2. November 2010 von Claudia Salzmann

2:0 für den Journalismus

Quelle: www.tagi.ch

Die Arbeit des Presserates, Beschwerden wegen vermuteten Verstössen gegen den Ethikkodex der Medien zu prüfen, erfüllt eine wichtige Funktion im medienkritischen Diskurs in der Schweiz. Wichtig ist seine Arbeit aber nicht nur deshalb, weil er unethisches Verhalten regelmässig als solches benennt und Journalisten und Redaktionen dafür rügt. Ebenso wichtig sind abgewiesene Beschwerden, die den Rahmen des Zulässigen abstecken und den Journalismus vor unzulässigen Angriffen schützt. Denn nicht immer ist alles grundverkehrt im Journalismus, wie zwei jüngst vom Presserat abgewiesene Beschwerden zeigen:

SVP-Nationalrat Peter Spuhler und seine Gattin Daniela Spuhler-Hoffmann, Unternehmerin und SVP-Mitglied legten beim Pressrat eine Beschwerde gegen einen Artikel des Tages-Anzeigers ein. Frau Spuhler-Hoffmann erklärte gegenüber dem Autoren des Artikels ihre Unterstützung für Andres Türler, einem FDP-Politiker und somit einen politischen Konkurrenten. Türler ist Leiter der Verkehrsbetriebe Zürich, die momentan einen Auftrag für neue Trams ausgeschrieben haben. Um diesen Auftrag hat sich die Firma Stadler Rail, die Firma von Peter Spuhler, beworben. Der Autor des besagten Tages-Anzeiger-Artikels fragte Frau Spuhler-Hoffmann, ob ein Zusammenhang zwischen ihrer Unterstützung von Türler und der Bewerbung von Stadler Rail bestehe. Daraufhin reichte das Ehepar Spuhler Eine Beschwerde ein, weil sie fanden, der Artikel habe die Wahrheits- und Anhörungspflicht verletzt. Der Pressrat weist die Beschwerde ab. Begründung: Es sei journalistisch legitim, mögliche Interessen-Verbandelungen auszuleuchten, vor allem in der Grauzone der Finanzierung von Politikern.

Eine andere Beschwerde gegen zwei Artikel, erneut vom Tages-Anzeiger, wurde vom Presserat abgewiesen. Informanten haben ihre zuvor preisgegebenes Material zurückgezogen, dennoch hat der Tagesanzeiger die Informationen in einem Artikel verwendet, wenn auch anonymisiert, da sie von «öffentlicher Relevanz» gewesen sei. Konkret ging es um einen Kampf zwischen einem Elternpaar und der Mobiliarversicherung um einen Haftpflichtfall: Die Tochter des Paars war wegen einem Fehler einer Hebamme lebenslang schwer behindert. Die Eltern seien von sich aus an die Redaktion gelangt, wie der Tages-Anzeiger erklärt. Ein Journalist habe einen Artikelentwurf den beiden vorgelegt, worauf sie ihre Aussagen zurückgezogen haben. Der Presserat gab dem Tages-Anzeiger Recht, dass es «kein generelles, zeitlich unbefristetes Rückzugsrecht für Informationen» gebe. Laut Presserat wurden weder Fairness noch Privatsphäre verletzt worden. Entscheidend sei hier der Schritt eines Informanten, der sich an eine Redaktion wende und Vertrauliches erzähle. Diese Informationen könnten nicht mehr willkürlich zurückgezogen werden, ausser zwischen dem Journalisten und dem Informanten wird etwas anderes vereinbart.

Diese beiden abgewiesenen Beschwerden wären Grund genug, um damit Werbung in eigener Sache zu machen und dem Publikum den zulässigen Rahmen journalistischen Arbeitens aufzuzeigen. Tamedia beschränkte sich darauf, diese Information hausintern zu verbreiten.

19. Oktober 2010 von Imelda Stalder

Facebook: Freund oder Feind?

Facebook: Eine verlockende Quelle für Journalisten

Die Verlockung für Journalisten ist gross, Facebook bei Recherchen als riesige Personendatenbank zu benutzen. Doch wie weit dürfen Journalisten bei ihren Recherchen gehen? Mit einem aktuellen Fall hat sich der Presserat beschäftigt.

Im März 2010 reichte ein Nachwuchsfussballer eine Beschwerde gegen den „Blick“ ein, weil sich die Boulevardzeitung unberechtigterweise Zugang zu seinem Facebook-Account verschafft und sein Profilbild sowie andere persönliche Informationen in der Zeitung veröffentlicht habe. Damit hätten die betroffenen Journalisten gegen Artikel 4.2 (verdeckte Recherchen) und 7 (Verletzung der Privatsphäre) der Erklärung der Rechte und Pflichten verstossen, schreibt der Presserat.

Die „Blick“-Redaktion streitet jedoch ab, dem Nachwuchsfussballer auf Facebook fingierte Freundschaftsanfragen geschickt zu haben, um so an seine persönlichen Daten heranzukommen, und verwies darauf, dass Facebook, wie auch das gesamte Internet, keine Privatheit kenne. Zudem habe man das Gesicht des jungen Manns mit einem schwarzen Balken unkenntlich gemacht. Dem Presserat reichte das allerdings nicht. Er entschied, dass die „Blick“-Journalisten zwar nicht unlautere Methoden bei der Recherche verwendet hätten, aber die Privatsphäre des Betroffenen dennoch verletzten, da das Facebook-Bild unzureichend verfremdet wurde.

Zudem ist der Presserat der Ansicht, dass Informationen auf Facebook zwar weltweit abrufbar sind, dies aber nicht automatisch bedeute, dass eine Person damit bereit sei, ihre veröffentlichten Informationen für ein breites Publikum freizugeben. Soziale Netzwerke wie Facebook, seien zum Austausch von Bildern und Informationen unter Privatpersonen da und würden weniger der Kommunikation mit der Öffentlichkeit dienen, so der Presserat.

Das Web 2.0 und Facebook werden die Medienwelt in Zukunft noch stark beschäftigen. Die Frage, ob soziale Netzwerke als Rechercheinstrument verwendet werden dürfen, scheint überflüssig – entscheidend ist vielmehr, wie Medienschaffende mit den persönlichen Daten umgehen, die sie dort finden.

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