11. Juli 2007 von Helen Brügger

Aufrührerischer Geist

Wiederauferstehung ist angesagt: Das traditionsreiche „Journal de Genève“ soll ab Ostern als Wochenzeitung wieder erscheinen.

Noch heute trauern die linksliberale Genfer Bourgeoisie und die kritischen, dem neoliberalen Mainstream abholden Westschweizer Intellektuellen um das „Journal de Genève“, das vor zehn Jahren in der Fusion zwischen dem Genfer Blatt und dem Lausanner „Nouveau Quotidien“ aufgegangen ist. Nicht aus ökonomischen, sondern aus politischen Gründen sei das Genfer Traditionsblatt eingestellt worden, hiess es damals. Nun soll die Zeitung wieder aufleben. Hinter dem Projekt stehen der ehemalige Rechtsprofessor Pierre Engel und der „Liberté“-Redaktor Christian Campiche.
Das „Journal de Genève“ – es stand für 200 Jahre Genfer Geschichte – war in seinen letzten Jahren immer kritischer geworden. Zu kritisch für die Liberale Partei und die Privatbanken, die in seinem Verwaltungsrat das Sagen hatten. Sie liessen die Zeitung fallen, servierten sie dem Lausanner Verlagshaus Edipresse auf einem Silbertablett, wie kritische Stimmen anmerkten. Aus der Fusion mit dem Edipresse-Produkt „Nouveau Quotidien“ entstand die Zeitung „Le Temps“.

Titel juristisch zurückerobert
Doch die Einstellung des „Journal“ bedeutete für viele einen unersetzbaren Verlust. Während Jahren prozessierte der streitbare Genfer Rechtsprofessor Pierre Engel gegen die Liquidatoren des „Journals“. Im September 2006 gelang es ihm, den Titel und seinen Eintrag im Handelsregister zu übernehmen, im November schaffte er es, dem ehemaligen Direktor des „Journal“, der heute im Verwaltungsrat von „Le Temps“ sitzt, die Berechtigung als Liquidator absprechen zu lassen (vgl. Klartext 6/06). Und nun haben Engel und die 650 Mitglieder des Vereins der „Freunde des Journal de Genève und Gazette de Lausanne“ einen Ehemaligen des „Journal“, Christian Campiche, mit der Erarbeitung eines Konzepts für ein Wiederaufleben der Zeitung beauftragt.
Noch hüllen sich die Projektmacher in Schweigen, was den Inhalt des ab Ostern wöchentlich erscheinenden Blattes betrifft. Eins ist sicher: Christian Campiche, Wirtschaftsredaktor bei der Zeitung „La Liberté“ und einer der Gründer der Journalistengruppe „Info en danger“, bereitet ein Projekt vor, das kritischer, unabhängiger und aufrührerischer zu werden verspricht als das „Journal de Genève“ zu seinen besten Zeiten war. Denn die Genfer Kreise, die das „Journal“ fallen liessen, werden nicht mehr dreinreden können.
Das wirtschaftliche Konzept stammt vom ehemaligen Marketing-Verantwortlichen des „Journal“, Dominique Flaux, und besticht durch seine leichten Strukturen: Zunächst soll es sich um einen wöchentlichen „Brief“ mit einer Verlängerung auf Internet handeln, ohne Werbung, ohne Kiosk-Vertrieb und mit einer einzigen vollen Stelle, die sich Christian Campiche und ein weiterer, noch nicht ernannter Mitarbeiter teilen werden. Dieser „Lettre des Amis du Journal de Genève et Gazette de Lausanne“, wie das Projekt vorläufig offiziell heisst, soll zu Beginn zwischen vier und acht Seiten wöchentlich zählen, in einer Auflage von ein paar tausend Exemplaren gedruckt und vom Verein bezahlt werden.

Geplant ist ein weltoffenes Wochenblatt
„Wir setzen auf den Internet-Auftritt und unsere Freundinnen und Freunde, um das Projekt in breiteren Kreisen bekannt zu machen“, sagt Campiche. „Journalistische Rigorosität, Nonkonformismus und Humor“ sollen sein Blatt auszeichnen. Er sieht eine Zusammenarbeit mit externen JournalistInnen und Intellektuellen vor, von denen viele heute kein Forum mehr haben. Als unabhängige, weltoffene Wochenzeitung für ein Lausanner und Genfer Publikum hofft der „Brief“ eine Marktlücke zu finden. Denn die Inhalte des Ringier-Newsmagazins „L’Hebdo“ sind immer häufiger Mainstream und ersticken immer mehr in Werbung, und das SP-nahe „Domaine public“ musste soeben sein wöchentliches Erscheinen einstellen und ist nur noch auf dem Web zu finden.

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11. Juli 2007 von Helen Brügger

Symbiose von Web und Print

Anfangs März startet Edipresse mit dem Projekt „Les Régionaux online“. Von Helen Brügger.
Eine 22-köpfige Redaktion unter David Moginier kümmert sich um die neuen Internet-Auftritte der beiden Edipresse-Regionalzeitungen „Tribune de Genève“ und „24 heures“. Nun sind auch die Online-Inhalte bekannt geworden: Die originellste Idee ist eine von Journalistinnen gestaltete Rubrik mit Frauenthemen respektive Aktualitäten aus frauenspezifischer Sicht, genannt „Les Quotidiennes“. Ansonsten unterscheiden sich die „Régionaux online“ wenig von anderen Webseiten grosser Tageszeitungen: Kontinuierlich aktualisierte Tagesnews, ein englischsprachiges Fenster, Infos zu Freizeit und Kultur sowie eine Plattform mit Blogs von aussenstehenden ExpertInnen zu Politik, Wirtschaft und Kultur. AbonnentInnen können jeden Nachmittag einen aktualisierten Newsletter per E-Mail, Handy-Fans die neusten Infos per SMS erhalten.
Der Start der „Régionaux online“ bedeutet auch eine Umgestaltung und einen grafischen Relaunch der beiden Tageszeitungen: Auf dem Web sind die News zu finden, in den Zeitungen die vertiefenden Artikel, Analysen und Kommentare. An der Erstellung der Online-News beteiligen sich auch die Printredaktionen, und umgekehrt finden Inhalte aus den „Quotidiennes“ oder den Blogs ihren Weg in die Meinungs- und Kommentar-Rubriken des Print.
Im Moment finanzieren die Zeitungen die Internet-Publikation; die umstrittenen Sparprogramme der letzten Monate – so vor allem die Zusammenlegung der redaktionellen Kräfte in den überregionalen Rubriken – machten die dazu notwendigen Mittel frei. Chefredaktor David Moginier rechnet damit, dass die Online-Redaktion dank Werbung und Sponsoring bereits in wenigen Jahren kostendeckend oder gar gewinnbringend sein werde.
Moginier unterstreicht jedoch, dass alle Mitglieder der Online-Redaktion BR-JournalistInnen seien, die den gleichen strengen Richtlinien zur Trennung zwischen Werbung und redaktionellen Inhalten verpflichtet seien wie ihre KollegInnen im Print. Die Redaktion der „Régionaux online“ ist auch an der Weiterentwicklung der Radio- und Fernsehprojekte von Edipresse beteiligt.

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