11. Juli 2007 von Esther Hürlimann

Ein schlechter Lehrer der Nation

Die SRG erfüllt ihren Bildungsauftrag nur begrenzt, lautet das Fazit von drei kürzlich publizierten Studien im Auftrag des Bakom. Vor allem das Kinderprogramm von SF bietet kaum mehr qualitativ anspruchsvolle und bildungsorientierte Sendungen.

Wer seine ersten Erinnerungen vor dem Bildschirm mit dem „Spielhaus“, „Franz und René“ oder „Zeichnen mit Scapa“ verknüpft, der reibt sich beim Betrachten des heutigen Kinderprogramms von SF die Augen: Günstig eingekaufte Zeichentrickfilme dominieren das Geschehen. Eigenproduktionen, die an den schweizerischen Kinderalltag anknüpfen und zur kulturellen Orientierung beitragen, sind fast vollständig aus dem Programm verschwunden. Die Zeiten, als sich das Schweizer Fernsehen noch als Pionier vor allem für die Zielgruppe der Kinder im Vorschulalter verstand, sind vorbei.
Das Kinderprogramm, von jeher ein wichtiger Bestandteil im Gesamtangebot des Schweizer Fernsehens, hat in den letzten 25 Jahren einen starken Bedeutungsschwund erlitten. Damit verbunden ist auch dessen Bildungslevel gesunken. Zu diesem Schluss kommt das Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ), das sich im Rahmen eines Bakom-Forschungsauftrages über den Bildungsauftrag der SRG im Besonderen des Kinderprogramms angenommen hat.1

Kinder bevorzugen Unterhaltung
In konkreten Zahlen bedeutet das: Das Angebot bleibt im untersuchten Zeitraum von 1980 bis 2005 zwar relativ stabil, was die Anzahl der Kinderprogramme und die zeitliche Dauer betrifft. Der Anteil am Gesamtprogramm geht jedoch beträchtlich zurück: von rund 8 Prozent in den 1970er-Jahren auf nur noch 3,5 Prozent im Jahr 2005. Im Vergleich dazu liegt der Anteil des Kinderprogramms bei ARD und ZDF mit je zwischen 6 und 7 Prozent in aktueller Zeit deutlich höher.
Wie aber konnte das geschehen? Die IPMZ-Studie weist nach: Als Mitte der 1980er-Jahre die Privatsender aufkommen, richten sich diese auch an die Kinder als kommerziell attraktive Werbeträger und Zielgruppe. Mit billig eingekauften Games, Shows, Quiz- und Unterhaltungssendungen haben sie bei den Kindern sogleich Erfolg. Diese wechseln scharenweise zu den neuen Sendern. Die Einschaltquoten der öffentlich-rechtlichen Sender sinken markant, der Anpassungsdruck wächst. Das Schweizer Fernsehen reagiert auf das Verhalten seiner jüngsten ZuschauerInnen, die immer mehr Unterhaltung möchten und die teuren Eigenproduktionen mit edukativem Inhalt verschmähen. Marktforschung und Einschaltquoten beginnen zunehmend das Programm von SF zu beeinflussen.

Sinkender Status des Kinderprogramms
Aber nicht nur vom Angebot her verändert sich beim Schweizer Fernsehen das Kinderprogramm seit Mitte der 1980er-Jahre. Auch die Sendeplätze werden in der IPMZ-Studie zunehmend als ungünstig und unstabil bewertet. Bei der Einbettung der Kindersendungen in das Programm ist keine Strategie spürbar, lautet eine Kritik. Die Zielgruppe würde zudem zu weit gefasst. Und besonders folgenschwer: Auch die Organisationsstrukturen passen sich der neuen Situation an. Während das Kinderprogramm bis Mitte der 1980er-Jahre eine wichtige Programmsparte ist, kommt es von da an zu einer kontinuierlichen „Schwächung des Status“. 1993 wird die Abteilung „Familie und Bildung“ aufgelöst, das Wegfallen des pädagogischen Niveaus wird damit auch strukturell vollzogen. Zwar steigen mit dem Aufschalten des zweiten Kanals 1997 die Anzahl der Kindersendungen wieder, „allerdings mit geringerem pädagogischem Niveau“. Den Hauptteil des Programms bilden von nun an eingekaufte Trickfilme, bis 2005 vor allem aus den USA, seither zunehmend auch aus Asien. Als logische Konsequenz kommt das Kinderprogramm 2004 zur Abteilung „Unterhaltung“.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch im Selbstverständnis der ProgrammmacherInnen von heute, die sich im Rahmen der IPMZ-Studie dazu äussern konnten. Der Stellenwert der Kinderfernsehredaktion im Unternehmen SF wird von ihnen als gering eingestuft. Auch bekennen sich die heutigen RedaktorInnen zu ihrem Unterhaltungsauftrag: „Wir wollen ein qualitativ anspruchvolles Kinderprogramm machen. Aber wir haben nicht unbedingt einen pädagogischen Anspruch.“ Von der einstigen Devise der kreativen Aktivierung und des sozialen Lernens ist nichts mehr vorhanden. Aus den Reaktionen der MacherInnen von heute lässt sich allerdings auch schliessen, dass es in der dynamischen Medien- und Lebenswelt von heute schwieriger ist, bei den Kindern überhaupt Resonanz zu erzeugen. Die Angebote müssen zudem in einen multimedialen Kontext gestellt werden.

Etikett „Bildung“ schreckt ab
Aber nicht nur beim Kinderprogramm setzt SF zunehmend auf Unterhaltung und weniger auf Bildung. So kommt die Studie des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft (IAM) der Zürcher Hochschule Winterthur, die das Gesamtprogramm von SF auf seine Bildungsangebote hin untersuchte, zu einem ähnlichen Schluss.2 Sie stellt einen Rückgang des Bildungsangebotes fest, das bis in die 1990er-Jahre durch eher formal bildende Sendegefässe mit kursartigem Charakter (Schulfernsehen, Telekurse) geprägt war. Der Anteil von Bildungssendungen am Programm (SF 1 und 2) beträgt 2005 etwa 11 Prozent. 1975 war der Anteil noch 30 Prozent!
Das Label „Bildung“ hat an Attraktivität verloren und scheint als Sendungstitel sogar abschreckend. Das führte dazu, dass sich die meisten Sender von Formaten mit der Etikette „Bildung“ verabschiedet haben. „Die Leute denken an Nachsitzen und Nachhilfestunden“, sagt SF-Chefredaktor Ueli Haldimann im Rahmen der IAM-Studie. Neu wird auf den Ausdruck „Wissen“ gesetzt. Auch verteilt sich heute das Bildungsangebot auf verschiedene Magazine. Bildungsinteressierte finden – sofern sie wollen – praktisch zu jeder Stunde eine „Bildungssendung“.

Kinder haben ein Recht auf Qualität
Und wie lauten die Postulate der ExpertInnen? Sie wünschen sich eine grössere Programmvielfalt, ein altersspezifischeres Angebot, mehr Eigenproduktionen und damit verbunden mehr Inhalte in Mundart mit Lokalbezug. Kinder haben neben Massenunterhaltung ein Recht auf qualitativ anspruchsvolle und auch bildungsorientierte Sendungen im Kinderprogramm. Dieses sollte daher auch ein Angebot an informierenden, orientierenden und bildenden Sendungen sein. Radio und Fernsehen sind im Unterschied zur Schule Unterhaltungsmedien, deshalb muss das Kinderprogramm auch Spass machen und Spass am Lernen vermitteln. Ein Trend hin zu einem Programm mit mehr edukativen Inhalten zeichnet sich bei Sendern im Ausland bereits ab, wo Informationssendungen beispielsweise zum Thema Gesundheit und Ernährung kindergerecht ausgestrahlt werden.

1 „Öffentlicher Rundfunk und Bildung, Angebot, Nutzung und Funktionen von Kinderprogrammen“. Heinz Bonfadelli, Ursula Schwarb, Sara Signer, Edzard Schade. Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich und Pädagogische Hochschule Zürich. Februar 2007.
2 „Vom Schulfernsehen zum Bildungsfernsehen: Zur Emanzipation eines Genres“. Michael Naef, Claudia Naegeli, Michael Schanne. Institut für Angewandte Medienwissenschaft IAM der Zürcher Hochschule Winterthur. Oktober 2006.

„Keine Quoten im Bildungsbereich“

eh./ Das Bakom subventioniert jährlich Forschungsprojekte. 2005 erfolgte eine Ausschreibung zum Schwerpunktthema „Die Erfüllung des Bildungsauftrags durch Radio und Fernsehen in der Schweiz“. Die drei Medieninstitute IPMZ (Uni Zürich), IAM (Hochschule Winterthur) und Prognos (Basel) bekamen die Zusage und einen Betrag von insgesamt 340’000 Franken zugesprochen. Jost Aregger ist beim Bakom für die Forschung zuständig.

Klartext: Aus welchem aktuellen Anlass entschied sich das Bakom, den Bildungsauftrag der SRG wissenschaftlich untersuchen zu lassen?
Jost Aregger: Es ist unsere Aufgabe, Aspekte zu thematisieren, die für unsere Regulierungstätigkeit wichtig sind. Als es in den letzten Jahren wieder zu parlamentarischen Vorstössen zum Bildungsauftrag der SRG kam und der politische Druck in dieser Frage zunahm, realisierten wir, dass es dazu keine wissenschaftlichen Studien gibt.
Klartext: Was machen Sie nun mit den Resultaten der Studie?
Aregger: Das Bakom kann in das Programm nicht eingreifen. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir können nicht vorschreiben, wie viele Bildungssendungen SF zu machen hat. Wenn wir nun aber mit der SRG eine neue Konzession basierend auf dem neuen Radio- und Fernsehgesetz RTVG aushandeln, dienen uns diese Studien als Arbeitsgrundlage. Es ist ein Verhandlungsinstrument, wenn es darum geht, die Bildungsaufgabe der Medien zu thematisieren. Wissenschaftliche Forschung ist für unsere tägliche Arbeit wichtig.
Klartext: Inwieweit kann das Bakom eingreifen, wenn die SRG Ihren Verfassungsauftrag – wie beispielsweise den Bildungsauftrag – nicht erfüllt?
Aregger: Das Bakom kann keine Programmvorschriften im engeren Sinn machen. Es ist bei Verletzungen der Werbevorschriften zuständig und kann da eingreifen, wo Gesetz, Verordnung oder Konzession konkrete Leistungen vorschreiben; etwa bei der Pflicht, einen Teil der Sendungen behindertengerecht aufzubereiten oder Herkunftsquoten bei den ausgestrahlten Filmen einzuhalten. Im Bildungsbereich sind keine solchen Quoten vorgeschrieben. Dementsprechend haben wir hier keine konkrete Handhabe. Falls der Bildungsauftrag nicht erfüllt würde, könnten zunächst Programmbeschwerden eingereicht werden. Dafür ist die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) zuständig, nicht das Bakom. Falls die Konzession in schwerer Weise verletzt würde, könnte sich der Bundesrat als Konzessionsbehörde einschalten und bei unserem Departement – dem UVEK – die Einschränkung oder Suspendierung der Konzession beantragen.

Die Bildung der Zukunft ist online

eh./ Die Diskussion um den Bildungsauftrag der SRG dreht sich vor allem um die Frage, ob sich das Fernsehen tatsächlich noch als Medium eignet, um Bildungsinhalte im engeren Sinne zu vermitteln, da multimediale, onlinebasierte, massentaugliche Bildungsangebote ausserhalb des Fernsehens existieren. „Ein stures Festhalten an einem Bildungsauftrag des Fernsehens ohne sinnvolle Ergänzung im Online-Bereich erscheint eher kontraproduktiv“, kommt die auf die Zukunft ausgerichtete Prognos-Studie3 zum Schluss. Trotzdem sei es ein problematischer Umstand, dass die SRG SSR idée suisse den Begriff Bildung einfach aus ihren Strategiepapieren habe verschwinden lassen. Letztes Jahr hat jedoch – im Hinblick auf die erhoffte Gebührenerhöhung – ein Gegenprozess eingesetzt. Im Jahr 2006 initiierte die SRG einen Prozess, der die Entwicklung einer zeitgemässen Strategie zur Umsetzung des Bildungsauftrages zum Ziel hat. Die Kernpunkte: die Förderung des Bereichs E-Learning / Elektronische Bildung und eine internetbasierte Bildungsplattform (SF Wissen), die von SF mitgetragen wird. Beide Komponenten setzen eindeutig auf das Internet als primäre Plattform.

3 „Der Bildungsauftrag der SRG SSR idée suisse in der Schweizer Bildungslandschaft 2015“. Prognos. Basel, September 2006.

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr