17. Mai 2010 von Bettina Büsser

«Ich bin masslos wütend, immer noch»

Bild: Margareta Sommer

Mehr als 25 Jahre lang war Balz Bruppacher Chefredaktor von AP Schweiz. Jetzt ist alles vorbei, die Agentur aufgelöst und abgewickelt – und der 60-Jährige will wissen, wer dabei die Fäden gezogen hat.

Er räumt auf. In seinem Büro in Bern stapeln sich auf dem Fenstersims leere Ordner, auf dem Pult und dem Sofa liegen Aktenstapel. «Ich ordne, sortiere aus, werfe fort», sagt Balz Bruppacher. Das ist momentan sein Job. Denn der Chefredaktor von AP Schweiz ist zwar noch im Amt – aber ohne Redaktion.
Und er wartet auf seine Entlassung. Dass ihn seine neuen Arbeitgeber weiterbeschäftigen wollen, wie sie angegeben haben, glaubt er nicht. «Ausserdem haben sie mich wirklich aufs Schlimmste angelogen und können ja nicht im Ernst glauben, ich hätte im Sinn, für sie weiterzuarbeiten», sagt Bruppacher. «Sie», das sind die Besitzer des Deutschen Depeschendienstes DDP. Die Nachrichtenagentur übernahm im Dezember 2009 die AP GmbH in Frankfurt, die Deutschland, Österreich, die Schweiz sowie einen Teil von Osteuropa mit Agenturmeldungen bedient hatte. AP Schweiz war seit ihrer Gründung eine Zweigniederlassung dieser AP GmbH in Frankfurt, wurde also mit dem Verkauf Teil von DDP. Ende Januar verkaufte DDP der Schweizerischen Depeschenagentur SDA die Lizenz für das deutschsprachige DDP-Produkt, im Gegenzug hat sich die SDA dafür «ausbedungen, dass DDP den Schweizer Dienst auf den frühestmöglichen Zeitpunkt einstellt», wie Bruppacher trocken feststellt. Damit hat sich die SDA ihrer Konkurrentin AP Schweiz entledigt.

Die Angriffs- und Expansionslüge
Doch zuerst, im Dezember 2009, signalisierte DDP den Schweizer AP-Leuten, es werde einen Ausbau geben. Mitte Januar, erinnert sich Bruppacher, war er mit DDP-Geschäftsführer Franz Maurer bei Kunden in der Schweiz unterwegs, «und er sagte ihnen, dass wir die SDA angreifen wollen». Ausserdem hatte Bruppacher einen Monat vorher den zweiten DDP-Geschäftsführer Martin Vorderwülbecke in Frankfurt getroffen: «Bei uns war eine Stelle vakant, und weil die AP weltweit einen Einstellungsstopp ausgesprochen hatte, konnte ich sie nicht besetzen. Vorderwülbecke sagte mir zu, dass ich sie besetzen könne. Man sagte mir dann vonseiten DDP, ich solle im Inserat in einem Satz erwähnen, dass DDP in der Schweiz expandiere.»
Doch dann kam der 28. Januar. Eine Redaktionssitzung von AP Schweiz war angesagt, auch DDP-Geschäftsführer Franz Maurer hatte sich dafür angemeldet – Bruppacher holte ihn auf dessen Wunsch am Flughafen in Zürich ab. Und erfuhr im Zug nach Bern: kein Ausbau, keine Offensive, stattdessen Kündigung für die gesamte Belegschaft, rund 20 Personen, Festangestellte und feste Freie. Als Bruppacher in der Redaktion in Bern eintraf, hatte die SDA den Deal zwischen DDP und SDA bereits bekannt gegeben, seine MitarbeiterInnen hatten schon erfahren, dass sie alle ihre Stelle verlieren würden.

«Ich stand ein bisschen unter Schock»
Entsprechend war die Stimmung auf der Redaktion, als Bruppacher und Maurer eintrafen. «Später hat mich jemand gefragt, ob ich in diesem Moment nicht Lust gehabt habe, dreinzuschlagen», erzählt Bruppacher. Aber so etwas, das wird im Gespräch mit ihm schnell klar, liegt ihm gar nicht. Ausserdem war Bruppacher, obwohl er «ein bisschen unter Schock stand», nach wie vor der Chefredaktor: «Ich habe meinen Leuten sofort gesagt: Passt auf, wenn ihr jetzt gleich aus Protest die Arbeit niederlegt, gebt ihr denen einen Vorwand, euch fristlos zu entlassen.» Ansonsten, erinnert er sich, habe er kaum etwas gesagt: «Ich habe nur interveniert, als Maurer sagte, der Dienst rentiere nicht. Das ist einfach falsch, wir haben AP in den letzten fast 30 Jahren sicher einen zweistelligen Millionenbetrag überweisen können, für das, was wir weltweit von ihnen übernommen haben.»
Die DDP-Besitzer hat das wohl nicht besonders beeindruckt. Die beiden, Peter Löw und Martin Vorderwülbecke, haben in verschiedenen Unternehmen zusammengearbeitet. 2007 charakterisierte das deutsche «Handelsblatt» die Firma Arques Industries AG, in der beide Vorstandsvorsitzende waren, mit Sätzen wie: «Löw und Vorderwülbecke nennen ihr Geschäft ‹börsennotierter Turn-around-Spezialist›. Die Unternehmen, die Arques kauft, verbindet in der Regel nur eins: dass es ihnen nicht gut geht und sie billig zu haben sind. (…) Arques, das ist Sanierung aus dem Baukasten.»
«Das ist eine Welt, über die man manchmal liest und manchmal schreibt, doch wenn man es selber erlebt, ist es anders», sagt Bruppacher, lacht ein bisschen und fügt an, vielleicht sei er im Umgang mit DDP zu naiv gewesen. Das ärgert ihn und lässt ihn weiterhin Fragen stellen: Wann haben DDP und SDA ihre Verhandlungen aufgenommen? Was ist mit den Exklusivitätsrabatten, welche die SDA jenen Kunden gewährt hat, die nicht auch noch AP als Zweitagentur abonnierten? Warum hat ihm während der Verhandlungen zwischen SDA und DDP niemand einen Tipp gegeben? Wer war die treibende Kraft hinter dem Deal – die SDA-Führung oder die Verleger als Besitzer der Nachrichtenagentur? Weil Bruppacher Journalist ist, will er Antworten auf diese Fragen, motiviert auch durch Ärger und Frust: «Ich bin masslos wütend, immer noch.»
Bruppacher hat mittlerweile gehört, dass beispielsweise die journalistischen Leitungen der Deutschschweizer SRG-Programme und der Tamedia-Medien – beide Unternehmen sind im SDA-Verwaltungsrat vertreten – nicht konsultiert wurden, als es darum ging, dass die SDA ihre einzige Konkurrentin AP mithilfe von DDP aus dem Markt wirft. Und hat erfahren, dass seine frühere Arbeitgeberin AP wusste, was DDP plante. Aus internen Papieren zum Deal ist zudem ersichtlich, dass die SDA für die Abwicklung von AP Schweiz 250’000 Franken an DDP bezahlt. Und dass es bereits im Oktober Kontakte gab zwischen SDA und DDP. Damit konfrontiert, ringt der ansonsten redegewandte Bruppacher nach Worten. Dass die SDA diesen Papieren zufolge – Lizenzkosten inbegriffen – 12 Millionen an die DDP bezahlen wird, kommentiert er kurz mit: «Damit könnte ich etwa vier Jahre lang meine Redaktion finanzieren.»

Am Anfang DDP, am Ende DDP
Ausgerechnet bei der damaligen Schweizer Niederlassung von DDP hat Bruppachers journalistische Karriere begonnen: Nach dem Volkswirtschaftstudium in St. Gallen absolvierte er dort ein Volontariat. 1981 verliessen alle MitarbeiterInnen DDP Schweiz, um gemeinsam AP Schweiz zu gründen. 1984 wurde Bruppacher AP-Chefredaktor. «Er war Herz und Seele des Ladens», charakterisiert ihn ein langjähriger Mitarbeiter, «ein Nachrichtenprofi, mit allen ‹Wässerli› gewaschen, der sein Handwerk beherrscht, Humor hat und Leute motivieren kann. Er konnte auch mit der ‹Geisle chlöpfe›, aber er hat es selten getan.»
Dieses «Geisle chlöpfe» irritiert Balz Bruppacher offensichtlich, er denkt länger darüber nach: «‹Geisle chlöpfe› vielleicht in dem Sinn, dass ich an Redaktionssitzungen und in meinen ‹Hirtenbriefen› an die Redaktion jeweils stark betont habe, wie wichtig es ist, dass wir nicht nachlassen dabei, schnell zu sein, fix zu reagieren und selbstverständlich, wie die Agenturregel sagt, dabei nicht falsch zu sein.» Sein Ziel sei es immer gewesen, von seinen Leuten nicht mehr zu verlangen als von sich selbst. So hat der Agentur-Chefredaktor jeweils Meldungen «heruntergerattert» und Wochenenddienst geleistet wie alle anderen AP-Leute.
Bruppacher hat während seiner AP-Zeit einige «inte­ressante Stellenangebote» von Zeitungen erhalten. «Doch wieso sollte ich einen Job aufgeben, mit dem ich eigentlich sehr zufrieden bin?» Seine Zufriedenheit basierte darauf, dass er eine «vernünftige Arbeit» in «grösstmöglicher Unabhängigkeit» machte, ohne Druck von Verlegern oder Inserenten: «Wir mussten nur unser Produkt erfolgreich verkauften. Und das taten wir.» Schwergefallen sei ihm die Arbeit einzig, wenn es Probleme mit dem Personal gegeben habe.

Zukunft als freier Journalist
«Wir bei den Agenturen sind ein bisschen die Unterhunde der Branche», sagt Bruppacher, aber gestört hat ihn das nie. Und es war ihm nur allzu recht, dass der Job als Agentur-Chefredaktor nicht zu Auftritten an People-Events verpflichtet. Seine Frau, erzählt er, hätte gewisse Einladungen gerne angenommen, doch sie habe akzeptiert, dass er nicht hingehen wolle. Überhaupt habe seine Frau, seine Familie viel Verständnis für seine Arbeit gezeigt: «Man kann nie richtig ausklinken, wenn man an den News klebt. Es gibt schon Situationen, in denen ich am Abend oder am Wochenende nicht mehr zu viel zu gebrauchen bin.» Und während er über seine Arbeit erzählt, fällt Bruppacher in die Gegenwartsform, wie schon oft während des Gesprächs. Dass AP Vergangenheit ist, ist für den Moment vergessen.
Doch Bruppacher, der im Sommer 60 wird, muss sich jetzt um seine Zukunft kümmern. DDP wird ihm kündigen, darauf wartet er. Danach würde er gerne weiter über Wirtschaftsthemen schreiben, wie er es in all den AP-Jahren getan hat, spezialisiert auf «den Schnittpunkt zwischen Wirtschaft und Politik». Am liebsten als Freier: «Ich konnte in den letzten 29 Jahren journalistisch selber entscheiden, musste nicht nach einer Pfeife tanzen. Ich möchte es, wenn es irgendwie geht, auch jetzt vermeiden.»

3. Mai 2010 von Helen Brügger

Operation «Montana»

Die SDA hat mitgeholfen, den Konkurrenten AP aus dem Weg zu räumen. Mehr als eine Verschnaufpause wird ihr die Monopolstellung kaum bringen.

Ende Januar gaben die Schweizerische Depeschenagentur SDA und der Deutsche Depeschendienst DDP ihre Zusammenarbeit bekannt. Als Folge davon liess DDP das zuvor akquirierte Büro von AP Schweiz fallen. Damit steht die SDA als Monopolagentur in der Schweizer Medienlandschaft. So erhofft sie sich, abgesprungene Kunden zurückzugewinnen.
Offenbar fürchtete die SDA, aus dem Markt gedrängt zu werden, und deshalb handelte sie. «Wettbewerb ist in der Regel nur in deutlich grösseren Märkten als in CH auf Dauer möglich», steht in einem internen Dokument, das KLARTEXT vorliegt. Sein Titel: «Montana, Abschied vom Sonderfall CH». Als «Sonderfall» bezeichnet die SDA die Tatsache, dass in der kleinräumigen Schweiz mehrere Agenturen tätig sind; «Montana» will diesen lästigen Zustand beenden. Das Dokument ging am 25. Januar 2010 an die Verwaltungsräte der SDA. Also zu einem Zeitpunkt, als dem Opfer der Operation, der Agentur AP, noch vorgegaukelt wurde, sie habe eine Zukunft. Das mehrsprachige Angebot verteuere den Basisdienst der SDA um jährlich drei Millionen Franken, heisst es im Dokument. AP Schweiz habe aggressivere Preisgestaltungsmöglichkeiten, weil sie diese Sprachensolidarität nicht mittragen müsse. Die Zahl der Kunden, die zwei Agenturen abonnierten, nehme stetig ab. Die Trennung zwischen Erst- und Zweitagentur verschwinde zusehends zulasten der SDA.

«War wirtschaftlich notwendig»
Nun gibt es AP nicht mehr. Doch die SDA wird nicht glücklich damit. Allenthalben hagelt es Kritik an dem Deal: Im Nationalrat wird die Schaffung des Monopols kritisiert, die Wettbewerbskommission will Genaueres wissen. «Wir haben nie eine Monopolstellung angestrebt», versichert der angegriffene SDA-Chef Bernard Maissen. Der Deal sei «eine wirtschaftliche Notwendigkeit» gewesen. Maissen findet es unglaubwürdig, «wenn die Medien sich für mehrere Agenturen starkmachen, selbst aber nur eine abonnieren». Er weist darauf hin, dass mehrere Verleger nur AP abonniert hätten, sich aber auf Internet gratis bei den SDA-Meldungen bedienen würden. Die SDA habe keine Wahl gehabt, ausser sie hätte sich auf einen langjährigen Abnützungs- und Konkurrenzkampf einlassen wollen, der bedeutende finanzielle Mittel abgezogen hätte.
Maissen betont, der Vorwurf des möglichen Missbrauchs einer Monopolstellung gehe ins Leere: «Unsere Besitzer sind die Verleger, und die sind auch unsere Kunden. Das bedeutet, dass bei uns die Kunden die Preise festlegen!» Tatsächlich stellen sieben Verleger den Verwaltungsrat der Agentur, die ihnen als gemeinsames Unternehmen gehört. Es sind dies Hans Heinrich Coninx (Tamedia), Albert Noth («Liberté»), Gérard Tschopp (SRG), Hanspeter Lebrument («Südostschweiz»), Eric Hoesli (Edipresse), Albert Stäheli (NZZ) und Matthias Hagemann (ex BaZ).
Die Angestellten der Nachrichtenagentur teilen die Argumente Maissens. Ein Mitarbeiter bezeichnet die Situation unverblümt als «wirtschaftlich notwendig, aber publizistisch Scheisse». Er ärgert sich darüber, dass nun «alle auf der SDA herumhacken». Schliesslich sei der Entscheid von den Verlegern gefällt worden, und es sei an ihnen, dafür geradezustehen. Das Problem der Verleger sei «ein rein wirtschaftliches statt publizistisches Denken». Dabei wäre es im Interesse ihrer Redaktionen, zwei Agenturen als Quellen zu haben. Nun fürchtet der Kollege politischen Druck. «Man wird uns die Monopolstellung jedes Mal um die Ohren schlagen, wenn wir aus journalistischen Gründen entscheiden, über dieses oder jenes Ereignis nicht zu berichten.»

Welsche pfeifen auf die SDA
Unter Druck geraten könnte die SDA auch anderweitig, wie ein drastisches Beispiel in der Westschweiz zeigt. Dort hat die Hersant-Gruppe mit ihren Tageszeitungen «La Côte» , «L’Impartial» und «L’Express» beschlossen, mit der von ihr seit langem umworbenen Walliser Zeitung «Le Nouvelliste» eine gemeinsame überregionale Redaktion unter einheitlicher Leitung zu schaffen, auch wenn das Projekt im Wallis auf Widerstand stösst. Mit dabei ist auch das «Journal du Jura» in Biel. Die fünf Zeitungen produzieren künftig in ihren Redaktionen nur Regionalinformationen. Noch ist nicht entschieden, ob die gemeinsame Redaktion an einem Ort zusammengezogen wird oder dezentral bleibt. Als weitere Folge dieser Kooperation verzichten die beteiligten Redaktionen auf die Dienste einer Agentur. Das SDA-Abonnement sei auf Ende Jahr gekündigt worden, bestätigt Nicolas Willemin, Chefredaktor von «L’Express». «Wir überlegen uns, das Geld in den Aufbau eines eigenen Teams für einen direkt auf unsere Bedürfnisse zugeschnittenen Dienst zu stecken, der uns Exklusives liefern kann.»

Zu wenig für die Kleinen getan
Willemin wirft der SDA vor, nicht genügend auf die Bedürfnisse von kleinen Regionalzeitungen einzugehen, sondern vor allem – unter dem Einfluss des Grossaktionärs Tamedia-Edipresse – die Bedürfnisse von Gratis- und Grosszeitungen abzudecken. «Die gros­sen Zeitungen brauchen den Basisdienst der SDA, für alles andere leisten sie sich eigene Recherchen und Analysen. Das können wir nicht.»
Willemin ist sich bewusst, dass das Projekt riskant ist, vor allem für die nationalen Nachrichten und die Nachrichten aus andern Landesteilen. Dieser Brückenschlag zwischen den Landesteilen ist eine der Kernfunktionen der SDA, den nur sie garantieren kann. Wie ernst das Westschweizer Projekt zu nehmen ist, ist deshalb schwer zu beurteilen: Handelt es sich um einen Druckversuch zur Durchsetzung von Rabatten? Oder ist es ein willkommener Vorwand, sich durch die Hintertür aus dem nationalen Kontext zu verabschieden und die nationale Info auf ein Minimum zu reduzieren?
Wie auch immer: Mit der Operation «Montana» will die SDA abtrünnige Kunden – zum Beispiel die NLZ-Gruppe sowie die «Aargauer Zeitung» – zurückgewinnen. Die Zukunftssicherung, glaubt die SDA gemäss «Montana», gelinge dadurch, «dass 100 Prozent des CH-Marktes wieder SDA-Kunden sein werden». Das könnte sich als Wunschdenken entpuppen. Denn prominente Abtrünnige sind zwar im Moment zur SDA zurückgekehrt, halten sich aber für die Zukunft alle Optionen offen. Dies bestätigen sowohl Stefan Ragaz, stellvertretender Chefredaktor der «Neuen Luzerner Zeitung», als auch Christian Dorer, Chefredaktor der «Aargauer Zeitung». Ragaz prüft verschiedene Optionen. Neben der Zusammenarbeit mit der SDA «auf der Grundlage eines neuen, auf die Bedürfnisse einer abonnierten Tageszeitung zugeschnittenen» Angebots kommt für ihn das Abonnieren einer ausländischen Nischenagentur infrage. Oder auch eine eigene Lösung, «allenfalls zusammen mit Partnerzeitungen». Wen wunderts, dass Dorer ebenfalls an Alternativen «zusammen mit anderen Zeitungen» herumdenkt.

Eine öffentlich-rechtliche SDA?
Wenn Kleinverleger keine Wahl mehr zwischen SDA und billigerer AP haben, kann sie das in finanzielle Schwierigkeiten bringen und einen Konzentrationsprozess auslösen. Oder dann macht das Beispiel aus der Westschweiz Schule: Zeitungsverlage schliessen sich zusammen und stellen in mehr oder weniger abenteuerlicher Manier eigene, agenturähnliche Dienste auf die Beine. Beide Entwicklungen können für die SDA zum Albtraum werden, weil sie Kunden verliert, statt gewinnt. Und für den Zusammenhalt zwischen den Landesteilen wäre es ein nicht absehbarer Schaden, weit dramatischer, als es bisher die Schliessung von SDA-Büros in der Westschweiz war.
In diesem Kontext gewinnt ein Vorstoss von SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr an Bedeutung. Der frühere Verleger der «Schaffhauser AZ» schlägt in einer Interpellation an den Bundesrat vor, aus der SDA «ein Element des publizistischen Service public» zu machen, sie in ein «öffentlich-rechtliches Unternehmen mit staatlicher Konzession» zu verwandeln und mit einem erweiterten Leistungsauftrag zu versehen. Hans-Jürg Fehr geht mit Nicolas Willemin einig, dass die SDA für Klein- und Regionalzeitungen mehr bieten muss. Ein erweiterter Leistungsauftrag könne etwa bedeuten, dass die SDA JournalistInnen ausbilde oder einen Pool von investigativen JournalistInnen aufbaue, der im Auftrag der «Kleinen» recherchiere. «Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie viele heisse Storys in einer Region nie zustande kommen, weil die Recherchen als zu aufwendig eingeschätzt werden», sagt Fehr.
Könnte die Zukunft der SDA in einer Konzession ähnlich der SRG und einem Service-public-Auftrag liegen? Maissen zeigt sich offen für die Idee, weil die Agentur mit ihrem mehrsprachigen Dienst bereits Service-public-Leistungen erbringe, die der Markt nicht trage. «Was ich allerdings nicht will, ist ein Aktionär Eidgenossenschaft, der uns inhaltlich dreinredet!»
Durch den «Abschied vom Sonderfall» allein ist die SDA jedenfalls noch nicht aus dem Schneider. Auch die vorgesehene Kapitalerhöhung muss erst noch finanziert werden. Sie kostet gemäss «Montana» die Kleinigkeit von acht Millionen.

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