22. März 2010 von Klartext

«Man muss auch mal jemanden gut finden»

Bild: Thomas Buchwalder

Der «Weltwoche»-Kolumnist Mark van Huisseling sagt, er sei vom Zweihänder zum stumpfen Florett übergegangen. Trotzdem seien die Verletzungen, die er verursache, grösser denn je.

Klartext: Mark van Huisseling, Ihr Kollege Ulf Poschardt hat einmal geschrieben, Sie seien der perfekte Saab-Fahrer: chic, elegant, zeitgemäss, aber nie übertrieben. Mittlerweile steht ein Maserati in Ihrer Garage. Was ist passiert?
Mark van Huisseling: Der Maserati ist vermutlich Ausdruck meiner Midlife-Crisis. Ich hatte noch vor einigen Jahren gemeint, ich würde nie einen Sportwagen fahren, was ich eigentlich schade fand. Dann habe ich mein Leben umgebaut, so liess ich mich etwa scheiden. Das war ein super Zeitpunkt, ein solches Auto zu kaufen.

KT: In Ihrer Kolumne «MvH» in der «Weltwoche» zelebrieren Sie den Luxus und stossen damit viele Leute vor den Kopf. Ist das Absicht?
van Huisseling: Ich glaube, dass im Grund jede gute Gesellschaftskolumne so funktioniert: Man sagt dem Leser, schau, ich bin ein geiler Siech und gehe an Orte, von denen du nicht einmal weisst, dass es sie gibt. Aber, falls du willst, nehme ich dich an der Hand, du kannst mitkommen.

KT: Sie ecken auch bei Kollegen an.
van Huisseling: Ich finde es heuchlerisch, dass Journalisten kritisieren, ich würde zu viel über mich selber schrei­ben. Das ist die Grundvoraussetzung für einen Journalisten. Sonst sollen doch alle, die gut genug dafür sind, zum «Economist» gehen, wo es keine Autorenzeile gibt. Mal schauen, wie cool sie das finden.

KT: Stört Sie diese Kritik, Sie seien zu selbstbezogen?
van Huisseling: Für mich ist das ein Winner mit der Selbstinszenierung. Aber ich verstehe es natürlich, wenn sich die Leute darüber aufregen. Mich würde es auch aufregen, wenn das jemand anderes machen würde. Vor allem, wenn er damit Erfolg hätte.

KT: Wie viel von Ihrer Person steckt in der Kunstfigur «MvH»?
van Huisseling: Es gibt sicher Überlappungen. «MvH» ist immer der Coolste. Das gelingt mir im täglichen Leben aber nicht.

KT: Durchschauen Ihre Leser diese bewusste Inszenierung?
van Huisseling: Ich schreibe diese Kolumne schon seit drei Jahren und vorher habe ich etwas Ähnliches gemacht. Langsam sollte man meine Masche begriffen haben. Aber das ist immer noch nicht bei allen Leuten so. Vielleicht ist das ganz gut, denn wenn man die Figur fassen könnte, wäre sie nicht mehr spannend.

KT: Stehen Sie unter Druck, diesem coolen Image in der Öffentlichkeit zu entsprechen?
van Huisseling: Druck spüre ich immer, aber das ist gut, falls man etwas daraus machen kann. Zum Beispiel die Kleiderfrage: Ich besitze einen Brioni-Anzug, den ich oft trage. Zusätzlich einen Smoking und zwei Tschöpli, wenn es ein bisschen weniger formell ist. In der Kolumne lege ich das dann zu meinen Gunsten aus, im Sinne von: «Jeder, der immer etwas anderes trägt, ist sowieso ein Fashion Victim, der richtig coole Mann trägt immer denselben Anzug und hat eine hohe Rechnung von der chemischen Reinigung.»

KT: Welchen Einfluss hat Ihr Chefredaktor Roger Köppel auf die Figur «MvH»?
van Huisseling: Köppel sagt immer: «Schau, du musst deine Kritik an Personen so rüberbringen, dass es alle merken, ausser die Betroffenen selbst.» Und das ist grosse Kunst, die ich zu erlernen und zu meistern versuche.

KT: Sie haben die Macht, die öffentliche Wahrnehmung einer Persönlichkeit zu beeinflussen.
van Huisseling: Das ist keine Macht, das macht Kopfweh. Ich bin mittlerweile vom Zweihänder zum Florett mit Gummipfropfen übergegangen, aber offenbar sind die Verletzungen, die ich anrichte, grösser denn je. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich heute einen höheren Status habe.

KT: Melden sich die Betroffenen direkt bei Ihnen, um ihren Unmut kundzutun?
van Huisseling: Nein, es läuft meistens so, dass die betroffene Person ihrem Verwaltungsratskollegen oder, ganz schlimm, Ehepartner sagt: «Jetzt musst du den Köppel anrufen.»

KT: Sie beschreiben mit spitzer Feder die High Society, von der Sie leben; Sie beis­sen die Hand, die Sie füttert.
van Huisseling: Es ist eine Gratwanderung. Man kann deshalb nicht immer alle runtermachen. Man muss auch mal jemanden gut finden. Bei uns funktioniert es schlecht, wenn man die Leute öffentlich vorführt. Das sagt auch Hildegard Schwaninger: Zürich wolle eine Weltstadt sein, aber keiner ertrage es, wenn ein Kolumnist einmal etwas Unangenehmes sage. Das stimmt irgendwie.

KT: Wollen Sie sich in der High So­ciety etablieren?
van Huisseling: Nein, das ist unmöglich und wäre ein grosser Fehler. Es ist allgemein ein Problem vieler Journalisten, dass sie nicht mehr zwischen sich und ihrer Funktion differenzieren können. Für einen Parvenü wie mich ist das Dazugehören «out of the question». Ich gehöre nicht dazu, bin aber dabei, weil die sogenannte Society einen Hofberichterstatter braucht.

KT: Gehen Sie gern an all die Anlässe, über die Sie berichten?
van Huisseling: Nein, natürlich nicht. Ich bin im Grunde ein häuslicher Mensch. Ich mag schon gerne Gesellschaft, aber am liebsten, wenn man sitzen kann, es nicht zu laut ist und man nicht die ganze Zeit geschubst wird.

KT: Neben Ihrer Kolumne schreiben Sie auch PR-Texte. Sehen Sie da keinen Konflikt?
van Huisseling: Ich schreibe keine PR-Texte, sondern zum Teil Artikel, die nahe am Kunden sind. Wenn ich einen solchen Auftrag annehme, kann es sein, dass ich das Material auch für die Kolumne verwende. Dann kann man in der «Weltwoche» vielleicht lesen, dass es eine Provinzveranstaltung war. Und in dem anderen Text steht, was an dem Anlass gut war; etwas Gutes kann man ja immer finden. Und wenn das jemand in einer Medienvergleichsanalyse herausfindet, sage ich: «Genau, Sie haben recht!» Und das sind dann die Grenzen, an die man als Autor in der Schweiz kommt.

KT: Sehen Sie sich als eine Art Ich-AG, die den Kanal Journalismus nutzt, um sich selber weiterzubringen?
van Huisseling: Ja, genau. Durch meine Kolumne konnte ich mir ein irrsinnig gutes Netzwerk aufbauen. Ich finde aber auch, dass ich eine lässige Kolumne schreibe, wie es sie sonst meines Wissens in keiner Zeitschrift im deutschen Sprachraum gibt. Und dass ich eigentlich recht gut beobachten und schreiben kann.

KT: Was ist das Ziel dieser Ich-AG?
van Huisseling: Mein Ziel ist es, weiterhin von meiner Arbeit, die ich gerne mache, gut leben zu können. Vermutlich ist es auch das, was ich am besten kann. Von älteren Journalisten höre ich oft, dass sie noch in die Unternehmensberatung oder so wollen, um Geld zu verdienen. Dann frage ich sie: «Kannst du denn das überhaupt?»

KT: Unter der Medienkrise leidet auch die «Weltwoche». Wie sicher ist Ihr Arbeitsplatz?
van Huisseling: Das überlege ich mir gar nicht. Ich denke, Roger Köppel hat am meisten Ausstrahlung von allen Autoren. Dann kommt Urs Paul Engeler, der im Politischen Ausstrahlung hat, und dann komme vielleicht ich. Es wäre sicher das Letzte, was Köppel möchte, dass die «Weltwoche» an Ausstrahlung verliert.

KT: Finden Sie sich cool?
van Huisseling: Ich finde das, was ich mache, schon recht cool. Ich weiss einfach nicht, ob es immer noch cool ist, cool zu sein.

Das Gespräch führten Michael Fässler und Silvan Granig im Rahmen des Workshop «Storytelling» von Dozentin Barbara Lukesch an der ZHAW in Winterthur.

15. März 2010 von Daniel Goldstein

«Jetzt tuts dann gleich ein bisschen weh», griff der Zahnarzt zum Bohrer. Dem Patienten tut da der Zahnnerv weh, der Leserin aber hoffentlich der Sprachnerv. Denn der hat nach dem Zitat eine Mitteilung darüber erwartet, wer das gesagt hat, allenfalls auch wo, wie, wann und warum. Aber auf den Griff zum Bohrer war der arme Sprachnerv überhaupt nicht gefasst: Da hat der Schreiber dem Zahnarzt eine Tat in den Mund gelegt. Dass nicht nur die Tat dem Dentisten zuzuschreiben ist, sondern auch das warnende Wort, müssen wir uns schon selber ausmalen. Die Sache wäre klar, wenn der Satz so begonnen hätte: «Mit den Worten …». Freilich tönts damit weniger dramatisch.
Was soll in einem Medienmagazin der Ausflug in die Zahnarztpraxis? Der Satz ist kein Zitat, doch er steht für ein Sprachmuster, das seit etwa 20 Jahren in hiesigen Zeitungen und Zeitschriften anzutreffen ist. Meist nicht in ganz so krasser Form, obwohl auch das vorkommt: «Man habe ähnliche Probleme immer überwunden, klopften sie sich auf die Schulter.» Da braucht es schon recht viel guten Willen, um das Schulterklopfen als Form der Äusserung zu verstehen. Oder es braucht kunstvolle Klopfzeichen, um sich so über den Umgang mit Problemen zu unterhalten. Häufig aber werden Wort und Tat gemischt: «‹Besser kann es ein Fussballer nicht haben›, greift er zum Superlativ.» Einmal davon abgesehen, dass er nur einen Komparativ erwischte, auch wenn er damit ein Optimum ausdrückte: Die Leserin merkt ohnehin, dass der zufriedene Sportsmann eine Steigerungsform verwendet hat. Sein journalistisches Gegenüber hätte die Äus­serung mit einem geeigneten Verb mitteilen können, statt sie bildlich als Griff in die Sprachkiste darzustellen. Falls «sagen» in jenem Text schon allzu oft gesagt war: Der Fussballer hat vielleicht frohlockt, jubiliert oder geprahlt. Wenn mit der Aussage eine Tat verbunden war oder der Reporter das so sehen will: bitte separat!
«Jetzt tuts dann gleich ein bisschen weh», warnte der Zahnarzt und griff zum Bohrer.

Daniel Goldstein ist ehemaliger «Bund»-Redaktor und Schreibcoach www.sprachlust.ch

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