17. Dezember 2009 von Nick Lüthi

Editorial Nr. 6/2009

Der Umbau von Schweizer Radio und Fernsehen findet weitgehend unter Ausschluss des Publikums statt. Noch bleibt der SRG Zeit, das zu ändern.

Je näher der Termin rückte, desto grösser wurde die Unruhe. In den Tagen, bevor die SRG am 25. November den Segen zur Fusion von Radio und Fernsehen in der Westschweiz gab, meldeten sich plötzlich reihum PolitikerInnen mit ihren Bedenken zu Wort. Von links bis rechts, aus kantonalen und städtischen Exekutiven, Nationalräte und Ständeräte, alle sorgten sie sich um die publizistische Vielfalt der neuen Einheitsorganisation «RTS – Radio Télévision Suisse». So störten sich etwa Regierungsmitglieder aus der Waadt und Genf daran, dass künftig eine einzige Person die redaktionelle Linie von Radio und Fernsehen vorgeben soll. Zuvor hatte Ständeratspräsident Alain Berset bereits gefordert, den Fusionsprozess kurzerhand zu stoppen.
Wenn PolitikerInnen eine Einschränkung der Medienvielfalt fürchten, ist das immer eine zweischneidige Angelegenheit. Schliesslich wollen sie wiedergewählt werden und brauchen dazu die Medien als Werbeplattform. Ergo können sie kein Interesse an ihrem Verschwinden haben. Hinter den besorgten Voten ist deshalb ein gewisser Eigennutz zu vermuten.
Doch in diesem Fall war ein anderer Effekt der Wortmeldungen bedeutsamer: Mit ihrer Besorgnis schufen die PolitikerInnen Öffentlichkeit für ein Thema, das sonst unter dem Radar der Medien durchgesegelt wäre. «Konvergenz», so der Terminus technicus der Radio- und Fernsehfusion, klingt nicht gerade sexy, und ausserhalb interessierter Fachkreise kann sich kaum jemand vorstellen, dass damit ein Verlust an pub­lizistischer Vielfalt einhergehen könnte. Zu Recht bemerkte deshalb die Zeitung «24 Heures», die Frage, was die grossen Veränderungen bei der SRG denn für das Publikum bedeuteten, sei seltsamerweise kein Thema.
In der Deutschschweiz, wo der Umbau von SF und SR DRS hin zum Einheitsmedium «SFR – Schweizer Fernsehen und Radio» ebenfalls auf Hochtouren läuft, zeigte sich bisher das gleiche Bild: Die gebührenzahlenden Zuseherinnen und Zuhörer erfahren wenig bis gar nichts von den Chancen und Risiken des ambitiösen Konvergenzprojekts «ihrer» Sender, ausser, dass man sie möglicherweise stärker zur Kasse bitten will, wenn die SRG den jährlichen Fehlbetrag von 54 Millionen Franken nicht in den Griff kriegt.
Die SRG, die sich gerne (und in vielen Fällen auch zu Recht) ihrer hohen Qualitätsstandards rühmt, hat bei der Berichterstattung über die epochalen Umwälzungen im eigenen Haus bisher grandios versagt. Noch bleibt Zeit, das zu ändern und die falsche Zurückhaltung abzulegen.

17. Dezember 2009 von René Worni

An der Grenze zur Prostitution

Die Krise machts möglich: Verlage verkaufen vermehrt auch die allerwertesten Teile ihrer Titel an die Werbung.

In den Printmedien fallen immer mehr Tabus, wenn es um die Platzierung von Werbung geht. So wird der Zeitungskopf des «Tages-Anzeigers» regelmässig von zwei Inseraten für die Uhrenmarke Omega umrahmt, das «Magazin» erschien im November gleich zweimal gänzlich mit Werbung von H&M umhüllt. Damit banalisierte Frauenmode den eigentlichen Hefttitel, zum Beispiel am 7. November jenen über den Literaturnobelpreisträger und Auschwitz-Überlebenden Imre Kertész. Diese Ausgabe des «Magazins» war überhaupt ein wahres Werbe-Feuerwerk. 30 Seiten Werbung standen 36 redaktionellen Seiten gegenüber. Keine schlechte Bilanz in Krisenzeiten.
Was den Verlag freut, verärgert einen Teil des Publikums. «Die Leserreaktionen waren im Ausmass zwar nicht sehr gross, aber wir nehmen sie ernst», sagt Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer. Laut Zimmer kam es in den letzten Monaten beim «Magazin» zu einer Häufung von Sonderwerbeformen, was aber nicht auf das schwierige Werbeumfeld zurückzuführen sei. «Die Grenze wäre dann überschritten, wenn die Leserschaft nicht mehr zwischen Redaktion und Inserat unterscheiden könnte», sagt Zimmer und betont, dass das nicht der Fall sei.

Werber von Matt warnt
Mit den Sonderwerbeformen gehen die Verlage das Risiko ein, ihre Marke zu beschädigen. Laut Dominique von Matt, Geschäftsführer der Kommunikationsagentur Jung, von Matt/Limmat in Zürich, bekommen Informationsmedien schneller ein Glaubwürdigkeitsprob­lem als Unterhaltungsmedien. «Eine Marke kann unsympathisch werden.» Die Uhrenwerbung neben dem Tagi-Kopf ist für von Matt ein Grenzfall. «Der Effekt ist zwar überraschend, er liegt aber auf der Kippe. Man kann den Eindruck bekommen, dass der ‹Tages-Anzeiger› seine Markenidentität preisgibt.» So könne zwischen Werbung und Medium eine Loose-loose-Situation entstehen. Allgemein gesehen mag von Matt jedoch nicht von einem Wildwuchs in der Werbung sprechen: «Das alles gabs in der Hochkonjunktur auch schon.»

Redaktion am kürzeren Hebel
David Sieber, Chefredaktor der «Südostschweiz», hingegen empfindet die Marketingmethoden der Werbeindustrie in den gegenwärtigen Krisenzeiten als aggressiv. «Die Werbemanager treten forsch auf», sagt er. Auch die «Südostschweiz» hatte im November Werbung im Titel platziert und sogar den eigenen Brand mit einem Post-it-Kleber der Warenhauskette Manor teilweise unleserlich gemacht. Im redaktionellen Teil fand sich am gleichen Tag ein Interview mit dem Manor-Regionalmanager. «Reiner Zufall», sagt Sieber. Eine Kommunikationspanne, denn der Verlag informierte die Redaktion nicht, die das Interview zur Filialeröffnung terminiert hatte.
Siebers Ärger über die Panne hält sich aber in Grenzen. Ihn beschäftigt mehr die Werbeummantelung, mit der auch die «Südostschweiz» ihr redaktionelles Erscheinungsbild schon verschleiert hat. Das sei als Chefredaktor weit härter zu ertragen. «Natürlich müssen wir Zugeständnisse machen», sagt Sieber. Allzu dreiste Werbeformen lehnt Sieber jedoch konsequent und bisher erfolgreich ab, etwa wenn das Heck eines Autos aus dem Inserat in den Text hineinragt.
Doch Sieber ist sich bewusst, dass bei diesem Machtkampf zwischen Redaktion und Verlag der Verleger am längeren Hebel sitzt. «Der kurzfristige Gewinn ist kleiner als der längerfristige Nutzen», ist er überzeugt. Denn solche Werbeformen, so Sieber, können die Glaubwürdigkeit eines Zeitungstitels beschädigen. «Darunter leidet auch die Werbung. Die Mediaplaner sind also auch im eigenen Interesse gut beraten masszuhalten.»

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