12. April 2010 von Nick Lüthi

Journalismus kommt unter die Räder.

BMW wird sich freuen, seine neue Limousine so prominent auf der «Bund»-Webseite anpreisen zu dürfen. Und Tamedia freut sich ob des vermutlich nicht bescheidenen Werbetarifs für diese Werbung. Eine Win-win-Situation also. Nicht ganz. Unter die Räder kommt dabei der Journalismus. Aber der ist ja eh nur noch Dekoration für ein möglichst attraktives Werbeumfeld.

18. Februar 2010 von Bettina Büsser

Medien irgendwann nur noch Nebengeschäft

Betty Bossi gehört zur Hälfte dem Medienhaus Ringier.

Vom Zeitungsverlag zum Gemischtwarenladen: Ringier investiert im grossen Stil in die Unterhaltungssparte, Tamedia beteiligt sich an medienfremden Online-Plattformen.

Nehmen wir einmal an, da wäre eine junge, schöne, begabte Pianistin, kurz vor dem Durchbruch. Sie wendet sich an eine KünstlerInnenagentur, die ihr ein Konzert vermitteln kann. Dann wird sie in einer Gratis-Abendzeitung zum geplanten Abbau im Musikschulunterricht befragt (mit Bild und Konzerthinweis). Nach dem Konzert darf sie auf der Kulturseite eines Boulevardblatts – «Ich war nervös, aber die Musik hat mich getragen» – von ihrem Auftritt erzählen. Und schliesslich wird sie in einer bekannten Illustrierten «ganz privat» gezeigt, auf dem Sofa (mit Schatz Alexej) und im Garten (mit Hund Frodo). Und nehmen wir weiter an, KünstlerInnenagentur, Konzertveranstalter, Ticketverkäufer, Gratis-Abendzeitung, Boulevardblatt und Illustrierte gehörten zum gleichen Konzern. Unmöglich? Ringier machts möglich.
Neben den traditionellen Medien­ bereits länger an Betty Bossi und am Konzertveranstalter Good News beteiligt, gründete Ringier nämlich im letzten Jahr zusammen mit Good-News-Partner DEAG die Konzertveranstalterin The Classical Company und gemeinsam mit CTS Eventim den Ticketprovider Eventim CH. Zudem wird intensiv über die Gründung einer Agentur für Stars und SportlerInnen nachgedacht sowie über eine Beteiligung an der Fashion Week in Zürich und einer Energy Fashion Night. Nähere Informationen zu Agentur- und Modeschau-Plänen sind von Ringier derzeit nicht erhältlich.

Diversifizieren als Strategie
Ringier hat im letzten Sommer den neuen Geschäftsbereich «Entertainment, Electronic Media & Events» gebildet, der die elektronischen Medien sowie die Angebote im Bereich Unterhaltung umfasst. Künftig, so Ringier-Schweiz-Chef Marc Walder, wolle das Unternehmen in der Schweiz auf drei Säulen bauen: Erstens auf das Kerngeschäft mit den Zeitungen und Zeitschriften, zweitens auf die digitalisierten Angebote und das Onlinegeschäft mit Rubrikenmärkten und den Internetplattformen, «und drittens werden wir vorsichtig diversifizieren und hier in einem ersten Schritt stark in die Sparte Entertainment investieren».
Eine Strategie, die laut Gabriele Siegert, Medienökonomin an der Uni Zürich, inzwischen die meisten Medienhäuser wählen: «Es geht da­rum, im konvergenten, crossmedialen Markt zu wachsen, in den sogenannten TIME-­Märkten.» TIME steht für Telekom, Informationstechnologie, Medien und Entertainment. «Da der Zuwachs im klassischen Medienbereich nicht sehr hoch sein wird, geht es darum, anderswo Zuwächse zu generieren, im Bereich Mobile etwa oder eben im Entertainment-Bereich», sagt Siegert. Es sei «schlau», in Bereiche zu investieren, in denen der Profit höher liege als im klassischen Medienbereich: «In vielen Unternehmen entsteht so – im positiven Sinn – die Möglichkeit für Quersubventionierungen, zum Beispiel zugunsten der klassischen Medien. Die Konzernstrategie bestimmt jedoch, ob es zu Quersubventionierungen kommt.»
Wird dies bei Ringier der Fall sein? «Selbstverständlich muss ein Unternehmen die Gesamtrechnung im Auge behalten», antwortet Marc Walder, «aber ebenso selbstverständlich müssen einzelne Bereiche mittelfristig wirtschaftlich erfolgreich sein.»

Unabhängig über das eigene Haus berichten?
Ringiers starkes Engagement im Bereich Unterhaltung basiert laut Walder darauf, dass man in diesem Bereich bereits aktiv sei. Zudem hätten die Publikationen der «Blick»-Gruppe sowie «Schweizer Illustrierte» und «Glückspost» eine hohe Affinität zum Unterhaltungsbereich: «Wir gehen davon aus, dass sich die Geschäftsfelder Pub­lizistik und Unterhaltung ideal miteinander verknüpfen lassen.» Die naheliegende Gefahr, dass Ringier-Medien über Anlässe, die das eigene Unternehmen veranstaltet, nicht unabhängig berichten können, will Marc Walder jedoch nicht sehen: «Die Redaktionen sind in ihrer Berichterstattung grundsätzlich unabhängig. Würden Events ‹schöngeschrieben›, würde dies schnell durchschaut und unsere Medien ihr grösstes Kapital, ihre Glaubwürdigkeit einbüs­sen.»
Siegert sieht ebenfalls kein Glaubwürdigkeitsproblem: «Der durchschnittliche Rezipient macht sich meistens keine Gedanken darüber, wer ein Konzert organisiert hat.» Vor allem, weil solche Angebote meist unter anderen Namen laufen als die Medien eines Unternehmens: «Viele Medienhäuser wählen bei der Diversifizierung eine Strategie mit Einzelmarken. Damit vermeiden sie das Risiko, dass die gesamte Marke Schaden nimmt, wenn an einem Ort etwas schiefgeht.» Zwar mögen JournalistInnen vielleicht gerade deshalb einen Anlass umso kritischer würdigen, weil sie wissen, dass er von ihrem Arbeitgeber organisiert wurde. Aber genauso wahrscheinlich ist das Gegenteil, womit das Risiko der Hofberichterstattung bestehen bleibt.
Dass Medienunternehmen – mit Ausnahme von einzelnen, kleineren Häusern – diversifizieren müssen, ist für Siegert klar. Neben der TIME-Strategie nennt die Medienökonomin als weiteres Beispiel ebenfalls Ringier mit der Internationalisierungsstrategie. Oder Tamedia, die quasi eine «Interkantonalisierung» betreibe: «Man deckt, mit eingeführten Medienmarken, die ganze Schweiz ab, indem man regional und lokal bekannte Medienmarken kauft. Mit solchen Marken kann man auch online aktiv werden.»

Wir sind auch ein Kleiderladen
Doch auch Tamedia investierte in den letzten Jahren vermehrt in medienfremde Aktivitäten, vor allem im Online-Geschäft, sei es mit der Beteiligung an Olmero, der Ausschreibungsplattform für Bauprojekte, oder an einem Kleiderladen. Was das mit dem Mediengeschäft von Tamedia zu tun hat, erklärt Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer so: «Dank diesen neuen Online-Beteiligungen ergeben sich Synergien in technischer Hinsicht; weiter helfen sie uns Reichweiten zu bündeln oder schaffen Kooperationsmöglichkeiten mit unseren Medien.» Im Fall von Fashion Friends, einem Internetladen für Markenkleider, sieht eine «Kooperationsmöglichkeit» dann so aus: In der PendlerInnenzeitung «20 Minuten» erscheint im Ressort «Promotions» – in der Aufmachung eines redaktionellen Beitrags – ein Werbetext für eine Kleidermarke, die bei Fashion Friends erhältlich ist, darunter ein Link auf das entsprechende Angebot auf der Web­site von «20 Minuten».
Anders als bei Ringier mit seinem Unterhaltungsgeschäft haben die medienfremden Aktivitäten bei Tamedia noch keine strategische Dimension erreicht, sondern gleichen eher grösseren und kleineren Versuchsballonen. «Unser Hauptgeschäft bleiben Zeitungen und Zeitschriften. Das wird sich nicht schlagartig ändern», sagt Tamedia-Sprecher Zimmer.

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