16. Juni 2011 von Klartext

«Vor Journalisten gehe ich nicht in die Knie»

Bild: ZVG

Der Satiriker Viktor Giacobbo ist seit zwanzig Jahren im Geschäft. Wie nahe lässt man da Kritik noch an sich heran? Das Gespräch mit Giacobbo über Eitelkeiten, Streitlust und die Wichtigkeit guter Argumente führten Stephan Eisler und Helena Gunsch*.

KT: Herr Giacobbo, warum kommen fast alle Ihre Projekte beim Publikum so gut an?

Giacobbo: Da wüsste ich auch ein paar, die nicht so gut angekommen sind… Aber wenn eines gut ankommt, haben die Leute möglicherweise gespürt, dass es mir selber ebenfalls Spass macht. Wenn ich bei einem Projekt die Lust verliere, höre ich auch wieder auf – das habe ich schon immer so gehalten.

KT: Auf Ihre Sendung Giacobbo/Müller erhalten Sie viel Resonanz. Gemäss einer Glückspost-Umfrage sind Sie sowohl in der Rubrik der beliebtesten wie auch der nervigsten Schweizer jeweils in den Top Ten. Welche Rückschlüsse ziehen Sie daraus?

Giacobbo: Aus dieser lausigen Umfrage ziehe ich überhaupt keine Rückschlüsse. Das ist für Mike und mich bloss ein Anlass, einen Joke darüber zu machen. Natürlich polarisiert eine Sendung wie unsere, aber das muss sie ja auch. Für die einen ist man der Nervigste, für die anderen der Grösste. Beides darf man nicht überbewerten. Aber man muss ein Umfeld haben, das nicht aus derselben Branche kommt, sondern auch aus Leuten besteht, die einem ganz ehrlich sagen: ‚Das war jetzt schwach, was du da gemacht hast. Das hat mir gar nicht gefallen.‘ So bleibt man am Boden.

KT: Werden Sie in den Medien so dargestellt, wie Sie sich das wünschen?

Giacobbo: Ich glaube schon. So gross kümmert mich das aber nicht. Ich bin seit zwanzig Jahren in den Medien und habe von Hymnen bis zum Totalverriss alles erlebt. Irgendwie nivelliert sich das dann. Man muss selber wissen, welche Bedeutung man dem eigenen Image beimessen will. Ich würde niemals etwas im Fernsehen oder auf der Bühne machen, nur um mein Image aufzubessern oder in eine bestimmte Richtung zu lenken.

KT: Eitelkeit ist also ein Fremdwort für Sie.

Giacobbo: Was die Darstellung meiner Person in der Öffentlichkeit betrifft, bin ich tatsächlich nicht eitel. Als Künstler bin ich aber sehr wohl eitel. Ich will gut rüberkommen mit meiner Arbeit. Mike und ich kokettieren in unserer Sendung damit, dass er der Dicke ist und ich der Alte. Wir beziehen uns mit ein und schonen uns nicht. Das spüren die Leute und es trägt wohl zu unserer Glaubwürdigkeit bei. Gerade in der Komik geht es immer um persönlichen Geschmack. Deshalb ist es manchmal egal, ob man gelobt oder verrissen wird.

KT: Muss man ein Weltverbesserer sein, um glaubhaft Satire machen zu können?

Giacobbo: Weltverbesserer wohl nicht gerade. Aber man kann keine Satire machen, wenn es einem egal ist, was auf der Welt geschieht. Man muss einen eigenen Standpunkt haben. Man muss sich auch ein wenig empören oder gar aufregen können. So entstehen die Themen für unsere Sendung.

KT: Welche Absichten verfolgen Sie dabei?

Giacobbo: Satire ist eine Unterhaltungsform, die Aktualitäten als Grundmaterial benützt. Wenn wir Politiker imitieren, finden das selbst Leute, die politisch nicht so gut informiert sind, lustig. Auch wenn sie nicht ganz begreifen, worum es inhaltlich geht. Vor einiger Zeit haben drei Gymnasiastinnen Mike und mich interviewt. Eine davon erzählte, sie habe die Sendung anfangs gar nicht gut gefunden, weil sie nie genau gewusst habe, wovon die Rede sei.

KT: Und Sie konnten sie dazu bekehren, die Nachrichten zu schauen?

Giacobbo: Ich will doch niemanden bekehren. Nein, ihre zwei Kolleginnen haben ihr geraten, Zeitung zu lesen. Darauf sagte sie, sie habe sich wegen unserer Sendung eine Tageszeitung abonniert, die sie seither regelmässig lese. Wenn junge Leute sich unseretwegen für Politik zu interessieren beginnen, ist das eines der schönsten Komplimente, das ich bekommen kann.

KT: Es gibt allerdings auch Leute, die mit Ihrer Ironie nichts anfangen können.

Giacobbo: Es gibt sogar Leute, die unsere Ironie nicht einmal erkennen. Da besteht dann die Gefahr, dass wir missverstanden werden, gerade bei Figuren wie beispielsweise Harry Hasler. Ich musste damals tatsächlich einigen Feministinnen erklären, dass bei Harrys Sprüchen nicht die Frauen die Zielscheibe sind, sondern eben Typen wie er.

KT: Wie gehen Sie mit solchen Leuten um?

Giacobbo: Das ist deren Problem, nicht meines. Wer mit Giacobbo/Müller gar nichts anfangen kann, soll unsere Sendung nicht mehr anschauen. Ganz einfach.

KT: Haben Sie Mühe mit Kritik?

Giacobbo: Überhaupt nicht, aber ich streite gern. Das ist ein Unterschied. Ich mag den Diskurs. Wenn jemand etwas Unausgegorenes sagt, gebe ich gerne zurück. Mir kann jeder direkt sagen, wenn er etwas von mir schlecht gefunden hat. Ich hoffe einfach, dass er für seine Meinung ein paar Argumente hat, die einem Streit standhalten. Dann macht Kritik Spass.

KT: Wo hört bei Ihnen der Spass auf?

Giacobbo: Wenn etwas nicht lustig ist.

KT: Wie definieren Sie lustig?

Giacobbo: Wenn ich etwas an einer Kritik lustig finde oder witzig oder angriffig, macht mir die Kritik Spass, auch wenn sie gegen mich gerichtet ist. Wenn ich allerdings merke, dass der Kritiker mir oder meiner Arbeit gegenüber eine vorgefasste Meinung hat, verliere ich die Lust. Das ist langweilig.

KT: Wie haben Sie gelernt, sich von ungerechtfertigter Kritik nicht aus dem Konzept bringen zu lassen?

Giacobbo: Ich gehe nicht auf die Knie vor Journalisten. Wir kritisieren in unserer Sendung ja auch andere Medien – das unsere sowieso. Manchmal soll und darf Kritik durchaus ungerechtfertigt oder tendenziös sein. Das ist auch weiter nicht schlimm, wenn diese Kritik als persönliche Meinung erkennbar ist, sich nicht hinter ‚Fakten‘ versteckt. Sie muss dann aber zumindest eines sein, nämlich unterhaltend.

*Stephan Eisler und Helena Gunsch führten das Interview im Rahmen der Werkstatt «Storytelling» von Barbara Lukesch an der ZHAW, Winterthur.

Viktor Giacobbo

1952 in Winterthur geboren, arbeitete er nach seiner Lehre als Schriftsetzer als Korrektor, Lektor und Mediendokumentalist bei verschiedenen Medienhäusern. Heute ist er als Autor und Produzent tätig. Zudem spielt er in Filmen (Ernstfall in Havanna, Undercover), moderiert eigene Satiresendungen (Viktors Spätprogramm, seit 2008 Giacobbo/Müller) und steht als Kabarettist auf der Bühne (Sickmen, Erfolg als Chance). Giacobbo wurde insbesondere durch seine Figuren Harry Hasler, Debbie Mötteli und Fredi Hinz populär. Als Letzterer war er 2006 auf Schweizer Tournee mit dem Zirkus Knie. Im Jahr 2000 gründete er das Casinotheater Winterthur, dessen Verwaltungsratspräsident er gleichzeitig ist. Viktor Giacobbo gewann unter anderem schon vier Mal den Prix Walo für seine Engagements im Schweizer Fernsehen. Er wohnt in der Nähe von Winterthur.

24. Juni 2010 von Helen Brügger

Nackte Tatsachen bei Vigousse

Die Wochenzeitung «Vigousse» beschreibt sich selbst als «kritisch, politisch unkorrekt, unbotmässig, selbstironisch» – und trifft damit den Nerv des Publikums. Von einem kleinen Medienwunder aus der Romandie.

Romantisch gelegen ist die Redaktion von «Vigousse»* nicht. Am Rande des Bahnhofparkings in Lausanne haben findige Bauherren zwecks Gewinnoptimierung einige Mehrzweckräume eingebaut. Zwischen Fitnesscenter und Sprachschule für Wallstreet-Englisch nistet «Vigousse», ein seltener Vogel, der seit Anfang Januar die Romands in Atem hält. Die kleine satirische Zeitung ist vom bekannten ehemaligen «Le Matin»-Zeichner Barrigue (vgl. Klartext 3/2008) lanciert worden, zusammen mit einer Gruppe von FreundInnen, ohne jede Unterstützung ausser durch eine enthusiastische LeserInnengemeinde. «Vigousse» ist sowohl ein Satiremagazin, gemacht von vier erfahrenen Medienprofis und sieben regelmässigen, teilweise ganz jungen MitarbeiterInnen, als auch das Tummelfeld für vierzehn CartoonistInnen. Micheline Calmy-Rey musste am eigenen Leib erfahren, dass auch Frauen mit ätzender Feder zeichnen können: Die provokative Karikatur der nackten Bundesrätin (siehe unten), geschaffen von der jungen Cartoonistin Coco, hat landesweit für Schlagzeilen gesorgt. Quasi als Entschuldigung, hat Vigousse auch den restlichen Bundesrat kurzerhand entblösst.


Jede Woche ein Knüller, heisst die Devise. Es sind Geschichten von unten, die der Redaktion zugetragen werden. Storys vom alltäglichen Machtmissbrauch, die selten in die Spalten einer Zeitung kommen. Etwa die erbauliche Geschichte der Lausanner Firma Job Profile, die im Auftrag der Arbeitslosenkasse das Profil von Arbeitssuchenden evaluiert und sie als billige PraktikantInnen in einem Unternehmen platziert, dessen Präsident gleichzeitig Besitzer von Job Pro­file ist. Oder die schöne Geschichte aus einem Walliser Gefängnis, dessen Insassen regelmässigen Ausgang geniessen, mit dem kleinen Nachteil, dass sie in den Weinbergen, Aprikosenpflanzungen oder Privatgärten ihrer Wärter arbeiten müssen – sehr zu deren Vorteil, denn für den Lohn der Knackis, 3.30 Franken die Stunde, kommen die SteuerzahlerInnen auf.

Dank Subskription zum Erfolg
Mit null Franken Eigenkapital, knapp 6000 Abonnementen, im Schnitt 3000 am Kiosk verkauften Exemplaren und rund anderthalb Seiten Werbung pro Nummer hat «Vigousse» nach sechs Monaten ein prekäres finanzielles Gleichgewicht erreicht. Möglich ist dieses kleine Wunder dadurch geworden, dass das «Vigousse»-Team auch bei der Abowerbung auf ein Vorgehen «von unten» gesetzt hat. Dank persönlichen Beziehungen und einer Facebook-Kampagne konnte «Vigousse» schon mit 3500 AbonnentInnen starten. Sie haben ihr Jahresabonnement im Voraus bezahlt, auf das Risiko hin, dass «Vigousse» zum Flop wird und das Geld verloren ist. «Die Leute haben uns vertraut», sagt Barrigue einfach.
Dieses Vertrauen ist wichtig, wenn die Leute ihre kleinen und grossen Sorgen, die sich zum journalistischen Knüller entwickeln können, der Redaktion anvertrauen. Sie tun es, «weil sie spüren, dass wir ihre Sprache sprechen», sagt Patrick Nordmann. Der ehemalige Moderator beim Westschweizer Radio und Texter für die «Lucky-Luke»-Comics ist neben Barrigue einer der Pfeiler von «Vigousse». Der Dritte im Bund ist Laurent Flutsch, regelmässiger Gast bei humoristischen Radiosendungen, von Beruf Archäologe und Museumsdirektor, der die verschiedenen Schichten der Aktualität ebenso gekonnt aufgräbt wie eine prähistorische Fundstelle. Roger Jaunin, ein Ehemaliger des «Matin», der gleich wie Barrigue eines Tages nicht mehr zum immer schneller wechselnden neuen Erscheinungsbild der Zeitung passte, sowie Monique Reboh, Produzentin von Unterhaltungssendungen bei Radio und Fernsehen, gehören ebenfalls zur Kernredaktion. Sie alle arbeiten teils haupt-, teils nebenamtlich bei «Vigousse»; mehr als eine Vollzeit- und einige Teilzeitstellen liegen zurzeit nicht drin.
Bei einem solch hochkarätigen Team ist klar, dass sich Chefredaktor Barrigue nicht als Chef aufspielen kann. Er versucht es auch gar nicht. Die Männerbande witzelt an der Redaktionssitzung wild drauflos, amüsiert beobachtet von Monique Reboh, die gelernt hat, ihre Jungs an der langen Leine zu lassen. Geschlotet wird, wie es zu alten Zeiten in allen Redaktionen üblich war, und auch eine Weinflasche kreist: Es ist 17 Uhr, ein langer Arbeitsabend bis 23 Uhr steht an, und der spritzige Weisse mundet selbst aus Plastikbechern, wenn er in dieser intellektuell knisternden Ambiance und mit dieser Mischung aus Humor und gegenseitiger Zuneigung serviert wird.

«Wir sind im Widerstand!»
Hat «Vigousse» eine redaktionelle Linie? «Kritisch, politisch immer inkorrekt, unbotmässig, selbstironisch», versucht Barrigue eine Definition. Links, das ist klar, bei «Vigousse» fürchtet man weder Gott noch Kaiser. Auch Parteien, die sich sowieso allesamt der Wirtschaftsmacht verkauft haben, liebt man nicht besonders: «Wir sind im Widerstand, unsere Zeitung ist ein Akt des Widerstands!», sagt Barrigue. Offensichtlich hat das Magazin damit ein Bedürfnis entdeckt, eine «Marktnische», wie man im PR-Jargon sagen würde. Andere Satiremagazine sind nach kurzer Zeit eingegangen, etwa die wunderschöne, aber viel zu intellektuelle Zeitschrift «Saturne» von Ariane Dayer. «Vigousse» hingegen spricht die Sprache des Volkes, deftig, saftig, hart, provokativ.
Das kann auch schon mal zu Reaktionen und Prozessdrohungen führen, doch «Vigousse» hat einen Anwalt, den umstrittenen Charles Poncet, der zurzeit Ghadhafi-Sohn Hannibal gegen die Schweiz vertritt. Politisch steht der nun alles andere als links, doch Provokateure, ob links, ob rechts, gesellen sich offensichtlich gern. «Poncet ist ein Freund», sagt Barrigue, damit ist das Thema für ihn erledigt.
Die Stunde der Wahrheit kommt für «Vigousse» Ende Jahr, wenn die Abonnemente erneuert werden müssen. «Vigousse» hofft auf eine Erneuerungsrate von 80 Prozent: «Lachen schafft Bindungen!», sagt Nordmann. Die Beziehung zwischen «Vigousse» und seinem Publikum sei nicht kommerziell, sondern emotional. Solche Bindungen aufzubauen sei nur möglich, «wenn wir die Leserinnen und Leser ernst nehmen und sie das auch spüren». Nordmann will wissen, wie es denn eigentlich dem «Nebelspalter», der ältesten humoristischen Zeitschrift der Welt, gehe, von dem man in der Westschweiz nur sein phänomenales Alter von 133 Jahren kennt: Humor und Satire sind leider fast unmöglich zu übersetzen.

Für «Vigousse» schreibt nicht jeder
Für KennerInnen der französischen Medienlandschaft ist klar: «Vigousse» situiert sich gekonnt zwischen der intellektuellen Satire des für seine Enthüllungen gefürchteten «Canard enchaîné» und dem volkstümlicheren, auch mal mit dem Zweihänder dreinhauenden «Charlie Hebdo». In der kleinen Westschweiz muss ein Satiremagazin beide Publika ansprechen – und vor allem muss es sich als Magazin für die ganze Westschweiz positionieren. Die Anforderung ist noch nicht ganz erfüllt, das Magazin hat MitarbeiterInnen in allen Kantonen ausser im Jura. Dort wird nach einem «Vigousse»-kompatiblen Korrespondenten gesucht. Denn für das Barrigue-Blatt schreibt nicht, wer will: Es gibt einen hauseigenen Stil, schräg, knirschend, und die MitarbeiterInnen müssen sich gefallen lassen, dass die Redaktion ihre Texte auch mal umschreibt. «Der Zustand der Welt ist so dramatisch, dass wir lieber darüber lachen, als vor Kummer zu sterben», sagt Barrigue zum Abschied. «Plutôt en rire que d’en mourir.» Das schenkt «Vigousse» seinem Publikum jede Woche: das Lachen als schöpferischen, befreienden Akt.


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