14. Dezember 2009 von Bettina Büsser

Gratis-Kampagnenhilfe

Sind JournalistInnen mitverantwortlich, wenn SVP-Initiativen wie jene gegen Minarette erfolgreich sind? Ja, meint Ludwig Schmid, früherer Sekretär des Berufsverbands SVJ, der vor 15 Jahren KollegInnen zum Blocher-Boykott aufgerufen hatte.

Das Muster funktioniert: Die SVP macht Abstimmungskampf mit provokativem Auftreten, die Medien und JournalistInnen stürzen sich alle darauf. So erhält die SVP-Position – gratis – grosse Publizität und Verbreitung. Zuletzt geschehen, und zwar furchtbar erfolgreich, bei den Anti-Minarett-Plakaten. Auf dieses Phänomen hat Ludwig Schmid bereits vor 15 Jahren offensiv reagiert. Schmid, heute Anwalt in Basel, damals Zentralsekretär des Schweizer Verbandes der JournalistInnen SVJ (heute: Impressum), appellierte vor der Albisgüetli-Tagung gemeinsam mit dem SVJ-Präsidenten Hans Uli von Erlach in der Zeitschrift des Zürcher Pressevereins «ZPV-intern» mit einem Inserat an die KollegInnen: «Aufruf: Boykottiert Blocher!», hiess es unter anderem darin, und: «Obwohl viele von uns Christoph Blochers SVP-Jargon verabscheuen, widmen wir diesem seitenweise Raum. Wer das tut, macht sich fahrlässig und unüberlegt mitschuldig an der Verbreitung eines primitiven politischen Stils!»
Schmid sieht «eindeutig» Parallelen zwischen damals und heute, nämlich «die gezielte Provokation, die PR-Art der SVP auf der einen Seite, auf der anderen Seite die Medien, die sich instrumentalisieren lassen». Er und von Erlach hätten 1994 darauf reagiert, dass die Medien jeweils ausführlich und seitenweise über die Albisgüetli-Tagung berichtet hätten, obwohl sie als normale Parteiversammlung keine politische Relevanz gehabt habe – ausser dass Blocher mit provokativen Sprüchen die Medienleute dazu gebracht habe, so viel zu berichten. «Seither ist es so weitergegangen», sagt Schmid, «das Messerstecher-Plakat zum Beispiel, 1999 das Plakat mit den schwarzen Schafen oder eben das Plakat zur Minarett-Initiative. Ich finde es zumindest ungeschickt von den Medien, dass sie nicht merken, worauf diese Provokationen hinauslaufen.»

«Den Ausdruck ‹Boykott› heute nicht mehr verwenden»
Damals, 1994, hatte der Presserat auf den Anti-Blocher-Aufruf im «ZPV-intern» reagiert. Er entschied, es enthalte mit der Boykott-Aufforderung einen Aufruf an JournalistInnen, ihre Informationspflicht und damit die «Erklärung der Pflichten und Rechte des Journalisten» zu verletzen. «Ich würde es heute genau so wieder machen», findet Schmid dennoch. «Aber ich würde den Ausdruck ‹boykottieren› nicht mehr verwenden. Denn daran hat uns der Presserat eigentlich aufgehängt. Es geht ja um Relevanz im Journalismus, und dass sich Medienschaffende Relevanz nicht durch Provokation vorgeben lassen, sondern wirklich durch eigene Gewichtung.»
Und wie soll die Gewichtung aussehen? Soll eine Redaktion das Bild des Plakats gar nicht zeigen? «Das finde ich, ehrlich gesagt, etwas dümmlich. Denn wenn ich den Artikel lese, will ich doch dieses Bild sehen», sagt Schmid. Für ihn wäre die richtige Strategie, einmal darüber zu berichten, auch das Plakat zu zeigen, nicht in einem grossen Format – «und dann Ende». Das bedeutet: «Das Thema dann nicht bei jedem Politiker, der sich dazu äussert, wieder aufnehmen und aufwärmen.» Das gelte übrigens auch für die Plakate der Invalidenversicherung. Medienschaffende sollten sich nicht durch solche Sachen provozieren und instrumentalisieren lassen: «Wichtig ist doch, dass die Journalisten die Themen nach Relevanz, und nicht nach Provokation gewichten und sich damit nicht den SVP-Stil aufdrängen lassen. Dafür braucht es einen dauernden Prozess, in dem sich jeder Journalist, aber auch jeder Blattmacher und Chefredaktor permanent die Frage der Themenrelevanz stellen muss.»
Auf folgenden Teil des Presserats-Entscheides von 1994 könnten sich die Medienschaffenden dabei problemlos abstützen: «Der Presserat anerkennt (…), dass Hans Uli von Erlach und Ludwig Schmid in ihrem Inserat eine berufsethisch wichtige Frage angesprochen haben. Er teilt auch die Sorge der beiden, dass sich Journalisten durch einen aggressiven politischen Stil zu Werbezwecken missbrauchen lassen. (…) In extremen Fällen ist durchaus zu prüfen, ob es sich nicht aus berufsethischen Gründen gebietet, über eine Person oder ein Ereignis nicht zu berichten.»

10. Dezember 2009 von Nick Lüthi

Das Rad(io) neu erfinden

Moderne Zeiten: Die Zuhörerin macht ihr Radioprogramm gleich selbst.

Moderne Zeiten: Die Zuhörerin macht ihr Radioprogramm gleich selbst.

Die beiden neuen DAB-Programme «Open Broadcast» und «Backstage Radio» geben dem Publikum via Web die Kontrolle über das Programm in die Hand. Zwei Werkstattbesuche.

Auch nach über zwei Jahren Vorbereitungszeit wissen sie nicht, wo die Reise genau hingeht. Doch Radiopio­niere und solche, die es werden wollen, bringt das nicht aus der Fassung. Im Gegenteil. Sie brauchen das offene Feld, die sprichwörtliche Spielwiese. «Open Broadcast» hat diesen Krea­tivraum zurzeit in einer ehemaligen Maschinenfabrik mitten in der Kleinbasler Altstadt gefunden. Hinter den Mauern an der Utengasse öffnet sich eine Radiolandschaft mit überraschenden Dimensionen: drei Sendestudios, eines grösser als das andere, alle im selben weinroten Stoffgewand schallschluckend ausstaffiert. Im grössten findet locker ein mit Mischpulten und Bildschirmen verkabelter Wohnwagen Platz, gleichsam als Studio im Studio. Daneben, auf quadratischen Textilhockern, haben die MacherInnen von «Open Broadcast» Platz genommen und beginnen zu erklären. Denn ihr Radioprojekt ist erklärungsbedürftig. Etwa folgende Ohrenfälligkeit: Obwohl die fixfertig eingerichteten Senderäume dazu einladen, den Regler hochzufahren und subito «on air» zu gehen, hört man auf der DAB-Frequenz von «Open Broadcast» zurzeit meist nur ein unmoderiertes Musikprogramm. Lediglich an Wochenenden wird ein Testprogramm gesendet und zwischendurch informiert Ex-DRS-3-Frau Franziska Oliver mit einem «Baustellenreport» über den Stand der Dinge.

Die Hülle ist vergänglich
«Wir machen bewusst einen Schritt nach dem andern», erklärt Patrick Probst, Verwaltungsratsmitglied der Betreibergesellschaft Digris AG, das gemächliche Tempo. Für die bisher entstandenen Kosten kommt die Stiftung Levedo von Beatrice Oeri aus der Basler Hoffmann-La-Roche-Dynastie auf. «Die Stiftungsgelder sind klar als Anschubfinanzierung zu verstehen», sagt Probst.
Thomas Gilgen, treibende Kraft und Kreativkopf des Projekts, weiss immerhin, dass nun die grösste Hürde übersprungen ist: «Das System ist gebaut.» Damit meint er das Herzstück des neuen Radios. Und das besteht komplett aus Code und Programmzeilen. Die stoffliche Hülle, das alte Fabrikareal, wo neben den Studios in unzähligen weiteren Räumen gearbeitet, gekocht, gegessen und im Klub The Satisfactory gefeiert wird, ist vergänglich. Voraussichtlich im nächsten Sommer muss «Open Broadcast» sein bisheriges Reich verlassen und die Zelte woanders aufschlagen. «Unser Radio entsteht aber grundsätzlich da draussen, auf den Laptops der Hörer», relativiert Thomas Gilgen die Bedeutung eines fixen Studiostandorts. Denn «Open Broadcast» ist «User Generated Radio». Was heisst: Das Publikum soll dereinst sämtliche Rollen übernehmen, die die Gestaltung eines Radioprogramms erfordert. Ab dem kommenden Sommer will «Open Broadcast» Wortbeiträge senden. Bis dahin muss die Softwareplattform noch so weit ausgebaut werden, dass jeder Laptop an irgendeiner Ecke der Welt als temporäres Live-Studio des Schweizer Digitalsenders funktionieren kann.

Alte Netzwerke aktivieren
Mitmachen kann bei «Open Broadcast» aber nur, wer dazu eingeladen wird. «Wir sind definitiv keine Jekami-Veranstaltung», beschreibt Gilgen die Grenzen der Offenheit. Um den Stein ins Rollen zu bringen, wählte das Projektteam jüngst aus 40’000 Namen gezielt 2000 aus. «Das sind Leute, von denen wir wissen, dass sie zum Profil des Senders passen, weil wir bei früheren Projekten mit ihnen zusammengearbeitet haben.» Zum Beispiel im Zürcher Klub Dachkantine, der unter Gilgens Leitung zu einem zentralen Netzwerkknoten für die elektronische Musikkultur Europas avancierte. «Auf diese Erfahrung, was Vernetzung, aber auch Qualitätsbewusstsein angeht, können wir aufbauen», zeigt sich Gilgen, der unermüdliche und in diesem Moment auch sichtbar übermüdete Macher, überzeugt.
«Open Broadcast» ist ein amtlich beglaubigtes Kultur- und Wissensradio mit einer bis 2017 gültigen Konzession des Bakom. Als Gegenleistung für die garantierte Verbreitung des Programms über DAB-Digitalradio verpflichtet sich der Sender, einen Leistungsauftrag zu erfüllen. Daher darf er den NutzerInnen nicht einfach freie Hand lassen. «Wir sind juristisch verantwortlich für alles, was gesendet wird», gibt Gilgen zu bedenken.

Permanentes Wunschkonzert
Wesentlich kleinere Brötchen bäckt derweil ein zweites DAB-Programm, das ebenfalls auf sein Publikum als ProgrammgestalterInnen zählt. Die Räumlichkeiten von «Backstage Radio» sind nicht minder repräsentativ als die Studiolandschaft in Basel, nur kleiner, viel kleiner. Hoch über dem Berner Bollwerk, mit Blick auf Hauptverkehrsachse und Bahnhof, haben sich Dominik Born und Samuel Vuillermoz in einem repräsentativen Eckzimmer mit Parkett und Stuckatur eingerichtet.
Mit dem Radioprogramm sind die beiden ehemaligen Mitarbeiter von DRS Virus, respektive Couleur 3, allerdings nur nebenamtlich beschäftigt. Ihr berufliches Hauptaugenmerk gilt der Online-Plattform mx3.ch, bei deren Entwicklung sie von Beginn an mitarbeiteten; zuerst unter dem Dach der SRG, jetzt mit der unabhängigen Firma mxlab. Auf mx3.ch präsentieren inzwischen fast 13’000 MusikerInnen und Bands aus der Schweiz ihre Songs. Aus diesem immensen Klangpool von mx3.ch speist sich dann auch halbautomatisiert das Programm von «Backstage Radio», das seit 15. Oktober auf einem nicht konzessionierten Sendeplatz über Digitalradio und als Webstream zu hören ist. Zur Finanzierung trägt Postfinance mit ein paar Tausend Franken pro Jahr bei.
«Welcher Song wann genau auf dem Sender gespielt wird, kann jedermann selbst mitbestimmen – sofern er Zeit und Lust dazu hat», erklärt Dominik Born. Und das geht so: Aus einer Liste mit rund tausend Musikstücken kann jede Person mindestens zwei Songs über ein Web-Interface oder ab Ende Jahr mit dem iPhone in den Sendeplan einfügen, die dann ausgestrahlt werden. Macht gerade niemand anderes von dieser Möglichkeit Gebrauch, bleibt man alleiniger Radio-DJ, bis jemand auftaucht und auch seine Lieblingssongs spielen will.
Pro Tag zählen Born und Vuiller­moz zwischen 80 und 100 Personen, die das Programm von «Backstage-Radio» mitgestalten. «Dafür, dass wir noch keine Werbung gemacht haben, sind das eigentlich schon recht viele», findet Dominik Born und ist überzeugt, dass auch im Zeitalter von iPod und überquellenden MP3-Sammlungen das uralte Wunschkonzert-Bedürfnis befriedigt werden will: «Ich wähle einen geilen Song aus und die ganze Welt kann ihn am Radio hören.»

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