9. November 2009 von Nick Lüthi

«Fast wie Parasiten»

Zerrbild oder Realität?

Zerrbild oder Realiät?

Das Publikum verliert das Vertrauen in die JournalistInnen, weil es kein Bild davon hat, was Journalismus genau ist und was nicht.

Wer sich als Journalist outet in einem Kreis von Menschen, die selbst nicht in den Medien tätig sind, darf weder mit Bewunderung noch mit Wertschätzung für seinen Berufsstand rechnen. Keine Respektbezeugung für den uneigennützigen Aufklärer im Dienste von Gesellschaft und Demokratie. Höchstens ein knappes Aha – so einer bist du also, ein Wahrheitsverdreher. «Voreingenommen, faul, grössenwahnsinnig und mässig schlau» seien 96 Prozent der JournalistInnen, twitterte die Schriftstellerin Sibylle Berg unlängst und nannte damit die wichtigsten Vorurteile beim Namen. Mit «schlecht gekleidet» und «dem Alkohol zugeneigt» liesse sich das Sündenregister weiter ergänzen. Wagt es ein Journalist dann noch, um Verständnis zu werben für die schwierigen Umstände, in denen sich die Branche und speziell die Medienschaffenden heute befinden, reizt dies den gemeinen Medienkonsumenten erst recht: Bequemes Pack, geschieht denen nur recht, und weshalb bitte sollte es ausgerechnet den verwöhnten, gut verdienenden JournalistInnen besser ergehen als anderen Berufsleuten, die unter der Wirtschaftskrise leiden? Etwas weniger emotional, aber deswegen nicht minder grundsätzlich, kann die Kritik, wie kürzlich gehört, so lauten: «Journalisten mag ich nicht. Die sind irgendwie so passiv. Ein Manager ist aktiv, der tut etwas. Journalisten dagegen leben von anderen, beobachten sie nur und tun selber nichts. Fast wie Parasiten.» – Den bedenklichen Befund gibts nicht nur als Ansammlung spontaner und zufällig aufgeschnappter Äusserungen, sondern auch schwarz auf weiss und in Zahlenform.

Keine Chance gegen Piloten
Dass es mit dem Vertrauen der Bevölkerung in die Berufsgruppe der JournalistInnen tatsächlich nicht weit her ist, zeigt seit acht Jahren die europaweit durchgeführte Konsumentenstudie von Reader’s Digest. Über 70 Prozent der rund tausend befragten SchweizerInnen bringen den JournalistInnen gar kein oder nur geringes Vertrauen entgegen, wie die Untersuchung in diesem Jahr ergab. Damit liegen sie auf dem wenig schmeichelhaften Platz 15 von insgesamt 19 abgefragten Berufsgruppen. Obenaus schwingen die Piloten, sie haben auf dem Spitzenplatz die Feuerwehrleute abgelöst.
Für die Schweizer JournalistInnen gibt es immerhin zweierlei Trost. Erstens liegen sie mit ihren schwachen Vertrauenswerten immer noch leicht über dem Durchschnitt ihrer KollegInnen in anderen Ländern Europas, zweitens befinden sich hinter ihnen auf der Liste noch die FinanzberaterInnen, AutoverkäuferInnen, Fussballer und PolitikerInnen. Zudem sind die Aussagen insofern mit Vorsicht zu geniessen, als dass die obsiegenden Piloten, Feuerwehrleute und ÄrztInnen den Menschen meist sehr direkt erfahrbar Gutes tun, während JournalistInnen in der Regel nur indirekt – medial vermittelt eben – den Zugang zum Publikum finden.
Was diese tiefen Vertrauenswerte­ bedeuten, wird erst klar, wenn zusätzlich auch noch die Erwartungen der Bevölkerung an den Journalismus erfasst werden. Bei keiner andern Berufsgruppe sind die Erwartungen im Verhältnis so hoch und das Vertrauen­ so gering. Mit fatalen Konsequenzen: «Aus Sicht der Bürger wird der Journalismus seiner gesellschaftlichen Rolle nicht hinreichend gerecht und enttäuscht die Bevölkerung in ihren Erwartungen erheblich.» Zu diesem Befund kommen Wolfgang Donsbach von der Uni Dresden und seine MitautorInnen in der aktuellen Studie «Entzauberung eines Berufs. Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden». Die Befunde der Studie sind insgesamt besorgniserregend und dürften in ähnlichem Masse auch auf die Verhältnisse in der Schweiz zutreffen.
Enttäuscht zeigen sich die Befragten vor allem von den Tugenden und Charaktereigenschaften der JournalistInnen. Man wünscht sich Fleiss und Ehrgeiz, Toleranz, Rücksichtnahme, Unabhängigkeit in den Redaktionsstuben. Stattdessen findet eine Mehrheit, wie Donsbach zugespitzt formuliert, JournalistInnen seien «zugunsten der eigenen Interes­sen gegenüber anderen rücksichtslos und egozentrisch und haben damit viel mehr Macht, als ihnen eigentlich zusteht». So verwundert es denn auch nicht, wenn eine Mehrheit der Befragten JournalistInnen für mächtiger als PolitikerInnen hält und das wiederum nicht gut findet.

Das Problem hat einen Namen: Medienverdrossenheit
Sicher, Medienschaffende eignen sich ideal als Blitzableiter. Schon in der Antike galt: Der Überbringer schlechter Nachrichten wird geköpft. Gründe für die vernichtenden Reaktionen sind auf zwei Seiten zu suchen. Zum einen hat das Publikum wenig Ahnung davon, wie der Medienbetrieb funktioniert. Das fördert Vorurteile und Zerrbilder. Ein Grund für die aktuelle Vertrauenskrise sei der Umstand, «dass es der Bevölkerung mittlerweile an einer klaren Vorstellung fehlt, was Journalismus ist und was nicht», liess sich Professor Donsbach bei Veröffentlichung der Studie im vergangenen Mai zitieren. Zum anderen tragen JournalistInnen mit ihrer täglichen Arbeit selbst zum negativen Image bei. Unethisches Verhalten, sei es bei der Darstellung von Opfern, dem fehlenden Respekt vor der Privatsphäre, aber auch der Hang zu Boulevard, wo doch das Publikum «mehr sachliche Substanz verlangt», prägen das negative Image der JournalistInnen.
Was tun? Wolfgang Donsbach sieht an zentraler Stelle eine Medienverdrossenheit, die als solche benannt und erkannt werden soll, nicht anders als bei der Politikverdrossenheit. Gegensteuer geben sollen die Redaktionen, die nicht alle Gemeinplätze über die Sensationsgier des Publikums glauben sollten. Weiter, so Donsbach, seien Schulen und LehrerInnen gefordert, die einen wichtigen Beitrag zur Mediensozialisation leisten könnten. Und last, but not least sei der Medienjournalismus gefragt, «der bisher in der Branche noch recht stiefmütterlich behandelt wird».

Wolfgang Donsbach et al.: «Entzauberung eines Berufs. Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden». UVK Konstanz, 2009.

9. November 2009 von Bettina Büsser

Journalisten in der Schweiz: Klima-Problem

JournalistInnen in der Schweiz finden ihre Arbeit abwechslungsreich. In der Regel verdienen sie gut – trotzdem sind sie unzufrieden.

Wer genau sind eigentlich die Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz, was tun sie und warum? Eine noch unveröffentlichte Studie* gibt Auskunft. Mitautor Vinzenz Wyss hat KLARTEXT einen ersten Blick in die Ergebnisse gewährt. Da dieselbe Umfrage schon vor zehn Jahren durchgeführt wurde, lassen sich auch Vergleiche auf der Zeitachse anstellen. «Sehr stabil», ist Wyss’ Hauptfazit. Doch dort, wo sich Veränderungen zeigen, gibt es dafür interessante Erklärungen. Etwa beim Alter: Die JournalistInnen sind älter geworden. Vor zehn Jahren waren die meisten 31 bis 35 Jahre alt, heute 36 bis 40. Wyss erklärt das so: «Früher hatten die Leute, die in die PR gingen, einen journalistischen Hintergrund. In der politischen PR ist das noch so, in der Wirtschafts-PR hingegen braucht es sie nicht mehr, sie sind zu kritisch, zu wenig anpassungsfähig. So ist ein Weg, der vom Journalismus wegführt, versperrt, die Leute bleiben im Journalismus.»
Nach wie vor arbeitet eine Mehrheit der JournalistInnen für Zeitungen und Zeitschriften. Und weiterhin ist eine deutliche Mehrheit der Berufsleute männlich; der Frauenanteil liegt knapp über einem Drittel. Klassisch sind die Arbeitsbereiche: In Tages- und Lokalzeitungen, wo vor allem Politik, Wirtschaft und Sport wichtig sind, liegt der Frauenanteil unter dem Durchschnitt. In Wochen- und Sonntagszeitungen, Illustrierten und Zeitschriften hingegen ist er überdurchschnittlich; hier geht es ja zusätzlich um Unterhaltung, People und Lifestyle. «Die Klischeevorstellungen werden schön bestätigt», findet Wyss. Bei den SRG-Sendern hingegen liegen die Frauenanteile über dem Durchschnitt, denn die SRG hat sich selbst eine Frauenquote verordnet.
Fast die Hälfte der JournalistInnen verfügt über einen akademischen Abschluss, allerdings nicht unbedingt auf einem naheliegenden Gebiet wie Publizistik oder Medienwissenschaft. Irgendeine journalistische Ausbildung – von Praktikum bis Hochschule – haben mehr als 80 Prozent der Befragten absolviert. Fast jeder sechste Medienschaffende hat sich das nötige Fachwissen autodidaktisch «on the job» angeeignet. Auffällig auch: Die Zahl derjenigen, die über ein Volontariat in den Beruf eingestiegen sind, nahm im Vergleich zur letzten Studie ab. «Es ist offenbar weniger klar, dass es Plätze in Medienunternehmen gibt, wo Leute den Beruf in der Praxis lernen können», kommentiert Wyss. «Das sehe ich als Deprofessionalisierung.»

Wenig Zeit für Recherche
Die meisten der Befragten verdienten zwischen 4000 und 8000 Franken im Monat. Allerdings wurden die Daten der aktuellen Studie vor der Wirtschaftskrise erhoben; wahrscheinlich sieht die Lohnstatistik heute anders aus. Anders als vor der Krise würden heute vermutlich auch die Antworten zur Berufszufriedenheit ausfallen – obwohl bereits bei der Befragung, die Ende 2007 und Anfang 2008 durchgeführt wurde, rund 40 Prozent der Befragten angaben, sie seien unzufrieden mit der Arbeitsplatzsicherheit. Diese Zahl dürfte nach den Entlassungen in nahezu jedem Medienunternehmen weiter gestiegen sein. Als «abwechslungsreich» bezeichneten fast alle Befragten ihren Beruf, doch fast ein Drittel war unzufrieden mit der Zeit, die für Recherchen bleibt. Und: Zwei Drittel der Befragten zeigten sich bereits vor fast zwei Jahren «unzufrieden» mit dem «Klima in der Medienbranche».
Das Berufsverständnis ist über die Jahre stabil geblieben: Eine gros­se Mehrheit der JournalistInnen sieht sich weiterhin als neutrale BerichterstatterInnen. Eine etwas kleinere Gruppe sieht sich als AnalytikerIn, KritikerIn und KommentatorIn. Weniger genannt werden publikumsorientierte Rollen wie RatgeberIn, DienstleisterIn und AnimatorIn. Ganz am Ende stehen ökonomische Rollenbilder wie InformationsunternehmerIn, VermarkterIn. «Als ‹Vermarkter› benennen sich nur Gratiszeitungs-Journalisten», merkt Wyss an.
Ähnlich sieht es auch bei der Frage aus, wovon sich JournalistInnen beeinflussen lassen. Am häufigsten genannt werden Einflüsse wie die eigenen Vorstellungen über Journalismus, erwartete Vorlieben des Publikums und redaktionelles Selbstverständnis. Dahinter – und immer noch von einer Mehrheit genannt – liegen KollegInnen, andere Medien, Freunde und Bekannte. Nur Minderheiten zählen Publikumsforschung, betriebswirtschaftliche Interessen, gesellschaftliche Akteure und die Werbewirtschaft zu den wichtigen Einflüssen auf ihre Arbeit. Auffällig dabei: MitarbeiterInnen von Gratiszeitungen und von SRG-Fernsehstationen nennen «betriebswirtschaftliche Interessen» weit häufiger als die übrigen Befragten. Und fast die Hälfte der Gratiszeitungs-JournalistInnen bezeichnet die Werbewirtschaft als wichtigen Einfluss. «Es fragt sich, was das längerfristig bedeutet», sagt Wyss. «Gerade bei Gratiszeitungen arbeiten viele junge Leute. Wenn sie im Unternehmen so sozialisiert werden, werden sie dieses Element im Berufsbild auch später für selbstverständlich halten.»

* Die Studie «Journalisten in der Schweiz» erscheint voraussichtlich im Frühling 2010.

Mirko Marr, Vinzenz Wyss, Roger Blum, Heinz Bonfadelli: «Journalisten in der Schweiz. Eigenschaften, Einstellungen, Einflüsse». Reihe Forschungsfeld Kommunikation, Bd. 13, Konstanz, UVK Medien, 2001.

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