19. Juli 2010 von Klartext

Er will sich in den Medien nicht blamieren

Bild: zvg

Klaus Heer, früher Radioredaktor, heute prominenter Paartherapeut, scheut den direkten Kontakt zu Medienschaffenden. Den Boulevardmedien gibt er Auskunft, obwohl er sie verabscheut; nur Homestorys gibt es keine. Gespräch: Verena Wehrle und Jeanette Herzog

Klartext: Dieses Interview wollten Sie zunächst telefonisch führen. Woher kommt Ihre Zurückhaltung gegenüber dem persönlichen Kontakt mit den Medienschaffenden?
Klaus Heer: Das persönliche Gespräch irritiert mich. Ich hatte kürzlich ein zweistündiges Interview mit einem «Beobachter»-Journalisten – aber am Telefon. Das Gespräch war sehr gut. Da sitze ich dann an meinem Pult, kein Mensch stört mich, und ich kann mich gut konzentrieren.

KT: Fühlen Sie sich von den Journalisten bedrängt?
Heer: Eher gefordert, manchmal auch etwas überfordert. In meinem beruflichen Alltag stelle ja ich die Fragen.

KT: Es ist also schwieriger für Sie, Antworten zu geben, als Fragen zu stellen?
Heer: Auf jeden Fall. Antworten zu müssen, empfinde ich als herausfordernd, weil ich immer die Angst im Nacken habe, ich könnte mich blamieren. Im Grunde läuft alles darauf hinaus, der öffentlichen Schmach zu entgehen.

KT: Hatten Sie denn schon mal eine richtig blamable Erfahrung mit den Medien?
Heer: Eine wirklich peinliche Erfahrung verdanke ich der «Schweizer Illustrierten». Ich hatte ein Interview zum Thema «Mann sein» autorisiert. Kurz darauf sah ich einen Kiosk-Aushang, Riesenbuchstaben: «Klaus Heer: Die Schweizer Männer sind Schlappschwänze». Das hatte ich nie gesagt. Ich habe daraufhin den Chefredaktor angerufen und gesagt, dass sie so etwas mit mir nicht machen könnten. Das war gar nicht lustig.

KT: Was haben Sie daraus gelernt?
Heer: Ich bin vorsichtiger und misstrauischer im Umgang mit den Medien geworden.

KT: Dennoch scheinen Sie zu fast jedem Thema etwas beisteuern zu können. Fehlen Ihnen nie die Worte?
Heer: Gelingt es mir nicht, dumme Fragen gescheit zu beantworten, sage ich lieber nichts.

KT: Gibt es oft dumme Fragen?
Heer: Sehr oft.

KT: Warum beantworten Sie dumme Fragen?
Heer: Ich mache mir einen Spass da­raus, kluge und zutreffende Antworten zu suchen. Das ist für mich ein Sport.

KT: Sie setzen aber auch Grenzen. So haben Sie es abgelehnt, mit TeleZüri eine Homestory zu machen.
Heer: Homestorys im Fernsehen sind mir viel zu aufdringlich, zu brutal. Da herrschen Produktionsbedingungen, die ich als bedrohlich empfinde.

KT: Inwiefern bedrohlich?
Heer: Kürzlich habe ich eine Aufnahme gemacht mit dem «NZZ-Format». Die Situation war prekär für mich: Das Team kam in meine Praxis, verdunkelte das Zimmer und richtete die Scheinwerfer auf mich. Sie haben mich auf einen Stuhl gesetzt und die Kamera starrte mir ins Gesicht. Die NZZ-Journalistin war zwar sehr angenehm, aber wenn ich nur Statements produzieren muss, bin ich nahezu unfähig. Ich habe es lieber interaktiv, das ist anregender. Ich bin ein Meister des Dialogs und ein Stümper des Statements.

KT: Zu Homestorys in Zeitschriften wären Sie bereit?
Heer: Nein, schon lange nicht mehr. Früher habe ich mal etwas mit der «Schweizer Illustrierten» gemacht. Das gibt es heute nicht mehr.

KT: Warum nicht?
Heer: Die Leute, die ich gern habe, schätzen das nicht. Ausserdem ist es mir selbst peinlich. Wenn ich die «Schweizer Illustrierte» durchblättere – es gibt ja noch schlimmere Hefte –, empfinde ich Scham.

KT: Haben Sie generell Mühe mit den Boulevardmedien, obwohl gerade dort die meisten Ihrer Interviews erscheinen?
Heer: Ich habe es sehr gut mit den Boulevardmedien, aber nur, weil ich misstrauisch und pingelig bin. Ich will jeweils den ganzen Text und nicht nur meine Zitate sehen. Da bin ich unerbittlich.

KT: Sie sitzen am längeren Hebel.
Heer: Ich weiss einfach, dass man alles Gesagte bis zum letzten Moment zurückziehen kann. Da helfen mir meine Erfahrungen als Journalist.

KT: Gibt es Medien, mit denen Sie nicht zusammenarbeiten würden?
Heer: (überlegt lange) Wenn es inhaltlich machbar ist, würde ich selbst für die «Glückspest» etwas machen.

KT: «Glückspest»?
Heer: Ja, «Glückspest». Denn jedes Mal wenn ich diese Zeitschrift anschaue, fühle ich mich peinlich berührt.

KT: Gibt es andere Medien, auf die Sie so stark reagieren?
Heer: Die Fernsehsendung «Swiss Date» ist auch so etwas furchtbar Peinliches. Das widert mich genussvoll an.

KT: Was ist daran so peinlich?
Heer: Dass die Medien Menschen dazu bringen, sich so extrem zu prostituieren. Diese Menschen zeigen sich von ihrer entwürdigendsten Seite – ohne dass sie es merken. Nur damit sie zu einem Medienauftritt kommen.

KT: Schauen Sie oft Fernsehen?
Heer: Nein, ich habe keinen Fernseher. Das ist eine Zeitvernichtungsmaschine. Das geht für mich gar nicht. Es interessiert mich nicht.

KT: Lesen Sie auch keine Zeitschriften?
Heer: Ich schaue mir lediglich alle paar Wochen in meinem Fitnessstudio eine Hochglanzzeitschrift an, weil ich wieder einmal so richtig angeekelt sein will.

KT: Wie informieren Sie sich denn?
Heer: Mit dem iPhone. Dort lese ich den «Bund» und den «Tages-Anzeiger». Ich habe gar nicht so viel Zeit für den Konsum von Medien. Abgesehen vom Radio, das ist mein bevorzugtes Medium. Aber das kann ich ja via iPhone als Pod­cast auf dem Nachhauseweg hören.

KT: Bei Radio DRS gab es doch mal eine höchst unerfreuliche Geschichte …
Heer: … das war 1992. Der damalige Radiodirektor Andreas Blum mochte mich und meine Sendungen nicht. Das war wirklich keine schöne Geschichte. Ich musste schliesslich gehen.

KT: Wie war das für Sie? Radio war Ihre Leidenschaft.
Heer: Das war ein Schlag für mich. Aber ein segensreicher Schlag, der bewirkt hat, dass ich meine symbiotische Liebe zum Radio loswurde. Aus eigener Kraft wäre ich diesem Sog nie entronnen. Der Rausschmiss ermöglichte es mir, Neues anzufangen.

KT: Machen Sie manchmal auch richtig gute Erfahrungen mit den Medien?
Heer: Ja, viele gute Erfahrungen. Zum Beispiel hat mir ein Journalist der «Weltwoche» kürzlich sehr viel Freiheit gelassen. Wir produzierten sogar die Fragen gemeinsam.

KT: Wie ist Ihr Verhältnis zu den Journalisten?
Heer: Ich habe es fast immer gut mit den Journalisten. Ich glaube, Sie mögen mich. Sie müssen mich ja auch nicht anschauen, wir telefonieren nur.

Bauernsohn, Therapeut, Bestsellerautor

1943 in der Innerschweiz als Bauernsohn geboren, studierte Klaus Heer in Hamburg und Bern Psychologie und bildete sich später zum Psycho- und Paartherapeuten weiter. In den 35 Jahren, in denen er nun schon praktiziert, wurde er, was Liebe, Partnerschaft und Sexualität betrifft, zu einer Kapazität. Er schrieb den Bestseller «Ehe, Sex und Liebesmüh – Eindeutige Dokumente aus dem Innersten der Zweisamkeit» sowie «Wonneworte – Lustvolle Entführung aus der sexuellen Sprachlosigkeit» und «Paarlauf – Wie einsam ist die Zweisamkeit?» Klaus Heer lebt und arbeitet in Bern, er hat eine Familie mit zwei erwachsenen Töchtern.


17. Mai 2010 von Klartext

Die «Technokratin» wird sie nicht mehr los

Bild: Bundeskanzlei/zvg

Sie ist nicht mehr der Liebling der Medien, als der sie nach der Blocher-Abwahl galt. Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf pflegt heute ein pragmatisches Verhältnis zu den Medien, weil sie weiss, wie leicht sich Geschichten inszenieren lassen und wie hartnäckig sich Vorurteile halten. Gespräch: Helen Oertli, Christian Zellweger*

Klartext: Frau Widmer-Schlumpf, wie ist Ihr Verhältnis zu den Medien?
Eveline Widmer-Schlumpf: Gut. Die Medien sind praktisch unsere einzige Möglichkeit, unsere Anliegen überhaupt unter die Leute zu bringen. Darum sind die Medien für uns sehr wichtig. Manchmal bilden sich die Journalisten allerdings Vorurteile. Sie geben einer Person ein bestimmtes Profil, in dem diese sich dann selbst nicht ganz wiederfindet.

KT:
Wie ist das bei Ihnen?
Widmer-Schlumpf: Ich werde gebetsmühlenartig als die kompetente Technokratin zelebriert. Im Justiz- und Polizeidepartement geht es um Rechtsfragen. In vielen Fällen ist hier der Spielraum, Politik zu machen und seine eigene Meinung zu vermitteln, beschränkt. Es ist deshalb schwierig, aus diesem Klischee herauszukommen. So nimmt man mich ausschliesslich als Berufsfrau wahr …

KT:
… deren Privatleben ausgeblendet wird?
Widmer-Schlumpf: Seit ich in der Politik bin, habe ich bewusst entschieden, meine Familie aus den Medien rauszuhalten. Ich habe meine Familie nie benutzt, um mein Image zu beeinflussen. Wenn ich zu Hause bin, bin ich die Mutter meiner Kinder. Es wird nicht hinterfragt, wenn ich in der Küche stehe und koche, nur weil ich Bundesrätin bin. Diese zwei Ebenen klar zu trennen, ist mir gelungen.

KT:
Muss man diese Ebenen voneinander trennen?
Widmer-Schlumpf: Das muss man nicht. Aber für meine Familie und mich war und ist das richtig so. Meine Kinder sollen nicht immer mit mir identifiziert werden und die Möglichkeit haben, sich selbstständig zu bewegen.

KT: In den ersten eineinhalb Jahren als Bundesrätin wurden Sie hochgejubelt, mittlerweile werden Sie in den Medien und von allen Parteien hart kritisiert.
Widmer-Schlumpf: Das ist normal. Bald kommen die nächsten Wahlen. Bis dahin wird die Kritik zunehmen. So ist das Spiel, dessen muss man sich bewusst sein.

KT: Wie können Sie davon Abstand nehmen?
Widmer-Schlumpf: Indem ich überzeugt bin, dass Politik nicht das Einzige ist, was im Leben zählt. Ich mache meine Arbeit sehr gerne, aber ich habe eine grosse innere Distanz zu allem, was ich tue.

KT: Wegen der ständigen medialen Beobachtung müssen Sie Ihre Emotionen stark kontrollieren. Tun Sie das auch zu Hause? In der «Schweizer Illustrierten» schilderten Sie eine Auseinandersetzung mit Ihrem Sohn. Er war froh, dass Sie wieder einmal aus sich herauskamen.
Widmer-Schlumpf: Ich habe das erste halbe Jahr im Bundesrat tatsächlich nicht mehr aus mir herausgehen können. Das war psychisch eine enorm schwierige Situation. Nur weil ich mich innerlich «imprägniert» habe, konnte ich sie bewältigen. Ich habe nichts mehr von mir persönlich preisgegeben und versucht durchzuhalten, ohne Emotionen zu zeigen. Irgendwann fand meine Familie, da stimme etwas nicht mehr. Meine Tochter sagte: «Du bist nicht mehr diejenige, die du warst. Wir haben nicht mehr das Gefühl, du seist unser Mami.» Das hat mir zu denken gegeben, und ich habe beschlossen, wieder normal zu werden. Man muss auch Emotionen zeigen können. Ich bin nicht humorlos und nehme auch nicht alles todernst. Ich kann auch über mich selber lachen.

KT: Wie ist es Ihnen gelungen, wieder «normal» zu werden?
Widmer-Schlumpf: Als am 1. Juni 2008 die Bündner SVP aus der Mutterpartei rausgeworfen wurde, war das für uns alle ein Befreiungsschlag. Da war die Situation endlich bereinigt. Von da an konnte ich auch wieder ich selber sein, der Druck war weg. Hätten dieser Druck, die Drohungen, Aggressionen und das Ultimatum der SVP noch ein halbes Jahr fortbestanden, weiss ich nicht, ob ich durchgehalten hätte. Die Situation war wirklich massiv.

KT: Sie sind eine zierliche Person, gelten aber als harte Chefin und Politikerin. Nutzen Sie diese Diskrepanz?
Widmer-Schlumpf: Nein. Ich habe überhaupt nie eine Rolle gespielt. Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, verfolge ich sie konsequent. In diesem Sinne bin ich tatsächlich hart. Aber auch klar und berechenbar, das ist wichtig.

KT: Es gibt zu Ihrer Wahl den berühmten Film des Schweizer Fernsehens. Dort ist viel von Ihrem Taktieren die Rede.
Widmer-Schlumpf: Bei diesem Film konnten wir die Hauptsequenzen, welche darauf hindeuten sollten, dass ich etwas gespielt haben soll, relativ einfach widerlegen. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis. Als ich die Sequenz gesehen habe, in der wir im Zug waren und angeblich Ueli Maurer telefoniert hat, wusste ich, dass dies so nicht stimmt. Auf der Originalaufnahme des RTL-Journalisten konnte man dann deutlich hören, wie meine Begleiterin Barbara Janom Steiner, damals kantonale Parteipräsidentin und heute Bündner Regierungsrätin, gesagt hat: «Ciao Claudio, wir sind unterwegs.» Es war also eine «inszenierte» Geschichte. Wobei «inszeniert» vielleicht nicht der richtige Ausdruck ist. Jedenfalls suggerierte der Film nonverbal Dinge, die nicht stimmen.

KT: Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?
Widmer-Schlumpf: Es war sehr schwierig, darauf zu reagieren. Das hat mich «geschlissen». Da wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, wie man mit einem Film bei den Betrachtern einen falschen Eindruck erwecken kann, ohne dass gelogen wird. Bei einem elektronischen Medium können Sie das nie mehr zurücknehmen. Das fährt massiv ein.

KT: Beim Arosa Humor-Festival haben Sie eine Auszeichnung für Ihren Humor erhalten. In der Dankesrede sagten Sie, Sie seien froh, dass auch einmal Ihre komische Seite entdeckt worden sei. Welche Eigenschaft von Ihnen könnten die Medien sonst noch entdecken?
Widmer-Schlumpf: Die Personen, die mich gut kennen, kennen auch diese Eigenschaften. Wenn meine Freunde Artikel über mich lesen, lachen sie oft da­rüber, wie ich dargestellt werde. Ich habe eigentlich gar keine Lust, all meine Facetten offenzulegen. Aber ich verfolge mit grossem Interesse, wie man mich öffentlich präsentiert.

*Helen Oertli und Christian Zellweger studieren an der ZHAW in Winterthur. Das Interview entstand im Rahmen der Werkstatt «Storytelling» von Dozentin Barbara Lukesch.

Bundesrätin, Juristin, Mutter

Die 53-jährige Juristin Eveline Widmer-Schlumpf ist seit 2008 Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements. 1998 wurde sie als erste Frau in die Bündner Regierung gewählt. Die Tochter von alt Bundesrat Leon Schlumpf ist verheiratet und lebt in Felsberg/GR. Sie ist Mutter von drei Kindern. Ihre Wahl zur Bundesrätin Ende 2007, anstelle des offiziellen SVP-Kandidaten Christoph Blocher, führte zum Ausschluss der Bündner SVP-Sektion aus der Partei. Seit Juni 2008 ist Widmer-Schlumpf Mitglied der BDP.

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