10. Mai 2010 von Nick Lüthi

«Wir sind dort, wo es brennt»


Programmkritik Telebärn: Was geschieht eigentlich mit den Gebührenmillionen?

Seit 1995 bestrahlt TeleBärn als zweitgrösstes Regionalfernsehen der Schweiz die Kantone Bern sowie Teile Freiburgs und Solothurns mit seinem Programm. Neben dem allabendlich in Eigenregie produzierten Nachrichten- und Sportbulletin sowie eigenen Talksendungen übernimmt der Sender zahlreiche Magazinformate von anderen Privaten. Ein Grossteil der Sendungen wird im Stundentakt wiederholt. Seit seiner Gründung hat TeleBärn noch kein Betriebsjahr mit schwarzen Zahlen abgeschlossen. Dennoch hat die sonst sehr kostenbewusste Espace Media (heute: Tamedia) den Sender am Leben erhalten. Nicht zuletzt wegen der Aussicht auf Millionen aus dem Gebührentopf, die TeleBärn inzwischen aufgrund des Gebührensplittings im geltenden Radio- und Fernsehgesetz ausgeschüttet erhält.

KLARTEXT kritisiert: Wo bleibt das Profil?

TeleBärn hat in den letzten 15 Jahren ein paar unvergessliche Sendeminuten in die Stuben gebracht. Leider liegen diese Glanzpunkte des bernischen Fernsehschaffens weit zurück in der Vergangenheit. Etwa die urkomische «Seva Game-Show», wo der spätere Swiss-Date-Moderator Joël Gilgen auf einer selbstgebastelten Spielwand auf Anweisung von zwei KandidatInnen ein Foto aufdeckte. Auch an Pornosternchen Laetitia erinnern wir uns gerne, wie sie ein Erotikmagazin moderierte, das nicht nur aus Werbetrailern für Rammelfilme bestand. TeleBärn hatte einmal Charakter, vielleicht nicht den besten, aber immerhin ein Profil mit Ecken und Kanten. Das sucht man heute vergeblich.
Immer stärker orientiert sich das Privatfernsehen an internationalen Standards – allerdings nur bei Studioästhetik und Layout-Elementen: glatte Oberfläche und Möchtegern-CNN. Was Machart und Themenwahl des Programms angeht, spielt das Berner Tamedia-TV ein paar Ligen tiefer: Verkehrsunfälle als Aufmacher, Jöö-Schnüfi-Meldungen in den Nachrichten, bei anderen Privatsendern eingekaufte Magazinformate; alles irgendwie beliebig und austauschbar. Einzig das Sportmagazin und die volkstümliche Sendung «Musigstubete» schaffen es, eine gewisse Unverwechselbarkeit und lokalkolorierte Kernigkeit ins Programm zu bringen.
Dass ein Regional-TV keine StarreporterInnen und Moderationskanonen auf die Lohnliste kriegt, sondern meist EinsteigerInnen, kann man ihm nicht vorwerfen. Doch auch bei den treuen Seelen, die seit Jahr und Tag vor der Kamera stehen, gewinnt man nicht eben den Eindruck, dass sie die Qualität des Programms signifikant zu heben vermögen. Apropos: Was bewirken eigentlich die 2,2 Millionen Franken an Gebührengeldern, die TeleBärn nun jährlich von Gesetzes wegen in die Qualität von Personal und Programm investieren muss?

Programmleiter Patrick Teuscher reagiert:

Die Live-«Wahlkiste» zu den Berner Regierungs- und Grossratswahlen von Ende März, mit ersten exklusiven Hochrechnungen schon um 14.00 Uhr, zeigt: TeleBärn liefert über Stunden ein Programm, das keine Sekunde an die Anfänge erinnert. Was am Wahltag hinter den Kulissen des Berner Rathauses läuft, spricht Bände: Das Schweizer Fernsehen will kurzfristig den von TeleBärn verpflichteten Politologen Adrian Vatter nachverpflichten. Es klappt nicht. Auch bei den Wahlinterviews steht SF hinten an. Das zeigt, wie sich TeleBärn in der Region aus dem Schatten des Schweizer Fernsehens löst. Dass Verkehrsunfälle bei TeleBärn ein Topthema sein können, hat damit zu tun, dass TeleBärn dort ist, wo es brennt. Und die Bilder dazu hat.
Die News haben an Qualität zugelegt. Sie sind kürzer, knackiger, schneller. Das neue TeleBärn-Info wird in Zukunft einen neuen Weg gehen: mehr Hintergrund, mehr Tiefgang, mehr Menschen.
Alles in Butter beim Regionalfernsehen? Mitnichten! Es ist ein offenes Geheimnis, dass Qualität kostet. Die Sendeminute darf – trotz Gebührengeldern – nur einen Bruchteil dessen kosten, was ein nationaler Sender ausgeben kann, wenn er seine Moderatorinnen nach Mumbai auf Reportage schickt. Aus Kostengründen fristet die zweite halbe Stunde bei TeleBärn noch ein stiefmütterliches Dasein. Die heutige Lösung funktioniert so: Jeder Regionalsender produziert ein Magazin, das auch für einen anderen interessant ist. So lassen sich Programme austauschen. Es ist ein Spagat zwischen «Wie lokal darf die Sendung sein?» und «Wie national muss sie sein?».
Dank den Gebührengeldern – daran darf man TeleBärn in Zukunft messen – geniessen die Videojournalisten eine bessere Ausbildung, sie recherchieren besser, produzieren besser, realisieren bessere Beiträge: Das Programm wird insgesamt besser. Zurück zu den Wurzeln ist keine Option. Mit dem verstärkten Bedürfnis nach Lokalberichterstattung wird das Profil von TeleBärn in Zukunft geschärft.

15. April 2010 von Bettina Büsser

Win-win-win – und Stellenabbau

Wie viele Stellen es kosten wird, wissen die Beteiligten noch nicht. Aber dass der Deal, den Tamedia und NZZ-Gruppe rund um den Verkauf der „Zürichsee Zeitung“ abgeschlossen haben, Stellen kosten wird, ist völlig klar. MitarbeiterInnen von „Zürichsee Zeitung“, „Zürcher Unterländer“, „Zürcher Oberländer“, „Tages-Anzeiger“, „Thurgauer Zeitung“ und „Tagblatt für den Kanton Thurgau“ werden in diesem Sommer um ihre Stellen bangen müssen.
Was Tamedia-Verleger Pietro Supino, Martin Kall, Vorsitzender der Tamedia-Unternehmensleitung, Conrad Meyer, Verwaltungsratspräsident der NZZ-Gruppe, Albert P. Stäheli, CEO NZZ-Gruppe, und „Zürichsee Medien“-Verleger Theodor Gut am Donnerstagmorgen bekannt gaben, klingt aber zunächst einmal nach Win-win-win-Situation. Tamedia erhält mit diesem Deal die Zürcher Unterland Medien AG, die vorher Teil der NZZ-Tochter Freie Presse Holding (FPH) war, dazu die Zürichsee Presse AG, die mehrheitlich den „Zürichsee Medien“ der Familie Gut und minderheitlich der FPH gehört hat, ausserdem kommt eine Beteiligung von rund 40 Prozent an der Zürcher Oberland Medien AG dazu. Die NZZ-Gruppe erhält im Gegenzug die „Thurgauer Zeitung“-Herausgeberin Huber & Co AG. Und die Familie Gut erhält ordentlich Geld. Wie viel, wird, wie immer bei solchen Geschäften, nicht „kommuniziert“, ebenso wenig, ob zwischen Tamedia und NZZ-Gruppe ebenfalls noch Geld geflossen ist.
Für Tamedia wie NZZ-Gruppe bedeutet das konkret, dass sie nun je in einer Region ihre Konkurrenz eingesackt haben: Das zur NZZ-Gruppe gehörende „St. Galler Tagblatt“ hat auch eine Regionalausgabe „Tagblatt für den Kanton Thurgau“ – und neu ist jetzt auch die „Thurgauer Zeitung“ Teil der NZZ-Gruppe. Und Tamedia, welche „Zürichsee Zeitung“, „Zürcher Unterländer“ und „Zürcher Oberländer“ bereits einmal kaufen wollte, und, als das nicht klappte, in den Regionen Split-Ausgaben lanciert hat, holt nun diese drei endlich doch unter ihr Dach. Und da gibt es natürlich „Synergien“ zuhauf, im Thurgau wie in der Zürcher Land-Region.
Tamedia und NZZ-Gruppe werden nun daran gehen, zu prüfen, wo es neu Doppelspurigkeiten gibt – sie werden wohl einiges finden – und entsprechend Stellen abzubauen. Dabei will Tamedia „Zürichsee Zeitung“, „Zürcher Unterländer“ und „Zürcher Oberländer“, die bisher unter dem Titel „Zürcher Landzeitung“ zusammengearbeitet haben, leben lassen. Für Martin Kall ist das „Berner Modell“ mit „Bund“ und „Berner Zeitung“ Vorbild für ein Nebeneinander von „Tages-Anzeiger“ und den drei Landzeitungen. Doch dieses Zürcher „Berner Modell“ wird wohl hüben wie drüben zu einem Stellenabbau führen.
Wahrscheinlich wird der Deal weitere Kreise ziehen. Tamedia will laut Kall mit weiteren „Partnern“ in der Region zusammenarbeiten: mit dem Winterthurer „Landboten“ und den „Schaffhauser Nachrichten“. Die beiden Titel – der „Landbote“ gehört zu 20 Prozent der Tamedia, die „Schaffhauser Nachrichten“ sind unabhängig – werden wohl nicht umhin kommen, mitzumachen. Denn beide sind zumindest indirekt von diesem Tauschgeschäft betroffen. Der „Landbote“ hat nämlich bisher einen gemeinsamen Mantelteil für sich und die „Thurgauer Zeitung“ produziert, dafür wurde das Verlags- und Anzeigengeschäft beider Zeitungen in Frauenfeld abgewickelt. Nun, da die „Thurgauer Zeitung“ zur NZZ-Gruppe gehört, ist es aus mit dieser Zusammenarbeit, und der „Landbote“ muss sehen, wo er bleibt. Sicher in der Nähe von Tamedia. Die „Schaffhauser Nachrichten“ wiederum haben bisher mit „Thurgauer Zeitung“ und „Landbote“ das Werbekombi „Nordostschweiz“ gebildet, das es in Zukunft auch nicht mehr geben wird. Auch für die Schaffhauser wird deshalb der Druck, sich an Tamedia anzulehnen, wachsen.

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