8. Oktober 2009 von Nick Lüthi

«Was über Medien sonst nicht zu erfahren ist», KLARTEXT Nr. 1/1980

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In grossen Lettern zierte der programmatische Anspruch die Titelseite der Erstausgabe. «Was über Medien sonst nicht zu erfahren ist.» Daran wollen wir uns auch knapp dreissig Jahre nach KLARTEXT-Gründung halten. Was sich seit 1980 in der schweizerischen Medienlandschaft auch immer verändert hat (und es ist vieles), in einem Punkt blieb alles beim Alten: Medienunternehmen, redaktionen und JournalistInnen stellen zwar permanent Öffentlichkeit her, zerren zu recht ans Licht, was andere im Dunkeln lassen wollen, wirbeln
und weibeln, wenn es darum geht, echte und vermeintkiche Skandale aufzudecken. Geht es aber um einen kritischen Blick auf ihr eigenes Handeln, ist es plötzlich
nicht mehr weit her mit der Forderung nach maximaler Transparenz.

Kontinuierliche Selbstbeobachtung zählen die meisten Medienunternehmen zum Schönwetterprogramm. Die Fremdbeobachtung soll ihnen aber nicht erspart bleiben. Als unabhängige Publikation können und wollen wir hierzu weiterhin unseren bescheidenen Beitrag leisten. Etwa indem wir, wie im vorliegenden Heft, danach fragen, wer genau die Menschen sind, die täglich Medien machen. «Ein Beruf unter der Lupe» heisst unser aktueller Schwerpunkt. Zur Kontinuität, zu unserer Geschichte, auf die wir bauen, gehört genauso der Wandel. Sichtbares Zeichen dafür ist das Heft, das Sie in den Händen halten. Ein KLARTEXT, wie Sie ihn noch nie gesehen haben. Mit einem zeitgemässen, schnörkellosen Layout hat der Schaffhauser Mediengestalter Matthias Schwyn unserem Namen alle Ehre gemacht: Der Text kommt klar zur Geltung. Dank einem harmonischen Dreiklang von Text, Bild und Weissraum steht dem Lesegenuss nichts mehr im Weg.

Wir sind davon überzeugt, dass es weiterhin ein Publikum gibt, das die Lektüre auf Papier jener am Bildschirm vorzieht. Für alle passionierten BildschirmleserInnen haben wir aber auch vorgesorgt. Die Webseite www.klartext.ch erstrahlt ebenfalls in neuem Glanz. Und nicht nur die Oberfläche ist frisch gestaltet, auch unser Archiv mit den Beständen seit 1990 steht zur freien Nutzung bereit.

8. Oktober 2009 von Bettina Büsser

Ein bisschen neue Form vor altem Inhalt

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«Tages-Anzeiger» und NZZ erscheinen seit ein paar Wochen im neuen Kleid. Was bedeutet das für die Positionierung der Zeitungen? Und was für die Redaktionen?

Die Diskussion läuft so heftig wie jedes Mal, wenn eine Zeitung im neuen Kleid erscheint: Wie «eine Gratiszeitung» sehe der neue «Tages-Anzeiger» (TA) aus, nein, «wie die NZZ», finden LeserInnen. Viele ärgern sich über die «verschwundene» Wetterseite, finden die Titel, die an «den Linien kleben», unschön; anderen gefällts. Höhnisch zitiert ein Kollege die Aussage von TA-Co-Chefredaktor Res Strehle, der vor dem Relaunch in einem «Sonntag»-Interview sagte: «Die Frontseite soll so gut gestaltet sein, dass man sie am liebsten als Poster an die Wand hängen möchte», und hält dabei die TA-Front hoch. Und die NZZ kriegt nach der Neugestaltung genauso ihr Fett weg: Sie wirke mit dem fünfspaltigen Layout «wie ein Tamedia-Produkt», ärgert sich eine Leserin; manche mögen die «schlecht leserliche Schrift» nicht; manchen hats zu viel Weissraum, andere haben Freude an der «luftigeren» Zeitung. Man wird sich beim TA wie bei der NZZ an einiges gewöhnen. Anderes wird hoffentlich noch nachgebessert.

Jeden Tag Sonntag
Eine Beobachtung machen LeserInnen bei beiden Zeitungen: Sie sind ihren Sonntagsgeschwistern ähnlicher geworden. Beide haben grafische Elemente aufgenommen, die an «NZZ am Sonntag» respektive «SonntagsZeitung» erinnern. Das ist wohl kein Zufall. Wer wollte sich nicht an den Sonntagszeitungen orientieren, die in den letzten Jahren sowohl im LeserInnen- wie im Anzeigenmarkt erfolgreicher waren als die Tageszeitungen? Und so unterschiedlich NZZ und TA auch sind, die Analyse, die der Neugestaltung zugrunde liegt, geht bei beiden in dieselbe Richtung: News holen sich LeserInnen heute anderswo gratis, die Bezahlzeitung muss also etwas anderes bieten: Hintergrund, Eigenleistung, Analyse, Meinung, selbst gesetzte Schwerpunkte, mehr Bildanteil.
Das hat sich optisch bei beiden ähnlich niedergeschlagen: mehr Bild, aufgeräumte Seiten, auf denen nicht mehr Kurzstoffe und längere Geschichten gemischt werden, sondern ordentlich nach Grösse sortiert wird, und vor allem längere Schwerpunkte, deren Charakter durch die Grafik betont wird. Besonders sichtbar ist das beim TA bei den Seiten, die mit farbigen Zierbalken ausgezeichnet werden. Pikant dabei: In den ersten «neuen» TA-Nummern nahmen in zwei Fällen die Balken eher den Farbton der Inserate auf (Otto’s Warenposten und BMW) als den Ton der Bilder auf der Seite. Christoph Zimmer, Leiter Unternehmenskommunikation Tamedia, sagt: «Die Farbe des Balkens ergibt sich aus der Grundtonalität des Bildes im redaktionellen Text auf diesen Seiten. Dass es in den zwei genannten Fällen darüber hinaus eine Nähe zum Farbton eines Inserates gab, ist reiner Zufall. Sie werden in den nächsten Wochen sehen, dass es zwischen Farbbalken und Inseraten keinen Zusammenhang gibt.»
Die klare Betonung der Schwerpunkte – in der NZZ mit Bildern und im TA mit Bildern und Balken – erleichtert die LeserInnenführung. Gleichzeitig kann so eine Doppelseite zu einem Thema ganz schön einschüchtern – vor allem an einem Werktagmorgen, wenn die Arbeit wartet. Soll ich den Artikel noch lesen? Und, wenn nein, werde ich ihn abends lesen oder überhaupt nicht? Werktag und Sonntag unterscheiden sich von der Zeit her, die LeserInnen für die Zeitung zur Verfügung haben.

Wir Kellerkinder vom Lokalressort
Mit der neuen Bundstruktur, die sich beide Zeitungen gegeben haben, bilden sie mehr oder weniger ab, wie sie sich selber sehen: Bei der NZZ gehören die ersten Seiten weiterhin dem internationalen Ressort, dann folgen «Schweiz» und schliesslich «Zürich und Region». Die Regionalberichterstattung hat damit den eigenen Bund verloren, was bei den JournalistInnen nicht nur gute Gefühle weckt: «Wir waren schon immer die Kellerkinder, jetzt müssen wir schauen, dass wir ohne Aufschlagseite nicht verschwinden», ist zu hören.
Beim TA ist die Reihenfolge nach wie vor umgekehrt. Zuerst «Schweiz», dann «International», danach folgt der eigenständige «Zürich»-Bund, neu mit Wechselseiten für die verschiedenen Regionen. Es ist kaum ein Zufall, dass die Tamedia-Spitze den TA als «Regionalzeitung» bezeichnet, obwohl er im Zeitungskopf als «Die unabhängige schweizerische Tageszeitung» geführt wird. Dafür ist der «Kultur»-Bund beim TA weiter nach vorne gerutscht, heisst neu «Kultur & Gesellschaft», gefolgt vom Bund «Wirtschaft», der zuhinterst noch einige Seiten Sport enthält. Dass der Sport keinen eigenen Bund mehr hat, verärgert sportaffine LeserInnen. Bedeutet diese Gewichtung – «Wirtschaft» als Bundaufschlag, «Sport» unter ferner liefen – auch eine andere Positionierung des TA?

Es lebe die Ressort-Autonomie
Bei der NZZ ist in Sachen Wirtschaft alles klar: Das Paraderessort von der Falkenstrasse hat weiterhin seinen eigenen Bund; eine klare Aussage, wo doch die Bundzahl auf drei geschrumpft ist. Bund Nummer drei ist das «Feuilleton» – und es hat sich dem Relaunch entzogen: Während die restliche Zeitung neu fünfspaltig ist, auch die wechselnden Themenseiten am Ende des «Feuilleton»-Bundes, sind die eigentlichen «Feuilleton»-Seiten nach wie vor vierspaltig. «Feuilleton»-Chef Martin Meyer habe das so gewollt und die Extrawurst auch erhalten, ist aus der NZZ-Redaktion zu hören.
Überhaupt hat ein NZZ-Charakteristikum den Relaunch überlebt: die Individualität der einzelnen Ressorts. Wie sonst ist es zu erklären, dass zwar die Devise gilt, grössere Artikel nicht mehr nur mit Kürzel, sondern mit Autorennamen zu zeichnen, sich jedoch gleichzeitig das Wirtschaftsressort nur sehr, sehr bedingt daran hält und mehrheitlich kürzelt? Bei der NZZ ist offenbar einiges möglich, was beim TA kaum denkbar ist.
Umgekehrt ist auch beim TA denkbar, was bei der NZZ nicht möglich ist: Nach der Massenentlassung im Mai haben sich RedaktorInnen zusammengetan, um den Relaunch-Prozess kritisch zu begleiten und einen allfälligen Qualitätsabbau in ihrer Zeitung zu verhindern. Bereits heute wird befürchtet, dass künftig «Form vor Inhalt» als Blattmachermaxime gelte und die neu eingeführten Produzenten Texte übermässig aufpeppen oder möglichst auffällige, dafür nicht zu den Aussagen der Texte passende Bilder auswählen könnten. Wie sich der Stellenabbau beim TA auswirkt, wird erst jetzt wirklich klar; die Kündigungen und Frühpensionierungen wurden so ausgesprochen, dass die Betroffenen auf den Relaunch hin den TA verlassen. Entsprechend ist die Stimmung auf der Redaktion. Dazu kommt Umzugsstress: Tamedia will einen Neubau erstellen, dafür müssen drei Altbauten weichen. Das Timing scheint nicht wirklich geglückt.
Bei der NZZ ist die Situation nach dem Relaunch etwas ruhiger. Zwar wurden hier im letzten Jahr ebenfalls Stellen abgebaut, und es kursieren Gerüchte über einen weiteren Abbau. Doch die Stimmung sei «nicht schlecht», obwohl die Neuerungen – mehr Weissraum bedeutet weniger Text – zuerst verkraftet werden müssen; obwohl sich die NZZ-RedaktorInnen daran gewöhnen müssen, dass es nun eine Art-Direktorin gibt, welche die Gestaltung der Seiten bestimmt, was die Flexibilität verringert. Und obwohl, wie zu hören ist, «im Moment die Form das Bestimmende ist und wir bisher kaum über die Inhalte der schönen neuen NZZ gesprochen haben». Konzentration auf die Form – das signalisiert auch NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann in der ersten neu gestalteten NZZ-Ausgabe: Unter dem Titel «Der Substanz mehr Ästhetik geben» erklärte er in erster Linie die äusserlichen Veränderungen. Damit gibt er seiner Redaktion auch ein positives Signal: Eure Arbeit hat bereits so viel Substanz, dass wir sie einfach nur noch besser präsentieren müssen.
Anders TA-Verleger und Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino, der im ersten neuen TA unter dem Titel «Qualität hat eine gute Zukunft» schrieb, das Bedürfnis nach Übersicht, gut recherchierten Geschichten und Fakten, nach Einordnung und Analyse sei gewachsen – und: «genau diese Erwartungen wollen wir, Verleger und Redaktion des ‹Tages-Anzeigers›, noch konsequenter als bisher erfüllen.»

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EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

  • Schaffhausen für Öffentlichkeitsprinzip
  • Fragen im “Opferzeitalter”
  • Umweltskandale in Chile
  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
  • und anderes mehr