12. November 2010 von Stefan Etter

Im «Blick»-Verhör

Die Medien sehen sich als vierte Gewalt, und damit als Kontrollinstanz der drei anderen Gewalten im Staat. Bisweilen gefallen sie sich aber auch in anderen Rollen. So auch der Blick, der jüngst als selbsternannter Strafermittler auftrat. In einem Interview mit einem jungen Mann, der sich nach Veröffentlichung von Überwachungskamerabilder einer Prügelei freiwillig der Polizei gemeldet hatte, quetschte der Blick den mutmasslichen Täter in bester Polizeimanier aus.

Die Fragen erinnern mehr an ein Verhör als an ein journalistisches Gespräch: „Was haben Sie überhaupt letzten Samstagmorgen um 4.30 Uhr in dieser Unterführung gesucht?“, „Hatten Sie zuvor getrunken?“, „Warum haben Sie sich erst zwei Tage später gestellt?“, „Musste nicht einmal die Polizei ans Wasserfest nach Aarburg ausrücken, weil Sie sich prügelten?“

Der Blickjournalist mimt den Hilfssheriff und nimmt die Ermittlungen in die eigene Hand. Doch woher hat der Blick die Personalien des mutmasslichen Täters und die Kenntnis über vorangehende Fälle, in die er ebenso verwickelt sein soll? Arbeitet der Blick als verlängerter Arm der Polizei und erhält von ihr deshalb vertrauliche Informationen? Dem ist nicht so, wie Andreas Mock, Leiter des Mediendienstes der Kantonspolizei Solothurn, versichert: „Wir wissen nicht, woher der Blick diese Informationen hat. Von der Polizei hat er jedenfalls keine Daten zu Personalien erhalten.“

Trotz der eigenwilligen Interviewtechnik des Blick, bleibt der Informationsgehalt des Interviews letztlich dünn. Der mutmassliche Täter relativiert seine Anschuldigungen damit, dass er sich nur habe verteidigen wollen. Doch ob es sich tatsächlich so abgespielt hat, wissen weder der Blick noch die Leserschaft. Das Ergebnis des Interviews: einseitige und nicht überprüfbare Aussagen eines Protagonisten, die primär der Unterhaltung und der Effekthascherei dienen.

Positiv ist zumindest, dass das Interview Veröffentlichung von Überwachungskamerabilder wieder thematisiert. Der Befragte beklagt sich nämlich über die Publizierung der Aufnahmen, die ihn unrechtmässig in ein schlechtes Licht rücken würden. Aber anscheinend mag er das Rampenlicht der Medien trotzdem, hätte er sich doch sonst nicht für ein Blick-Interview mit Foto bereiterklärt.

5. November 2010 von Philippe Wenger

Vulkanleichen zeigen: Darf man das?

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Diesen Satz hat jeder Journalist schon viel zu oft und jede Journalistin die einen Fotografen kennt noch viel mehr gehört. Doch manchmal portieren diese „Worte“ menschliches Leid in einem Masse, das schwer zu ertragen ist.

Legendär dazu die Seite 31 des NZZFolio „Bomben“ (Januar 2005), in dem ein Foto den abgerissenen Kopf einer Selbstmordattentäterin zeigt. Nichts für schwache Mägen und doch veranschaulicht dieses Bild das menschliche Leiden hinter den Anschlägen besser als jeder Text.

Der Fall kam – verständlicherweise – vor den Presserat. Dieser stellte sich letztlich hinter die Beschwerdeführer und sah Ziffer 8 der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten verletzt.

Leichenschau auf blick.ch

Menschen sterben aber gewaltsam nicht nur durch Menschenhand, sondern auch durch die Kräfte der Natur. Wie aktuell auf Java in Indonesien. In der Nacht auf letzten Freitag brach der Vulkan Merapi aus und eine „sengende Gaswolke trieb bis zum 15 Kilometer vom Krater entfernten Dorf Bronggang und verbrannte mindestens 54 Einwohner“, schreibt NZZOnline heute. Dazu präsentieren NZZ Online und Blick.ch eigene Bildstrecken. Der Blick mit Leichen von Menschen und Tieren, die NZZ zeigt nur tote Tiere.

Zur Darstellung von toten Menschen hält der Presserat unter Punkt 8.3 in der Erklärung der Pflichten und rechte der Journalisten folgendes fest: „Untersagt sind sensationelle Darstellungen, welche Menschen zu blossen Objekten degradieren: Als sensationell gilt insbesondere die Darstellung von Sterbenden, Leidenden und Leichen.“

Kämen diese – ästhetischen durchaus ansprechenden – Bilder vor den Presserat, er wäre wohl „not amused“ und Blick.ch scheint sich hier nicht um berufsethische Standards zu scheren. Ein Informationsbedürfnis wird durch die Bilder jedenfalls nicht gedeckt.

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