11. Juli 2007 von Helen Brügger

Der Störenfried

Jean Bonnard ist vielleicht schon bald nicht mehr Chefredaktor von „Le Nouvelliste“. Seine Gegner sind daran, ihn mit Holzhackermethoden zu vertreiben.

Jean Bonnard stört. Er stört den Frieden der Walliser Machtzirkel. Er stört die Strategien der Rechtsparteien. Und er stört die Pläne der grossen Verlagshäuser. Seit Sommer 2001 arbeitet der heute 57-jährige Journalist bei der Walliser Tageszeitung „Le Nouvelliste“, wo er wenige Tage vor der grossen „Gay Pride“, die die Gemüter der Walliser Konservativen erhitzte, seine Stelle antrat. Bonnard ist nicht einer, der aufs Maul sitzt – einer seiner ersten Kommentare war eine Schelte an jene Kreise, die die Schwulendemo mit unzimperlichen Methoden bekämpften.
Jean Bonnard ist kein Linker. Er neigt politisch eher zu den Walliser „radicaux“, zu einem Freisinn, der seine Daseinsberechtigung in der Opposition zu den allmächtigen CVP-Familienclans findet. Und im Wallis ist ein liberaler Denker schnell mal ein „Roter“, besonders wenn sein Vater Bergarbeiter und Mitglied der SP war. Für die SVP jedenfalls ist Bonnard geradezu ein rotes Tuch. Ein „Politkommissär“, der nach „Art der Prawda“ zensuriere, was ihm politisch nicht in den Kram passe. Konkret ging es um einen Beitrag des SVP-Nationalrats Oskar Freysinger: Bonnard wies ihn zurück, weil er ihn als Wahlpropaganda für die SVP einschätzte.

Überraschende Wahl zum Chefredaktor
Der „Nouvelliste“ ist neben der Kantonalbank und dem Staatsrat eines der drei grossen Machtzentren im Wallis. In seinem Verwaltungsrat sitzt alles, was den rechten Glauben sowie Rang und Namen hat. Etwa Marcel Revaz, Chef der Krankenkasse „Le Groupe Mutuel“. Oder Maurice Tornay, der bereits als Nachfolger des Christdemokraten Jean-Jacques Rey-Bellet im Staatsrat gehandelt wird. Oder Jean-Marie Fournier, der Promotor von Veysonnaz, der den Verwaltungsrat der Zeitung präsidiert. Dass Bonnard im Jahr 2004 als Chefredaktor auf François Dayer folgen konnte, war deshalb eine kleine Revolution. Denn Bonnard war der Nestbeschmutzer, der während zwanzig Jahren Walliser Skandale wie etwa die „Affäre Dorsaz“ ans Tageslicht gebracht und als Walliser Korrespondent im Edipresse-Blatt „Le Matin“ veröffentlicht hatte. Dayer selber hatte Bonnard den Weg bereitet, indem er die Zeitung weg vom katholischen Parteiblatt auf den Weg der Öffnung führte. Bonnard betrieb diese Politik weiter, und die Zahlen geben ihm recht: „Le Nouvelliste“ kann auf steigende Werbe- und LeserInnenzahlen verweisen.
Und dennoch musste Bonnard kurz vor den Weihnachtstagen aus der Presse erfahren, dass man einen Nachfolger für ihn suche. Hiess es zunächst, es gehe um eine langfristige Perspektive der personellen Erneuerung, wurde Verwaltungsratspräsident Jean-Marie Fournier bald präziser: Der Nachfolger solle schon in wenigen Wochen gefunden werden, doch Bonnard dürfe selbstverständlich in einer andern Funktion beim „Nouvelliste“ bleiben. Jean-Marie Fournier, muss man wissen, war von Anfang an gegen die Nomination Bonnards zum Chefredaktor. Und jetzt, wo sein Cousin, der Staatsrat Jean-René Fournier, Walliser Ständerat werden will, möchte der Verwaltungsratspräsident wohl eine parteipolitisch zuverlässigere Person an der Spitze der regionalen Monopolzeitung sehen. Der „König von Veysonnaz“ hat auch nie verschwiegen, dass sich die Zeitung nicht allzu sehr vom allein selig machenden Glauben entfernen dürfe.

Einflussreiche Gegner
Doch Jean-Marie Fournier hat noch einen andern Grund, den Kopf von Bonnard zu fordern. Denn Bonnard hatte die Frechheit, letzten Sommer eine Recherche aus „La Liberté“ für sein Blatt zu übernehmen, in der es um die Versuche des Verlegers Philippe Hersant ging, seinen Einfluss beim „Nouvelliste“ zu verstärken. Im Artikel geht es um das Projekt eines indirekten Aktienverkaufs zugunsten von Hersant. Partner Hersants in diesem Deal war niemand anderer als Fournier selbst (vgl. Klartext 3/06). Damals verteidigte sich Fournier, er habe diesen Vertragsentwurf, der auch die Einsetzung eines „Verlegerrats“ zur Kontrolle der redaktionellen Linie der Zeitung beinhaltete, nie unterzeichnet.
Wenn sich Bonnard bis heute halten konnte, dann deshalb, weil er auf die Unterstützung einer Aktionärsmehrheit zählen konnte, zu der sein früherer Arbeitgeber Edipresse gehört. Falls er tatsächlich ersetzt wird, lässt das nur einen Schluss zu: Edipresse hat einen Bündniswechsel vollzogen. Denn im „Nouvelliste“ streiten sich zwei Clans um die Macht, die beide etwas über 20 Prozent der Aktien halten; der Lausanner Verlag spielt die Rolle des Schiedsrichters. Weshalb aber sollte sich Edipresse plötzlich auf die Seite Fourniers schlagen? Gerüchteweise ist von einem Zerwürfnis der früheren Verbündeten wegen der Verwaltung der Pensionskasse die Rede, andere sagen, Edipresse wolle die Zeitung neu positionieren. Oder scheint Edipresse einfach eine Allianz mit Fournier geraten, um Hersant auszutricksen? Das wissen die Götter, und vielleicht noch ein paar Halbgötter in der Lausanner Chefetage. Dass aber Edipresse beim „Nouvelliste“ gutes oder schlechtes Wetter machen kann, ist ganz und gar nicht im Sinn der Wettbewerbskommission.
Was meint der passionierte Jäger und Berggänger Bonnard selbst dazu? „Dass ich gehen soll, erstaunt mich weniger, als dass ich nominiert worden bin.“ ?

11. Juli 2007 von Helen Brügger

Der Dorn im Fleisch

Rankings sind Mode. Auch Klartext ernennt einen Berichterstatter der Superlative: Philippe Oudot ist der Journalist, den die Swissmetal-Direktion am meisten hasst. Ein Porträt
von Helen Brügger.

„Ich lebe im Uhrenland“, spöttelt Philippe Oudot über sich selbst, wie um sich zu entschuldigen, dass er auf die Minute genau zur abgemachten Zeit zurückruft. Wie eine Uhr laufen auch seine Artikel: Präzis, zuverlässig, emotionslos. Und unglaublich wirksam. Oudots Artikel im „Journal du Jura“ leuchten hinter die Kulissen des Arbeitskonflikts bei der „Boillat“, dem Swissmetal-Werk in Reconvilier. Sie geben den Betroffenen das Wort. Und sie nehmen die Firmenmitteilungen auseinander, bis die Wahrheit zum Vorschein kommt. Oudots Arbeit beweist, wie wichtig eine kleine, unabhängige Regionalzeitung für die Demokratie sein kann.

Berichterstattung mit Folgen
Philippe Oudot ist fünfzig und stellvertretender Chefredaktor beim „Journal du Jura“. Einer seiner Artikel über den Konflikt bei der „Boillat“ führte dazu, dass die Firmenleitung der Belegschaft einen Maulkorb verpasste. Das war im November 2005. Ein Jahr und einen Arbeitskonflikt später war das „Journal du Jura“ mit Oudots Artikel über die im November 2006 veröffentlichte Bilanz schweizweit die einzige Publikation, die nicht einfach die Behauptung wiederkäute, bei Swissmetal stünde alles zum Besten. Oudot verglich die publizierten Zahlen mit den ursprünglich angekündigten Zielen – und stellte fest, dass die guten Resultate darauf zurückzuführen waren, dass Swissmetal ihre Rohmetall-Bestände verscherbelt hatte. „Es ist keine einzige Klage gegen meine Artikel eingegangen“, sagt Oudot. „Für mich ist das der beste Beweis, dass meine Fakten stimmen.“ Druckversuchen habe er allerdings standhalten müssen, selbst von Seiten des Verwaltungsratspräsidenten von Swissmetal, Friedrich Sauerländer. Er rechnet es seinem Verleger Marc Gassmann hoch an, dass dieser die Druckversuche ohne Wenn und Aber abgewiesen habe.
Philippe Oudot ist 1956 in La Chaux-de-Fonds geboren. Sein Vater war Stanzmechaniker, er fertigte unter anderem Bestandteile für die „Boillat“. „Die Arbeit müsse tadellos sein, hiess es fast jeden Tag“, erinnert sich Oudot an seine Jugend. Nach dem Gymnasium zögerte er zwischen Journalismus und einer manuellen Ausbildung: Er entschied sich für eine Lehre als Möbelschreiner. Doch schliesslich siegte doch die Faszination für den Journalismus; sein Weg führte vom Bieler Büro Cortesi zum „Journal du Jura“. Oudots Interesse gilt der Politik, der Gesellschaft, der Gewerkschaftsbewegung und der Musik.

Chronist einer Betriebszerstörung
Während die Berichterstattung in den grossen Deutschschweizer und teilweise auch Westschweizer Medien ausschliesslich lautete, in Reconvilier wehrten sich ein paar hinterwäldlerische ArbeiterInnen gegen die Modernisierung ihrer veralteten Bude, zeigte Oudot eine andere Realität. In Hunderten von Artikeln verfolgte er von Tag zu Tag, wie Manager, die alles andere als die Interessen ihres Betriebs verfolgten, ein Spitzenunternehmen zerstörten, das für Kunden wie Boeing arbeitete. „Ich musste mit ansehen, wie ein funktionierendes, rentables Unternehmen kaputt gemacht wird. Das hat mich gefühlsmässig und intellektuell gleich betroffen gemacht.“ Der Konflikt sei exemplarisch gewesen und habe die hässlichste Seite unseres liberalen Wirtschaftssystems gezeigt. „Dass es nicht möglich ist, ein Unternehmen zu retten, das im Interesse der Allgemeinheit produziert, hat mich misstrauisch gemacht. Ich bin durch den Konflikt sehr viel kritischer geworden“, bilanziert Oudot.
Aber – haben seine Artikel etwas bewirkt? „Ja, ich glaube, ich bin ihnen lästig gefallen“, sagt er und lacht: „So lästig wie ein Fliege, die sich partout nicht verjagen lässt.“ Beim letzten Interview mit Swissmetal-Direktor Martin Hellweg habe der ihn während des Gesprächs abgewimmelt und an Firmensprecher Sam Furrer verwiesen, einen „Herrn No-comment“. Sicher, mit einer grösseren Auflage hätte die Zeitung mehr bewirken können, bedauert Oudot – aber er weiss auch, dass es nicht immer auf die Auflage ankommt. Mit seinen 12’500 Exemplaren hat das kleine „Journal du Jura“ vielleicht mehr für die Wahrheit über den „Boillat“-Konflikt getan als jede andere Zeitung. Und wenn im März über die Presseförderung diskutiert wird, hofft Oudot, dass sie beibehalten werde: „Ohne Presseförderung hätten Zeitungen wie das ‚Journal du Jura‘ nicht mehr die Mittel, ihre Arbeit mit kritischer Distanz zu machen. Alles, was über das Mittelmass hinausragt, würde flach gemacht.“
„Karl“, der anonyme Blogger, der den ArbeiterInnen der „Boillat“ das Wort gegeben hat (Klartext 03/06), spricht voll Hochachtung über Oudot: „Seine Arbeit ist weit über seine journalistische Verpflichtung hinausgegangen.“ Es sei zentral wichtig gewesen, dass die ArbeiterInnen der „Boillat“ gemerkt hätten, „dass Intellektuelle, Leute, die schreiben können, auf ihrer Seite stehen, sie anhören, ihre Würde verteidigen“. Damit habe Oudot sich den Hass der Swissmetal-Direktion zugezogen.
Philippe Oudot wehrt ab, zu viel Lob für seine Person ist ihm peinlich. Auf seine Artikel aber ist er stolz. Man merkt ihnen an, dass das richtige Wort, der passende Ton, das genaue Detail nicht dem Zufall überlassen werden. Dass Oudot am Text hobelt, bis selbst mit einer Wasserwaage keine Schieflage mehr auszumachen ist. Wie ein Tischler, der weiss, was er seinem Handwerk schuldig ist. ?

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