13. Oktober 2010 von Andy Frei

Empörung beim Tages-Anzeiger

Ein Konzertbesucher macht an einem Abend im Zürcher Hallenstadion eine unschöne Erfahrung. Nach einer Rauchpause wird er nicht mehr ins Stadion zurückgelassen. Empört wendet er sich an den Tages-Anzeiger und erzählt, es seien “Zuhauf” Leute nicht mehr ins Stadion eingelassen worden. Der Tagi greift die Geschichte in der Ausgabe vom 13. Oktober auf.

Er erntet dafür bis am Abend über 80 Kommentare der Raucher- und Nicht-Raucher-Gruppierungen, die sich, wie immer wenn das Stichwort “Rauchverbot” fällt, sofort via Tastatur an die Gurgel gehen. Dabei kommt auch ans Licht: Die Konzertbesucher wurden ausreichend darüber informiert, dass ein Wiedereintritt nicht möglich ist. Die Hallenstadion AG hat dazu schon im Mai 2010 eine Stellungnahme verfasst.

Der empörte Besucher hat also soviel Grund über das Hallenstadion empört zu sein, wie ein Schwarzfahrer auf die SBB, nachdem er ohne Billet im Zug erwischt wurde. Der Nachrichtenwert dieses Artikels, der im “Zürich”-Bund auf Seite 3 erschien, ist – nett gesagt – klein.

Ist dieser Ausflug in den “Empörungs-Journalismus”, der auch im Blick erscheinen könnte, mit dem Selbstbild, das der Tagi über sich hat, vereinbar? Die Zeitung beschreibt sich selbst so: “Der «Tages-Anzeiger» bürgt seit 1893 für Qualität. Täglich berichten Journalisten im In- und Ausland umfassend und ausgewogen, unabhängig und engagiert über politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich relevante Themen.” Bürgt diese Empörungs-Geschichte von Qualität, hat sie gesellschaftliche Relevanz? Ich glaube nicht.

Doch je kälter es wird, je mehr wird wohl Rauchverbot wieder zum Thema werden. Nicht weil es relevant ist. Sondern weil es in kurzer Zeit viele Klicks und viele Kommentare garantiert. Was Subzonic schon 1999 in “Titelgschicht” besang, scheint heute auch das Motiv des Tages-Anzeigers zu sein: “Ich mach nüüt falsch, ich mach nur das, das wo du wettsch, das chasch du ha. Ja gäld macht geil, und ‘s isch e geili welt, niemerd seit es seg e heili welt”

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