21. Dezember 2010 von Helen Brügger

Drei Lektionen für “Tamipresse”

Der Zürcher Medienkonzern Tamedia organisiert für seine MitarbeiterInnen Französisch- und Deutschkurse. KLARTEXT gratuliert Tamipresse zu dieser verdienstvollen Initiative! Wir möchten mithelfen, die interkulturelle Kompetenz wenigstens der Deutschschweizer Kader des nationalen Medienhauses zu steigern und haben uns deshalb bei den renommiertesten EthnologInnen, den angesagtesten Persönlichkeiten von Pro Specie Rara sowie den bekanntesten ExpertInnen für Biodiversität umgehört, welche Schlüsselbegriffe schon in den ersten drei Französischlektionen vorkommen sollten, damit zusammenwächst, was zusammengehört. Hier das Ergebnis unserer Recherchen.

Lektion 1: Der Röstigraben heisst auf Französisch in Anlehnung an den Eisernen Vorhang bekanntlich rideau de roesti – ein kleiner, aber signifikanter Unterschied, insbesondere psychologisch gesehen. Die Romands werden Ihnen sicher gerne erklären, was der Unterschied zwischen einem Graben und einem Vorhang ist, wenn Sie mit ihnen bei einem Glas Wein schmolitz machen.

Lektion 2: Faire schmolitz kann jedoch leicht scheitern, wenn Sie vergessen, dass die Romands es auf den Tod nicht ausstehen können, als Welsche bezeichnet zu werden. Hingegen verpassen sie keine Gelegenheit, uns als beschränkte Totos, ungehobelte Köbis, ungeschlachte Gertrudes oder unerträgliche staufifres zu bezeichnen, die mit einer einzigen Absicht in die Westschweiz kommen: poutzer les emplois. Achtung vor sprachlichen Missverständnissen! Poutzer les emplois bedeutet nicht etwa Reinlichkeit am Arbeitsplatz, sondern dass Sie im Sinn haben, die Arbeitsplätze carrément wegzuputzen. Was so etwas wie eine kollektive fixe Idee der Romands ist, wenn sie uns in ihrer Sprachregion antreffen.

Lektion 3: Bestellen Sie deshalb nie einen Romand ohne triftigen Grund (mindestens eine Kündigungsdrohung) nach Zürich, denn das bedeutet für ihn eine Tortur, umschrieben mit aller manger de la vache enragée, Synonym für einen Kulturschock und mindestens sieben kommende magere Jahre. Trinken Sie stattdessen mit ihm in Lausanne einen schlouk renversé – die einzige Art, wie unsere leichtfüssigen confédérés unsern bain de pied genannten Milchkaffee goutieren. Und: Zeigen Sie nie Ihren Ärger, wenn er Sie trotz allen Entgegenkommens immer noch für einen ehrgeizigen grimpion hält, plus stramm halt und deshalb besser für die Karriereleiter geeignet.

Wenn Sie sich an diese Grundregeln halten, werden die Romands Ihnen in kurzer Zeit gruezi sagen und auch schnell lernen, was ein Excel-Sheet ist.

23. August 2010 von Helen Brügger

Die Anti-Rothenbühler

Für ihren Uniabschluss hat Sandra Jean den «Matin» unter Peter Rothenbühler kritisiert. Jetzt steht sie selbst an der Spitze der Zeitung und erteilt dem Kurs ihres Vor-Vorgängers eine klare Absage.

Bild: Yvain Genevay

Eine Frau an der Spitze eines Boulevardblatts? Was es in der Deutschschweiz beim «Blick» noch nie gegeben hat, ist in der Westschweiz längst Rea­lität. Auf den «Le Matin»-Chefredaktor Peter Rothenbühler folgte zunächst Ariane Dayer, die neu zur Sonntagsausgabe wechselt; unter der Woche übernimmt Sandra Jean das Steuer. Die junge Frau mit der wilden Mähne kommt von Radio Suisse Romande und hat sich für den neuen Job ausgerechnet mit einer Analyse der Epoche Rothenbühler profiliert. Ihre Abschlussarbeit an der Universität Freiburg machte sie neben ihrem Job als Verantwortliche der morgendlichen Radio-Presseschau. Als der «Matin» vom volkstümlichen Familien­blatt zur Boulevardzeitung mutierte, sass sie «sozusagen in der vordersten Loge» und konnte von dort aus den Übergang von einem «informativen zu einem kommunikativen Journalismus» studieren.

Weg vom Schmuddel-Image
«Peter Rothenbühler hat das blutige ‹fait divers› eingeführt und ist damit ziemlich weit gegangen», sagt die lebhafte Mitdreissigerin, und man merkt, dass solches nicht ihr Bier ist. Promis, Busen, Unglücksfälle und Verbrechen, kurz: die klassischen englischen Tab­loid-Themen, standen bei Rothenbühler im Zentrum – schon unter Ariane Dayer hat die Zeitung zurückbuchstabiert. Und Sandra Jean will offensichtlich das Schmuddelblatt-Image ganz loswerden. Die MitarbeiterInnen setzen grosse Hoffnungen auf die neue Chefin, sie wünschen sich vor allem mehr Inhalt. Erste Signale zeigen in diese Richtung: «Le Matin» deckte auf, wie ein Häftling im Gefängnis von Bochuz in seiner Zelle erstickte, trat die Lawine der Enthüllungen über den Neuenburger Regierungsrat Frédéric Hainard los und brachte eine ehemalige Gefangene zum Reden, die sich wie Hanfbauer Bernard Rappaz über hundert Tage im Hungerstreik befand, bis sie freigesetzt wurde und jetzt auf einen neuen Prozess hoffen kann.
Ariane Dayer und Sandra Jean, die Chefredaktorinnen der beiden «Matin»-Ausgaben, schätzen sich und haben auch einiges gemeinsam: Beide kommen aus dem Wallis, sind Töchter von Journalisten und haben eine Leidenschaft für politischen Journalismus. «Sind Frauen die Zukunft des Journalismus?», fragte «Le Temps» hoffnungsvoll und sah eine «Kulturrevolution» beim «Matin» ausbrechen. Tatsächlich setzen beide Frauen auf mehr Qualitätsjournalismus und mehr Recherche. Und Jean stellt gleich noch eine weitere Kurskorrektur in Aussicht: Rothenbühler hatte den «Matin» aus den Regionen abgezogen, die neue Chefin will die Rolle des orangen Blatts in den Regionen wieder verstärken. «Die Re­gionalzeitungen haben oft nicht genügend Freiheit, kritisch über gewisse Lokalmatadoren zu berichten. Der ‹Matin› muss da ein Gegengewicht bilden», sagt Jean. Nicht infrage stellt sie hingegen den Verzicht auf institutionelle Berichterstattung: «Als Radiojournalistin habe ich lange genug über institutio­nelle Politik berichtet, um zu wissen, dass man sich damit an eine Elite richtet und Themen bearbeitet, die die grosse Mehrheit der Leute in ihrem Alltag nicht berühren.»
Frühere KollegInnen beim Radio sind ein bisschen beunruhigt über Sandra Jeans neuen Job. Sie habe journalistisch und berufsethisch hohe Ansprüche und werde beim «Matin» «ziemlich jong­lieren» müssen. «Jonglieren, weshalb?», gibt Jean die Frage zurück. «Weil eine Boulevardzeitung nicht berufsethischen Regeln folgen kann?!» Erstmals versteht man, weshalb KollegInnen erzählen, es könne schon mal «echt donnern und blitzen» bei ihr. Doch den schönsten Lorbeerkranz windet ihr Roger Jaunin, ein Ehemaliger des «Matin», der heute beim Satiremagazin «Vigousse» arbeitet: «Sie kann zuhören, und sie kommt nicht aus einer geistigen Schule, in der es nur allwissende Chefs und ausführende Schreiberlinge gibt.» Für ihn das grösstmögliche Lob für eine Chefin oder einen Chef.

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