8. Oktober 2009 von Nick Lüthi

Radio Energy: Freiheit kommt zur falschen Zeit

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Radio Energy Zürich darf ab 2010 nur noch digital senden. Eigentlich ein Glücksfall. So viel Freiheit gibt es sonst nirgendwo in der Schweizer Radiolandschaft. Doch der Weg zum Glück ist hart und steinig.

Der Entscheid ist nicht mehr anfechtbar und damit endgültig. Am 18. September hat das Bundesverwaltungsgericht als einzige Rekursinstanz die Beschwerde von Radio Energy Zürich gegen den negativen Konzessionsentscheid abgelehnt. Wie bereits vor einem Jahr, als das Departement Leuenberger dem Ringier-Radio die Lizenz für einen UKW-Sendeplatz verweigert hatte, schwappten die Wogen der Empörung hoch. Allen voran die Ringier-Blätter «Blick» und «Blick am Abend» legten sich für ihr Radiogeschwister mächtig ins Zeug und wollten in dem rechtsstaatlich einwandfreien Konzessionsverfahren einen «Skandal» entdeckt haben, ja gar den «grössten Fehlentscheid der jüngeren Schweizer Mediengeschichte».
Im Geschrei ging unter, dass sich für Radio Energy ungeahnte – und vor allem bisher unbekannte – Möglichkeiten auftun. So kann man das Zürcher Radio demnächst auch in Bern und Basel empfangen, später sogar in der gesamten Deutschschweiz. Werbezeitbeschränkungen gibt es keine mehr. Möglich machts ein weiterer Ausbauschritt von Digitalradio. Am 15. Oktober geht eine Reihe Radioprogramme von SRG und privaten Veranstaltern über die neue Verbreitungstechnologie auf Sendung (siehe Seite 13). Das Spezielle: Anders als in der UKW-Landschaft ist es auf dem digitalen Weg in der Schweiz auch möglich, ganz legal ohne eine Konzession zu senden. Wer diesen Weg wählt, geniesst kein amtlich garantiertes Zugangsrecht zu einem Sendernetz und muss sich auf privater Basis mit einem Netzbetreiber arrangieren. Dafür locken die Freiheiten auf dem Werbemarkt. Energy-Geschäftsleiter Dani Büchi sieht das grundsätzlich auch so: «Die Möglichkeiten sind natürlich verlockend.» Doch dann folgt ein grosses Aber.

Radio reimt sich auf UKW
Denn die Sache mit der Freiheit hat natürlich einen Haken. Sonst hätte Energy nicht versucht, die UKW-Konzession mit Zähnen und Klauen und der ganzen publizistischen Macht eines Medienkonzerns im Rücken zu verteidigen. «Wir brauchen während einer Übergangsfrist unbedingt eine UKW-Frequenz», sagt Dani Büchi. «Wenn wir ab 2010 nur noch auf Digitalradio senden können, muss ich 90 Prozent des Personals entlassen.» Das ist nicht Panikmache, sondern die harte Radiorealität. Denn trotz dem grossen Spielraum, den der Gesetzgeber Digitalradio gewährt, handelt es sich hierbei weiterhin um eine Technologie mit vergleichsweise kleinem Publikumszuspruch und unbekannten Erfolgsaussichten. Denn Radio, und vor allem Radiowerbung, reimt sich weiterhin auf UKW. Den 20 Millionen UKW-Empfängern in der Schweiz stehen erst 330’000 Digitalradios gegenüber. Ein ausschliesslich digital ausgestrahltes Programm erreicht daher automatisch nur einen Bruchteil der gesamten Radiohörerschaft. Private Veranstalter, die keine Empfangsgebühren kassieren, leben von ihrem Publikum. Wer Werbung schalten will, interessiert sich nur für die Anzahl der ZuhörerInnen und ihre durchschnittliche Hördauer. Nur weil ein paar neue Programme über Digitalradio auf Sendung gehen, verändert das vorerst wenig bis gar nichts. Dahingehend äussern sich auch die beiden grossen Werbezeitvermittler für privates Radio. Sowohl IP Multimedia (Goldbach) als auch Radiotele (Publigroupe) zeigen sich zurückhaltend und abwartend. Bei IP Multimedia sieht man sogar einen möglichen negativen Effekt durch die Einführung zusätzlicher, digitaler Programme: Diese würden «zunächst zur Fragmentierung des Hörermarktes beitragen, was nicht zwingend umsatzfördernd ist».
Wenn es also darum geht, auf dem Radiowerbemarkt mit Masse zu punkten, dann müssten Ringier und sein Radio Energy ein vitales Interesse daran haben, die HörerInnen zum Umsteigen von UKW auf Digitalradio zu bringen. Das heisst konkret: die Leute dazu zu bewegen, einen neuen Radioempfänger zu kaufen, mit dem sie fortan ihr Lieblingsprogramm hören können. Dass dies durchaus gelingen kann, hat Schweizer Radio DRS vorgemacht. Und zwar auf anspruchsvollerem Terrain, als es Ringier nun beschreiten müsste. Nach der Einstellung des Landessenders Beromünster Anfang Jahr und der Migration der Musikwelle auf Digitalradio brachte SR DRS ein zumeist älteres und wenig technikaffines Publikum dazu, zu Tausenden neue Radiogeräte zu kaufen. In Partnerschaft mit einem Gerätehersteller und dem Fachhandel konnten 15’000 mit dem Musikwelle-Logo verzierte Digitalradios abgesetzt werden. Selbst DigitalradioskeptikerInnen gestehen Radio DRS zu, hier erfolgreich einen richtigen und wichtigen Schritt gemacht zu haben.
Was läge für Ringier also näher, als mit einem ähnlichen Vorgehen seinem Radio eine Perspektive zu bieten und Digitalradio insgesamt Schub zu verleihen? «Ja, klar arbeiten wir eng mit Geräteherstellern und Handel zusammen», bestätigt Energy-Geschäftsleiter Dani Büchi. Allerdings gebe es da gewisse Limiten. So könnten die Hersteller nicht von heute auf morgen ausreichend Geräte bereitstellen, um die 270’000 regelmässigen Energy-HörerInnen von UKW auf die digitale Welle zu bringen. «Wir brauchen Zeit, denn es geht hier um die Einführung einer neuen Technologie. Mit einer Aktion ist es leider nicht getan.»
Damit ist klar: Aus Sicht von Energy und Ringier hängt die Weiterexistenz des Lokalradios voll und ganz von einer Übergangslösung in Form einer zeitlich befristeten Frequenz auf UKW ab. Anfang Oktober sah es jedoch alles andere als gut aus für ein solches Vorgehen. Denn dazu müssten die Konkurrenten auf dem Platz Zürich Hand bieten, da eine Übergangslösung für Energy das gesamte gesetzlich und technisch austarierte Frequenzgefüge tangiert. Von den privaten Veranstaltern, wie Roger Schawinski und Giuseppe Scaglione, kamen bisher deutlich ablehnende Signale. Einzig bei der SRG zeigt man sich offen, Kapazitäten im Äther freizuschaufeln. Allerdings müsste Ringier die Kosten einer solchen Übergangslösung im Bereich von geschätzten mehreren Hunderttausend Franken allein tragen. Doch selbst damit wäre es noch nicht getan. Das letzte Wort in dieser Frage hat der Bundesrat, der letztlich eine – wenn auch nur befristete – Neuordnung der Zürcher Radiolandschaft absegnen müsste. Insgesamt sind das düstere Perspektiven für Energy. «Falls Energy Zürich die angestrebte Übergangslösung verweigert würde, wäre dies ein Totalverlust unserer Investition», sagt dazu Ringier-Sprecher Stefan Hackh. Das Ende des Senders wäre damit wohl Realität.

Digitalradio: Abheben oder ableben
nil./ Ab dem 15. Oktober können mit Digitalradio erstmals in der Deutschschweiz auch Programme von privaten Veranstaltern empfangen werden, dazu eine erweiterte Palette mit SRG-Sendern. Erfolgt damit der entscheidende Schritt in Richtung Radiozukunft oder folgt einfach eine weitere Etappe auf dem langen Leidensweg? Einiges spricht für das Zweite. So kommt die aktuelle Erweiterung der Programmpalette ein ganzes Jahr später als ursprünglich geplant. Sie fällt nun in eine Zeit, da das Geld nicht eben locker sitzt, um die Werbetrommel für ein Nischenprodukt zu rühren. Kommt erschwerend dazu, dass die neuen Programme nur als DAB+ zu empfangen sind. Ältere Geräte können da nicht mehr mithalten. Nur bedingt ideale Voraussetzungen also, um dem möglichen Nachfolger von UKW Schub zu verleihen. Als wären das nicht schon der Probleme genug, werkelt ein Teil der Privatradios an einem komplett anderen digitalen Standard, dem sogenannten HD Radio.

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