18. Januar 2010 von Helen Brügger

SDA: Rote Zahlen, rote Köpfe

Die Defizite nehmen zu, die Bereitschaft, sie zu finanzieren, nimmt ab. Damit steht die Rolle der Schweizerischen Depeschenagentur SDA als Brückenbauerin zwischen den Sprachregionen auf dem Spiel.

Die SDA spart. Zehn Prozent der Stellen werden abgebaut, das sind 13 von insgesamt 140 Arbeitsplätzen. Damit soll ein auf vier Millionen Franken prog­nostiziertes Defizit auf zwei Millionen verkleinert werden. Die Gründe für das Defizit heissen: sinkende Auflagen der Tageszeitungen, die Einstellung der PendlerInnenzeitungen «Matin bleu» und «.ch», die Integration von Edipresse in den Tamedia-Konzern. Zudem musste die Agentur unter massivem Druck einen neuen Vertrag mit der SRG aushandeln, um sie für weitere fünf Jahre bei der Stange zu halten. Die dazu gewährten Rabatte führen zu «signifikanten Mindereinnahmen», so SDA-Chef Bernard Maissen.
Die SDA verdankt ihre Existenz einem kooperativen Gedanken aus der Gründerzeit vor über hundert Jahren: Trotz Konkurrenz auf dem Markt organisierten die Verlage einen gemeinsamen Nachrichtendienst. Solange schwarze Zahlen geschrieben wurden, ging das gut. Die roten Zahlen führten jedoch zu roten Köpfen: Weshalb sollen die Verleger Leistungen finanzieren, von denen auch eine gebührenfinanzierte SRG profitiert? Der eigentliche Stein des Anstosses ist jedoch die Fusion zwischen Tamedia und Edipresse.­ Bisher galt: Der französischsprachige Dienst der Agentur darf bei den direkten Kosten ein Defizit von einer Million Franken einfahren, das durch den Deutschschweizer Dienst getragen wird. Nun, da auch in der Deutschschweiz ein Defizit droht, werden Edipresse, und damit Tamedia, sowie die SRG als grösste Profiteure des Modells ausgemacht. «Tatsächlich könnten sich die NZZ oder die ‹Basler Zeitung› fragen, weshalb sie ihren grössten Konkurrenten finanziell unterstützen sollen», bestätigt Maissen.

«Gratis-Unkultur» als Ursache
Der SDA-Sparplan trifft die Romandie härter als die Deutschschweiz. Damit wird aber auch die «Sprachensolidarität» angetastet, das Prinzip, dass die SDA in allen Landesteilen einen gleichwertigen Dienst garantiert. Mais­sen weist die Kritik zurück: «Gleichwertigkeit definiert sich nicht über Parallelität. Der französischsprachige Dienst darf im Prinzip weiterhin ein Defizit einfahren.» Allerdings gehe das nur, solange das Defizit vom Deutschschweizer Dienst getragen werden könne. «Das ist nicht mehr der Fall.»
Der Sparplan schockiert die Angestellten. Sie drohten mit Kampfmassnahmen, falls die Direktion nicht zu echten Verhandlungen bereit sei. Der Abbau gefährde die Qualität des Nachrichtenangebots, die Opferung der Sprachensolidarität beraube die Agentur ihrer Stärke: der Brückenfunktion zwischen den Landesteilen. Sie fordern deshalb ein Ende der «Gratis-Unkultur», die die eigentliche Ursache der Misere sei. Dies bestätigt etwa Nicolas Willemin, Chefredaktor der Neuenburger Tageszeitung «L’Express»: «Wenn der ganze Dienst im Internet veröffentlicht wird, bevor wir mit der Zeitung erscheinen, führt dies dazu, dass die Texte für uns an Wert verlieren.»
Bernard Maissen zuckt die Schultern: «Wir liefern unsere News nicht gratis. Wenn der Kunde sie gratis im Internet publiziert, können wir nichts dagegen machen.» Hingegen hat die Agentur ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, um abzuklären, was man gegen «Newsklau» unternehmen könnte. Die SDA hat zudem abgesprungene Redaktionen im Verdacht, sich weiterhin bei der SDA zu bedienen. Das Prob­lem sei gross: Man könne zwar den Newsdienst als Ganzes schützen; den Klau einzelner News zu verhindern, sei praktisch aussichtslos. «Da versuchen wir lieber, die verlorenen Kunden wieder an Bord zu holen.» Daneben setzt Maissen auf neue Dienstleistungen. Demnächst will die Agentur im Auftrag der «Berner Zeitung» eine fertige Auslandseite produzieren, von der auch andere profitieren könnten. «Ich sehe darin eine Renaissance der kooperativen Idee, die der Gründung der SDA zugrunde lag.»
Für die MitarbeiterInnen sind das Pläne, die nichts am grundlegenden Dilemma der Agentur ändern. Ein Redaktor sagt: «Das Ganze ist ein übles Doppelspiel der Verleger, die uns und ihre Redaktionen gegeneinander ausspielen, statt ihre Verantwortung gegenüber beiden wahrzunehmen.»

Keine Bundessubventionen für die SDA
hb./ nil./ Eric Hoesli, stellvertretender Edipresse-Direktor, warf an einem Treffen zwischen SDA und Verlegerverband die Frage auf, ob die Brückenfunktion der SDA nicht Service public sei und daher eine Bundessubvention wert. SDA-Chef Bernard Maissen ist skeptisch: «Wir müssen unsere journalistische Unabhängigkeit behalten.» Gegen die Idee einer subventionierten SDA sprach sich unterdessen auch der Bundesrat aus. Die Eidgenossenschaft werde die Agentur nicht mit Bundesmitteln unterstützen, sagte Bundeskanzlerin Corina Casanova am 30. November in der Fragestunde des Nationalrats. Dennoch fliesst Geld vom Bundeshaus zur SDA: Die Verwaltung bleibt Kundin der Agentur. Im Rahmen der Vertragsverhandlungen im kommenden Jahr werde man aber genau schauen, welche Qualität die SDA noch liefern könne, so Casanova weiter.

4. Januar 2010 von Bettina Büsser

Blattkritik: Wer hat darauf gewartet?

Die «Deutsche Wochenzeitung», im Untertitel «Die Zeitung für Deutschlesende», erscheint seit Anfang November und richtet sich an die Deutschen in der Schweiz. An ein Zielpublikum also, das erstens wächst, zweitens gut ausgebildet ist und entsprechend auch gut verdient – und damit interessant ist sowohl im LeserInnen- wie im Werbemarkt. Wahrgenommen hat diese Marktlücke der Acoma-Verlag, Verlagsleiter ist Ole P. Glausen. Über den PR-Fachmann und seine früheren Medienprojekte, deren Lebensdauer offenbar beschränkt war, wurde bereits einiges geschrieben. Klartext hat das Blatt genau angeschaut. Leider nur als PDF, denn mit dem online bestellten Probeabo auf richtigem Zeitungspapier hat es bisher noch nicht geklappt.

KLARTEXT kritisiert: Recherchefreie Zeitung
«Ich lebe in der Schweiz, also lese ich Schweizer Zeitungen. Will ich über Deutschland lesen, lese ich ‹Spiegel› oder ‹Zeit›», sagt die deutsche Kollegin, und: «Das brauch ich nicht.» Sie meint die «Deutsche Wochenzeitung», wir blättern die dritte Ausgabe durch. Darin wird viel kolumniert: «Vom Fest der Hölle» erzählt von Einkaufsszenen an der Bahnhofstrasse, «Heute: In den Zoo?» von der Wichtigkeit der Tierparks. Es gibt launige Szenen mit Hämorrhoiden-Salbe in der Apotheke. Es wird beschrieben, wie sich SchweizerInnen benehmen, wenn sie bei Deutschen zum Essen eingeladen sind: Sie sagen «Jo schön, danke für die Einladung», schweigen sonst, gehen früh und tratschen dann über die Gastgeber. – Viel Kolumne, aber nirgends eigene Recherche.
Die Mehrheit der übrigen Texte stammt von Pressediensten oder vom ots-Dienst. Dabei bleibt die Gewichtung bei der Auswahl – auch regional betrachtet – rätselhaft: eine Meldung über die Verbilligung der Krankenkassenprämien im Kanton Luzern, eine andere zur H1N1-Impfung im Kanton Zürich, eine weitere über die Zürcher Berufsmesse, dann noch was zu Mietwagen auf den Kanaren und den Balearen. Daneben findet man Tipps, wie man günstiger surft – Nachrichten oder PR? Das weiss man nicht. Man weiss aber, dass OTS-Texte Meldungen sind, die die sda-Tochter «News aktuell Schweiz» im Auftrag von Behörden, Organisationen und Unternehmen gratis verteilt. Das sind keine redaktionell unabhängigen Beiträge, sondern sie gehören in die PR-Kiste. Da hin, wo auch der Bericht «Doppelter Skipass & -spaß» und der Auto-Artikel «Vielseitig wie ein Schweizer Taschenmesser» gehören. PR wird in der «Deutschen Wochenzeitung» betrieben, aber nicht gekennzeichnet.
«Vielleicht brauchbar», urteilt die deutsche Kollegin über die «Ratgeber»-Seite mit Fragen wie «Wer ist quellensteuerpflichtig?». Bloss sei die Chance gering, dass dann, wenn sie Infos über eine bestimmte Schweizer Steuer- oder Versicherungsfrage brauche, genau diese in der «Deutschen Wochenzeitung» besprochen werde: «Da kauf ich mir lieber ein Ratgeber-Buch.»

Herausgeber reagiert: Alles wird anders
«Sicher, man kann sagen: ‹Wenn ich etwas über die Schweiz wissen will, lese ich Schweizer Zeitungen, wenn ich etwas über Deutschland lesen will, lese ich eine deutsche Zeitung oder Zeitschrift›», meint Ole U. Glausen, Verlagsleiter und bis zur Ausgabe Nummer vier auch Redaktionsleiter der «Deutschen Wochenzeitung». «Aber was ist mit den Lesern, die etwas über die Deutschen wissen wollen, die in der Schweiz leben? Für sie machen wir unsere Zeitung.»
Die Bedürfnisse der LeserInnen, so Glausen, unterschieden sich je nach Alter, Ausbildung und Herkunftsregion in Deutschland: «Wir haben ihre Wünsche entgegengenommen und auf die Ausgabe Nummer vier hin einen Relaunch durchgeführt. In den ersten Nummern gab es etwas viele Kolumnen. Und einige, die für uns geschrieben haben, wollten weiterhin lieber Kolumnen und lustige Geschichtchen schreiben, statt zu recherchieren, wo wirklich der Schuh drückt.» Doch für recherchierte Geschichten habe man nun auf Januar zwei neue Mitarbeitende gefunden.
Die Kritik, die Meldungen seien bisher aus verschiedenen Regionen gekommen, ohne dass die Gewichtung klar sei, findet Glausen «berechtigt»: «Wir versuchen, unsere Lokalkorrespondenten so zu platzieren, dass wir die News generieren können, welche die Leser gerne hätten.» Die «Deutsche Wochenzeitung» werde weiterhin auch ots-Texte im Blatt haben; manche ots-Artikel seien «gar nicht so schlecht». Dass die PR-Texte bisher nicht gekennzeichnet gewesen seien, bestätigt Glausen: «Wir werden aber künftig zum Beispiel den Auto-Text farbig unterlegen, das kommt mit dem Relaunch oder etwas später. Wir werden eventuell auch eine andere Schrift verwenden. Dann sieht der Leser deutlich, dass es ein PR-Text ist.»
Der Service-Aspekt sei weiterhin wichtig, doch: «Solche Geschichten interessieren natürlich genau in dem Moment, in dem sie einen betreffen. Darum werden wir, hoffentlich ab Dezember, die Ratgeber-Artikel auf unserem Portal in einer Art Nachschlagewerk sammeln. Gleichzeitig bleiben sie Teil des Printangebots.»

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EDITO
Ausgabe: 5 | 2018

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  • Fragen im “Opferzeitalter”
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  • Regionaler Online-Journalismus
  • Ist vor “No Billag” nach “No Billag”?
  • Bilder von Flurina Rothenberger
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