2. November 2009 von René Worni

Peter Fasler: «Das Internet riecht nach nichts»

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Peter Fasler (66) sieht alte Hasen wie sich selbst als Qualitätsgaranten auf den Redaktionen.

Von Pensionierung will er nichts wissen. Peter Fasler ist 66 und arbeitet seit zwei Jahren beim «Sonntag» als Produzent. «Ich brauche im Leben eine gewisse Spannung um mich herum, und das bietet der Journalismus nach wie vor.» An einer steilen Karriere war der in Baden Aufgewachsene, der schon lange in Zürich lebt, nie interessiert. Ein Fernstudium in Political Development an der Universität Birmingham macht er derzeit aus persönlichem Interesse an den Ländern des Südens. Als Korrespondent hat Fasler Asien, Lateinamerika und Afrika bereist.

Wie die meisten JournalistInnen seiner Generation unternahm er seine ersten Gehversuche bei einer Regionalzeitung; in den 60er Jahren begann er beim «Badener Tagblatt» und wechselte später, parallel zum Politologiestudium in Berlin, zur «Automobil-Revue». Weitere Stationen waren das einstige Wochenmagazin «Sie + Er», für das Fasler zum Beispiel im Schwarzen September 1970 über den Aufstand der PLO aus Jordanien berichtete. Nach einem kurzen Seitenwechsel als Pressechef von IBM drehte er als Regisseur und Filmautor rund 30 Filme für das «CH-Magazin» des Schweizer Fernsehens, unter anderem über das Atomzwischenlager in Lucens oder den Fluorskandal im Wallis. Sein kritischer Fokus kostete ihn den Job. «Das war eine Ehre», erinnert er sich. Fasler baute auch die Nachrichtenredaktion von Radio 24 auf und organisierte die beiden Solidaritätsdemonstrationen für den Piratensender. Fasler schrieb zudem für die «Weltwoche» und das «Sunday Times Magazine» über die Entwicklungen in Fernost, nicht zuletzt, weil er mit einer Chinesin verheiratet war. Fasler war auch selbstständiger Unternehmer und machte Kommunikationsberatung für kleine und mittlere Betriebe.

Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung der Medien könne er jungen Leuten den Journalistenberuf nicht mehr mit gutem Gewissen empfehlen. «Wenn ich die Neuen beobachte, dann tut es mir weh, dass die Leute die meiste Zeit am Telefon hängen und im Internet surfen, anstatt hinauszugehen», sagt Fasler. Denn aus der Büroperspektive seien keine authentischen Geschichten machbar; dafür müsse man am Ort des Geschehens Eindrücke sammeln, Leute kennenlernen und auf den Geschmack der Story kommen. «Das Internet riecht eben nach nichts.» Die Fülle von verfügbaren Informationen führe heutzutage leider nicht automatisch zu besseren Artikeln. «Heute wirken sich Personalmangel und der Zwang zu hohem Output negativ auf die Qualität aus.»

Fasler spricht aus Erfahrung, denn er war unter anderem 20 Jahre lang Produzent bei der «Sonntags-Zeitung». Der Qualitätsverlust zeige sich konkret darin, dass die Bearbeitung der Fakten nicht mehr sorgfältig geschehe und etwa falsche oder falsch geschriebene Namen in die Artikel rutschten. Fehle die Zeit, um nachzuhaken, dann leide das ganze Produkt. Und wenn man mal Zeit habe, dann werde man von PR-Leuten mit nichtssagenden Informationen abgespeist. Tausende Informationslieferanten machten eine vernünftige Selektion immer schwieriger. «Wir müssten alle mehr Zeit haben, um unsere Arbeit sorgfältiger machen zu können.»

Die JournalistInnen alter Schule sieht Fasler klar als QualitätsgarantInnen. Doch der Stellenabbau in der Branche trifft viele der bewährten Leute. Alles drehe sich bloss um die Kosten und es sei zu erwarten, dass die während der Krise weggesparten Leute nicht mehr ersetzt würden, weil man ja bewiesen habe, dass es auch ohne sie gehe. Gerne würde er jüngere JournalistInnen an seinen Erfahrungen teilhaben lassen, aber das sei unter den veränderten Bedingungen äusserst schwierig. Für Fasler bleibt der Beruf dennoch eine Erfüllung. Sein nächstes Projekt heisst Kamerun. Von dort aus möchte er die Hälfte des Jahres als freischaffender Korrespondent für deutschsprachige Blätter schreiben. In den Zeitungen sei Afrika trotz hochinteressanter politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen immer noch ein vergessener Kontinent. «Ich bin eben ein Abenteurer. Wenn ich nicht mehr neugierig bin, dann werde ich alt.»

26. Oktober 2009 von Helen Brügger

Gratwanderung auf der richtigen Seite

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Journalismus gleich direkt von Unternehmen finanzieren lassen anstatt indirekt über Inserate: Pierre Grosjean und Gabriel Sigrist sind mit Corporate Publishing gut im Geschäft.

Niemand wusste, wer die pikanten Details ausplauderte, mit denen Ende der Neunzigerjahre im Internet ein gewisser «Innocent» die Verantwortlichen des Fusionsprojekts zwischen «Journal de Genève» und «Nouveau Quotidien» – beide Zeitungen gehören heute der Geschichte an – zur Verzweiflung trieb. Was heute gang und gäbe ist, ein Blog mit anonymen Beiträgen, war damals ein Skandal, der sogar die Polizei auf den Plan rief. Doch die Autorschaft von «Innocent» konnte nicht geknackt werden; schliesslich enttarnten sich die Urheber aus freien Stücken selbst: Sie hiessen Pierre Grosjean, Ökonom, sowie Gabriel Sigrist, Informatikingenieur; beide arbeiteten als Journalisten beim «Nouveau Quotidien».
Aus «Innocent» wurde das freche Online-Magazin «largeur.com», das sich seither, zehn Jahre ist es her, durch die Qualität seiner Beiträge auszeichnet. Viel Geld liess und lässt sich damit allerdings nicht verdienen, sodass Sigrist und Grosjean ihre Aktivität auf das Schreiben von Artikeln für Printmedien ausweiteten. 2003 stürzten sie sich schliesslich ins Abenteuer Corporate Publishing, das Herstellen von auf Mass geschneiderten Kunden- oder Mitarbeitermagazinen für Unternehmen. Zu ihren Kunden gehören etwa die Genfer Fluggesellschaft Flybaboo, die ETH Lausanne, die Genfer Verkehrsbetriebe oder das Lausanner Universitätsspital und das von der Automobilindustrie finanzierte Luxusmagazin «Trajectoire». Ihr Erfolgsrezept: «Wir weiten das Themenspektrum der Publikationen so aus, dass sie auch ein breiteres Publikum ansprechen.»

«Wir machen keine PR!»
Rund vierzig Prozent der Einnahmen stammen heute aus dem Verkauf von Zeitungsartikeln, rund sechzig Prozent bringt das Corporate Publishing ein, das Online-Magazin «largeur.com» ist knapp selbstdeckend. Seit Mitte Juli sind die journalistischen Aktivitäten von Pierre Grosjean und Gabriel Sig­rist unter Largeur.com gebündelt, ihre Agentur- und Corporate-Publishing-Aktivitäten unter der Marke LargeNetwork. Gleichzeitig haben sich die smarten Genfer mit dem Zürcher Corporate-Publishing-Unternehmen Infel zusammengetan, um, wie sie selbstbewusst mitteilen, zum nationalen Marktleader im Corporate Publishing zu werden. «Wir können unseren nationalen oder internationalen Kunden jetzt einen zweisprachigen Service anbieten, der viel mehr Qualität und Authentizität bietet als Übersetzungen», sagen Sigrist und Grosjean stolz.
Verstehen sich die beiden trotz weitverzweigter Tätigkeit weiterhin als Journalisten? «Hundertprozentig ja», sagen sie. Es gehöre zu ihrer Beratertätigkeit, den Kunden klarzumachen: «Wir machen keine PR, wir machen Journalismus!» Auch ein Kundenmagazin und eine Mitarbeiterzeitung müssten in erster Linie das Interesse der LeserInnen im Auge haben. «Wenn der Leser das Magazin gerne liest, hat er auch das Unternehmen gern.»
Wie steht es aber mit dem Einfluss des Auftraggebers auf ihre Arbeit, sind sie da nicht abhängig von dessen Wünschen? Mit der Unabhängigkeit sei das so eine Sache: «Wir kündigen klar an, dies ist das Magazin von diesem oder jenem Unternehmen und wird von ihm bezahlt.» Das sei auf jeden Fall transparenter, als wenn die Inserenten indirekten Einfluss ausübten, wie es in sogenannt unabhängigen Medien oft der Fall sei. Und wie steht es mit allfälligen Interessenkonflikten zwischen Corporate Publishing und Journalismus? «Wir machen den Kunden klar, dass wir nicht über sie schreiben, weder im positiven noch im negativen Sinn» – von daher sei ihr «Business Model» auch begrenzt: «Je mehr Corporate-Publishing-Kunden wir haben, desto weniger Themen haben wir für unser Online-Magazin oder für unseren Agenturjournalismus.» Doch im Moment, lachen die beiden, sei das noch kein Problem: «Wir sind in einer Nische tätig, die sich noch ausweiten lässt.»

«Journalismus ist nicht tot»
Unverzichtbar in dieser Nische ist für sie weiterhin das Online-Magazin, an dem sie festhalten – «aus emotionalen Gründen, aber auch, weil es uns eine grosse Bekanntheit verschafft». «Largeur.com» hat immerhin 100’000 regelmässige Besucher pro Monat, mehr als die Hälfte von ihnen sind gemäss einer Umfrage im universitären Bereich tätig. Interaktivität? «Das war für uns ein Thema auf ‹Innocent›, heute machen das alle, wir nicht mehr. Unser Mehrwert liegt im unverwechselbaren Inhalt.»
Die innovativen Macher haben denn auch eine klare Vorstellung davon, wie es im Journalismus weitergehen soll: «Nicht der Journalismus ist am Sterben, sondern ein gewisses Geschäftsmodell im Print.» Verzweifelt versuchten die Verleger, ihre Zeitungen neuen Konsumgewohnheiten anzupassen und im Internet nachzuholen, was sie verpennt hätten. «Sie laden ein Maximum an Informationen aufs Netz», dabei gelte auch Online, was im Print schon lange gelten sollte: «Der Leser will nicht Quantität, sondern Qualität, er will nicht den ewig gleichen Infobrei, sondern klare Hierarchien zwischen Wichtigem und Unwichtigem, er will pointierte Analysen und kluge Kommentare, die Bojen in die Informationsflut setzen.» Keine andere journalistische Tätigkeit habe aber einen «so klar erkennbaren journalistischen Mehrwert» wie der Recherchierjournalismus, der heute ein Dornröschendasein friste. «Wir sind überzeugt, dass er schon bald ein grosses Comeback feiert.»
An der Wand des kleinen Büros in der Nähe des Genfer Bahnhofs hängt in grossen Lettern der Spruch: «You cannot not change the world». Ist das ihre Maxime? «Nein, das war nur mal so ein Gag.» Wirklich?

Unabhängig und transparent
nil./ «Journalist» ist kein geschützter Titel und das Berufsfeld offener und weiter denn je. Wer im Sold von Unternehmen oder Institutionen recherchiert, Kundenmagazine und Mitgliederzeitschriften redigiert, arbeitet auch als Journalist. Das mag zwar den Hütern der reinen Lehre, die den Journalismus einzig der Öffentlichkeit verpflichtet sehen, Bauchschmerzen bereiten. Doch zeichnet sich die neudeutsch Corporate Publishing genannte Unternehmens­publizistik durch einen vergleichsweise hohen Grad an Transparenz und Unabhängigkeit aus. Es gibt genau einen­ blinden Fleck, nämlich den Absender: Über diesen wird sicher kein kritisches Wort zu vernehmen sein. Aber das erwartet auch niemand. Dagegen sind die Corporate-JournalistInnen keinen Pressionen von Anzeigenkunden ausgesetzt. Unter solchen Bedingungen kann durchaus Journalismus gedeihen, der es mit dem real existierenden «freien» Medienschaffen aufnehmen kann.

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