15. September 2010 von Bettina Büsser

«Heal the World» mit Radio DRS

DRS 1 als Zukunftslabor: In einer Sendereihe mit aufwändigen Live-Produktionen bringt das Radio Publikum und ExpertInnen zusammen und lässt sie über Fragen der Sicherheit, Gesundheit und Energie diskutieren; so geht Service public.

Bild: SR DRS

Vor dem «Centre de Culture» in St. Imier wehen drei lange, weisse Fahnen. Hier macht an diesem Donnerstag ein ausserordentliches und ehrgeiziges DRS-1-Projekt Station:«Mit DRS 1 i d’Zuekunft». Zehnmal in diesem Jahr sendet DRS 1 einen ganzen Tag lang zu einem Themenbereich, der für Gegenwart und Zukunft der Schweiz prägend ist, von «Wirtschaft – Geld – Arbeit» über «Sicherheit», «Tradition und Moderne» bis «Mobilität und Verkehr». Das Publikum von «Mit DRS 1 i d’Zuekunft» wird zum jeweiligen Thema von ExpertInnen informiert, kann aber – nach guter Schweizer Tradition – auch selbst mitreden: via Telefon, via Mail und in einer «Zukunftswerkstatt». Und das tut es auch.
«Das Thema Zukunft hat uns besonders gereizt, weil wir ja vor allem über Gegenwart und Vergangenheit sprechen», sagt Christoph Gebel, Programmleiter von DRS 1/DRS Musikwelle. Nachdem man das DRS-1-Programm in den letzten Jahren intensiv renoviert habe, habe man bei der Planung für 2010 festgestellt, dass nun «die Kapazität für ein gros­ses, strukturbrechendes Programmprojekt» vorhanden sei.
Die sorgfältige Arbeit des «Zuekunfts»-Teams für dieses «grosse» Projekt zeigt sich schon bei der Auswahl der Sendeorte. Sie sind in der ganzen Deutschschweiz verteilt, nicht nur in den Agglomerationen, denn schliesslich lebt das DRS-1-Publikum zu einem guten Teil ausserhalb der grossen Städte. Und der Ort wird passend zum Thema gewählt; über «Sicherheit» etwa wurde in der interkantonalen Polizeischule im luzernischen Hitzkirch diskutiert, über «Gesundheit» im appenzellischen Teufen. Ebenso passend ist es, dass dieser «Zuekunfts»-Tag in St. Imier stattfindet: Oberhalb des Orts finden sich auf dem Mont Crosin ein Windenergie-Zentrum, auf dem Mont Soleil ein Solarkraftwerk – und das Tagesthema lautet «Energie – Umwelt – Rohstoffe».

«Diskussion ist okay, Herumschreien nicht»
Vor dem «Centre» und beim Empfang stehen drei Securitas-Leute. Nicht etwa, um Publikumsmassen zu kanalisieren, denn der Ansturm von DRS-1-HörerInnen, welche die Live-Sendung vor Ort verfolgen wollen, hält sich den ganzen Tag über in Grenzen. Sondern, wie einer von ihnen sagt, um zu reagieren, wenn es Probleme gebe: «Diskussion ist okay, Herumschreien nicht», fasst er die Devise zusammen.
Nach den 9-Uhr-Nachrichten beginnt die Sendung. Nachrichten und eingespielte Musik werden sie den ganzen Tag umrahmen, der ganz normale DRS-1-Rahmen eben. Zentrum des restlichen Programms ist zwischen 9 und 17 Uhr der Saal des «Centre de Culture», wo die DRS-1-MitarbeiterInnen ihr Equipment aufgebaut haben: Am «Online»-Tisch arbeiten zwei Personen, am «Produzenten»-Tisch unterhalten sich Edith Gillmann und Daniel Hitzig, bei den vier Mitarbeitern im Bereich «Technik» werden Leitungen gecheckt. Davor stehen zwei Tischchen, an denen Moderator Thomy Scherrer in den Papieren mit seinen Moderationstexten blättert.
Scherrer ist an diesem Tag die Drehscheibe zwischen «drinnen» und «draussen». «Drinnen», im Saal, interviewt er die Experten, vom Historiker mit Schwerpunkt Erdöl über den früheren Leiter des ETH-Zentrums für Energiepolitik und Ökonomie bis zum Fachmann für Alternativenergien. Und von «draussen» kommen verschiedene Einspielungen, vor allem aber immer wieder Live-Schaltungen: zu Reporterin Daniela Huwyler, die auf dem Mont Crosin die Montage einer Windturbine verfolgt, und zu Reporterin Christine Hubacher, die im oberen Stock des «Centre» die «Zukunftswerkstatt» begleitet.
Die «Zukunftswerkstatt» bildet quasi einen Gegenpol zu den ExpertInnen im Studio: Hier diskutieren zehn Publikums-ExpertInnen, DRS-1-HörerInnen, die sich gemeldet haben und unter dem Aspekt, ein möglichst breites Meinungsspektrum abzudecken, ausgewählt wurden. Begleitet von Reporterin Hubacher und Patrick Frey, Schauspieler und Verleger, der als «Dr. Future» eine Art Gruppenleiter- und Zusammenfasserfunktion einnimmt, tagt die Gruppe am Vormittag hinter geschlossenen Türen. «Es ist wichtig, dass sie in Ruhe diskutieren und Ideen entwickeln können, ohne dass jemand von aussen sie hört», sagt Dora Amhof, publizistische Tagesverantwortliche und Projektleiterin von «Mit DRS 1 i d’Zuekunft», später: «Diesmal ging es sehr lebendig zu und her.»
Wie «lebendig» erzählt Frey im Interview während der Sendung: Es werde «heftig» diskutiert zum Thema AKW, unter den ZukunftswerkstättlerInnen gebe es «Eiferer, Prediger, Dozenten und schon fast Sektierer». Er, Frey, habe manche davon «durch schiere Lautstärke» stoppen müssen. «Diskussion ist okay, Herumschreien nicht» – die Devise der Securitas-Leute vor dem Eingang lässt sich in der «Zukunftswerkstatt» offenbar nur schwer durchsetzen. Dass genau nach dem Interview mit Frey der Michael-Jackson-Song «Heal the World» gespielt wird, entlockt dem einen oder anderen Anwesenden ein Lächeln.

Zu wenig französische Chansons
Das Publikum wächst zwischenzeitlich auf gegen zwanzig Personen an, mehrheitlich ältere Leute, vor allem Paare, sowie Familien mit Kindern. Jedesmal, wenn eine der Gratisführungen zum Solarkraftwerk auf dem Mont Soleil startet, schrumpft die Zahl der ZuhörerInnen massiv. Zu den treuesten Saal-Sitzern gehören an diesem Tag ausgerechnet zwei französisch sprechende Rentner, schliesslich befinden wir uns im Berner Jura. Der eine versteht Deutsch und dolmetscht halblaut für seinen Begleiter, was ihnen den einen oder anderen «Pssst»-Blick einbringt. Der Dolmetschende ist unzufrieden: Gerade heute, wo ausnahmsweise aus der Romandie gesendet werde, beschwert er sich, würden nur englisch- und deutschsprachige Musikstücke gespielt. Er vermisst französische Chansons. Als dann – endlich – am späten Nachmittag Michael von der Heide mit seinem «Voisin Inconnu» eingespielt wird, reagiert er nicht. Liegt es an von der Heides Französisch?
Die HörerInnen an den Geräten zu Hause kümmern sich derweil weniger um die Musik. Sie reagieren auf das Thema Energie, mit E-Mails und Telefonanrufen. Produzent Daniel Hitzig fasst den ganzen Tag über immer wieder zusammen, zitiert, leitet Fragen weiter. Volkes Stimme wird in ihrer ganzen Breite gehört: Hitzig erwähnt auch jene Zuhörerin, die findet, das Energieproblem solle gelöst werden, indem die Bevölkerung in der Dritten Welt sterilisiert werde. Andere suchen nach Möglichkeiten, Energie zu sparen, geben Tipps und Ideen weiter. Ein Schreiner will wissen, weshalb das Restholz in den Wäldern nicht zum Heizen gebraucht wird – er selber mache das so. Andere, die Solarpanels aufstellen wollen, kritisieren die Haltung von Gemeinden und Elektrizitätswerken. AKWs und mögliche CO2-Reduktionen beschäftigen viele, einige reagieren heftig auf die Idee, die Preise für Strom massiv zu erhöhen. Die Palette der Reaktionen reicht von Kleinstanliegen bis zu grossen Grundsatzaussagen, kurz: Das DRS-1-Publikum denkt mit, arbeitet mit an wichtigen Zukunftsthemen, motiviert durch DRS 1 – das ist Service public. «Der Service public ist unser Grundauftrag, nicht auf Knopfdruck, sondern immer. Bei Projekten wie diesen ist er natürlich besonders wahrnehmbar», sagt Programmleiter Christoph Gebel.

Am Schluss ein Buch
Die Ideen, Visionen und Vorschläge, die in den zehn «Mit DRS 1 i d’Zuekunft»-Tagen zusammenkommen, werden laut Gebel im Netz und auch in einem Buch veröffentlicht: «Ausserdem überlegen wir uns, in der letzten Sendung die Resultate aller Veranstaltungen Leuten aus Politik, Medien und Bildungswesen zu übergeben.» So wird aus den «Zuekunfts»-Tagen eine Bevölkerungsbefragung.
Mit einfliessen werden auch die Ideen der «Zukunftswerkstatt» in St. Imier. Nach der Mittagspause, als ein Augenschein im oberen Stock möglich ist, herrscht dort ein «gschaffiges» Klima: Die acht Teilnehmer und zwei Teilnehmerinnen arbeiten in drei Gruppen je an einem Themenbereich. Später werden sie die entsprechenden Fragen an die drei Nachmittagsgäste stellen, an die grünliberale Ständerätin Verena Diener, den wirtschaftsliberalen Publizisten Beat Kappeler und Patrick Hofstetter, Leiter Klimapolitik des WWF. Die Resultate ihrer Diskussionen, ihre Ideen für eine Energiezukunft stellen sie dann zum Abschluss des «Zuekunfts»-Tages vor.
Am Ende verabschiedet sich Produzent Daniel Hitzig von den DRS-1-HörerInnen mit den Worten: «Wenn jetzt bei Ihnen zu Hause die Diskussion weitergeht, in der Familie, am Arbeitsplatz, abends in der Beiz, ist das eigentlich das, was wir gewollt haben.»
Das dürfte gelungen sein.

8. September 2010 von Daniel Goldstein

Textbausteine im Kopf

Originalität sieht anders aus als dieser Satz. Nämlich neu und packend, aber solche Qualitäten sind gefährdet, wenn das Momentum zuschlägt. Will heissen: Wenn andere finden, so fühle sich eine flotte Schreibe an, und sie nachzuahmen beginnen. Fakt ist: Ein Ausdruck kann noch so originell zur Welt kommen – breitet er sich aus, so nutzt er sich ab.
Aber der Reihe nach: Hier geht es um Formulierungen, die einst neu waren und – zumindest den Schreibenden – Freude machten. Aufmerksam Lesende merken es, und sofern sie auch Schreibende sind, machen sie es nach. Und so werden die einst originellen Wendungen zuerst zum Gemeinplatz und dann zum Ärgernis. Zumindest für weiterhin aufmerksam Lesende, die spüren, wenn jemand Textbausteine im Kopf hat.
Da staunt man dann nicht mehr Bauklötze, sondern beginnt sich zu fragen, ob dem Verbum delicti vielleicht ein Geburtsfehler anhaftet, der bei häufigem Gebrauch stärker zutage tritt. Und man wird fast immer fündig. «Der Reihe nach» zum Beispiel: Es wird gesetzt, wenn ein Text mit einer heillosen Verwirrung begonnen hat, die die Leserin neugierig machen soll. Manchmal mag das funktionieren, aber Journalismus aus dem Lehrbuch ist es nicht: Der verlangt, dass man von Anfang an Klarheit schafft. «Will heissen»: Dass man den Leser nicht an der (Wunder-)Nase herumführt. Doch wer oder was will da etwas? Offenbar der vorangegangene Satz, aber «Fakt ist»: Ein Satz hat nun mal keinen Willen, er drückt höchstens einen aus, soll also etwas heissen. Und ein Fakt ist schlicht eine Tatsache. Ich habe einmal gelesen, das Fremdwort habe zuerst in der DDR Fuss gefasst. Das muss man ja nicht gerade für einen Geburtsfehler halten, aber eine Bereicherung der deutschen Sprache gibt es hier auch nicht zu feiern.
Ebenso wenig hat es gebracht, «Momentum» und «sich anfühlen» zu importieren, wohl beides aus dem Englischen. «What does it feel like to have the momentum?» Es ist ein schönes Gefühl, wenn man den Schwung für sich hat, sei es in der Politik oder im Sport.

Aktuelles Heft:

 

EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr