29. Oktober 2010 von Imelda Stalder

Aus dem Beruf: Daniele Muscionico

Daniele Muscionico

Daniele Muscionico arbeitet seit über zwanzig Jahren als Kulturjournalistin. Praktische Erfahrung, sagt sie, sei wichtiger als ein akademischer Titel, um im Journalismus Fuss zu fassen.

Welche Fähigkeiten zeichnen dich als Kulturredaktorin aus?

Meine Fantasie und meine innere Unabhängigkeit. Ich hatte in meinem Leben lange Jahre nur das Schreiben. Vielleicht war ich auch sehr leistungsorientiert, flexibel, anspruchslos am Anfang; ich habe die ersten drei Jahre bei der NZZ einfach alles gemacht, sogar Polizeiberichte geschrieben und über Tunnelbrände berichtet.

Ist der Kulturjournalismus am Aussterben?

Im Printbereich könnte man das vielleicht sagen, es gibt immer weniger Platz und es wird immer mehr gespart bei den Journalisten. Die Verlagerung auf den Online-Journalismus ist einfach noch nicht so etabliert, er hat immer noch etwas den Ruf von Fastfood. Das wird aber in zehn Jahren nicht mehr so sein.

Was hältst du von einer Journalismusausbildung?

Ich sehe das teilweise etwas kritisch, denn ohne Praxis bist du niemand. Uns wurden an der Uni keine Türen für die Praxis geöffnet im Gegensatz zu heute. Aber heutzutage beeindruckt dafür einen Bachelor oder einen Master niemanden mehr.

Ist es heutzutage noch möglich sich als freischaffende Journalistin einen Namen zu machen?

Ja, wenn man’s so macht wie Tom Kummer, dann kommt man sogar noch ins Kino! Nein ernsthaft, ich persönlich kenne kaum Beispiele. Die einzige Chance dafür ist, dass es einen Chef gibt, der dir eine Plattform zur Verfügung stellt und an dich glaubt.

Daniele Muscionico studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Zürich. Mit 27 Jahren, nach ihrem Studium begann sie mit einem halbjährigen Volontariat bei der NZZ. Dort blieb sie 18 Jahre lang und arbeitete als Kulturredaktorin. 2007 verliess sie die NZZ, schrieb 2 Jahre für die Weltwoche und ist seit 2009 freie Kulturjournalistin. Daniele Muscionico hat während ihrer Laufbahn den Zürcher Journalistenpreis und ein Werkjahr der Kulturstiftung Landis & Gyr gewonnen.
18. Oktober 2010 von Lukas Bertschi

„So blöd kann niemand sein“

Filmplakat "Bad Boy Kummer"

Tom Kummer hatte sie alle. Mitte der 1990er Jahre führte er Interviews mit Hollywood-Stars wie Pamela Anderson, Nicholas Cage und Mike Tyson, die das „Tages-Anzeiger Magazin“ und das Magazin der „Süddeutschen Zeitung Magazin” sowie weitere Publikationen veröffentlichten. Die Gespräche wurden Kult, da die Stars Kummer Dinge anvertrauten die sie sonst niemandem erzählten. Das Ganze hatte nur ein Problem: Die Gespräche waren frei erfunden. Über den „Bad Guy of German Journalism“ hat nun der Schweizer Journalist Miklos Gimes einen Dokumentarfilm. „Bad Boy Kummer“ läuft ab Donnerstag in den Schweizer Kinos.

Der Film lässt die Zuschauer mitlachen, wenn Kummer erzählt, wie er seine Interviews geschrieben hat. In einer Szene liest Kummer sein erfundenes Interview mit Mike Tyson vor und lässt diesen über den Proteingehalt von Kakerlaken philosophieren. Solche Komik kann einen schwerlich kalt lassen, macht einen aber gleichzeitig zum Komplizen, da man sich ihr kaum entziehen kann.

Kummer wird nicht geknackt
Während sich Kummer in seiner Autobiographie „Blow Up“ ausschliesslich als Opfer darstellt, flackert im Film manchmal ein wenig Schuldbewusstsein auf. Aber auch Gimes kann ihn nicht knacken: Wird es eng, weicht Kummer aus. Grundsätzlich ist Kummers Tenor im Dokumentarfilm klar: Er hat nichts Falsches gemacht und auch nichts Falsches versprochen. „Sie wollten ein Interview und das haben sie bekommen“, sagt Kummer und er weist den Vorwurf von sich, die Redaktionen betrogen zu haben: „So blöd kann niemand sein, zu glauben, dass ich das jetzt echt so eins zu eins bekommen habe von einem Star“ wer „Blow Up“ gelesen hat, erfährt im Film nicht viel Neues.

Die beiden wegen Kummer entlassenen Chefredakteure der „Süddeutschen Zeitung“ Ulf Poschhardt und Christian Kämmerling wollten im Film leider nicht auftreten, wie auch Roger Köppel, der als Chefredaktor des Tages-Anzeiger-Magazins Texte bei Kummer bestellt hatte. Für sie ist Kummer ein notorischer Betrüger und sie wollten nicht zu seiner Mystifizierung beitragen. So fehlt dem Werk von Gimes dieser wichtige Gegenpol. Obwohl andere Kritiker in die Bresche springen, kann diese Lücke im Film nicht wirklich gefüllt werden. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich Gimes dem Charme und Charisma von Kummer nicht ganz entziehen kann. So fragt er ihn gegen Ende des Films, ob dieser wirklich drei Jahre lang mit einem Paparazzo unterwegs gewesen sei für die Recherche zu seinem Buch „Good Morning Los Angeles“. Als Kummer nicht wirklich antwortet, sagt Gimes: „Ich brachte es nicht über das Herz genauer nachzufragen. Wir wussten beide, dass er nicht drei Jahre mit einem Paparazzo unterwegs war, vielleicht nicht einmal drei Tage. Bin ich jetzt schon ein Komplize geworden?“ Der Regisseur schreibt in seinen Anmerkungen zum Film: „Ich machte die klassische Erfahrung des Journalisten: Es ist schwierig, die letzte Wahrheit zu erfahren.” Es stellt sich die Frage, hat er sie überhaupt gesucht?

Regisseur Gimes war in der Ära Kummer stellvertretender Chefradakteur des Tages-Anzeiger-Magazins, was er aber im Film nicht erwähnt. Er verzichtet auch darauf, auf andere Fälscher hinzuweisen, die es immer schon gab und weiterhin gibt. Nur am Rande taucht einmal der Name Jayson Blair auf. Diese Fixierung auf Kummer trägt zu seiner Ikonisierung bei.

Held oder Verräter?
„Bad Boy Kummer“ endet mit Zitaten von Persönlichkeiten, die das Verhalten von Kummer relativieren. So sagt der Schriftsteller Martin Suter: „Ein Interview mit Sharon Stone hat nicht die Aufgabe eine Informationspflicht zu erfüllen. Das ist Unterhaltung“. Man ist geneigt ihm recht zu geben. Aber: Auch wenn einem die inhaltslosen Interviews mit Stars nicht gefallen, gibt das noch lange keinen Freipass dazu, den Hollywood-Stars einfach frei erfundene Sätze in den Mund zu legen.

So bleibt am Ende des Films ein mulmiges Gefühl zurück. Einerseits ist da die faszinierende Figur des dreisten Tom Kummer, der die Stars endlich mal etwas Interessantes sagen lässt, andererseits hat eben dieser Kummer während Jahren die Ideale des Journalismus verraten.

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