26. Oktober 2009 von Helen Brügger

Gratwanderung auf der richtigen Seite

Largeur_beide

Journalismus gleich direkt von Unternehmen finanzieren lassen anstatt indirekt über Inserate: Pierre Grosjean und Gabriel Sigrist sind mit Corporate Publishing gut im Geschäft.

Niemand wusste, wer die pikanten Details ausplauderte, mit denen Ende der Neunzigerjahre im Internet ein gewisser «Innocent» die Verantwortlichen des Fusionsprojekts zwischen «Journal de Genève» und «Nouveau Quotidien» – beide Zeitungen gehören heute der Geschichte an – zur Verzweiflung trieb. Was heute gang und gäbe ist, ein Blog mit anonymen Beiträgen, war damals ein Skandal, der sogar die Polizei auf den Plan rief. Doch die Autorschaft von «Innocent» konnte nicht geknackt werden; schliesslich enttarnten sich die Urheber aus freien Stücken selbst: Sie hiessen Pierre Grosjean, Ökonom, sowie Gabriel Sigrist, Informatikingenieur; beide arbeiteten als Journalisten beim «Nouveau Quotidien».
Aus «Innocent» wurde das freche Online-Magazin «largeur.com», das sich seither, zehn Jahre ist es her, durch die Qualität seiner Beiträge auszeichnet. Viel Geld liess und lässt sich damit allerdings nicht verdienen, sodass Sigrist und Grosjean ihre Aktivität auf das Schreiben von Artikeln für Printmedien ausweiteten. 2003 stürzten sie sich schliesslich ins Abenteuer Corporate Publishing, das Herstellen von auf Mass geschneiderten Kunden- oder Mitarbeitermagazinen für Unternehmen. Zu ihren Kunden gehören etwa die Genfer Fluggesellschaft Flybaboo, die ETH Lausanne, die Genfer Verkehrsbetriebe oder das Lausanner Universitätsspital und das von der Automobilindustrie finanzierte Luxusmagazin «Trajectoire». Ihr Erfolgsrezept: «Wir weiten das Themenspektrum der Publikationen so aus, dass sie auch ein breiteres Publikum ansprechen.»

«Wir machen keine PR!»
Rund vierzig Prozent der Einnahmen stammen heute aus dem Verkauf von Zeitungsartikeln, rund sechzig Prozent bringt das Corporate Publishing ein, das Online-Magazin «largeur.com» ist knapp selbstdeckend. Seit Mitte Juli sind die journalistischen Aktivitäten von Pierre Grosjean und Gabriel Sig­rist unter Largeur.com gebündelt, ihre Agentur- und Corporate-Publishing-Aktivitäten unter der Marke LargeNetwork. Gleichzeitig haben sich die smarten Genfer mit dem Zürcher Corporate-Publishing-Unternehmen Infel zusammengetan, um, wie sie selbstbewusst mitteilen, zum nationalen Marktleader im Corporate Publishing zu werden. «Wir können unseren nationalen oder internationalen Kunden jetzt einen zweisprachigen Service anbieten, der viel mehr Qualität und Authentizität bietet als Übersetzungen», sagen Sigrist und Grosjean stolz.
Verstehen sich die beiden trotz weitverzweigter Tätigkeit weiterhin als Journalisten? «Hundertprozentig ja», sagen sie. Es gehöre zu ihrer Beratertätigkeit, den Kunden klarzumachen: «Wir machen keine PR, wir machen Journalismus!» Auch ein Kundenmagazin und eine Mitarbeiterzeitung müssten in erster Linie das Interesse der LeserInnen im Auge haben. «Wenn der Leser das Magazin gerne liest, hat er auch das Unternehmen gern.»
Wie steht es aber mit dem Einfluss des Auftraggebers auf ihre Arbeit, sind sie da nicht abhängig von dessen Wünschen? Mit der Unabhängigkeit sei das so eine Sache: «Wir kündigen klar an, dies ist das Magazin von diesem oder jenem Unternehmen und wird von ihm bezahlt.» Das sei auf jeden Fall transparenter, als wenn die Inserenten indirekten Einfluss ausübten, wie es in sogenannt unabhängigen Medien oft der Fall sei. Und wie steht es mit allfälligen Interessenkonflikten zwischen Corporate Publishing und Journalismus? «Wir machen den Kunden klar, dass wir nicht über sie schreiben, weder im positiven noch im negativen Sinn» – von daher sei ihr «Business Model» auch begrenzt: «Je mehr Corporate-Publishing-Kunden wir haben, desto weniger Themen haben wir für unser Online-Magazin oder für unseren Agenturjournalismus.» Doch im Moment, lachen die beiden, sei das noch kein Problem: «Wir sind in einer Nische tätig, die sich noch ausweiten lässt.»

«Journalismus ist nicht tot»
Unverzichtbar in dieser Nische ist für sie weiterhin das Online-Magazin, an dem sie festhalten – «aus emotionalen Gründen, aber auch, weil es uns eine grosse Bekanntheit verschafft». «Largeur.com» hat immerhin 100’000 regelmässige Besucher pro Monat, mehr als die Hälfte von ihnen sind gemäss einer Umfrage im universitären Bereich tätig. Interaktivität? «Das war für uns ein Thema auf ‹Innocent›, heute machen das alle, wir nicht mehr. Unser Mehrwert liegt im unverwechselbaren Inhalt.»
Die innovativen Macher haben denn auch eine klare Vorstellung davon, wie es im Journalismus weitergehen soll: «Nicht der Journalismus ist am Sterben, sondern ein gewisses Geschäftsmodell im Print.» Verzweifelt versuchten die Verleger, ihre Zeitungen neuen Konsumgewohnheiten anzupassen und im Internet nachzuholen, was sie verpennt hätten. «Sie laden ein Maximum an Informationen aufs Netz», dabei gelte auch Online, was im Print schon lange gelten sollte: «Der Leser will nicht Quantität, sondern Qualität, er will nicht den ewig gleichen Infobrei, sondern klare Hierarchien zwischen Wichtigem und Unwichtigem, er will pointierte Analysen und kluge Kommentare, die Bojen in die Informationsflut setzen.» Keine andere journalistische Tätigkeit habe aber einen «so klar erkennbaren journalistischen Mehrwert» wie der Recherchierjournalismus, der heute ein Dornröschendasein friste. «Wir sind überzeugt, dass er schon bald ein grosses Comeback feiert.»
An der Wand des kleinen Büros in der Nähe des Genfer Bahnhofs hängt in grossen Lettern der Spruch: «You cannot not change the world». Ist das ihre Maxime? «Nein, das war nur mal so ein Gag.» Wirklich?

Unabhängig und transparent
nil./ «Journalist» ist kein geschützter Titel und das Berufsfeld offener und weiter denn je. Wer im Sold von Unternehmen oder Institutionen recherchiert, Kundenmagazine und Mitgliederzeitschriften redigiert, arbeitet auch als Journalist. Das mag zwar den Hütern der reinen Lehre, die den Journalismus einzig der Öffentlichkeit verpflichtet sehen, Bauchschmerzen bereiten. Doch zeichnet sich die neudeutsch Corporate Publishing genannte Unternehmens­publizistik durch einen vergleichsweise hohen Grad an Transparenz und Unabhängigkeit aus. Es gibt genau einen­ blinden Fleck, nämlich den Absender: Über diesen wird sicher kein kritisches Wort zu vernehmen sein. Aber das erwartet auch niemand. Dagegen sind die Corporate-JournalistInnen keinen Pressionen von Anzeigenkunden ausgesetzt. Unter solchen Bedingungen kann durchaus Journalismus gedeihen, der es mit dem real existierenden «freien» Medienschaffen aufnehmen kann.

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