren, nämlich News- und Informationsmagazine sowie die Sport- und Unterhaltungssendungen. An der Jahresmedienkonferenz verwies Deltenre auf ein „Sechs-Punkte-Programm“: Die Stossrichtung der Erneuerung des publizistischen Angebotes solle erstens „mehr Qualität und Tiefgang“ haben. Dabei verwies sie auf das neue Wissensmagazin „Einstein“ und das geplante Wirtschaftsmagazin. „Einstein“ fiel allerdings bei seiner Erstausstrahlung gerade wegen mangelnden Tiefgangs bei Publikum und Kritik durch. Zweitens will die Fernsehdirektorin eine „höhere Aktualität in der Kultur“, das heisst, mehr Aktualitätsbezug bei „Sternstunden“ und „Klanghotel“. Drittens will sie eine „stärkere Zuschauerbindung durch Unterhaltung“, dies, nachdem sie sich an der Jahresmedienkonferenz beklagt hatte: „Warum ernten die erfolgreichsten Formate so viel Kritik?“ Die vernichtendsten Kritiken erhielten im vergangenen Jahr allerdings wegen mangelndem Zuschauerinteresse wieder abgesetze Sendungen wie „Ein roter Teppich für …“ oder „Black ‘n’ Blond“. Viertens will Deltenre „mehr Kreativität und Emotionalität im Sport“, nach dem Motto, Sport sei schon immer „ein Innovationstreiber in den Medien“ gewesen. Ob das allerdings die Glaubwürdigkeit fördert, ist fraglich: Die kürzlich abgeschlossenen Verträge für die Fussball-EM 2008 ritzen an der publizistischen Unabhängigkeit durch die Verpflichtung zu vorbereitenden PR-Sendungen für die UEFA. Fünftens will Deltenre ein „besseres Angebot für Kinder und Jugendliche“: Mittelfristig strebe SF „einen eigenen Sender für Kinder an, in Zusammenarbeit mit dem Kinderkanal KIKA von ARD/ZDF“. Vorerst bringt SF aber vermehrt eingekaufte Massenware. Und als sechsten Punkt nennt Deltenre „stärkere Interaktivität und Integration“ mit den bereits erwähnten Internet-Aktivitäten.
Ingesamt, so scheint es, schielt SF bei strukturellen Programmentscheidungen immer noch mehr nach den Werbeeinnahmen als nach der Erfüllung des Service public. Dabei sollte es ja für entsprechende Investitionen bei all den Sparanstrengungen und Reserven Mittel zur Verfügung haben.

Mitarbeit: Barbara Heuberger

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