11. Juli 2007 von Hans Stutz

Megafonjournalismus

Schweizer Medien begnügen sich häufig damit, die Unterlagen zusammenzufassen, die ihnen an Medienkonferenzen abgegeben werden. Ein Zustand, der dem Selbstbild der Medienschaffenden widerspricht und geändert gehört.

Bereits vor über zwanzig Jahren hat René Grossenbacher, Lehrbeauftragter an der Universität Zürich und Mehrheitsaktionär des Medienforschungs- und -beratungsinstituts Publicom, den JournalistInnen genauer in die Texte geschaut und festgestellt: „Was als journalistische Leistung in den Medien erscheint, ist meistens kaum mehr als das, was PR-Schaffende vorgefertigt haben.“ Grossenbacher stellte damals den tagesaktuellen Medien folgende Diagnose: „Themen- und Aktualitätsdiktat durch PR, geringe Kommentierungsleistung der Medien, Übernahme von Interpretationsmustern bei gleichzeitiger Neutralisierung der positiven Wertungen.“

Vernachlässigbare Informationsleistung
So war es 1986 und so ist es noch heute. Ja, die Situation habe sich vielleicht sogar noch zugespitzt, meint Grossenbacher in seiner unlängst veröffentlichten neuen Untersuchung „Öffentlichkeitsarbeit in regionalen Medien“: „Korrekte Quellenangaben finden sich heute noch wesentlich seltener als vor 20 Jahren.“ Es scheine sogar die Tendenz zu bestehen, „den Entstehungszusammenhang der Berichterstattung (…) bewusst zu verschleiern“, indem die Medien nämlich nicht klar machten, dass die Informationen ganz einfach von einer Medienkonferenz stammten. Rund ein Viertel der von Grossenbacher untersuchten veröffentlichten Beiträge verzichteten sogar auf genaue Quellenangaben.
Grossenbacher beobachtete während zweier Monate die Medienkonferenzen der St. Galler und der Zürcher Kantonsregierungen und untersuchte anschliessend die Berichterstattung in den lokalen Medien, genauer: in den lokal empfangbaren Radios und Fernsehen und den Online-Redaktionen.* Die beiden Tageszeitungen „Tages-Anzeiger“ und „St. Galler Tagblatt“ wurden nur als „Referenzmedien“ beigezogen.
Die Medienwirklichkeit sieht gemäss Grossenbacher folgendermassen aus: „Den Anspruch, das politische Geschehen kommentierend zu begleiten, lösen die elektronischen Medien (inklusive Online) zumindest im Bereich der kantonalen Belange sicher nicht ein.“ Und weiter: Medienkonferenzen seien „ein Ritual, dessen Nutzen für die Informationsleistung der Medien vernachlässigbar ist“. Dies, weil die Medienschaffenden zwar nachfragten, es aber beim Abschreiben der erhaltenen Unterlagen bewenden liessen. Die inhaltliche Leistung der lokalen Radio- und Fernsehstationen bestehe „primär darin, Öffentlichkeit für die Anliegen der beiden Kantonsregierungen herzustellen“.

Diskrepanz von Selbstbild und Realität
Was für Schlüsse lassen sich aus Grossenbachers Untersuchungsergebnisse ziehen? Als erstes drängt sich die Annahme auf, dass die Medienschaffenden auch bei Medienkonferenzen von Unternehmen und Parteien ähnlich handeln, wie bei jenen der Kantonsregierungen. Und: Die Gatekeeper-Funktion der Medien besteht hauptsächlich in der Auswahl jener Medienkonferenzen, die einer Berichterstattung für würdig befunden werden.
Grossenbachers Befund lässt sich in eine einfache Formel fassen: Medienschaffende sind Megafone; sie verstärken die Meldungen jener Person oder Institution, die sich hinter das Mikrofon stellen darf. Mit dem schönen Selbstbild der Medienschaffenden (neugierig, kritisch, unabhängig) hat eine solche Feststellung nur wenig zu tun. Sie entspricht auch nicht dem Berufsbild, das in den vielen Ausbildungsstätten für Medienschaffende, die in den letzten Jahren entstanden, vermittelt wird.
Man kann einwenden, dass Medienschaffende eine Chronistenpflicht haben. Aber das heisst noch nicht, dass sie die verteilten Unterlagen gleich abschreiben müssen. Man kann auch einwenden, es sei nicht automatisch schlecht, wenn Medienberichte aus PR-Quellen stammen, vor allem dann nicht, wenn fähige PR-LohnschreiberInnen professionell verfasste Texte zur Verfügung stellen. Nur: Selbst gute PR-Produkte schildern und werten Sachverhalte im Interesse ihrer AuftraggeberInnen. Unabhängige und kritische Medienschaffende haben folglich die Pflicht, entweder weitere Recherchen zu tätigen oder andere Stellungnahmen einzuholen.

Journalisten schaffen sich selbst ab
Was kann man gegen den von Grossenbacher festgestellten Missstand unternehmen? Zuerst einmal sollten all jene Verleger und ChefredaktorInnen, die immer wieder die Qualität des Schweizer Mediensystems in höchsten Tönen loben, in ihren eigenen Häusern auf die Einhaltung eben dieser Qualität achten. Naheliegend ist dabei die Forderung nach mehr Stellen in Redaktionen. Damit es nicht bei allgemeinen Absichtserklärungen bleibt, müssen die Redaktionen selbst Richtlinien entwickeln und insbesondere umsetzen, dass Informationen von Medienkonferenzen inhaltlich überprüft und durch weitere Einschätzungen ergänzt werden. Wenn – zumindest bei den bezahlten Medien – die Diskrepanz zwischen dem Anspruch nach kritischer, unabhängiger und kommentierender Berichterstattung und der Realität als Megafon für Regierungen, Unternehmen und Einflussreiche zu gross wird, dann können die LeserInnen ja gleich selber im Internet die Medienmitteilungen nachlesen.

René Grossenbacher. „Öffentlichkeitsarbeit in regionalen Medien. Eine Untersuchung der Publicom mit Unterstützung des Bakom.“ Zu bestellen über www.publicom.ch. Die Studie kostet 120 Franken.

11. Juli 2007 von Bettina Büsser

Der Letzte macht das Licht aus

Die MediendokumentalistInnen waren einst hoch qualifizierte Fachleute, dann hat die Digitalisierung ihre Arbeitswelt verändert und die Nachfrage nach ihren Recherchekenntnissen schwinden lassen.

Sie waren die HüterInnen des Wissens: Aus Unmengen von Mappen oder Couverts holten sie mit einigen wenigen Griffen diejenigen heraus, welche Zeitungsausschnitte zu den gesuchten Themen enthielten. Oft dachten sie dann kurz nach, holten eine weitere Mappe und präsentierten einen weiteren Text, der zwar nicht vom Schlagwort, aber sehr wohl vom Inhalt her für die Recherche wichtig schien. Sie kannten offenbar, so schien es der staunenden Beobachterin, jeden Artikel in einem riesigen Archiv. Sie suchten in Nachschlagewerken oder gar in „Datenbanken“, einem Instrument, das sonst von irgendwelchen InformatikerInnen verwendet wurde, ganz sicher nicht von normalen JournalistInnen.
So wirkten die MediendokumentalistInnen in den achtziger Jahren. Doch die Zeiten haben sich massiv verändert. Die Digitalisierung und die Schweizerische Mediendatenbank, 1996 von Tamedia, Ringier und SF gemeinsam aufgezogen, erlauben heute allen JournalistInnen eine Volltextsuche in digitalisierten Presseprodukten – kundige Hilfe von Fachleuten, so scheint es, ist überflüssig geworden. „Der Letzte macht das Licht aus“, witzeln MediendokumentalistInnen über die Zukunft ihres Berufs. Und „Licht aus“ heisst es tatsächlich seit Anfang Jahr bei Tamedia: Bild- sowie Textdokumentation sind geschlossen, die insgesamt fünf Dokumentations-Stellen gestrichen, die sechs DokumentalistInnen entlassen.
Davon nicht mehr betroffen war der langjährige Tagi-Dokumentalist Otto Dudle, der den Aufbau der Tagi-Dok miterlebt und geprägt hat; er hat sich 2004 frühpensionieren lassen. Dudle, gelernter Bibliothekar, kam Ende der siebziger Jahre ins Haus „Tages-Anzeiger“: „Damals hiess die Dokumentation noch Redaktions-Archiv, weil nur der ‚Tages-Anzeiger‘ archiviert wurde. Alles sehr rudimentär, die Erschliessung der Produkte sehr zufällig.“ Schritt für Schritt wurden Strukturen geschaffen, die Erschliessung systematisiert, mehr Presseprodukte ausgewertet. Die Nachfrage der JournalistInnen wuchs. Anfang der achtziger Jahre war aus dem Tagi-Archiv die Tagi-Dokumentation geworden, „und eine Dokumentation ist eine Informationsvermittlungsstelle, die sehr aktiv auf die Bedürfnisse der Leute eingeht“, wie Dudle definiert. Mit der Lancierung der „SonntagsZeitung“ durch Tamedia stieg die Nachfrage weiter, die Doku führte die Sieben-Tage-Woche ein und wurde personell aufgestockt. Bild- und Textdokumentation wurden getrennt, und weil die Anzahl der archivierten Texte und Bilder wuchs und wuchs, wurde die Erschliessungs-Systematik verfeinert: Sonst, so Dudle, wären die Dossiers zu gross und unübersichtlich geworden. Die Systematik wurde übrigens von den Dok-Angestellten unter Dudle selbst entwickelt – wie bei anderen Mediendokumentationen, etwa Ringier, ebenfalls.

„Viele Mitarbeitende
in den Mediendokumentationen sind heute um die sechzig. Manche von ihnen mögen sich nicht mehr auf neue Technologien einlassen.“
Anonymer Dokumentalist

Es war eine Zeit des Ausbaus, der Entwicklung, es war die Zeit der Mediendok-GründerInnen-Generation, welche Vorstellungen und Konzepte bis zur Digitalisierung prägen sollten. „Es gab unter ihnen Universalgelehrte mit hohem Ethos“, sagt heute eine jüngere Dokumentalistin und nennt als Beispiele Otto Dudle und Romain Maillard, den früheren Leiter der Dokumentation des Schweizer Fernsehens. Einige Mitglieder dieser GründerInnen-Generation sind heute schon pensioniert, andere stehen noch im Arbeitsprozess. Das, so findet ein Dokumentalist, habe seine problematische Seite: „Weil alle Mediendokumentationen so um die Mitte der siebziger Jahre entstanden sind, sind viele Mitarbeitende heute um die sechzig. Manche von ihnen mögen sich nicht mehr auf neue Technologien einlassen.“ Dieser Umstand hat beim Fernsehen Entlassungen verhindert: „Wir können den Stellenabbau zurzeit durch Pensionierungen auffangen“, sagt Herbert Staub, Leiter Dokumentation BildTextTon SF. Dafür könne man aber keine neuen Leute einstellen, „es gibt eine Tendenz zur Überalterung“.
Beim Fernsehen hat man darauf mit der Schaffung von Lehrstellen reagiert – das bringt junge Leute in die Dok: Seit vier Jahren werden in der Mediendokumentation Informations- und Dokumentations-AssistentInnen ausgebildet. Kann Staub aufgrund der Zukunftsaussichten zu dieser Berufswahl raten? „Das Aufgabenfeld Information/Dokumentation wird sicher weiter bestehen, aber es wird sich verändern“, sagt Staub. „Wir sagen unseren Lehrlingen: Wir können euch ausbilden, euch aber nachher keine Stelle garantieren.“

„Wir sagen unseren Lehrlingen: Wir können euch ausbilden, euch aber nachher keine Stelle garantieren.“
Herbert Staub,
Leiter Dokumentation BildTextTon SF

Die Ausbildung I- und D-AssistentIn existiert seit 1998, ebenso das Studium der Informationswissenschaft an der HTW Chur; auch Ausbildungen wie I- und D-SpezialistIn oder Nachdiplomstudien sind in den letzten zehn Jahren entstanden. Deshalb haben nur wenige MediendokumentalistInnen solche Ausbildungen durchlaufen. In seiner Anfangszeit als Dokumentalist, so erzählt Otto Dudle, der später selbst an der Hochschule in Chur unterrichtet hat, sei eine dreiwöchige Ausbildung angeboten worden, „etwas anderes gab es nicht“. Er habe sich dann in den achtziger Jahren in Deutschland weitergebildet: „Ein Teil meiner Kolleginnen und Kollegen haben diese Kurse ebenfalls besucht. Ein paar Jahre lang hat das Fernsehen eine Art Kopie dieser deutschen Kurse durchgeführt. Doch die hauptsächliche Ausbildung lief am Arbeitsplatz, dort wurde das Know-how vermittelt.“ Dazu gehörte mit der Zeit der Umgang mit Datenbanken, die ab 1985 genutzt wurden; ab 1989 baute die Tagi-Dok ihre eigene Datenbank auf.
Nach wie vor waren aber das Papierarchiv, wie auch Nachschlagewerke und Bibliotheken zentrale Arbeitsmittel – und persönliche Kontakte: „Man hat relativ viele Leute gekannt, die einem bei der Informationsbeschaffung weiterhelfen konnten“, erzählt Dudle. Alle möglichen Instrumente wurden genutzt, schliesslich, so Dudle, lautete das Selbstverständnis der MediendokumentalistInnen: „Unsere Aufgabe ist es, die Informationen, die von den Journalisten gefragt sind, über welche Wege und Kanäle auch immer zu beschaffen. Als Informationsspezialisten sind wir Partner der Journalisten, wir arbeiten am gleichen Produkt wie sie – und wir waren immer stolz darauf, einen Beitrag zum gemeinsamen Produkt, einem Artikel, zu leisten.“
Die Digitalisierung setzte dieser Partnerschaft ein Ende. 1993 beschlossen die drei Unternehmen Tamedia, Ringier und SRG den Aufbau einer gemeinsamen digitalen Datenbank, der Schweizerischen Mediendatenbank (SMD); sie nahm 1996 den Betrieb auf. Die angeschlossenen Medienunternehmen liefern seither ihre Produkte im Volltext an die SMD, dort werden sie technisch und inhaltlich bearbeitet und sind wiederum von den JournalistInnen der angeschlossenen Unternehmen und externen KundInnen abrufbar – ohne Kontakt mit DokumentalistInnen. „Die Journalisten kamen nur noch zu uns, wenn sie irgendwo nicht weiter kamen oder technische Probleme hatten“, sagt Dudle. „Der Kontakt hat sich immer stärker reduziert.“ Damit hat sich auch der Status der DokumentalistInnen gewandelt: „Seit es die SMD gibt, haben wir an Wert verloren“, sagt eine Dokumentalistin kurz und bündig.
Trotz Volltext und Digitalisierung gab es in der SMD Aufgaben für DokumentalistInnen der SMD-Aktionäre Tamedia, Ringier und SRG: Sie erfassten die hereinkommenden Texte. Jeweils zwei MitarbeiterInnen von Ringier und SRG und einE MitarbeiterIn von Tamedia waren auf der SMD präsent: „Wir haben die Artikel ausgewählt, die wir inhaltlich für wertvoll gehalten haben und bei denen wir davon ausgegangen sind, dass sie später wieder gefragt sind“, erklärt Dudle. „Diese Auswahl von Artikeln haben wir beschlagwortet, haben ihnen also aus einem vorgegebenen Raster Begriffe zugewiesen, mit Hilfe derer sie später gezielt gesucht werden konnten.“ So gab es bei der SMD zwei Recherche-Möglichkeiten: Bei der Volltext-Recherche wurde in allen vorhandenen Texten gesucht, bei der „Erschliessung“ hingegen wurden nur die von MediendokumentalistInnen ausgewählten relevanten Texten nach den „genormten“ Begriffen durchsucht.
Eine Aufgabe der DokumentalistInnen war es, die JournalistInnen im Umgang mit der Datenbank zu schulen. Doch, so stellt Herbert Staub, Leiter Dokumentation BildTextTon SF, fest: „Die Journalisten arbeiten fast alle mit der Volltextsuche, die SMD hat ihnen die ‚Erschliessung‘ nicht so benutzerfreundlich präsentieren können, dass sie genutzt wurde.“ Deshalb stelle sich die Frage, ob der Aufwand gerechtfertigt sei: „Bei der SMD gab es fünf Stellen für die Beschlagwortung – aber genutzt wurde diese Rechercheversion nur von Dokumentalisten, einer kleinen Minderheit der SMD-Kunden.“ Einer verschwindend kleinen Minderheit? „Der Prozess ist überall derselbe, ob Text-, Bild- oder Tondokumentationen: Die Digitalisierung macht einen Ausbau der Serviceleistungen der Dokumentationen möglich, zum Beispiel mit Datenbanken, in denen sich die Journalisten selber bedienen können. Die Folge: Es braucht weniger und anders qualifizierte Leute auf den Dokumentationen. Bei SF war das zuerst 1996 bei der Textdokumentation der Fall, dann bei der Bilddokumentation und schliesslich auf Anfang 2006 bei der Tondokumentation“, sagt Staub. Die drei Dokumentationen wurden zusammengelegt; sie umfassen laut Staub heute 14 Stellen – etwa ein Drittel weniger als vor zehn Jahren.
Weniger Stellen auch bei der Ringier-Textdokumentation: Laut Prisca Wolfensberger, Leiterin Medienstelle, arbeiten dort aktuell 10 Personen mit 820 Stellenprozent, in den letzten fünf Jahren wurden vier weggegangene Personen, insgesamt 380 Stellenprozent, nicht ersetzt.
Bei der „Basler Zeitung“, so berichtet Roger Berger, Leiter Information und Dokumentation, weht der Dokumentation ebenfalls „die steife Brise der Digitalisierung ins Gesicht“. Dort arbeiteten Anfang der neunziger Jahre sechs Personen auf der Doku, vier davon im Textbereich für die BaZ-Redaktion, heute sind es noch zwei Stellen, eine davon ist für die Redaktion zuständig.
Und bei der NZZ arbeiteten laut Ruth Haener, Leiterin Archiv und Dienste, im Jahr 2000 sechs Personen mit einem Stellenbudget von 580 Prozent im NZZ-Archiv, heute teilen sich drei Personen 270 Stellenprozent. Der Abbau habe nicht mit der SMD zu tun, sagt Haener, denn die NZZ sei keine Partnerfirma der SMD. Auslöser von Veränderungen sei der vereinfachte Zugang zu Informationen im Internet allgemein.
Die Jean Frey AG hat die Dokumentation schon 2003 ganz abgeschafft, Tamedia in diesem Jahr. „Elektronische Archive existieren bereits seit Jahren und werden journalistisch genutzt. Unsere Textdokumentation wurde von den Redaktionen entsprechend weniger genutzt, was zu mangelnder Auslastung führte. Die Bildokumentation ist ebenfalls geschlossen. Die Bildarchiv-Bestände werden gesichert, Bilder werden dezentral von den jeweiligen Fotografen verwaltet“, ist von Eta Pavlovic von der Tamedia-Unternehmenskommunikation dazu zu erfahren. Damit sind alle Artikel und Bilder des „Tages-Anzeigers“, die vor 1996 erschienen sind und nicht digitalisiert wurden, nicht mehr zugänglich.
Die fünf Dokumentations-Stellen, die in der SMD für die Beschlagwortung zuständig waren und von den drei Aktionären gestellt wurden, sind ebenfalls entfallen: Seit Anfang Jahr übernimmt dort eine neue Software die Beschlagwortungs-Aufgabe. Bei Ringier und SF wurden diese MitarbeiterInnen wieder in der internen Dok beschäftigt, ein Tamedia-Dok-Mitarbeiter wurde direkt bei der SMD angestellt. „Wir haben auf ersten Januar die Zahl der festangestellten Dokumentalisten von 100 auf 250 Stellenprozente erhöht“, sagt denn auch SMD-Geschäftsleiter Jürg Mumprecht, zudem sei das Team für „Flickarbeiten“ an den elektronisch angelieferten Dokumenten im Aufbau begriffen.
Diese „Flickarbeiten“ haben zur Frühpensionierung von Otto Dudle beigetragen: Unter anderem gehörte es zu den Aufgaben der SMD-DokumentalistInnen, die Texte zu „flicken“, wenn bei der Übermittlung Artikel zerstückelt, vermischt oder mit seltsamen Zeichen versehen worden waren. „Das war eine reine Fleissarbeit, sehr routinehaft, und in den letzten Jahren mussten wir sie immer häufiger machen“, sagt Dudle. „Ich fand, ich möchte doch lieber Dinge tun, die mich mehr erfüllen. Deshalb habe ich mich zwei Jahre früher pensionieren lassen. Die Arbeit hat mich hat nicht mehr in dem Masse befriedigt wie früher, ich sah, wohin die Entwicklung tendiert.“
Auch Jürg Mumprecht hat früh Tendenzen gesehen: „Die bereits 1992, vier Jahre vor Gründung der SMD, absehbaren Entwicklungen gingen immer in die Richtung, Dokumentationsverwendung von dokumentalistischem Fachwissen unabhängiger zu machen.“ Mit der automatisierten Beschlagwortung ist ein weiterer Schritt in Richtung „Ohne DokumentalistInnen“ erfolgt: Die SMD verwendet ein neues System, das mit den von DokumentalistInnen beschlagworteten Texten aus den letzten zwei Jahren „trainiert“ wurde: „Es prüft jetzt bei jedem neuen Dokument, ob es einem bereits vorhandenen Dokument ähnlich genug ist, um dessen Schlagwort zu erhalten“, so Mumprecht. Die automatische inhaltliche Beschlagwortung, so habe sich dabei gezeigt, sei „viel konsistenter“ als die manuell durch DokumentalistInnen durchgeführte. Allerdings, räumt Mumprecht ein, entspreche die automatische formale Beschlagwortung – Porträt? Interview? Lauftext? – durch das System nicht der manuellen: „Die Frage ist ja aber nicht, ob bisherige Gewohnheiten zu 100 Prozent nachmodelliert werden, sondern was die SMD tut, damit die Benutzer selbständig schnell zu vernünftigen Kosten die gesuchten Informationen finden.“

„Die bereits vor der Gründung der SMD absehbaren Entwicklungen gingen immer in die Richtung, Dokumentationsverwendung von dokumentalistischem Fachwissen unabhängiger zu machen.“
Jürg Mumprecht,
SMD-Geschäftsleiter

Mit dieser Entwicklung leben die DokumentalistInnen seit 1996 – und versuchen, ihre Arbeitsplätze dennoch zu erhalten. Bei Ringier hat die Text-Dokumentation laut Prisca Wolfensberger neue Dienstleistungen ins Angebot aufgenommen, etwa Korrektur-Aufgaben: „Die physische Archivierung, die Sicherstellung des technisch optimalen Textexportes in die SMD sowie Spezialaufträge wie etwa der Aufbau des Ringier-Firmenarchivs haben dazu geführt, dass die Auftragslage gut ist.“
Auch bei der „Basler Zeitung“ setzt man auf Spezialaufträge, schon seit Jahren: Da die Dokumentation schon immer an den Verlag und nicht an die Redaktion angegliedert gewesen sei, so Roger Berger, habe man schon früh Geschäftsfelder ausserhalb des Hauses aufgebaut: „Heute erledigen wir mehr Anfragen und Aufträge von Auswärtigen als für die Zeitung. So versuchen wir, die Kosten so tief wie möglich zu halten.“
Das NZZ-Archiv ist, so Ruth Haener, derzeit für die Neue Zürcher Zeitung AG und, kostenpflichtig, für externe KundInnen tätig. Aufgaben sind die Erstellung von Adhoc-Dossiers aus der internationalen Presse für die Redaktionen, Archivsystementwicklung und -schulung sowie Texterschliessung auf Auftrag. „Die klassische Bestandessicherung und -erhaltung macht weiterhin einen zwar kleinen, aber wichtigen Teil unserer Arbeit aus. Ausfälle kompensieren wir nicht tel quel, weil neue Geschäftsfelder neu profiliert werden müssen. Strategiediskussionen sind im Gang“, erklärt Haener.
Als „wahrscheinlich positivstes Beispiel im Bereich der Schweizer Mediendokumentationen“ sieht Herbert Staub von SF seine Abteilung. Die Arbeit der DokumentalistInnen habe sich „vom Erschliessen und Erfassen zur Recherche verlagert“ – und nach solchen qualitativ anspruchsvollen Recherchen bestehe eine Nachfrage: „Die Journalisten bei SF müssen heute auch im technischen Bereich extrem viel leisten, deshalb sind sie froh um unsere Unterstützung.“
Doch seit zehn Jahren müssen sich die SF-Dokumentationen selbst finanzieren; Staub handelt jedes Jahr mit den einzelnen Abteilungen Pauschalbeiträge für Dokumentationsleitstungen aus. Externe Aufträge kommen dazu. „Man muss heute die Dienstleistung Dokumentation nach aussen und nach innen verkaufen. Es braucht Leute, die Ideen haben, was man anbieten kann, und Leute, die diese Angebote verkaufen, sonst geht man unter“, sagt Staub. Im Moment ist er zuversichtlich: „Ich bin überzeugt, dass sich für Qualitätsmedien gerade bei knapper werdenden Redaktionsbudgets Recherchen von Dokumentationsprofis lohnen. Journalisten verlieren sehr oft sehr viel Zeit dabei. Es zahlt sich für alle Seiten aus, wenn alle das tun, was sie am besten können. Dokumentalistinnen und Dokumentalisten der Zukunft müssen aber offensiv und sehr flexibel sein.“

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